Als „Schwarze Schmach“ (auch „Schwarze Schande“) wird eine hauptsächlich von Deutschland ausgehende, internationale rassistische Kampagne gegen den Einsatz französischer Kolonialtruppen während der Alliierten Rheinlandbesetzung, und der Stationierung französischer Truppen im Saargebiet, bezeichnet. Dabei wurden den Soldaten massenhafte Gewalttaten gegen deutsche Frauen und Kinder unterstellt. Die Kampagne erreichte zwischen 1920 und 1923 ihren Höhepunkt, verstummte allerdings auch bis 1930 nicht.
Vorgeschichte Im Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) sahen sich deutsche Soldaten erstmals mit französischen Kolonialtruppen konfrontiert. Die orientalisch uniformierten Zuaven (Infanterie) erregten wegen ihres „exotischen“ Aussehens zwar Aufsehen, aber kaum rassistisch konnotierte Abwehr, da sie überwiegend aus weißen Kolonisten oder Festlandfranzosen bestanden und nur aus wenigen Arabern. Anders lag der Fall bei den Algerienschützen (Infanterie, sogenannte Turcos) und Spahis (Kavallerie). Sie rekrutierten sich überwiegend aus Arabern, Berbern, Schwarzen und einigen wenigen weißen Kolonisten (, seit den 1950er Jahren „Schwarzfüße“ genannt), die unter meist weißen Offizieren dienten. Diese eingeborenen Kolonialsoldaten qualifizierte die deutsche Kriegspublizistik zumindest teilweise als „wilde Hilfsvölker“ ab.
Während des Ersten Weltkriegs gelangten dann rund 440.000 französische Kolonialsoldaten aus Algerien, Marokko, Tunesien, Französisch-Westafrika (Senegalschützen) sowie Madagaskar (, also Madagaskarschützen) auf den europäischen Kriegsschauplätzen zum Einsatz. Das bot den Anlass zu einer intensiven Propagandakampagne, die insbesondere auf von jenen Soldaten angeblich begangene Grausamkeiten zielte. Das Afrikanerbild war hochgradig rassistisch. Die Palette der Begrifflichkeiten reichte von , , , , , , und sowie Ausdrücken wie oder über und bis hin zum in den frühen 20ern dann prominenten Schlagwort .Christian Koller: „Von Wilden aller Rassen niedergemetzelt“, S. 103–134. Und wie dann erneut in den 20er Jahren wurde als Konsequenz der französischen Kolonialtruppenpolitik das Ende des Kolonialsystems und der europäischen Vorherrschaft in der Welt an die Wand gemalt. In der unmittelbaren Nachkriegszeit tauchten die afrikanischen Kolonialtruppen Frankreichs dann auch in den Memoiren Ludendorffs und Hindenburgs auf und wurden als Beleg dafür gewertet, dass die Entente ihren Sieg auf unredliche Art und Weise errungen habe.
Koloniale Besatzungstruppen im Rheinland 1919–1930 mini|Zeitungsartikel („Schwarze Plage in Europa“) im Daily Herald von Edmund Morel Die französischen Besetzungstruppen im Rheinland von 1919 bis 1930 wiesen einen bedeutenden Anteil afrikanischer Kolonialsoldaten auf. Von den insgesamt 85.000 ab Januar 1920 im Rheinland stationierten französischen Besatzungssoldaten waren in den Sommern 1920 und 1921 beinahe die Hälfte Afrikaner – Algerier, Marokkaner, Westafrikaner, Tunesier und Madegassen. Danach nahm die Zahl der Kolonialtruppen ab, die Westafrikaner wurden sogar vollständig abgezogen. Insbesondere zwischen 1920 und 1923 waren die Afrikaner im Rheinland Gegenstand einer intensiven, auch internationalen Diskussion. Parteien, Medien und andere Organisationen mobilisierten sich, um den Einsatz von Kolonialtruppen in Deutschland zu verhindern beziehungsweise als besondere Erniedrigung zu bezeichnen. Die deutsche Propagandakampagne gegen die Stationierung von Kolonialtruppen im Besatzungsgebiet wies hochgradig rassistische Züge auf und operierte mit Schlagworten wie „Schwarze Schmach“, „Negerpest“, „Schwarzer Schrecken“ und „Schwarze Schande“. Im Zentrum der Argumentation standen die angeblich massenhaften sexuellen Übergriffe der Afrikaner auf die Zivilbevölkerung. Daneben gab es auch zahlreiche nichtdeutsche propagandistische Stimmen gegen die französische Kolonialtruppenpolitik, am wichtigsten der britische Journalist Edmund Dene Morel und der italienische Innen- und Kolonialminister Francesco Saverio Nitti. Aber auch die amerikanische Schauspielerin und Journalistin Ray Beveridge, der schwedische Pastor Martin Liljeblad und katholisch-konservative Völkerbundgegner in der Schweiz waren federführend an der Auslandskampagne beteiligt.Robert C. Reinders: Racialism on the Left.
