Der Tabakhändler, englischer Originaltitel The Sot-Weed Factor, ist ein erstmals 1960 veröffentlichter Roman des amerikanischen Schriftstellers John Barth (1930–2024). 1967 erschien eine vom Autor revidierte und um 50 Seiten gekürzte Neufassung dieses RomansVgl. . Auf: The John Barth Information Centre. Abgerufen am 21. Juli 2014., der als eines der Hauptwerke der amerikanischen Postmoderne gilt.Vgl. Franz Link: Experimentelle Erzählkunst – The Sot-Weed Factor, 1960. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950. Themen – Inhalte – Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 325.

Die Handlung ist angelehnt an das 1708 erschienene satirische Versepos gleichen Namens, in dem der obskure englische Dichter Ebenezer Cook (ca. 1667–1732) seine unerfreulichen Erfahrungen nach seiner Auswanderung in der nordamerikanischen Kolonie Maryland schilderte. Cook, über dessen Leben kaum etwas historisch Gesichertes bekannt ist, ist auch der Erzähler von Barths Werk, und gerät hier ebenfalls – zumeist in Begleitung seines verschlagenen Dieners – in zahlreiche missliche, oft groteske Situationen, in denen insbesondere er immer aufs Neue seine Jungfräulichkeit verteidigen muss. Wie in vielen barocken Pikaresken (etwa Potockis Die Handschrift von Saragossa) verflüchtigt sich die Handlung oftmals in verwickelten Exkursen und Wechseln der Erzählebenen und -instanzen; insbesondere thematisiert der Roman die Absurdität seines Plots in zahlreichen metafiktionalen Ausführungen und ist somit im Grunde als „Antiroman“ angelegt.

Inhalt Barths Romanfigur des Ebenezer Cook (auch alternative Schreibweise Cooke) wurde 1666 mit seiner Zwillingsschwester Anna in der nordamerikanischen Kolonie Maryland geboren. Nach dem Tod der Mutter bei der Geburt kehrt der Vater nach England zurück und gibt die Kinder in die Obhut Henry Burlingames als Vormund, bis Ebenezer die Universität besucht. Ebenezer bricht sein Studium allerdings ab und soll in einem Londoner Kontor darauf vorbereitet werden, das väterliche Anwesen in Maryland zu übernehmen. Der junge Ebenezer fühlt sich, obwohl er noch keine einzige Zeile geschrieben hat, zum Dichter berufen und verbringt seine Freizeit vornehmlich in der Schenke. Dort lernt er auch die Prostituierte Joan Toast kennen, die er jedoch unberührt lässt. Er verliert einen Wettstreit mit seinen Freunden um Joan und sein Vater ist gezwungen, seine Schulden zu begleichen. Burlingame ernennt ihn in der Maske Baron Baltimores, des früheren Eigentümers der Kolonie, zum Poeta laureatus. Daraufhin verlässt Ebenezer England in der Absicht, das Loblied der Kolonie in einer Marylandiade zu dichten und als Dichter seine Keuschheit zu bewahren. Schon auf der Überfahrt und anschließend bei seinem Aufenthalt in Maryland hat Ebenezer im weiteren Verlauf zahlreiche kaum vorstellbare Abenteuer zu bestehen. Am Ende verliert er seine Unschuld an die inzwischen von Drogen und Geschlechtskrankheiten grässlich entstellte Joan, die er in der Zwischenzeit, ohne es zu wissen, bereits geheiratet hatte, und gewinnt so das ererbte Anwesen zurück.

Interpretationsansatz Trotz verschiedener Rückblicke in die Jugend des Protagonisten Ebenezer Cook und in die frühe Geschichte der englischen Kolonie Maryland wie auch mehrerer Ausblicke auf das weitere Schicksal der Romanfiguren im Epilog konzentriert sich der Roman auf über 800 Seiten in großer epischer Breite im Wesentlichen auf die Jahre 1694/95, die Überfahrt nach Maryland und die Abenteuer, die Cook zu bestehen hat, um Malden, den Besitz seines Vaters, übernehmen zu können.

