Abū Dharr Dschundub ibn Dschunāda al-Ghifārī ( gest. 652/53) war ein Gefährte des Propheten Mohammed und ist eine der am meisten diskutierten Figuren des frühen Islam. Während des Kalifats von ʿUthmān ibn ʿAffān übte er heftige Kritik an der Selbstbereicherung der Umayyaden. Aufgrund seiner Demut und Askese wurde er mit Jesus verglichen. Die Schiiten betrachten Abū Dharr als einen der frühesten Anhänger von ʿAlī ibn Abī Tālib sowie als Begründer der Gemeinschaft der Schiiten im Libanon. Im 20. Jahrhundert wurde Abū Dharr darüber hinaus zum Revolutionär und Prototypen eines „islamischen Sozialismus“ stilisiert.

Name und Abstammung Abū Dharr ist vor allem unter seiner Kunya bekannt. Sein eigentlicher Name (ism) wird allgemein mit Dschundub angegeben, doch gab es auch abweichende Überlieferungen (Barīr, Burair). Der Name seines Vaters soll Dschunāda gewesen sein, aber auch hier existieren abweichende Überlieferungen (Sakan, ʿIschriqa, ʿAbdallāh usw.).Vgl. Ibn Qutaiba 252 und die Übersicht bei Ibn ʿAbd al-Barr 1652. Sowohl sein Vater als auch seine Mutter, deren Name mit Ramla bint Waqīʿa angegeben wird, gehörten dem kleinen arabischen Stamm der Ghifār an,Vgl. Ibn Ḥaǧar 61. der sein Territorium zur Zeit Mohammeds auf dem Weg zwischen Mekka und Medina hatte und dort zum Teil vom Straßenraub lebte.Vgl. Ibn ʿAsākir 185.

Leben Konversion zum Islam Abū Dharr schloss sich Mohammed an, als dieser noch in Mekka weilte. Über die Umstände seiner Konversion zum Islam existieren insgesamt vier unterschiedliche Berichte: 1.) derjenige von Chufāf ibn Īmāʾ, dem Oberhaupt der Banū Ghifār zur Zeit Abū Dharrs, 2.) derjenige von ʿAbdallāh ibn ʿAbbās,Vgl. die Zusammenfassung bei Sprenger 456. 3.) ein längerer Bericht von Abū Dharrs Neffen ʿAbdallāh ibn Sāmit, der von einem gewissen Humaid ibn Hilāl weitergegeben und narrativ modelliert wurde,Vgl. Ṣaḥīḥ Muslim Nr. 2473, Muhammad ibn Saʿd 162f. und die Zusammenfassung bei Sprenger 454f. sowie schließlich 4.) einer von Nadschīh Abū Maʿschar, einem Koranexegeten, der um 791 starb.Vgl. die Übersicht über die Berichte bei Cameron 7f.

Nach dem Bericht von Chufāf betätigte sich Abū Dharr wie viele andere seiner Stammesgenossen zunächst als Straßenräuber. Er ging dabei sehr mutig vor, scheuchte alleine am frühen Morgen mit seinem Pferd die Kamelherden auf und drang dann in das Lager ein, wo er mitnahm, was er fand. Bei einem Aufenthalt in Mekka gewann ihn dann Mohammed für den Islam.Vgl. Muḥammad ibn Saʿd S. 163, Z. 8-12. Nach den anderen drei Berichten verehrte Abū Dharr bereits vor seinem Kontakt mit Mohammed Allah als monotheistischen Gott und lehnte den Götzendienst ab.Vgl. Ibn Saʿd S. 163, Z. 24-26 und Cameron 152. ʿAbdallāh ibn Sāmit berichtet, dass Abū Dharr auch schon zwei Jahre, bevor er mit Mohammed zusammentraf, das rituelle Gebet verrichtet habe. Nach seinem Bericht soll Abū Dharr auf die Frage, zu wem er damals gebetet habe, geantwortet haben: Zu Allāh. Als sein Neffe weiterfragte: Und wo wendetest du dich hin? antwortete er, dass er keinen bestimmten Ort hatte, jedoch bisweilen die ganze Nacht betete. Damit entspricht Abū Dharr dem Typ des Hanīfen, allerdings wird er in keiner der Quellen explizit als solcher bezeichnet.Vgl. Cameron 9.

Eine wichtige Rolle bei der Konversion Abū Dharrs wird auch seinem Bruder Unais zugeschrieben. Nach dem Bericht des ʿAbdallāh ibn ʿAbbās sandte ihn Abū Dharr, nachdem er von Mohammeds neuer Religion gehört hatte, nach Mekka, um Kunde über Mohammed einzuziehen. Nach dem Bericht ʿAbdallāh ibn Sāmits war es Unais, der Abū Dharr überhaupt erst auf Mohammed und dessen neue Religion aufmerksam machte. Als sich Abū Dharr schließlich selbst nach Mekka begab, um mit Mohammed in Kontakt zu treten, soll er dort schweren Misshandlungen durch die Quraisch ausgesetzt gewesen sein, weil diese Mohammeds Religion bereits bekämpften.Vgl. Sprenger 454 und 456.

