mini|hochkant|Jeanne Mandello, Selbstporträt, Uruguay, um 1948 Jeanne Mandello, auch Jeanne Mandello de Bauer, (geboren 18. Oktober 1907 in Frankfurt am Main als Johanna Mandello; gestorben 17. Dezember 2001 in Barcelona) war eine in Deutschland geborene Fotografin. Unter dem Eindruck der Judenverfolgung im sich festigenden Nationalsozialismus emigrierte sie 1934 nach Paris und fand 1941 in Montevideo Zuflucht. Sie ließ sich 1959 in Barcelona nieder.
Ihr Werk umfasst Porträts, Akte und Architekturaufnahmen, Straßenszenen und abstrakte Detailstudien sowie Werbe- und Modefotografie. Das meiste Bildmaterial ihres frühen Schaffens wurde geplündert oder zerstört. In Deutschland war sie lange vergessen und wird seit 2014 als eine der Fotokünstlerinnen des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt, die gestalterisch mit experimentellen Techniken der analogen Schwarzweißfotografie arbeiteten.
Leben Frankfurt, Berlin Jeanne Mandello wuchs als Johanna Mandello mit ihrer neun Jahre älteren Schwester Helene in einer kunstliebenden, säkularen jüdischen Familie in Frankfurt am Main auf. Ihre Mutter, Amalia Margarethe Mandello, geborene Seligsohn, war Kindergärtnerin und starb, als Johanna 14 Jahre alt war. Ihr Vater, Hermann Mandello, war bis 1934 Direktor des Kaufhauses Wronker (später Hansa). Ihr Großvater Heinrich Mandello hatte in Paris Kunst studiert und arbeitete als Maler und Fotograf. Sie besuchte die höhere Elisabethen-Mädchenschule und begann nach ihrem Abitur 1925 eine Ausbildung an einer Hauswirtschaftsschule, die sie ein Jahr später abbrach.Mercedes Valdivieso (Hrsg.): Mandello. Fotografías 1928–1997. Ausstellungskatalog. Mit einem Vorwort von Ute Eskildsen. Casal de Sarria, Barcelona 1997, S. 9.
Sie nahm 1926 in Berlin ein Studium der Fotografie an der Lette-Schule auf. In einer Zeit, als es für eine Frau schwierig war, als Künstlerin Aufmerksamkeit zu bekommen, öffnete die Fotografie einen Weg in die Kunstwelt. Beflügelt vom Geist der Freiheit im Berlin der Zwanziger Jahre, die sich Frauen im Zuge der Frauenbewegung erobert hatten, besuchte sie Theateraufführungen, Konzerte, Ausstellungen und entschied sich nach dem Vorbild der „neuen Frau“ wie die Fotografinnen Grete Stern und Ellen Auerbach Hosen und kurze Haare zu tragen. 1927 unterbrach sie das Studium, um im Atelier von Paul Wolff und Alfred Tritschler in Frankfurt am Main ein Praktikum zu absolvieren. Bei Wolff lernte sie mit einer Leica zu fotografieren. Zurück in Berlin, belegte sie ab 1928 wieder Kurse im Lette-Haus und beendete ihr Studium mit einer Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer mit „sehr gut“. Sie besaß bereits eine Leica-Kleinbildkamera, mit der sie Porträts, Landschaftsaufnahmen und Alltagsszenen fotografierte.Muriel de Bastier: Jeanne Mandello de Bauer, ou la mémoire disparue d’une photographe / Jeanne Mandello de Bauer – oder das verlorene Vermächtnis einer Fotografin. In: Anne Grynberg, Johanna Linsler (Hrsg.): Irreparabel. Lebenswege jüdischer Künstlerinnen, Künstler und Kunstkenner auf der Flucht aus dem „Dritten Reich“ in Frankreich. Veröffentlichung der Koordinierungsstelle Magdeburg, Band 9/2013, ISBN 978-3-9811367-6-0, S. 332. Im Haus ihrer Eltern in Frankfurt richtete sie 1929 ihr eigenes Fotostudio ein, in dem sie mit der Fotografin Nathalie von Reuter, einer Freundin und früheren Mitschülerin, zusammenarbeitete.