mini|Foto vom Einzug des 3. Regiments in Frankfurt am Main, veröffentlicht in der französischen Zeitschrift L'Illustration nach dem tödlichen Zwischenfall vom 6. April 1920 Bis im Frühjahr 1920 waren nur vereinzelte Stimmen gegen die Kolonialtruppen laut geworden. Am 6. April 1920 wurde eine breitere Öffentlichkeit auf die afrikanischen Besatzungseinheiten aufmerksam, als es in Frankfurt am Main zu einem Zwischenfall kam, bei dem marokkanische Soldaten mit einem Maschinengewehr mehrere Menschen töteten. Dieser Vorfall markierte den Beginn einer nahezu drei Jahre anhaltenden Präsenz der Kolonialtruppenproblematik in der öffentlichen Diskussion. In der deutschen Presse wurden die afrikanischen Besatzungstruppen nun plötzlich zu einem ständigen Thema und auch im Parlament kamen sie immer wieder zur Sprache. Am 23. April 1920 reichten mehrere deutschnationale Abgeordnete eine Anfrage an die Regierung betreffend , ein. Am 19. Mai gab die Nationalversammlung ihrer Empörung über in einer Interpellation Ausdruck, die von allen Fraktionen mit Ausnahme der Unabhängigen Sozialdemokraten unterstützt wurde: Außenminister Adolf Köster lehnte es seitens der Reichsregierung zwar ab, einzutreten, bezeichnete aber gleichwohl als . Im Juni 1920 beklagte eine Resolution des Evangelischen Bundes, das deutsche Volk müsse
Gründe für den Einsatz von Kolonialtruppen Der französische Historiker Nicolas Beaupré nennt drei hauptsächliche Gründe für den Einsatz von Kolonialtruppen: Die Regimenter des Mutterlandes konnten schneller demobilisiert werden; die Kolonialtruppen wurden durch diesen Einsatz geehrt () und die um ihre Kolonien gebrachten Deutschen sollten sehen, dass Frankreich mehr war als das Nachbarland und dass sich seine Macht auf die ganze Welt erstreckte. Beaupré schließt aber auch nicht aus, dass eine Demütigung des Feindes durch den Einsatz von Truppen, die zu dieser Zeit als angesehen wurden, beabsichtigt war.Nicolas Beaupré: Das Trauma des großen Krieges 1918–1932/33, Kapitel 3.4.
Offizielle und offiziöse Propaganda gegen die „Schwarze Schmach“ mini|hochkant|Briefmarke zur rassistischen Propaganda-Kampagne gegen die „Schwarze Schmach“ (1920) mini|hochkant|Propagandaplakat von Walter Riemer: (1920) Der Propagandafeldzug gegen die „Schwarze Schmach“ lässt sich grob in einen offiziellen und offiziösen sowie einen inoffiziellen Teil gliedern.Peter George Collar: The Propaganda War in the Rhineland. Ersterer wurde – ohne überall sich als offiziell zu erkennen zu geben – vom Auswärtigen Amt und vom Reichsministerium des Innern gesteuert. Diese beiden Ministerien arbeiteten eng mit Organisationen von offiziösem Charakter wie der „Rheinischen Frauenliga“ und der „Rheinischen Volkspflege“ zusammen. Auch für die Belieferung der Presse im In- und Ausland mit einschlägigem Material waren diese Stellen besorgt. Offenbar stießen sie dabei auf gewisse Probleme, bemerkte doch der Reichskommissar für die besetzten Gebiete in einem Bericht vom 6. Mai 1920, .Gisela Lebzelter: Die „Schwarze Schmach“, S. 44 f. Tatsächlich scheint trotz aller Gräuelpropaganda das effektive Verhältnis der Bevölkerung in der Besatzungszone zu den Kolonialsoldaten nicht schlechter als dasjenige zu den anderen französischen Besatzungstruppen gewesen zu sein. Eine wie auch immer verursachte, sich ausschließlich auf die kolonialen Besatzungssoldaten beziehende Furcht oder Verachtung lässt sich in den einschlägigen Quellen vor Ort nicht nachweisen.Christian Koller: „Afrika am Rhein“, S. 105–117. Die offizielle Propaganda zielte darauf ab, das Ausland auf die Zustände im Rheinland aufmerksam zu machen. Besonders wurden die Vereinigten Staaten angepeilt; deren öffentliche Meinung sollte gegen die Kolonialtruppen aufgehetzt und zu Druck auf die Regierung veranlasst werden, sich von den europäischen Siegermächten zu distanzieren. Frankreich sollte aber auch von seinen europäischen Verbündeten isoliert werden. Die Propaganda bediente sich dabei der Stereotypen der zeitgenössischen kolonialistischen Zivilisationsideologie.
