mini|hochkant=1.2|Titelseite der ersten Ausgabe des Romans Die Brüder Karamasow von Fjodor Dostojewski, November 1880 mini|hochkant=1.2|Porträt des Schriftstellers Fjodor Dostojewski, Öl auf Leinwand (1872) von Wassili Grigorjewitsch Perow, Tretjakow-Galerie, Moskau
Die Brüder Karamasow (), in manchen Ausgaben auch Karamasoff, ist der letzte Roman des russischen Schriftstellers Fjodor M. Dostojewski, geschrieben in den Jahren 1878–1880.
Inhalt Dostojewskis Roman hat einen ähnlichen Aufbau wie eine Kriminalgeschichte: Konfliktsituation in einer Familie, Mord, Recherchen und Verhaftung des Verdächtigen, Gerichtsverhandlung mit Zeugenaussagen, Plädoyers und Urteil. Der Leser verfolgt diese Abläufe, erfährt gegen Ende, wer der Täter ist, und erlebt die Entwicklung eines Justizirrtums mit. Die Bedeutung des Romans besteht allerdings in der Verbindung dieser Spannungselemente mit einer Darstellung der gesellschaftlichen Struktur und der politisch-philosophischen Diskussionen im damaligen Russland. Ein Abbild dieser Situation ist die Familie Karamasow mit Kindern aus verschiedenen legalen und illegalen Beziehungen, der Dienerschaft und den Liebesbeziehungen zu sozial unterschiedlich bewerteten Frauen. Der Roman endet für die Beteiligten mit einer Katastrophe: Sie sind entweder körperlich oder seelisch krank oder müssen in die Verbannung gehen bzw. aus Russland fliehen. Dostojewskis Hoffnungsträger für eine neue moralische Gesellschaft ist der am Schluss von den Jugendlichen umjubelte Alexej.
Hauptpersonen Der 55-jährige Patriarch Fjodor Karamasow entstammt dem alten, niederen Landadel und ist durch Spekulationshandelsgeschäfte reich geworden. Um seine Familie kümmert er sich nicht und überlässt die Erziehung der Söhne, nach dem frühen Tod seiner beiden Frauen, anfänglich dem Diener Grigori Kutusow und dessen Frau Marfa bzw. Verwandten, die für eine Gymnasialausbildung sorgen. Er selbst lebt seine Leidenschaften hedonistisch aus.
Die auf wenige Tage im September und, nach einem Zwei-Monate-Sprung, November konzentrierte Haupthandlung beginnt mit der Rückkehr der drei erwachsenen Söhne. Sie vertreten unterschiedliche Weltanschauungen und diskutieren diese untereinander und mit dem Vater. Das Verhältnis wird aus finanziellen und persönlichen Gründen, vor allem zwischen Fjodor und seinem ältesten Sohn, immer spannungsreicher.
mini|Während ihrer Sommerferien in Staraja Russa lernten die Dostojewskis die Familie Menchow kennen, deren Tochter Agrippina dem Schriftsteller als Vorlage für die Gestaltung der „Gruschenka Swetlowa“ diente. Deshalb wird das gegenüber dem Dostojewski’schen gelegene Haus „Gruschenka-Haus“ genannt. Dmitri ist der älteste (28 Jahre) Sohn von Fjodor Karamasow und der einzige Nachkomme aus dessen erster Ehe mit Adelaida Iwanowna Miusow. Er ist Soldat und führt ein zügelloses Leben, das geprägt ist von der „karamasow’schen Seele“, das heißt emotional widersprüchlichen, sprunghaften Verhaltensweisen. Beispielhaft dafür ist seine komplizierte Beziehung zur stolzen Offizierstochter Katerina (Katja) Werchowzew. Da er sich in sie verliebt hat, sich aber von ihr wenig beachtet fühlt, nutzt er einen finanziellen Engpass aus und schlägt ihr vor, die Schulden ihres Vaters zu begleichen und damit dessen Ehre zu retten, wenn sie seine Geliebte wird. Als sie gezwungenermaßen, in Überwindung ihrer moralischen Einstellung einwilligt, verzichtet er, plötzlich sich der anderen Seite seines Wesens besinnend, großzügig auf ihre Gegenleistung. Nachdem er wieder einmal in großen Geldnöten, sie aber durch eine Erbschaft reich geworden ist, bietet sie ihm aus dankbarer Liebe ihr Geld und die Ehe an. Sie verloben sich, doch bald darauf verliebt sich Dmitri in Agrafena Swetlowa (Gruschenka), die wegen ihres Vorlebens mit dem polnischen Offizier Mussjalowitsch und der Verbindung mit ihrem Wohltäter, dem Kaufmann Samsonow, in der gehobenen Gesellschaft nicht anerkannt ist. Gruschenka hat eine seinem Charakter entsprechende ambivalente, leidenschaftliche Seele und wird auch von seinem Vater umworben.
