mini|Yehudi Menuhin (1976) rahmenlos|rechts|klasse=skin-invert-image
Yehudi Menuhin, Baron Menuhin, OM, KBE (* 22. April 1916 in New York City, New York als Yehudi Mnuchin; † 12. März 1999 in Berlin, Deutschland) war ein von Geburt US-amerikanischer, ab 1970 auch schweizerischer und ab 1985 auch britischer Violinist, Bratschist und Dirigent. Er zählt zu den bedeutendsten Geigenvirtuosen des 20. Jahrhunderts. Neben seiner Tätigkeit als Solist und Dirigent gründete Menuhin ab 1957 Institutionen und Projekte in verschiedenen Ländern zur Förderung der Musik.
Leben Herkunft mini|hochkant|Der Vater: Moshe Menuhin
Yehudi Menuhins Vater Moshe Mnuchin (1893–1982) wurde in Homel im heutigen Belarus als Nachfahre chassidischer Rabbiner geboren und verbrachte seine Jugend in Palästina. 1913 kam er in die Vereinigten Staaten, um an der New York University zu studieren. 1914 heiratete er Marutha Sher (ca. 1892–1996), die ebenfalls aus Russland stammte und in Palästina gelebt hatte.Transcription of Letter from Willa Cather to Yehudi Menuhin, October 12, 1936 Website des Willa Cather Archive. Zu den biografischen Daten der Familie Menuhin siehe Abschnitt Person Annotations. 1916 wurde Yehudi geboren. Die Mutter hatte seinen Vornamen – Yehudi bedeutet „Jude“ – aus Trotz gegen eine antisemitische Bemerkung einer Vermieterin gewählt.Yehudi Menuhin (1916-1999) New Internationalist, 2. Oktober 2004.
1918 zog die Familie nach San Francisco, wo Moshe Mnuchin als Hebräischlehrer arbeitete. Als die Familie 1919 eingebürgert wurde, änderte sie ihren Familiennamen in Menuhin. In den folgenden Jahren kamen Yehudis Schwestern zur Welt: Hephzibah (1920–1981) und Yaltah (1921–2001). Beide Schwestern erwiesen sich wie ihr Bruder schon in früher Kindheit als hochmusikalisch und wurden Pianistinnen. Dass auch die Schwestern als Wunderkinder gelten konnten, spiegelt sich in einem Ausspruch des Pianisten Marcel Ciampi. Nachdem ihm Hephzibah und danach die fünfjährige Yaltah in Paris vorgespielt hatten, rief er spontan: „Mais le ventre de Madame Menuhin est un véritable conservatoire“ („Der Bauch von Madame Menuhin ist ja ein richtiges Konservatorium“). Hephzibah Menuhin war fast fünfzig Jahre lang die bevorzugte musikalische Partnerin ihres Bruders.
Beide Eltern strebten danach, aus ihren Kindern glänzende Musiker zu machen. Ihr Ehrgeiz richtete sich vor allem auf den Sohn Yehudi. Insbesondere die Mutter griff zielstrebig und autoritär in das Leben der Kinder ein. Der Vater wirkte während der frühen Karriere seines Sohnes als dessen Manager und Agent, plante Auftritte, handelte Gagen aus und begleitete ihn auf seinen Konzertreisen. Möglicherweise um ihn noch besser als Wunderkind verkaufen zu können, gab Moshe Menuhin stets den 22. Januar 1917 als den Geburtstag seines Sohnes an. Diese Verfälschung um neun Monate führte dazu, dass Menuhins Alter in zeitgenössischen Berichten oft mit einem Jahr zu wenig angegeben wurde. Erst 1938, als Menuhin 22 Jahre alt und schon verheiratet war,Vgl. Video bei YouTube (0:25 Min.): Ausschnitt aus einer Nachrichtensendung mit Kurzbericht zu Menuhins Heirat am 26. Mai 1938 (0:06 bis 0:19). Sein Alter wird mit 21 Jahren angegeben (bei 0:14). Tatsächlich war er 22 Jahre alt. gab sein Vater den Schwindel zu.Humphrey Burton: Menuhin. A life. 2000, Neuauflage 2016, Kapitel 1: Origins.