Im Dezember 1933 heiratete sie den in Fulda geborenen Arno Grünebaum (1905–1990), der wie sie jüdischer Herkunft war. Er hatte fotografische Techniken in Paris erlernt. Als sie sich kennenlernten, war er als Handelsvertreter für eine Uhrenfirma tätig. Unter ihrer Anleitung machte er die Fotografie zu seinem Hauptberuf.Muriel de Bastier: Jeanne Mandello de Bauer – oder das verlorene Vermächtnis einer Fotografin. In: Anne Grynberg, Johanna Linsler (Hrsg.): Irreparabel. Lebenswege jüdischer Künstlerinnen, Künstler und Kunstkenner auf der Flucht aus dem „Dritten Reich“ in Frankreich. Veröffentlichung der Koordinierungsstelle Magdeburg, Band 9/2013, ISBN 978-3-9811367-6-0, S. 342, Fn18Exiled German photographer Jeanne Mandello arrives in Uruguay. Jewish Women’s Archive. Abgerufen am 14. Oktober 2018.Jeanne Mandello, About, Part 2: Early Life. Editorial content: Sandra Nagel. Im Bewusstsein der Judenverfolgung, die nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten einsetzte, verließen sie im Januar 1934 Deutschland. Jeanne Mandello interessierte sich für Modefotografie, und so entschieden sie sich, nach Paris zu emigrieren.Muriel de Bastier: Jeanne Mandello de Bauer, ou la mémoire disparue d’une photographe / Jeanne Mandello de Bauer – oder das verlorene Vermächtnis einer Fotografin. In: Anne Grynberg, Johanna Linsler (Hrsg.): Irreparabel. Lebenswege jüdischer Künstlerinnen, Künstler und Kunstkenner auf der Flucht aus dem „Dritten Reich“ in Frankreich. Veröffentlichung der Koordinierungsstelle Magdeburg, Band 9/2013, ISBN 978-3-9811367-6-0, S. 334
Exil in Paris In Paris änderte Jeanne Mandello ihren Vornamen Johanna in die französische Form Jeanne. Beruflich spezialisierte sich das Ehepaar auf Werbe- und Porträtfotografie und etablierte sich in der Modefotografie. Sie meldeten 1937 ihr gemeinsames Atelier in der Rue d’Armaillé 10 im 17. Pariser Arrondissement unter dem Namen Studio Mandello beim Handelsregister an. Mandello bekam Aufträge von Magazinen wie Vogue und Harper’s Bazaar, fotografierte für Modehäuser, darunter Chanel, Balenciaga und Lanvin.Jeanne Mandello, About, Part 3: The 1930s – First Exile in France. Editorial content: Sandra Nagel. 1938 arbeiteten sie gelegentlich mit dem Fotografen Hermann Landshoff zusammen, der ebenfalls aus Nazideutschland geflohen war.Muriel de Bastier: Jeanne Mandello de Bauer, ou la mémoire disparue d’une photographe / Jeanne Mandello de Bauer – oder das verlorene Vermächtnis einer Fotografin. In: Anne Grynberg, Johanna Linsler (Hrsg.): Irreparabel. Lebenswege jüdischer Künstlerinnen, Künstler und Kunstkenner auf der Flucht aus dem „Dritten Reich“ in Frankreich. Veröffentlichung der Koordinierungsstelle Magdeburg, Band 9/2013, ISBN 978-3-9811367-6-0, S. 335.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 galten die aus Deutschland stammenden Flüchtlinge in der Französischen Republik als „étranger indésirable“ (unerwünschte Ausländer), und Arno Grünebaum wurde in einem Lager in Montargis interniert. Um dem zu entkommen, meldete er sich zur Fremdenlegion und wurde Anfang 1940 in Saida in Algerien stationiert und nach dem Waffenstillstand 1940 nach Vichy-Frankreich entlassen.Sandra Nagel: Jeanne Mandello. Fotografin zwischen den Welten, in: James Bauer, Sandra Nagel (Hrsg.): Jeanne Mandello. Die Welt im Blick. Perspektiven einer deutsch-jüdischen Fotografin im Exil 1928–1996. 2016, S. 15, S. 17 Nach dem 13. Mai 1940 musste Jeanne Mandello wie alle deutschen Frauen in Paris das Sammellager Vélodrome d’Hiver aufsuchen und wurde von dort wahrscheinlich ins Internierungslager Camp de Gurs verbracht.Laut Muriel de Bastier fanden sich keine Nachweise über eine Internierung Mandellos im Lager Gurs. Doch es sei nicht ausgeschlossen, dass sie dort interniert war. In: Jeanne Mandello de Bauer, ou la mémoire disparue d’une photographe / Jeanne Mandello de Bauer – oder das verlorene Vermächtnis einer Fotografin. S. 336. Sie durfte nur 14 Kilogramm Gepäck mitnehmen und ließ ihre Kameraausrüstung, die archivierten Arbeiten und Negative zurück. Nach dem Waffenstillstand vom 22. Juni 1940 kam sie nach eigener Auskunft in Dognen im Département Pyrénées-Atlantiques bei einer älteren Frau unter. Das Deutsche Reich entzog ihr am 28. Oktober 1940 die deutsche Staatsbürgerschaft. Über das Rote Kreuz fanden Jeanne Mandello und Arno Grünebaum wieder zusammen, sie kehrten nicht mehr nach Paris zurück.