Der 24-jährige Iwan, der die Universität besucht hat, verdient seinen Unterhalt mit Privatstunden und dem Schreiben von philosophischen Artikeln. Er verkörpert den aufgeklärten, verstandesorientierten, atheistischen Intellektuellen. Er bezweifelt, aus Enttäuschung über das von Gott nicht verhinderte Leid in der Welt, die Autorität der christlichen Gebote und der damit verbundenen Belohnungen und Strafen. Deshalb sei der Mensch sein eigener Gott und folglich moralisch in seinen Entscheidungen und Taten frei. Diese Theorie führt in Verbindung mit seiner unglücklichen Vaterbeziehung und der Gefolgschaft Smerdjakows zur Katastrophe. Ein weiterer Aspekt der komplexen Familienbeziehungen ist die Liebe Iwans zu Katerina, die sein Bruder bereit ist an ihn abzugeben. Sie ist verwirrt durch diese Situation zwischen Eifersucht auf Gruschenka und Achtung des ernsthaften Iwan, was nach dessen Selbstbeschuldigung, moralisch mitverantwortlich für den Vatermord zu sein, zu einer Änderung ihrer Aussage im Laufe des Gerichtsprozesses und zur Belastung Dmitris führt.
Iwans Ideen finden vor allem das Interesse seines mutmaßlichen, gleichaltrigen Halbbruders Pawel Smerdjakow. Dieser arbeitet im Haus Karamasow als Koch und alle Indizien, obwohl Fjodor sich nicht als Vater bekennt, sprechen dafür, dass er sein illegitimer SohnSwetlana Geier: Brat’ja Karamazovy. In: Kindlers Literatur Lexikon im dtv. Band 3, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1986, S. 1616. mit der geistesgestörten Lisaweta Smerdjastschaja, der „Stinkenden“ ist. Er bewundert Iwan als seinen Mentor und ist bereit, da er an dessen Einverständnis glaubt, für ihn einen Mord zu begehen, um ihm zu einer größeren Erbschaft zu verhelfen. Er erhofft sich dadurch dessen Anerkennung. Als dieser jedoch über seine Tat und seine eigenen unbewussten Wünsche entsetzt ist, erhängt er sich, ohne ein Geständnis zurückzulassen, und lässt damit zu, dass Dmitri verurteilt wird.
Alexej („Aljoscha“) ist der jüngste Sohn (20 Jahre) und Iwans Vollbruder. Er wird im Vorwort vom Erzähler zum Protagonisten erklärt und begleitet den Leser die meiste Zeit. Er ist Novize und Schüler des Priestermönchs und Starez Sossima, der als Gegenfigur zu Fjodor gezeichnet wird und Alexejs geistiger Vater ist. Wie sein Vorbild Sossima vertritt Alexej ein russisch-orthodoxes Christentum, in dessen Zentrum Mitleid, gegenseitiges Verzeihen und Vergebung der Schuld stehen. Er versucht in den komplizierten personalen Beziehungen zu vermitteln und ist ständig auf dem Weg von einer Person zur anderen, um sich die verschiedenen Geschichten anzuhören, um Botschaften weiterzugeben und um Verständnis füreinander zu werben. So gelingt es ihm, den neunjährigen Iljuscha Snegirjow, der verachtet wird, weil sein Vater Nicolai Snegirjow ein aus dem Dienst entlassener, verarmter Soldat ist, mit seinen Schulkameraden, unter denen auch der von ihm bewunderte Kolja Krassotkin ist, auszusöhnen. Alexej geht auch zuerst einmal auf die Heiratswünsche der psychisch-physisch kranken, in ihn verliebten 14-jährigen Lisa Chochlakow ein, verlagert diese Wünsche jedoch geschickt in die Zukunft und hilft ihr so bei der Bewältigung ihrer Krise. Mit dieser Einstellung verlässt er nach Sossimas Rat das Kloster.