Kindheit und Ausbildung Im Alter von vier Jahren bekam Yehudi Menuhin eine billige Geige aus Blech und einen Bogen von seinen Eltern. Auf den unschönen Klang des Instruments reagierte er mit einem Wutanfall und warf es auf den Boden. Mit finanzieller Unterstützung der Großmutter in Palästina kaufte ihm seine Mutter daraufhin eine kleine Geige (1⁄2-Geige) aus Holz.Jacqueline Kent: ‘Artistry under oath’: Biography and the life story of Hephzibah Menuhin. Dissertation an der University of Technology Sydney, 2007, S. 15 (PDF-Download). Ab 1921 erhielt er zwei Jahre lang ersten Unterricht bei dem österreichischen Geiger Sigmund Anker, der in San Francisco eine Violinschule betrieb. Im Februar und im April 1922 trat er öffentlich mit einzelnen Stücken auf, jeweils im Fairmont Hotel in San Francisco, und im Juni 1922 war er in einem lokalen Radiosender zu hören. Am 9. November 1922 spielte er im Civic Auditorium von San Francisco das einsätzige a-Moll-Violinkonzert von Accolay mit Klavierbegleitung. Laut dem Menuhin-Biografen Humphrey Burton kann man diesen Auftritt als Menuhins Debüt ansehen, weil es erstmals eine ernstzunehmende Rezension gab: Der angesehene Musikkritiker Redfern Mason rühmte Menuhin und schrieb, man könne in ihm schon den späteren Meister erkennen. Im Februar 1923 folgte ein Auftritt mit Bériots Violinkonzert Nr. 9, wieder mit positiver Resonanz.Humphrey Burton: Menuhin. A life. 2000, Neuauflage 2016, Kapitel The Prodigy (= Das Wunderkind).
Ab Juli 1923 wurde Menuhin von Louis Persinger unterrichtet, der seit 1916 Konzertmeister des San Francisco Symphony Orchestra war. Als Menuhins professionelles Debüt wird meist ein Auftritt im Auditorium von Oakland am 29. Februar 1924 genannt. Am Klavier begleitet von Persinger, trug er Bériots Scène de ballet und als Zugabe Sarasates Zigeunerweisen vor. Dasselbe Programm spielte er zwei Wochen später in San Francisco vor mindestens 6000 Schulkindern als Publikum, im Rahmen eines Konzerts des San Francisco Symphony Orchestra im Civic Auditorium. Wiederum folgten vielversprechende Kritiken. Am 30. März 1925 bestritt er, begleitet von Persinger, im Scottish Rite Auditorium erstmals ein ganzes Recital, unter anderem mit dem Violinkonzert von Mendelssohn – der Biograf Philip Bailey betrachtet diesen Auftritt als Menuhins Debüt.Philip Bailey: Yehudiana – Reliving the Menuhin Odyssey (zweiteilige Biografie, 2008 und 2010), Tables of Contents, siehe „Yehudi's professional début“ unter Book One, Chapter 3, 1925. Redfern Mason schrieb abermals eine überschwängliche Rezension im San Francisco Examiner.
Persinger zog im Winter 1925/26 nach New York; die Menuhins folgten ihm, um den wertvollen Unterricht nicht zu verlieren. Dort erhielt der Knabe erstmals auch theoretischen Musikunterricht am Institute of Musical Art, der späteren renommierten Juilliard School. Am 17. Januar 1926 gab Menuhin sein New Yorker Debüt im Manhattan Opera House. Damals spielte er noch auf einer kleinen Geige, einer 7⁄8-Geige.
Auf Persingers Rat und unterstützt von dem Mäzen Sidney Ehrman, entschieden sich die Menuhins, 1926 nach Paris zu ziehen. Von dort aus reiste Menuhin mit seiner Mutter zunächst zu Persingers ehemaligem Lehrer Eugène Ysaÿe in Brüssel. Ysaÿe war damals 68 Jahre alt und konnte wegen einer Fußkrankheit nicht mehr stehen. Als Menuhin ihm vorgestellt wurde, bewältigte er zwar die enormen Schwierigkeiten der Symphonie espagnole von Edouard Lalo mühelos. Er scheiterte aber, als Ysaÿe ihn anschließend aufforderte, ein A-Dur-Arpeggio über vier Oktaven zu spielen. Wie Menuhin später zugab, hatte er als Kind keine Tonleitern und Etüden geübt. Persinger hatte ihm zwar derartige Übungen aufgeschrieben, er hatte sie aber ignoriert, weil er einen Widerwillen gegen diese „abstrakte Technik“ empfand. Ysaÿe riet ihm: „Üben täte dir gut.“
Menuhin fühlte sich von der Atmosphäre in Ysaÿes Wohnung abgestoßen und lehnte dessen Angebot ab, ihn zu unterrichten. Er wollte stattdessen in Paris bei George Enescu lernen, was er schon seit einem Jahr gesagt hatte. Enescu willigte ein, Menuhin zu unterrichten. Bevor der Unterricht beginnen konnte, ging Enescu aber einige Monate auf Konzertreise. Unterdessen gab Menuhin sein Pariser Debüt bei zwei umjubelten Auftritten mit dem Orchestre Lamoureux unter der Leitung von Paul Paray. Dabei spielte er erstmals auf einer original großen Violine. Am 6. Februar 1927 stand zunächst Lalos Symphonie espagnole auf dem Programm. Bei einem weiteren Auftritt mit denselben Musikern und Tschaikowskys Violinkonzert am 12. Februar kam es zu einem Missgeschick, das den Zuspruch des Publikums aber nicht beeinträchtigte: Während des Konzertes riss die E-Saite der neuen Geige und musste vom Konzertmeister repariert werden, bevor das Werk beendet werden konnte. Nach seiner Rückkehr begann Enescu Menuhin zu unterrichten. Im Sommer reiste die ganze Familie in Enescus rumänisches Ferienidyll Sinaia, wo der Unterricht fortgesetzt wurde und Yehudi mit der Musik der Roma Bekanntschaft machte. Nach einem unbeschwerten Sommer forderte ihn Enescu auf, bei Adolf Busch weiter zu studieren, weil er sonst „fast zu viel Zigeuner“ würde. Menuhin sollte die „deutsche Schule“ durchlaufen.