Barth nimmt damit einerseits die Tradition des historisch-kritischen Romans auf, wie sie beispielsweise William Makepeace Thackeray in The History of Henry Esmond (1852) entwickelt hatte, greift andererseits aber auch auf das Genre des Abenteuerromans zurück, das beispielsweise in Tobias Smolletts Roderick Random (1748) ausgeformt wurde. Allerdings parodiert Barth in seinem Werk diese Vorläufer; mit einer geschickten Imitation der Sprache seiner Vorgänger führt Barth den Leser durch eine bunte Fülle von Liebesabenteuern, Piratenüberfällen oder Indianerangriffen. Zwar bleibt der Leser in Spannung, wird aber gleichzeitig immer wieder durch schier unglaubliche Zufälle in die Irre geführt, die die erwartete Zuverlässigkeit bzw. Glaubwürdigkeit des Erzählers in Frage stellen.Wie Richard A. Betts in seiner Analyse des Romans zeigt, werden überwiegend durch komische Verfremdungen im historischen Sprachgebrauch zugleich die literarischen Konventionen des 17. und 18. Jahrhunderts parodiert. Siehe Richard A. Betts: The Joke as Informing Principle in “The Sot-Weed Factor”. In: College Literature, Vol. 10, No. 1, Winter 1983, veröffentlicht von der Johns Hopkins University Press, S. 38–49, hier insbesondere S. 45 ff. Bereits während der Reise erlebt Baths Cook zahlreiche Abenteuer, die zwei Fragen aufwerfen: die nach seiner Identität sowie derjenigen seines früheren Tutors Henry Burlingame und die nach seiner Unschuld. Cook wird als vermeintlicher Anhänger Lord Baltimores in die Auseinandersetzungen der politischen Parteien verwickelt; sein Leben ist ständig bedroht. Er entkommt, da sich andere zumeist ohne sein Wissen für ihn ausgeben. In gleicher Weise, wie andere sich für Cook ausgeben, übernimmt Lord Baltimore eine Vielzahl anderer Rollen. Barths Spiel mit den Masken, das die Identität der Beteiligten immer wieder in Frage stellt, durchzieht den gesamten Roman. Am Ende kann der Gegner Cooks, John Code, nicht identifiziert werden; Burlingame verschwindet und Cook weiß nicht, wer sein Tutor war bzw. was aus ihm geworden ist.

Dieses Infragestellen der Identitäten liegt in einem Menschenbild begründet, nach der der Mensch „der Narr des Zufalls“ und das „Spielzeug der ziellosen Natur“ ist, nicht mehr als eine „Fliege in den Winden des Chaos“ (Chance’s fool, the toy of aimless nature – a mayfly flitting down the winds of chaos, S. 372).Vgl. Franz Link: Experimentelle Erzählkunst – The Sot-Weed Factor, 1960. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950. Themen – Inhalte – Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 326.

Sollte der Mensch um seine Bestimmung wissen, würde er zwangsläufig wahnsinnig werden. Davor kann er sich nur schützen, indem er sich darüber keinerlei Gedanken macht. Er kann sich aber des Nichts, das seine Seele ausmacht, bemächtigen und es nach seinem Willen formen (S. 373). In dieser nihilistischen Sichtweise wird der Mensch derart zum Schöpfer seiner eigenen Identität. Diese schafft sich auch der Protagonist des Romans, indem er seine Unschuld als höchsten Wert und seine Ambition, Dichter zu werden, bewahrt. Diese Ambition wiederum ist nach Cooks Auffassung die Grundlage seiner Unschuld. Burlingame dagegen versucht seine Identität durch die Entschlüsselung seiner Herkunft zu gewinnen. So steht die Identität der Romanfiguren im Einklang mit der jeweiligen Suche nach ihr. Burlingame verschwindet als Person von der Bildfläche, nachdem er seine Herkunft in Erfahrung gebracht hat; Cook wird zum bedeutungslosen Schreiber, nachdem er sich gezwungen sah, seine Unschuld zu opfern, und zum lorbeergekrönten Dichter geworden ist, d. h. zum poeta laureatus ernannt wurde.

Cooks Geschichte seiner Unschuld beginnt, als er den Versuchungen der Dirne Joan Toast widersteht: Am Ende heiratet er Joan jedoch, nachdem diese ihm nachgereist ist und kaum vorstellbare Abenteuer erlebt hat, die zumeist mit einer Vergewaltigung endeten. Ebenezer Cook geht nicht nur formal die Ehe mit ihr ein, sondern vollzieht sie auch, um so den Besitz seines Vaters zurückzuerhalten, der zwischenzeitlich an Joan gefallen war. In seiner Rolle als Dichter glaubt Cook dagegen, sich nicht auf das reale Leben einlassen zu dürfen, erkennt darin am Schluss allerdings seinen großen Fehler: “This was the great mistake I made in starting: the poet must fling himself into the arms of Life” (S. 511). Um seine Unschuld als Emblem seiner Distanz zum wirklichen Leben nicht preisgeben zu müssen, hatte er andere gefährdet und insbesondere Joan endgültig in den Untergang getrieben. Der Vollzug der Ehe mit Joan ist daher nicht allein durch die Rückgewinnung des väterlichen Besitzes motiviert, sondern ebenfalls eine Buße für die an Joan begangene Schuld (S. 801). Ironischerweise wird an dieser Stelle im Roman die Geschichte vom Sündenfall zu derjenigen von der Notwendigkeit des Sündenfalls. Die Geschichten der beiden findet ihr Ende mit dem Tod Joans bei der Geburt ihres Kindes und der Syphilis Ebenezers, der sich von Joan angesteckt hat.Vgl. Franz Link: Experimentelle Erzählkunst – The Sot-Weed Factor, 1960. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950. Themen – Inhalte – Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 326 f.

