mini|Ferdinand Hochstetter, Heliogravüre von Viktor Angerer, vor 1884 mini|Ferdinand Hochstetter, Lithographie von Adolf Dauthage, 1857 mini|Ferdinand Hochstetter in seiner Kabine an Bord der Fregatte Novarra. Gemälde von Joseph Selleny, 1857. mini|Ferdinand von Hochstetter im Darwin-Album von 1877 (Blatt 6 - Wien I) mini|Geologische Karte der Umgebung von Auckland und der Vulkane des aus der ersten systematischen geologischen Kartierung des Landes durch Hochstetter mini|Grabmal von Ferdinand Ritter von Hochstetter auf dem Wiener Zentralfriedhof
Christian Gottlob Ferdinand Hochstetter, seit 1884 Ritter von Hochstetter (* 30. April 1829 in Esslingen am Neckar; † 18. Juli 1884 in Wien) war ein deutsch-österreichischer Geologe, Naturforscher und Entdecker.
Frühes Leben und Ausbildung Ferdinand Hochstetter wurde am 30. April 1829 als Sohn des Esslinger Stadtpfarrers Christian Ferdinand Friedrich Hochstetter (1787–1860) und dessen vierter Ehefrau Sofie Friederike Orth (1795–1861) in Esslingen in Württemberg geboren. Nach dem bestandenen Examen am Esslinger Lyzeum (das heutige Georgii-Gymnasium) wechselte er an die Klosterschule in Maulbronn und studierte 1847 an der Universität Tübingen Theologie und Naturwissenschaften. Während seiner Studienzeit wurde er Mitglied der Tübinger Königsgesellschaft Roigel. 1851 schloss er sein theologisches Studium ab und graduierte 1852 als Doktor der Philosophie mit einer Dissertation in Mineralogie.
Umzug nach Wien 1853 ging Hochstetter nach Wien, wo er für die k. k. geologische Reichsanstalt (Donaumonarchie) den Böhmerwald, das Karlsbader Gebirge, den böhmischen Teil des Erzgebirges und westliche Teile vom „basaltischen Mittelgebirge Böhmens“ (Böhmisches Mittelgebirge) geologisch untersuchte. Im Jahre 1856 wurde er Privatdozent an der Universität Wien.
Novara-Expedition und Neuseeland 1857 nahm Hochstetter im Auftrag der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften an der Weltumseglung der österreichischen Fregatte Novara teil, die als Novara-Expedition in die Geschichtsbücher einging. Die Reise ging von Triest aus über Rio de Janeiro, Kapstadt, Madras, Sumatra, Hongkong, Shanghai, Sydney und für Hochstetter bis nach Auckland, das er am 22. Dezember 1858 mit der Novara erreichte. Dort wurde Hochstetter für geologische Untersuchungen in Neuseeland auf Bitten der Provinzialregierung von von dem Rest der Reise befreit. In den ersten zwei Monaten untersuchte er gemeinsam mit Julius von Haast, mit dem er sich anfreundete, und Charles Heaphy das Auckland Volcanic Field. Hochstetter kartierte das Vulkanfeld, in dem er 61 Vulkane ausmachte, und erschuf mit seinen geologischen Aufzeichnungen von dem Gebiet das erste Werk über die Geologie Neuseelands.
Am 5. März 1859 startete Hochstetter zu seiner Expedition zum Inneren der Nordinsel des Landes, um das Gebiet um den erloschenen Vulkan und der geologisch zu erforschen. Durch die Region Taranaki und über Wellington ging seine Reise dann im Juni 1859 auf die Südinsel in die Region um Nelson. Er untersuchte die Kohlelager, Goldfelder und Kupfererz-Lagerstätten der Region. Bei seinen Felduntersuchungen am Dun Mountain bei Nelson entdeckte er eine damals noch nicht klassifizierte Gesteinsart und nannte sie nach ihrer Typlokalität Dunit, die er im Jahre 1864 erstmals wissenschaftlich beschrieb.
Am 2. Oktober 1859 trat Hochstetter seine Rückreise nach Europa über Sydney an.
Veröffentlichungen und Kartenwerke
Die Ergebnisse von Hochstetters Forschungen wurden in mehreren Werken veröffentlicht. Besonders bekannt wurde sein populärwissenschaftliches Reisebuch Neu-Seeland, das 1863 (engl. Ausgabe 1867) im Verlag Cotta in Stuttgart erschien.Ferdinand von Hochstetter: Neu-Seeland. Stuttgart 1863. Im Jahr darauf veröffentlichte die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien den Band zur Geologie von Neuseeland als Teil der wissenschaftlichen Reihe zur Novara-Expedition.Ferdinand von Hochstetter: Geologische Studien über die Provinzen Auckland und Nelson in der Kolonie Neuseeland. In: Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde, Geologischer Teil. Wien 1864.
