Die Davoser Hochschulkurse (frz. Cours universitaires de Davos) waren von 1928 bis 1931 Bestandteil eines Projektes zur Entwicklung einer internationalen Universität in Davos.
Ursprünge mini|Davos 1932: Hochschulkurse und Sportveranstaltungen sollten zusätzliche Attraktionen über die medizinischen Kureinrichtungen hinaus schaffen. Die Davoser Hochschulkurse verdanken ihre Entstehung sich ergänzenden Aktivitäten auf lokaler wie auf internationaler Ebene.
Örtliche Initiative Angesichts des hohen Anteils tuberkulosekranker Studenten unter den Patienten in den Kliniken des mondänen internationalen KurortsMitteilung Dr. Kollarits in Davoser Revue, 15. April 1926, Nr. 7.Christian Jost: Der Einfluss des Fremdenverkehrs auf Wirtschaft und Bevölkerung in der Landschaft Davos. Buchdruckerei Davos, Davos 1951. entwickelte eine Gruppe von Davoser Ärzten zwischen 1926 und 1927 den Plan, in der Stadt eine internationale universitäre Einrichtung zu schaffen.
Internationale Aktivitäten Das Projekt in Davos fiel mit einem zunehmenden Wiederaufleben der internationalen Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg zusammen, insbesondere der Wiederanbahnung wissenschaftlicher Kontakte zwischen dem Frankreich der Dritten Republik und der Weimarer Republik im Anschluss an die Verträge von Locarno im Jahr 1925.Hans Manfred Bock: Entre Locarno et Vichy : les relations culturelles franco-allemandes dans les années 1930. CNRS éditions, Paris 1993, 2 vol.Christian Barchler: Gustave Stresemann (1878-1929) De l’impérialisme à la sécurité collective. Presses Universitaires de Strasbourg, Strasbourg 1996. Während die intellektuellen Kreise Frankreichs in vollem Umfang an den Projekten der Commission internationale de coopération intellectuelle (CICI, Unterorganisation des Völkerbunds) teilnehmen konnten, waren deutsche Wissenschaftler (ebenso wie ihre österreichischen, bulgarischen und ungarischen Kollegen) seit November 1919 aus internationalen wissenschaftlichen Institutionen ausgeschlossen und durften nicht an internationalen Kongressen teilnehmen. Diese Massnahme wurde durch den Internationalen Forschungsrat (Conseil International de Recherche, CIR) in Brüssel überwacht.Nicolas Beaupré: Deutsch-französische Geschichte. Bd. VIII. S. 188–190.
An internationalem Austausch interessierte deutsche Wissenschaftler hatten sich u. a. aus diesem Grund verschiedenen lokalen Deutsch-Französischen Gesellschaften (DFG) angeschlossen.Hans Manfred Bock: Die Deutsch-Französische Gesellschaft 1926 bis 1934, Ein Beitrag zur Sozialgeschichte der deutsch-französischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit. In: Francia, 17/3, 1990, S. 57–102. Intellektuelle aus diesen Gruppen setzten sich mit der Davoser Initiative in Verbindung und entwickelten mit ihr gemeinsam das Projekt einer internationalen Universität in Form jährlicher Kongresse.Martin Grandjean: Analyse de réseau et méthode quantitative en histoire. Notre exemple: les cours universitaires de Davos, 1928–1931. Siehe Weblinks.
Organisation Unter dem Vorsitz von Paul MüllerStifter des Eishockey-Turniers um den Spengler-Cup, das seit 1923 in Davos jedes Jahr mit dem Ziel veranstaltet wurde, „die Jugend der durch den Ersten Weltkrieg verfeindeten Nationen in sportlichen Kontakten wieder zusammenzuführen“. setzte sich das Gründungskomitee, dem ausserdem der Soziologe Gottfried Salomon (1892–1964), Präsident der Deutsch-Französischen Gesellschaft (DFG) in Frankfurt am Main, und der Davoser Landammann Erhard Branger (1881–1958) angehörten, zum Ziel, jedes Jahr einmal in Davos die Elite der europäischen Intellektuellen zu Wochen des Austauschs und der gemeinsamen Arbeit zu versammeln. Das Komitee wurde ab 1929 von drei nationalen Komitees aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz unterstützt.
Vier Jahre in Folge, von 1928 bis 1931, lud das Komitee jährlich eine Anzahl bedeutender Intellektueller, vor allem Hochschullehrer aus Deutschland und Frankreich, dazu ein, in Davos während drei Wochen am Ende des Winters jeweils einen Vortrag in deutscher oder französischer Sprache zu halten. Die Hochschullehrer sollten dabei von vielversprechenden Studenten begleitet werden, für die zusätzlich zu den Vorträgen ein Programm von Arbeitsgemeinschaften angeboten wurde, die ihnen Gelegenheit bieten sollten, Studierende der jeweils anderen Nation besser kennen zu lernen.