Romane wie Artur Landsbergers Elisabeth und Magda Trotts Freiwild am Rhein (beide 1922) wurden mit direkten Bezügen auf die Propaganda veröffentlicht.
Erst 1923, zur Zeit der Ruhrbesetzung, nahm die Propaganda gegen die „Schwarze Schmach“ ab, einerseits, weil Frankreich sich mit seiner Aktion in den Augen der Deutschen vor der Weltöffentlichkeit derart als Aggressor disqualifiziert hatte, dass die antifranzösische Propaganda nun des Topos’ „Kolonialtruppen“ gar nicht mehr bedurfte, andererseits, weil die Vereinigten Staaten aus Protest gegen die Ruhrbesetzung ihr gesamtes Besatzungskontingent abzogen und damit einer der Hauptadressaten der deutschen Propaganda sein Interesse an der Rheinlandfrage zunehmend verlor. Ein Entwurf einer Rede von Reichspräsident Friedrich Ebert vom 13. Februar 1923 in Darmstadt enthielt eine Passage mit der Klage, Das Originalmanuskript legt aber den Schluss nahe, dass es nicht von Ebert selber verfasst wurde, und die Zeitungsberichte zeigen, dass Ebert an diesem Tag eine Rede mit einem ganz anderen Wortlaut hielt.
Bis zum Abzug der letzten französischen Besatzungstruppen im Jahre 1930 tauchte das Thema „Schwarze Schmach“ sporadisch wieder in den Medien auf.
Republikfeindliche Propaganda von rechts mini|Rassistische anti-französische Postkarte aus Deutschland (1922/1923) mini|Flugblatt des Deutschen Notbundes für eine internationale Kampagne gegen die "Schwarze Schmach" Neben der offiziellen und offiziösen Kampagne gab es zahlreiche Propagandaaktivitäten rechter republikfeindlicher Kreise, die sowohl außen- als auch besonders innenpolitisch motiviert waren. Die Anwesenheit afrikanischer Besatzungstruppen bot die ideale Gelegenheit, im Windschatten der offiziellen Propaganda sowohl gegen den Friedensvertrag von Versailles zu agitieren als auch eine breitere Öffentlichkeit mit rassistischem Gedankengut zu indoktrinieren und gleichzeitig gegen das „System“ und seine Repräsentanten, die „Novemberverbrecher“, die die Vorgänge im Rheinland nicht zu verhindern vermochten, Stimmung zu machen. Der Münchner Ingenieur Heinrich Distler, der sich dann bereits 1922 der nationalsozialistischen Bewegung anschließen sollte, gründete den „Deutschen Notbund gegen die Schwarze Schmach“ und gab die Zeitschrift „Die Schmach am Rhein“ heraus, die von den deutschen Behörden wegen ihrer allzu rassistischen Tendenz als kontraproduktiv abgelehnt wurde und mangels Nachfrage ihr Erscheinen schon nach wenigen Nummern einstellen musste. Distler war auch an der Produktion des (heute verschollenen) Films „Die Schwarze Schmach“ (1921) beteiligt, der stark mit sexuellem Sensationalismus arbeitete und dann von der Interalliierten Rheinlandkommission in den besetzten Gebieten und schließlich aufgrund seiner zahlreichen faktischen Fehler auch von den deutschen Behörden für das ganze Reichsgebiet verboten wurde. Auch der parallel dazu im Auftrag der „Rheinischen Frauenliga“ produzierte und eugenisch argumentierende Film „Die schwarze Pest“ wurde zensiert.Tobias Nagl: „Die Wacht am Rhein“, S. 135–154.
mini|Medaille von Karl Goetz (1920)