Von besonderer Bedeutung waren die geologischen und topographischen Karten, die Hochstetter in Zusammenarbeit mit dem Kartografen August Petermann und der Geographischen Verlagsanstalt Justus Perthes in Gotha erstellte. Einzelne Karten wurden in Petermanns Geographische Mitteilungen, der damals führenden Fachzeitschrift für Explorationsgeographie, publiziert.Petermanns Geographische Mitteilungen, Jahrgang 1863. Weitere Karten erschienen sowohl in Hochstetters Reisebuch als auch in den offiziellen Veröffentlichungen zur Novara-Expedition.
Im Jahr 1863 (engl. Ausgabe 1864) wurden sämtliche Karten in einem gemeinsam mit Petermann herausgegebenen geologisch-topographischen Atlas zusammengefasst, der als erster Atlas Neuseelands gilt.Ferdinand von Hochstetter und August Petermann (Hrsg.): Geologisch-topographischer Atlas von Neuseeland. Gotha 1863.Norman Henniges, Johannes Mattes, Sascha Nolden: Between mapping and maps: Translocal knowledge in the making of Hochstetter and Petermann’s Atlas of New Zealand (1863). In: Journal of Historical Geography 89 (2025), S. 69–86. doi:10.1016/j.jhg.2025.04.002
Wirken in Österreich Zurück in Österreich, wurde er 1860 zum Professor für Geologie und Mineralogie an die Wiener Technische Hochschule berufen, von 1874 bis 1875 war er Rektor der Hochschule.
Ab 1876 leitete er, von Kaiser Franz Joseph I. berufen, als Direktor das Naturhistorische Hofmuseum. Als einer der Ersten trat Hochstetter bereits 1860 öffentlich für den Darwinismus ein und beteiligte sich später auch am Ehrengeschenk der deutschen Anhänger zu Darwins 69. Geburtstag, einem vom Rechnungsrat und Naturforscher Emil Rade (1832–1931) initiierten, von Ernst Haeckel geförderten und im Wesentlichen von Arthur Fitger mit insgesamt 21 Blättern gestalteten mit Silber-(und Gold-)beschlägen reich verzierten 50 cm hohen und 43 cm breiten Album (Darwin-Album von 1877),Das Album enthält insgesamt 165 Porträts und befindet sich heute noch in der Darwin Collection im Down House, London, Luxted Road, Downe, Orpington, BR6 7JT in dem ab Blatt 3 zahlreiche Fotografien seiner Anhänger in je ein bis zehn passepartoutartig geschnittenen Feldern eingefügt sind. Als Dr. Ferd. von Hochstetter und der Bezeichnung Professor und k. k. Hofrath wurde er auf Blatt 6 (Wien I) in diesem Album, das Darwin im Februar 1877 überreicht wurde, aufgenommen.Brunhild Gries: Emil Rade (1832–1931), sein Anteil an der naturkundlichen Erforschung Westfalens und das Darwin-Album von 1877. Abhandlungen aus dem Westfälischen Museum für Naturkunde, 68, 2, Münster 2006 (PDF) 1872 wurde er vom Kaiserhaus zum Lehrer des Kronprinzen Rudolf bestimmt. Er unternahm wiederholt ausgedehnte Reisen in wissenschaftlichem Interesse. Er bereiste 1863 die Schweiz und Italien, 1869 die europäische Türkei, 1872 Russland und den Ural. Von ihm stammt die erste geologische Übersichtskarte des Balkangebietes, das damals noch zum Türkischen Reich gehörte. Im Jahr 1868 veröffentlichte Hochstetter in Wien den ersten Erklärungsversuch für die von Erdbeben verursachten Flutwellen in den Meeren.
Im Jahr 1862 wurde Hochstetter zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina und zum korrespondierenden Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gewählt. 1868 wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft der ISIS, Gesellschaft für specielle, besonders vaterländische Naturkunde in Dresden verliehen. Seit 1869 war er Mitglied der American Philosophical Society. 1875 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften gewählt.Holger Krahnke: Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen 1751–2001 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen, Philologisch-Historische Klasse. Folge 3, Bd. 246 = Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Mathematisch-Physikalische Klasse. Folge 3, Bd. 50). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-82516-1, S. 115.