Teilnehmer Vortragende 1928 hochkant=0.7|mini|Albert Einstein (Foto von 1931), dessen Anwesenheit dem ersten Hochschulkurs die gewünschte öffentliche Aufmerksamkeit brachte. Der erste Davoser Hochschulkurs wurde von Erhard Branger (Bürgermeister von Davos), dem französischen Soziologen und Philosophen Lucien Lévy-Bruhl, dem deutschen Biologen und Naturphilosophen Hans Driesch und dem deutsch-schweizer Physiker Albert Einstein eröffnet.Davoser Blätter, Februar–März 1928.
Fernand Baldensperger (Vergleichender Literaturwissenschaftler, Frankreich) Charles Blondel (Psychologe, Frankreich) Célestin Bouglé (Soziologe, Frankreich) Yves de La Brière (Rechtswissenschaftler, Frankreich) Christian Cornélissen (Schriftsteller, Niederlande) Georges Davy (Soziologe, Frankreich) Paul Desjardins (Philosoph und Schriftsteller, Frankreich) Hans Driesch (Biologe und Naturphilosoph, Deutschland) Albert Einstein (Physiker, Deutschland/Schweiz) Adhémar Gelb (Psychologe, Deutschland) Edmond Goblot (Philosoph und Soziologe, Frankreich) Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld (Staatswissenschaftler und Nationalökonom, Deutschland) Eberhard Grisebach (Philosoph, Deutschland) Paul Häberlin (Philosoph, Psychologe und Pädagoge; Schweiz) Henri Hauser (Historiker und Wirtschaftswissenschaftler, Frankreich) Friedrich Hertz (Soziologe, Nationalökonom und Kulturhistoriker, Österreich) Paul Kluckhohn (Germanist, Deutschland) Lucien Lévy-Bruhl (Philosoph und Ethnologe, Frankreich) Hans Lewald (Rechtswissenschaftler, Deutschland) Arthur Liebert (Philosoph, Deutschland) Theodor Litt (Philosoph und Pädagoge, Deutschland) Marcel Mauss (Soziologe und Ethnologe, Frankreich) Fritz Medicus (Philosoph, Schweiz) Albrecht Mendelssohn-Bartholdy (Rechts- und Politikwissenschaftler, Deutschland) Hans Naumann (Mediävist und Volkskundler, Deutschland) Franz Oppenheimer (Arzt, Soziologe und Nationalökonom, Deutschland) Jean Piaget (Entwicklungspsychologe und Epistemologe, Schweiz) Roger Picard (Frankreich) Henri Piéron (Psychologe, Frankreich) Karl Eman Pribram (Wirtschaftswissenschaftler, Österreich) Erich Przywara (Philosoph und Theologe, Deutschland) Gustav Radbruch (Rechtswissenschaftler, Deutschland) Albert Thibaudet (Literaturkritiker und Schriftsteller, Frankreich/Schweiz) Paul Tillich (Theologe und Philosoph, Deutschland)
Vortragende 1929 hochkant=0.7|mini|Der zweite Kurs (1929) stiess v. a. wegen der Teilnahme von Ernst Cassirer (Foto) und Martin Heidegger auf grosses öffentliches Interesse. Der zweite Kurs wurde vom Schweizer (Bundesrat) Giuseppe Motta eröffnet und erregte insbesondere durch die sogenannte Davoser Disputation zwischen Martin Heidegger und Ernst Cassirer Aufmerksamkeit.Davoser Blätter, Ausgabe Februar–März 1929; Catherine Newmark, Vergiftete Atmosphäre: Die Davoser Disputation zwischen E. Cassirer und M. Heidegger, in Philosophie Magazin, Sonderheft 3, Die Philosophen und der Nationalsozialismus, Berlin 2015, S. 32f.