mini|Yehudi Menuhin mit Bruno Walter, 1929
Die Familie Menuhin kehrte nach Amerika zurück. Im November 1927 gab Yehudi ein triumphales Debüt in der Carnegie Hall in New York. Er spielte das Violinkonzert von Beethoven mit dem New York Symphony Orchestra und Fritz Busch als Dirigent. Zurück in Kalifornien, bekam er vorübergehend wieder Unterricht bei Louis Persinger. Im März 1928 spielte er in einer Kirche in Oakland seine ersten Platten ein, am Klavier begleitet von Persinger. Die Schellackplatten wurden von der Victor Talking Machine Company produziert. Im Dezember 1928 begann seine erste Konzerttournee in den Vereinigten Staaten, die bis zum März 1929 dauerte.Humphrey Burton: Menuhin. A life. 2000, Neuauflage 2016, Kapitel 3: ‘Keep your eyes on the stars’.
Im Januar 1929 bekam er von einem Mäzen die Stradivari „Khevenhüller“ geschenkt. Mit dieser gab er am 12. April 1929 sein Debüt in Berlin. Er bewältigte mit den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Bruno Walter ein enormes Programm: vor der Pause Bachs E-Dur-Konzert und das Violinkonzert von Beethoven, nach der Pause Brahms’ Violinkonzert – und als Zugabe den zweiten und dritten Satz des Violinkonzerts von Mendelssohn. Albert Einstein saß im Publikum und sagte Menuhin nach dem Konzert, er habe soeben gelernt, dass es doch noch Wunder gebe. Im gleichen Jahr debütierte Menuhin in der Queen’s Hall mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von Fritz Busch.
1929 studierte er bei Adolf Busch. Busch hatte Hubert Giesen als Menuhins persönlichen Pianisten für das „Wunderkind“ engagiert und aus Stuttgart nach Basel geholt – mit einem großzügig dotierten Vertrag über 24.000 Mark Jahresgehalt. In seinen Memoiren schildert Giesen, der von Menuhin „Hubsie“ genannt wurde, ihren Tagesablauf. Giesens Arbeit begann um acht Uhr morgens. Bis zwölf Uhr musste er im Musikzimmer den Klavierpart jener Stücke üben, in denen er den Geiger begleitete. Dieser übte seinerseits allein in seinem Zimmer. Am Nachmittag kam man zusammen. Nach einigen Monaten verlangte Busch, dass Yehudi und Giesen täglich eine Stunde „Kammermusik vom Blatt“ spielten.Am Flügel Hubert Giesen. Meine Lebenserinnerungen. S. Fischer Verlag, 1982, ISBN 3-10-025401-5. Yehudis Eltern engagierten einen Deutschlehrer und eine Italienischlehrerin aus Mailand. Mit Giesen sprach Yehudi bald Deutsch. Nach einer Tournee gab ihm Adolf Busch im Sommer 1930 den letzten geigerischen Schliff. Der Busch-Gesellschaft schrieb er 1966 aus London: „Durch Adolf Busch habe ich das tiefe Erbe der deutschen Musik kennengelernt.“Sigfried Schibli: , abgerufen am 15. Januar 2020.
Weltkarriere mini|hochkant|Yehudi Menuhin (1943) mini|hochkant|Yehudi Menuhin 1957 in der Lukaskirche in Luzern, Foto: Herbert Maeder mini|hochkant|Yehudi Menuhin, 1963 mini|hochkant|Yehudi Menuhin mit Stéphane Grappelli, 1976
In den Jahren 1929 bis 1931 unternahm Yehudi Menuhin zusammen mit seinem Klavierbegleiter Hubert Giesen und seinem Vater Tourneen in Europa und Amerika. Danach wurde der polnische Pianist Artur Balsam sein Klavierbegleiter.