V. ist der 1963 erschienene Debütroman des amerikanischen Schriftstellers Thomas Pynchon (* 1937). Die deutsche Erstausgabe wurde 1968 unter gleichnamigem Titel in der Übersetzung von Dietrich Stössel veröffentlicht.
Dieser Roman gilt als ein wichtiges Werk der amerikanischen Postmoderne, das seinem Verfasser auf Anhieb den Ruf einbrachte, zu den bedeutenden Gegenwartsautoren zu zählen. V. wurde 1964 kurz nach der Erstveröffentlichung mit dem William Faulkner Foundation First Novel Award ausgezeichnet und im selben Jahr ebenso für den National Book Award nominiert.Vgl. Thomas Pynchon. Auf: Famous Authors. Abgerufen am 20. Juli 2014. Siehe auch National Book Awards - 1964: Finalists. Auf: National Book Foundation. Abgerufen am 20. Juli 2014.
mini|Illustration: Schlemihls Begegnung mit dem Schatten von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) Das episodenreiche, episch sehr breite Werk mit häufigen Zeitsprüngen, einer Fülle skurriler, teilweise schauriger Begebenheiten und einem schwer überschaubaren Figurenarsenal, rankt um die locker miteinander verwobenen Geschichten zweier gegensätzlicher Figuren, des Schlemihls und Picaros Benny Profane, der sich durch das New York der 1950er Jahre treiben lässt, einerseits und des Historikers Herbert Stencil andererseits, der obsessiv V. sucht.
Der Titel V. bezieht sich auf eine Initiale, die in den Tagebüchern von Stencils verstorbenem Vater auftaucht. Stencil vermutet, dass sich dahinter seine Mutter verbergen könne. Auf seiner Suche nach V. verfolgt er zunehmend abwegigere Hinweise, in denen immer wieder der Buchstabe „V“ an unterschiedlichen geografischen Plätzen und zu unterschiedlichen historisch bedeutsamen Zeitpunkten auftaucht.
Inhalt Überhäuft mit einer schier unerschöpflichen Vielfalt von eingebrachten Ereignissen stellt Pynchons Roman im episodischen Wechsel der Kapitel alternierend das Geschehen um Profane und Stencil dar. Stencils Vater, der im Dienst des britischen Foreign Office stand, war 1919 auf einer geheimnisvollen Mission auf Malta ums Leben gekommen und hatte Aufzeichnungen über eine Person hinterlassen, die er nur als V. bezeichnete. Für seinen Sohn, der nun versucht, V. zu identifizieren, wird das Bemühen um die Aufklärung der Identität und des Hintergrundes dieser Person zu einem Prozess der eigenen Identitätsfindung.Vgl. Franz Link: „V., 1963“. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 340.
Der Chronologie nach, die im Roman selber indes durch eine anachronologische Form der Darbietung aufgebrochen wird, erscheint V. Stencil zuerst 1893 in Kairo als Victoria Wren, die in die Faschoda-Krise verwickelt war. Ein Jahr später taucht Victoria Wren in Florenz auf und wird mit einem Versuch in Verbindung gebracht, Botticellis Venus aus den Uffizien zu stehlen; außerdem steht sie anscheinend in einem Zusammenhang mit dem Anschlag eines argentinischen Gauchos auf das venezolanische Konsulat.
Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs verliebt sich – Stencils Recherchen zufolge – eine nur als V. bezeichnete Inhaberin eines Pariser Modesalons in eine fünfzehnjährige Primaballerina, die auf masochistische Weise bei der Inszenierung eines „Jungfrauenopfers“ während einer Premiere umkommt (Pynchon spielt hier auf Igor Strawinskys Ballett Le sacre du printemps an, das 1913 in Paris uraufgeführt wurdeDavid Cowart: Thomas Pynchon. The Art of Illusion. Southern Illinois University Press, Carbondale 1980, S. 74 f.). 1919 ist eine gewisse Veronica Manganese in die Unruhen anlässlich des Unabhängigkeitskampfes Maltas verwickelt. Stencils Vater verließ Malta nach einem Kontakt mit V., der er zuerst in Florenz begegnet war, und verschwand anschließend mit seinem Boot im Mittelmeer. 1922 identifiziert Herbert Stencil dann V. als Vera Merowing, die während eines Aufenthaltes als Gast auf einer Farm in der ehemaligen deutschen Kolonie Südwestafrika die grausame Unterdrückung eines Eingeborenenaufstandes miterlebt. Anscheinend ist V. schließlich, als „Bad Priest“ (dt. „Böser Priester“) verkleidet, bei einem Bombenangriff 1942 auf Malta getötet worden. Allerdings gibt es in dem Roman auch Hinweise darauf, dass V. eine Ratte namens Veronica sein könnte, die ein Priester im New Yorker Kanalsystem zu bekehren versucht. Möglicherweise verweist V. aber auch auf „Vheissu“, ein mysteriöses Land, das als „Vaterland der Verheißung“ eventuell eine Verschwörung gegen den Rest der Welt plant. Trotz der unzähligen Orts- und Personennamen mit dem Anfangsbuchstaben „V“ kann Stencil, verwirrt durch die zahllosen Hinweise, letztendlich nicht klären, wer oder was sich hinter dieser Initiale verbirgt. In gleichsam faustischer Verzweiflung kommt ihm schließlich der Verdacht, V. sei vielleicht gar nichts anderes als einzig das sich wiederholende Auftauchen eines bloßen Buchstabens.Vgl. auch die chronologisch geordnete Inhaltsangabe bei Franz Link: „V., 1963“. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 340.
Parallel dazu wird in loser Verbindung die Geschichte Benny Profanes erzählt. Nach seiner eigenen Definition ein moderner Schlemihl, lässt er sich treiben und ist nicht bereit, sich in irgendeiner Form zu binden. Ihm widerfahren eine Reihe unglaublicher Abenteuer, die er jedoch alle mit Gelassenheit hinnimmt. Zwar lässt er sich immer wieder von anderen benutzen, lässt sich aber ebenso von ihnen aushalten. Am Schluss fragt ihn eine amerikanische College-Studentin auf Europatour, die er auf Malta trifft und die ihn wegen seiner Abenteuer bewundert, ob er aus seinen Erfahrungen etwas gelernt habe. Ohne lange nachdenken zu müssen, erwidert Profane, dass er, aus dem Stegreif heraus gesprochen, nicht das Geringste gelernt habe („… offhand I‘d say I haven‘t learned a godamn thing“, S. 454).Siehe auch Franz Link: „V., 1963“. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 342.
Die Geschichte Profanes, eines ehemaligen Angehörigen der United States Navy, nimmt ihren Anfang mit einem Besuch bei einem früheren Marinekameraden in Norfolk, Virginia. Hier trifft Profane auf Paola, die Tochter Fausto Maijstrals, der selber der Sohn eines Maijstrals ist, dem der Vater Stencils schon 1919 auf Malta begegnet war. Profane bewahrt Paola vor den Zudringlichkeiten eines anderen ehemaligen Marines und begibt sich anschließend mit ihr nach New York, wo er sich in verschiedenen, nur lose miteinander verbundenen Kreisen bewegt. Der wichtigste dieser Kreise, die sogenannte „Whole Sick Crew“ (deutsch: „die ganze kaputte Bande“), besteht aus Künstlern, Kritikern und anderen, die ihr Leben überwiegend mit Trinkorgien, Herumhurerei und belanglosen Konversationen verbringen. Ihr hauptsächlicher Zeitvertreib ist das „Yoyoing“, d. h. das Hin- und Herfahren, was Profane seinerseits als einen „state of mind“ (dt. „Geisteszustand“) umschreibt. Das Jo-Jo, das sich um sich selbst dreht und sich auf und ab bewegt, steht als Zeichen dafür, dass die Mitglieder der „Kaputten Bande“ sich mit der Sinn- und Bedeutungslosigkeit ihres Lebens abgefunden haben. Allerdings werden die Angehörigen dieser Bande zugleich verdächtigt, mit ihrer Spielzeugwarenfabrik Voyodyne für die Herstellung von Jo-Jos, die sich zu einem Konzern für Raumfahrtausrüstung entwickelt hat, im Verborgenen die Fäden der Weltpolitik und Weltgeschehens in ihren Händen zu halten.Vgl. Franz Link: „V., 1963“. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 341 f.