Flucht nach Uruguay Unter dem Vichy-Regime waren Juden auch in Frankreich nicht mehr sicher.Muriel de Bastier: Jeanne Mandello de Bauer, ou la mémoire disparue d’une photographe / Jeanne Mandello de Bauer – oder das verlorene Vermächtnis einer Fotografin. In: Anne Grynberg, Johanna Linsler (Hrsg.): Irreparabel. Lebenswege jüdischer Künstlerinnen, Künstler und Kunstkenner auf der Flucht aus dem „Dritten Reich“ in Frankreich. Veröffentlichung der Koordinierungsstelle Magdeburg, Band 9/2013, ISBN 978-3-9811367-6-0, S. 336. Jeanne Mandellos nach Argentinien geflohener Onkel Richard Seligsohn riet seiner Nichte, sich um die Ausreise nach Argentinien oder Uruguay zu bemühen. Am 15. März 1941 erhielt das Ehepaar vom Département Basses-Pyrénées einen Passierschein, der sie zur Ausreise berechtigte. Über ihren Onkel bekamen sie ein Einreisevisum für Uruguay, eine Schiffspassage von Bilbao nach Montevideo und Geld. Sie verließen Frankreich und gingen im Mai an Bord der Cabo de Buena Esperanza. Nach einer vierwöchigen Schiffsreise erreichten sie zusammen mit Hunderten anderen Flüchtlingen den Hafen von Montevideo. Am 15. Juli 1941 bekam das Ehepaar die Aufenthaltsgenehmigung für Uruguay.Muriel de Bastier: Jeanne Mandello de Bauer, ou la mémoire disparue d’une photographe / Jeanne Mandello de Bauer – oder das verlorene Vermächtnis einer Fotografin. In: Anne Grynberg, Johanna Linsler (Hrsg.): Irreparabel. Lebenswege jüdischer Künstlerinnen, Künstler und Kunstkenner auf der Flucht aus dem „Dritten Reich“ in Frankreich. Veröffentlichung der Koordinierungsstelle Magdeburg, Band 9/2013, ISBN 978-3-9811367-6-0, S. 335, S. 337. Während des Zweiten Weltkrieges lebten in Uruguay um die 10.000 deutschsprachige Emigranten, die meisten von ihnen Juden. Jeanne Mandello erinnerte sich später, dass sie noch nie so freundliche und hilfsbereite Menschen erlebt hatte wie die uruguayische Bevölkerung.Ausstellungskatalog: Mercedes Valdivieso (Hrsg.): Mandello. Fotografías 1928–1997. Casal de Sarria, Barcelona 1997. Mit einem Vorwort von Ute Eskildsen, S. 15.
In Montevideo begann sie wieder zu fotografieren. Ihre erste Kamera war eine Rolleiflex, die ihr ein Fotograf geliehen hatte. Das Ehepaar, das sich als Jeanne und Arnaud Mandello aus Frankreich vorstellte, verdiente seinen Lebensunterhalt als Gesellschaftsfotografen der High Society von Montevideo und Punta del Este, die an der französischen Kultur orientiert war, sowie mit Fotoreportagen in Farbe für Tourismusmagazine. Sie wurden bald als „Los Mandello“ bekannt.Sandra Nagel: Jeanne Mandello – Fotografin zwischen den Welten, in: James Bauer, Sandra Nagel (Hrsg.): Jeanne Mandello. Die Welt im Blick. Perspektiven einer deutsch-jüdischen Fotografin im Exil 1928–1996. Fotohof Edition, Salzburg 2016, ISBN 978-3-902993-33-5, S. 19 In der Oberschicht der Stadt war Jeanne Mandello mit Kinderporträts erfolgreich, die 1943 in ihrer ersten Einzelausstellung Exposición del Niño. Fotografías artísticas de la Señora Jeanne Mandello in Montevideo gezeigt wurden.Jeanne Mandello Exhibitions, jeannemandello.com, Redaktion: Sandra Nagel 1944 stellte das Paar erstmals gemeinsam aus. Ab den 1950er Jahren waren sie regelmäßig in Ausstellungen vertreten. Jeanne Mandello erhielt 1949 die uruguayische Staatsbürgerschaft, die sie laut Sandra Nagel bis an ihr Lebensende beibehielt.Sandra Nagel: Jeanne Mandello – Fotografin zwischen den Welten, in: James Bauer, Sandra Nagel (Hrsg.): Jeanne Mandello. Die Welt im Blick. Perspektiven einer deutsch-jüdischen Fotografin im Exil 1928–1996. Fotohof Edition, Salzburg 2016, ISBN 978-3-902993-33-5, S. 23
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