In der Geschichte Burlingames, die in dem Roman ebenfalls ausführlich geschildert wird, geht es neben der Bestimmung der Identität und Herkunft darüber hinausgehend um die Geschichte des Landes im Besonderen und das Verständnis der Geschichte im Allgemeinen. Als Burlingame Ebenezer über die Freiheit in den Kolonien aufklärt (S. 181), interpretiert er in diesem Zusammenhang die stets neu postulierte Geschichtslosigkeit der Neuen Welt in der Weise, dass der Geschichtsschreiber erst die Geschichte dieser Welt schaffe, so wie der Einzelne seine Identität erst schaffe.

Diese Machbarkeit der Geschichte wird in dem Roman im Weiteren anhand der Diskrepanz zwischen Captain John Smiths General Historie of Virginia von 1624 und dessen geheimen Tagebuch, das natürlich von Barth fiktiv gestaltet wurde, verdeutlicht. Im Epilog zieht der „Autor“ daraus die Schlussfolgerung bzw. Lehre, dass wir alle mehr oder weniger unsere Vergangenheit erfinden würden. In einem bildhaften Vergleich werden hier die vergangenen Ereignisse als „Lehm bzw. Ton im Moment der Gegenwart“ bezeichnet, die wir für uns „modellieren“ müssten (“we all invent our past … the happenings of former times are as clay in the present moment that … the lot of us must sculpt”, S. 805). Die Wirklichkeit, die in der gedruckten Historie dargestellt wird, wird in dem geheimen Tagebuch Smiths, das Burlingame aufspürt, als Mythos aufgedeckt. Die Wirklichkeit, die sich aus dem Tagebuch ergibt, ist aber ihrerseits wiederum nur ein neuer Mythos, der dazu dient, „das Chaos zu überdecken, mit dem der Mensch zu leben gezwungen ist“.Franz Link: Experimentelle Erzählkunst – The Sot-Weed Factor, 1960. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950. Themen – Inhalte – Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 327.

Auch in den weiteren Handlungszweigen und Themen des Romans spiegelt sich die grundsätzliche Sinnlosigkeit einer Welt ohne Gott. Der Mensch lebt in diesem Chaos als Spielball von Mächten, die er nicht beherrschen kann. Trotz der Versuche der Menschen, sich in der chaotischen Welt dadurch zu behaupten, dass sie versuchen, ihr einen Sinn zu geben, zeigt das Schicksal der Charaktere im Roman nur deren Versinken im Chaos bzw. in der Bedeutungslosigkeit.

Cook arbeitet am Ende für bzw. mit einem gewissen Nicholas Lowe, als der Burlingame ihm zuletzt erschienen war. Bis zu seinem Lebensende nimmt er an, dass Burlingame sich hinter Lowe verberge. In dieser Hinsicht erscheint die Welt, die der Mensch sich erschafft, in Barths Roman „nicht als Wille und Vorstellung im Schopenhauerschen Sinne, sondern als bloße fixe Idee“. Durch die Parodie der literarischen Form des Abenteuer- und Geschichtsromans werden in The Sot-Weed Factor „als erlebt dargestellte historische und fiktive Welten zu einem Spielmaterial“, aus dem in paranoider Form Zusammenhänge oder Identitäten geschaffen werden, deren Wirklichkeiten sich immer wieder aufheben.Franz Link: Experimentelle Erzählkunst – The Sot-Weed Factor, 1960. In: Franz Link: Amerikanische Erzähler seit 1950. Themen – Inhalte – Formen. Schöningh, Paderborn 1993, ISBN 3-506-70822-8, S. 327 f.

Werkgeschichtlicher Hintergrund und intertextuelle Bezüge