Wann genau Abū Dharrs Konversion erfolgte, ist nicht klar zu bestimmen. Al-Wāqidī erwähnt, dass er der vierte oder fünfte Muslim gewesen sei,So zitiert bei at-Tabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Hrsg. von M. J. de Goeje. Leiden 1879–1901. Prima Series, 3 S. 1168, Z. 18-19 und er selbst wird mit der Aussage zitiert wird, dass er der fünfte Muslim gewesen sei.Vgl. Cameron 152 nach Ibn Saʿd 164, Z. 23. In der Liste der „ersten Muslime“ (Sābiqūn), die Ibn Hischām erstellt hat, erscheint er dagegen nicht, auch wenn ihn später Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī den Sābiqūn zurechnete.Vgl. Ibn Ḥaǧar 61, Z. 5. Theodor Nöldeke hielt Abū Dharrs Zugehörigkeit zu den ersten Muslimen für eine „schiitische Erfindung“.Vgl. Theodor Nöldeke: „Zur tendenziösen Gestaltung der Urgeschichte des Islam's“ in Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft 52 (1898) 16-33, S. 21.

Übereinstimmend wird berichtet, dass Abū Dharr nach seiner Konversion zu den Ghifār zurückkehrte. Nach dem Bericht des ʿAbdallāh ibn Sāmit gelang es ihm, die Hälfte seines Stammes zum Islam zu bekehren, wobei der Vorsteher (saiyid) des Stammes Īmāʾ ibn Rahda das Amt des Vorbeters übernahm. Die andere Hälfte des Stammes nahm den Islam an, als Mohammed von Mekka nach Yathrib auswanderte.Vgl. Ibn Saʿd 163 und Sprenger 455.

Als Kämpfer in Medina, Ägypten und Syrien Abū Dharr siedelte nach der Grabenschlacht im Jahre 627 nach Medina über und nahm im Frühjahr 630 als Kämpfer und Bannerträger der Ghifār an der Schlacht von Hunain teil.Vgl. Cameron 35 und Ibn ʿAsākir 186. Im Herbst 630 gehörte er zu denjenigen, die sich nur sehr zögerlich an dem Feldzug nach Tabūk beteiligten.Vgl. Ibn Ḥaǧar 62, Ibn ʿAsākir 186 und Cameron 14.

Nach dem Tod des Propheten war Abū Dharr dann aber bei der Eroberung Jerusalems 638 und der berühmten Rede von ʿUmar ibn al-Chattāb in al-Dschābiya zugegen.Vgl. Ibn ʿAsākir 174. Nach dem Bericht Ibn ʿAbd al-Hakams beteiligte er sich anschließend an den Feldzügen des ʿAmr ibn al-ʿĀs, die zur islamischen Eroberung Ägyptens führten. Er war sowohl bei der Schlacht bei Heliopolis als auch bei der Belagerung der Festung Babylon und der Belagerung von Alexandria (641) zugegen. Im gleichen Jahr wurde er in dem neuen Militärlager Fustāt stationiert und erhielt ein Stück Land.Vgl. Cameron 42, Ibn ʿAbd al-Hakam 94, 109 und Ibn ʿAsākir 176. Eine Überlieferung, die Ibn ʿAbd al-Hakam anführt, lässt Abū Dharr beim Minbar in der Moschee von Fustāt auftreten.Vgl. Ibn ʿAbd al-Hakam 284, Z. 18.

Zu einem unbekannten Zeitpunkt begab sich Abū Dharr zu dem Umayyaden Muʿāwiya, der seit 639 als Statthalter in Syrien fungierte. So erwähnt ihn at-Tabarī unter den Kämpfern, mit denen Muʿāwiya 643/4 die Stadt Amorion in Anatolien angriff.Vgl. Cameron 43. Ibn ʿAsākir zitiert einen gewissen Dschisr ibn Hasan mit der Aussage, wonach Abū Dharr ein Gehalt von 4.000 Dirham bezog, mit denen er zwanzig Pferde kaufte, die er in Homs stationierte (yartabiṭu-hā bi-Ḥimṣ).Vgl. Ibn ʿAsākir 209.

Die Auseinandersetzung mit den Umayyaden Zu den Ereignissen, die in der islamischen Überlieferung über Abū Dharr besonders breiten Raum einnehmen, gehört sein Konflikt mit dem Kalifen ʿUthmān ibn ʿAffān und dessen Familie, den Umayyaden. Zu diesem Konflikt gibt es wiederum unterschiedliche Überlieferungen.Vgl. die Übersicht bei Cameron: Abū Dharr al-Ghifārī. 1973, S. 62–119. Von grundlegender Bedeutung ist ein Bericht, den al-Balādhurī in seinem Werk Ansāb al-Aschrāf anführt.al-Balāḏurī: Ansāb al-Ašrāf. 1979, Bd. VI/1, S. 541f. Der arabische Geschichtsschreiber und Geograph al-Masʿūdī lieferte später in seinem Werk Murūdsch adh-Dhahab eine ausgeschmückte und dramatisch zugespitzte Version dieser Darstellung, die die Umayyaden in keinem besonders guten Licht erscheinen lässt.al-Masʿūdī: Murūǧ aḏ-ḏahab wa-maʿādin al-ǧauhar. Bd. IV, S. 268–274.