Interpretationsansätze Der erste Roman Pynchons ist durch ein wesentliches Element geprägt, das auch seine späteren Romane bestimmt: die Paranoia. Die Protagonisten und Charaktere in V., die sich in ihren Welten verloren fühlen, versuchen obsessiv Zusammenhänge aufzuspüren und zu erkennen, um ihnen Sinn abzugewinnen. Die fiktive Realität des Romans erschließt sich dementsprechend für die Leser aus der paranoiden Sicht der Figuren, sodass der Leser ständig in Gefahr gerät, in deren Zwangsvorstellungen hineingezogen zu werden und sich in der Sinndeutung des Romans auf eine Bedeutung festzulegen, die aber nur als eine von jeweils mehreren Möglichkeiten zu verstehen ist. Um ein Bild dieser Möglichkeiten zu erhalten, ist es in der Interpretation des Romans jedoch unumgänglich, sich grundsätzlich auf das Spiel mit den verschiedenen angebotenen Bedeutungen einzulassen.Vgl. dazu Franz Link: „V., 1963“. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 339 f.
Die einzelnen, zumeist nur lose verknüpften Episoden werden von Pynchon auf unterschiedliche Weise und aus verschiedenen Perspektiven dargeboten, wobei die Perspektive Stencils dominiert. Stencil wird jedoch vom Autor als völlig unzuverlässige Erzählerfigur gekennzeichnet; wie bereits sein Name andeutet („stencil“, dt. „Schablone“) präsentiert er die Tatsachen, die er in Erfahrung bringt, gleichsam in schablonenhafter Form („stencilised“) und gibt teilweise nur wieder, was andere ihm erzählen. So werden die Geschehnisse um die Faschodakrise beispielsweise – als von Stencil in Erfahrung gebrachte – Schilderung aus der Perspektive von Personen wiedergegeben, die von den Ereignissen nicht oder allenfalls am Rande berührt sind. Das Geschehen aus der Zeit des Herero-Aufstands wird gleichermaßen durch den Bericht eines deutschen Soldaten als bloßer Fiebertraum dargeboten.
Pynchon warnt auf diese Weise mit Hilfe unterschiedlicher Signale seine Leser davor, das Erzählte für bare Münze zu nehmen und charakterisiert damit die Bestimmung der Wirklichkeit als prinzipiell problematisch. Stencils Recherchen werden so zu einer Obsession, in der er versucht, sämtliche Ereignisse und Erscheinungen der Realität als Glieder einer Kette zu deuten, die die Geschichte V.s ausmachen soll. Derart wird V. aus Stencils Sicht schließlich sogar zur Ratte Veronica in den Abwasserkanälen Manhattans. Angeblich verließ ein Jesuitenpater einst seine Gemeinde, um die Ratten zu bekehren; dabei soll er sich in besonderer Weise einer von ihm auf den Namen Veronica getaufte Ratte zugewandt haben. Im Epilog des Romans wird dargelegt, dass es sich dabei um eben jenen Pater handelt, der schon 1919 Veronica Manganese auf Malta begegnet war. Diese groteske Identifizierung V.s dokumentiert ihrerseits wiederum nur die Vergeblichkeit aller Versuche Stencils, die Wirklichkeit und darüber hinaus sich selbst anhand von vermeintlichen Fakten zu begreifen, die er glaubt aus der Vergangenheit erschließen zu können.Vgl. dazu Franz Link: „V., 1963“. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950 · Themen · Inhalte · Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 340.