Handlung Die Haupthandlung beginnt mit Dmitris Streit mit dem Vater, der ihm angeblich Geld aus dem Erbe seiner Mutter schuldet und der um dieselbe Frau, Agrafena Alexandrowna, wirbt. An den ersten beiden Tagen (1. und 2. Teil) entfaltet sich diese Konfliktsituation zunehmend und eskaliert am dritten (3. Teil): Iwan fährt aus Enttäuschung darüber, dass sich Katerina trotz Dmitris Abwendung nicht von ihm lösen kann, nach Moskau, während Dmitri die ganze Zeit über Geld für ein Zusammenleben mit Gruschenka zu leihen versucht, das Vaterhaus beobachtet, um zu sehen, ob sie seinen Vater besucht, und dabei den ihn im Garten überraschenden Diener Grigori niederschlägt. Schließlich erfährt er von Gruschenkas Treffen mit ihrem früheren Liebhaber, dem polnischen Offizier, in Mokroje und reist ihr nach. Inzwischen hat Smerdjakow die Situation genutzt, Fjodor ermordet, Spuren gelegt und die 3000 Rubel versteckt.
Im Prozess vor dem Bezirksgericht (4. Teil) wird Dmitri des geplanten Mordes und Diebstahls beschuldigt. Da er verschiedentlich geäußert hat, den Vater töten zu wollen, und ihn auch tätlich angegriffen hat, ist der Verdacht sofort auf ihn gefallen, zumal er am Tatort war (3. Teil, 8. Buch, 4. Kap.) und in derselben Nacht für ein orgiastisches Fest mit Gruschenka in einer Gastwirtschaft des Dorfes Mokroje viel Geld verjubelt hat (3. Teil, 8. Buch, 5. und 6. Kap.), obwohl er vorher bei seinen Bekannten vergeblich größere Summen zu leihen versuchte. Der Staatsanwalt vermutet, dass er nach dem Mord die 3000 Rubel gestohlen hat, die sein Vater aufbewahrt hatte, um sie der Geliebten zu schenken, wenn sie ihn besucht. Es gibt zwar keine Tatzeugen, aber die Indizien sprechen gegen ihn und das Gericht glaubt nicht seiner von Katerina bestätigten, verworrenen Erklärung, dass das Geld ihr gehört. So wird Dmitri schließlich zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Anfänglich akzeptiert er dies als gerechte Strafe für seinen Hass und seine Mordgedanken, willigt dann aber doch in die Fluchtpläne seines Bruders Iwan ein. Er wird sich nämlich zusammen mit seinem Bruder Alexej darüber bewusst, dass die Strafe, zumal er unschuldig ist, für ihn zu schwer wäre und er daran zu Grunde ginge. Der wirkliche Täter ist Smerdjakow, der Iwan den Mord gesteht (4. Teil, 11. Buch, 8. Kap.) und sich am Tag vor dem Prozessbeginn erhängt. Er hat geglaubt, durch die Tat einer unausgesprochenen Aufforderung Iwans nachzukommen.
Mit diesem Hauptstrang der Handlung sind weitere, die Thematik der Eltern-Kind-Beziehung illustrierende Geschichten verwoben: z. B. die der Gutsbesitzerin Katerina Chochlakow und ihrer übersensiblen, seit einem halben Jahr an den Füßen gelähmten, in Alexej verliebten 14-jährigen Tochter Lisa. Während Frau Chochlakow wegen ihrer engen kommunikativen Vernetzung im Roman eine Verbindungsrolle spielt, bildet die Handlung um den Starzen Sossima (2. Teil, 6. Buch, 2. Kap.), einen hochangesehenen Mönch aus einem Kloster nahe der Stadt, in dem Aljoscha eine Zeit lang gelebt hat, einen eigenen Schwerpunkt: eine Gegenwelt zur säkularisierten Stadt. Wie Sossima fungiert auch der verarmte ehemalige Soldat Nicolai Snegirjow als liebevoll-väterliche Kontrastfigur zu Fjodor Karamasow: Sein an Schwindsucht erkrankter Sohn Iljuscha kann die Verspottung seines Vaters durch Dmitri nicht verwinden und stirbt am Ende des Romans.
Idee mini|hochkant=1.2|Grabmal Dostojewskis in Sankt Petersburg, mit dem Bibelwort Joh. 12, 24, das auch das Motto der Brüder Karamasow ist.