Einen in vielen Punkten abweichenden Bericht über Abū Dharrs Konflikt mit den Umayyaden liefert der islamische Historiograph Saif ibn ʿUmar in seinem Kitāb ar-Ridda. Er hat später auch Eingang in Weltchronik von at-Tabarī gefunden. At-Tabarī merkt dazu an, dass er von denjenigen angeführt werde, die ʿUthmāns Statthalter in Syrien Muʿāwiya entlasten wollten.Aṭ-Ṭabārī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 2858, Zeile 14. – Engl. Übers. Humphreys S. 64. At-Tabarī hat sich in seiner Weltchronik bewusst auf die Wiedergabe dieses Berichtes beschränkt, mit dem Argument, dass die anderen Berichte hässliche Dinge (umūr šanīʿa) erwähnten, die er nicht wiederholen wolle.Aṭ-Ṭabārī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. Bd. I, S. 2862, Z. 13-14. – Engl. Übers. Humphreys S. 68. Einer der wichtigsten Unterschiede in Saifs Bericht, der eine narrative Ausgestaltung aufweist, besteht darin, dass es hier der Erzhäretiker ʿAbdallāh ibn Sabaʾ ist, der Abū Dharr zum Protest gegen die Umayyaden anstiftet.Sean W. Anthony: The caliph and the heretic: Ibn Sabaʾ and the origins of Shīʿism. Brill, Leiden u. a., 2012. S. 52–57.

Da sich der Konflikt zwischen Abū Dharr und den Umayyaden auch um die richtige Auslegung einer Koranpassage (Sure 9:34) drehte, wird er ebenfalls in vielen Korankommentaren behandelt.

Zusammenstoß mit ʿUthmān Nach dem Bericht al-Balādhurīs begann der Konflikt Abū Dharrs mit den Umayyaden nach den arabischen Eroberungszügen von 647 in Tripolitanien, als ʿUthmān aus dem „Fünften“ (ḫums) des erbeuteten Vermögens 500.000 Dirham an seinen Verwandten Marwān ibn al-Hakam, 300.000 Dirham an dessen Bruder al-Hārith ibn al-Hakam und 100.000 Dirham an Zaid ibn Thābit auszahlte. Abū Dharr predigte daraufhin gegen diejenigen, die „Geld anhäufen“, wobei er sich auf das Koranwort von Sure 9:34 bezog: „Wer aber Gold und Silber hortet und es nicht für die Sache Gottes ausgibt, denen verkünde schmerzhafte Strafe.“ Marwān beschwerte sich bei ʿUthmān, der sandte seinen Diener Nātil zu Abū Dharr, um ihn zu verwarnen. Abū Dharr berief sich jedoch darauf, dass er nur das Wort Gottes predige. Als Abū Dharr eines Tages ʿUthmāns Berater Kaʿb al-Ahbār, der den freien Umgang des Kalifen mit öffentlichen Geldern gedeckt hatte, verbal angriff, rügte ihn ʿUthmān und forderte ihn auf, nach Syrien, wo er auf der Lohnrolle stand, zurückzukehren.Vgl. al-Balāḏurī 541f und die Zusammenfassung bei Cameron 79f.

Auseinandersetzungen mit Muʿāwiya In Syrien hatte Abū Dharr weitere Auseinandersetzungen mit dem umayyadischen Statthalter Muʿāwiya. At-Tabarī ordnet die betreffenden Ereignisse unter dem Jahr 30 (651/652 n. Chr.) ein, allerdings begann der Konflikt schon früher, denn nach einem Bericht, den Ibn ʿAsākir unter Berufung auf Abū l-Qāsim at-Tabarānī zitiert, protestierte Abū Dharr schon 649 bei der Beuteverteilung nach Muʿāwiyas Feldzug gegen Zypern. Als Muʿāwiya hier die Beute in der Weise aufteilen wollte, dass ein Drittel den Schiffsmannschaften, ein Drittel den Ägyptern, die die Schiffe gebaut hatten, und ein Drittel den muslimischen Kämpfern zufallen sollte, forderte Abū Dharr, dass die Beute vollständig den Muslimen übergeben werden sollte, und konnte sich damit bei Muʿāwiya auch durchsetzen.Vgl. Ibn ʿAsākir 193.

Nach dem Bericht al-Balādhurīs tadelte Abū Dharr Muʿāwiya vor allem für seine Errichtung des Palastes al-Chadrāʾ in Damaskus, wobei er sagte: „Wenn dieses Haus mit dem Vermögen Gottes (māl Allāh) errichtet wurde, dann ist es Verrat (ḫiyāna), wenn es aber von Deinem Vermögen errichtet wurde, dann ist es Verschwendung (isrāf).“ Außerdem beklagte er die Entfernung der allgemeinen Zustände von den Geboten des Korans und der Sunna des Propheten.Al-Balādhurī 542. Vgl. auch Rihan 153.