Ferdinand von Hochstetter starb am 18. Juli 1884 in Oberdöbling bei Wien (im heutigen 19. Wiener Gemeindebezirk) und wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 14 A, Nummer 41) beigesetzt.
Erste wissenschaftliche Beschreibung eines Tsunamiereignisses Unter den Eindrücken seiner Teilnahme an der Novara-Expedition, bei der er sich auch mit Erscheinungen des Vulkanismus befasst hatte, verfolgte Hochstetter von Wien aus die Wirkungen des am 13. August 1868 eintretenden Erdbebens vor der damaligen peruanischen Küste (Epizentrum heute vor Chile liegend).
Flutwellen (Tsunamis) erreichten am 15. August sowohl die Ostküsten von Neuseeland als auch Australien. Hochstetter erkannte den Zusammenhang zwischen dem Erdbeben als Ursache und später weit entfernt an verschiedenen Küsten des Pazifischen Ozeans ankommenden Flutwellen als Folgen. Diese Erkenntnis gelang ihm lange vor der Zeit, in der Geophysiker die Funktionsweise von Tsunamiereignissen wissenschaftlich genau beschreiben konnten. Er gewann sie allein aus Informationen, die ihm von Australien, Honolulu (Hawaii), Neuseeland und Peru aus auf dem damaligen Postweg, also per Schiff, zugingen. Hochstetter erhielt die Informationen über Erdbeben und Flutwellen brieflich durch Kontakte, die er bei seinem Südseeaufenthalt bei Forschung und Arbeit geknüpft hatte.
Hochstetter gehört zu den ersten Wissenschaftlern, die solche Flutwellen in den Meeren als Folge tektonischer Ereignisse verstanden, und veröffentlichte darüber im Jahre 1868. Aus der Entfernung zwischen Südamerika und Neuseeland, der mittleren Meerestiefe sowie dem zeitversetzten Eintreffen der Welle an der australischen Küste leitete er eine Ausbreitungsgeschwindigkeit von 368 Seemeilen pro Stunde ab. Hochstetter hinterließ eine Handskizze, mit der er den Verlauf eines Tsunamis verdeutlicht. Dieses Dokument fand sich vor wenigen Jahren auf Hinweis der Wissenschaftlerin Eleonore Hoke von der Victoria University of Wellington in historischen Archivbeständen der Geologischen Bundesanstalt von Wien.Hans Peter Schönlaub: - Ferdinand von Hochstetter: Österreichs Pionier in der Tsunami-Forschung. auf www.geologie.ac.at (mit Abbildung der Kartenskizze von Hochstetter) Das von ihm beschriebene Tsunamiereignis mit einer Erdbebenmagnitude von 9,0 richtete an der Küste Südamerikas und im pazifischen Raum verheerende Schäden an, die auch tausende Todesopfer forderten.Willem de Lange, Eileen McSaveney: New Zealand’s tsunami history In: Te Ara - the Encyclopedia of New Zealand. Online-Version 2009, auf www.teara.govt.nz
Familie Am 2. April 1861 heiratete Hochstetter in Wien Georgiana Elisa Bengough, Tochter des Engländers John Egbert Bengough, der Direktor der Wiener Gaswerke war. Sie hatten zusammen vier Söhne, darunter den späteren Geologen Egbert Wilhelm von Hochstetter, und vier Töchter.
Würdigungen und Ehrungen 1859 Verleihung des Orden der Eisernen Krone III. KlasseNichtamtlicher Theil. In: Staats- und gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten. 25. November 1859, S. 1, (Digitalisat) 1869 Ehrenmitglied des Vereins für vaterländische Naturkunde in WürttembergEhrenmitglieder des Vereins für vaterländische Naturkunde in Württemberg 1884 Erhebung in den österreichischen erblichen Ritterstand 1884 Benennung der Hochstettergasse im Nordbahnviertel in Wien-Leopoldstadt (2. Bezirk)
Nach dem Forscher sind mehrere geographische Orte und Arten von Lebewesen benannt: der Hochstetter Peak (2822 m) in den Neuseeländischen Alpen und der Lake Hochstetter der Hochstetter Peak (1000 m) in der Antarktis der Hochstetter-Fjord in Grönland die Hochstetter-Inseln im Archipel Franz-Josef-Land der Von Hochstetter Seamount im Indischen OzeanVon Hochstetter Seamount im Marine Gazetteer (englisch) die Südinseltakahe (Porphyrio hochstetteri), ein Rallenvogel Neuseelands