Willy Andreas (Historiker, Deutschland) Léon Brunschvicg (Philosoph, Frankreich) Armando Carlini (Philosoph, Italien) Jean-Marie Carré (Vergleichender Literaturwissenschaftler, Frankreich) Ernst Cassirer (Philosoph, Deutschland) Martin Heidegger (Philosoph, Deutschland) Karl Joël (Philosoph, Deutschland) Albert Pauphilet (Mediävist, Frankreich) Wilhelm Pinder (Kunsthistoriker, Deutschland) Erich Przywara (Philosoph und Theologe, Deutschland) Gonzague de Reynold (Historiker und Schriftsteller, Schweiz) Kurt Riezler (Philosoph und Diplomat, Deutschland) Ferdinand Sauerbruch (Chirurg, Deutschland) Henri Tronchon (Romanist und vergleichender Literaturwissenschaftler, Frankreich) Eduard Wechssler (Romanist, Deutschland)
Teilnehmende Studenten Otto Friedrich Bollnowauf Einladung von Heidegger, s. dazu Rüdiger Safranski: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit, S. 213. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/M.1998. ISBN 3-596-50128-8. – Rudolf Carnap – Jean CavaillèsJean Cavaillès kehrt fasziniert von einer Diskussion zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger zurück. Seit diesem Datum stellen die Studenten der École normale supérieure ein starkes Kontingent unter den jährlich in Davos anwesenden Studenten. Nicolas Beaupré: Deutsch-französische Geschichte. Bd. 8, S. 193; -- J. C. selbst: Verführte Jugend, in Philosophie Magazin, Sonderheft 3, Die Philosophen und der Nationalsozialismus, Philomagazin, Berlin 2015, ohne ISSN, S. 35 – Norbert Elias – Emmanuel Lévinas – Karl Mannheim – Leo Strauss – Hermann Mörchen – Helene Weiss
Vortragende 1930 Der dritte Hochschulkurs wurde vom Bundesrat Heinrich Häberlin eröffnet. Zum ersten Mal wurden einige Vorträge auch auf Englisch gehalten.Davoser Blätter, Ausgabe Februar-April 1930.
Jacques Ancel (Geograph und Geopolitiker, Frankreich) Maurice Ansiaux (Belgien) Arthur Baumgarten (Rechtswissenschaftler, Deutschland/Schweiz) Maurice Baumont (Historiker, Frankreich) Guido Bortolotto (Italien) Laurent Dechesne (Historiker und Rechtswissenschaftler, Belgien) Lucien Febvre (Historiker, Frankreich) Maurice Halbwachs (Soziologe und Philosoph, Frankreich) Hermann Kantorowicz (Rechtswissenschaftler, Deutschland) Hendrik de Man (Psychologe und Politiker Belgische Arbeiterpartei POB/BWP, Belgien) William Martin (Historiker und Journalist, Schweiz) Edgar Milhaud (Schweiz) Leo Polak (Philosoph, Niederlande) Karl Rothenbücher (Deutschland) Georges Scelle (Rechtswissenschaftler, Mitarbeiter des Völkerbunds, Frankreich) Werner Sombart (Soziologe und Volkswirt, Deutschland) Alfred Weber (Nationalökonom und Soziologe, Deutschland) Leopold von Wiese (Soziologe und Volkswirt, Deutschland) Alfred Zimmern (Historiker und Politikwissenschaftler, Grossbritannien)
Vortragende 1931 hochkant=0.7|mini|Der Vortrag von André Honnorat, Abgeordneter der französischen Nationalversammlung, über die Cité Internationale Universitaire de Paris stiess beim Davoser Organisationskomitee im Hinblick auf die geplante weitere Entwicklung der Kurse auf grosses Interesse. Carl Heinrich Becker (ehemaliger preussischer Kultusminister) nahm an der Eröffnungszeremonie des vierten Kurses teil.Davoser Blätter, Ausgabe Februar–April 1931. Gertrud Bäumer (Frauenrechtlerin und Politikerin Deutsche Demokratische Partei DDP, Deutschland) Guido Bortolotto (Italien) Pierre Bovet (Psychologe und Pädagoge, Schweiz) Marcel Déat (Politiker Section française de l’Internationale ouvrière SFIO, Frankreich) Wilhelm Flitner (Pädagoge, Deutschland) Hans Freyer (Soziologe, Historiker und Philosoph, Deutschland) Georges Gastinel (Frankreich) Siegfried Giedion (Architekturhistoriker, Schweiz) Jean Guéhenno (Schriftsteller und Literaturkritiker, Frankreich) Paul Häberlin (Philosoph, Psychologe und Pädagoge, Schweiz) Otto Hoetzsch (Historiker, Publizist und Politiker, Deutschland) André Honnorat (Politiker Union républicaine, Frankreich) Maurice Lacroix (Hellenist, Frankreich) Paul Langevin (Physiker, Frankreich) Adolf Löwe (Soziologe und Nationalökonom, Deutschland) Hippolyte Luc (Frankreich) Ignace Meyerson (Psychologe, Frankreich) Ernst Michel (Journalist, Sozial- und Kulturphilosoph, Deutschland)
Ende der Hochschulkurse