mini|hochkant|Wendelinskapelle von Südosten Die Wendelinskapelle in Butzbach im Wetteraukreis ist die ehemalige Hospitalkapelle der Stadt. Sie entstand um das Jahr 1440 und ist damit die älteste Fachwerkkirche in Hessen und eine der ältesten Fachwerkkirchen in Deutschland. Das hessische Kulturdenkmal hat einen Dachreiter mit Spitzhelm sowie Maßwerkfenster und beherbergt einen Schnitzaltar aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts., abgerufen am 5. Juli 2019.

Geschichte mini|hochkant|Westansicht mit nördlichem Anbau mini|hochkant|Inschrift mit der Jahreszahl 1508 im westlichen Pfosten Bei archäologischen Ausgrabungen vom 1. Oktober 1980 bis zum 5. Dezember 1981 entdeckte man drei Lagen von Fußböden aus unterschiedlichem Material und verschiedenen Bauzeiten.Weyrauch, Meyrahn: Wendelinskapelle und Hospital St. Wendel. 1988, S. 10. Innerhalb des Grundrisses des heutigen Ostteils befanden sich 0,80 Meter breite Basaltfundamente einer älteren Kapelle, die aufgrund von Keramikfunden ins 13. Jahrhundert datiert wurden. Vermutlich war dieser Vorgängerbau aus Stein und nicht aus Holz errichtet, da eine Kapelle im benachbarten Griedel aus derselben Bauzeit ebenfalls aus Stein aufgemauert wurde.Weyrauch, Meyrahn: Wendelinskapelle und Hospital St. Wendel. 1988, S. 21. Unterhalb dieser Fundamente befanden sich ein Pfostenloch nördlich des Altarsockels, eine dunkelbraune Schicht und eine 6–7 cm starke Torfschicht, die als der ursprüngliche Fußboden eines noch älteren Gebäudes gedeutet wurde. Eine spätkarolingische Scherbe und menschliche Wirbelknochen in einer Grube im Altarbereich weisen auf eine sakrale Nutzung eines hölzernen Gebäudes hin, das etwa im 10. Jahrhundert an der alten Römerstraße errichtet wurde. Diese führte von Friedberg rechts an der Kapelle vorbei durch das Lagerdorf des Kastells Hunneburg zum Limesübergang am Kleinkastell Degerfeld.Weyrauch, Meyrahn: Wendelinskapelle und Hospital St. Wendel. 1988, S. 20.

Die Trennung des Hospitals von der Mutterkirche, der Pfarrkirche St. Markus, ist in einer Urkunde aus dem Jahr 1375 bezeugt, die Philipp VII. von Falkenstein als Stifter von Gotteshaus und Hospital ausweist.Kappeler-Meyer (Bearb.): Mittelalterliche Retabel in Hessen, S. 1 (PDF; 401 kB). Der Bericht über eine angebliche Weihe im Jahr 1208 stammt aus einem 1721 angelegten Kirchenbuch.Gail und Winfried Schunk: Butzbach-Chronik. Zeittafel für Butzbach und seine Stadtteile. 2. Auflage. Geschichtsverein für Butzbach und Umgebung, Butzbach 2007, S. 12 (online, abgerufen am 5. Juli 2019). Die Angabe ist unwahrscheinlich, aus Urkunden nicht zu belegen und rührt daher, dass die Jahreszahl 1508 im westlichen Pfosten falsch gedeutet wurde.Wolf: Zur Kirchengeschichte Butzbachs in vorreformatorischer Zeit. 1994, S. 49. Die Vorgängerkapelle wurde um 1370 vor dem südlichen Stadttor, dem Weiseler Tor, errichtet. Sie unterstand dem Patrozinium des heiligen Wendelin, des Patrons der Hirten und Bauern, der Alten und Kranken. Nach Dieter Wolf hat Kuno II. von Falkenstein, dessen Neffe Philipp VII. Stadtherr von Butzbach war, die Verbindung zu Wendelin hergestellt.Wächtershäuser: Der Wendelinaltar in der Wendelinkapelle in Butzbach. 1994, S. 14. Die 1375 eingerichtete Pfarrstelle mit eigenem Tauf- und Bestattungsrecht wurde meist von den Pfarrern der etwa 500 Meter entfernten Markuskirche versorgt. Das Gotteshaus wurde um 1440 um einen Ostteil erweitert. Als Fälldatum einiger Balken wurde das Jahr 1438 dendrochronologisch nachgewiesen.Gail und Winfried Schunk: Butzbach-Chronik. Zeittafel für Butzbach und seine Stadtteile. 2. Auflage. Geschichtsverein für Butzbach und Umgebung, Butzbach 2007, S. 20 (online, abgerufen am 5. Juli 2019). Der westliche Baukörper wurde 1508 ersetzt.

Mit Einführung der Reformation im Jahr 1536 wechselte die Kirchengemeinde zum evangelisch-lutherischen Bekenntnis. In nachreformatorischer Zeit blieb die Funktion als gottesdienstliche Versammlungsstätte der zweiten Pfarrei erhalten. Die der Kapelle angegliederten Gebäude dienten jahrhundertelang der Pflege von Kranken und Armen und beherbergten Fremde.Kappeler-Meyer (Bearb.): Mittelalterliche Retabel in Hessen, S. 10 (PDF; 401 kB). Von dem großen, hofartig geschlossenen Baukomplex des Hospitals, der neben der Kapelle zehn weitere Gebäude umfasste, wurden 1832 bis auf die Hospitalkirche mit ihrem nördlichen Anbau, der im Kern auf das 18. Jahrhundert zurückgeht, aufgrund von Baufälligkeit alle anderen Gebäude abgerissen.Meyrahn: Wendelinskapelle und der Hospitalsgarten. 1995, S. 3. In dem nördlichen Anbau fand seitdem eine evangelische Schwesternstation ihre Bleibe, die 1974 aufgelöst wurde. In Zimmern mit zwei oder vier Betten konnten acht bis zehn Personen gepflegt werden. 1861 und 1886/1887 fanden Innenrenovierungen statt. Bis 1864 erklang in der Kapelle eine kleine einmanualige Orgel mit sieben Registern ohne Pedal. Sie wurde in dem Jahr durch einen Orgelneubau von Johann Georg Förster mit acht Registern einschließlich eines Pedalregisters ersetzt. Die Ostempore wurde 1897 eingebaut. Während des Ersten Weltkriegs diente der Anbau als Lazarett.Wächtershäuser: Der Wendelinaltar in der Wendelinkapelle in Butzbach. 1994, S. 16. Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Wendelinskapelle Schäden durch die Bombardierung vom 9. März 1945, die unter Leitung des ortsansässigen Architekten Heinz de Vries beseitigt wurden. So wurden Dach und Dachreiter neu eingeschiefert, die Decke neu verputzt und die Fenster erneuert. Die Einweihungsfeier am 9. Januar 1949 bildete den Abschluss der Baumaßnahmen, bei denen die Kanzel restauriert wurde.Meyrahn: Älteste Fachwerkkirche Hessens. 1989, S. 2. Förster & Nicolaus Orgelbau lieferte 1960 ein kleines Orgelpositiv mit vier Registern ohne Pedal. 1952 ging die Kapelle in den Besitz der Stadt über.Gail und Winfried Schunk: Chronik Butzbach. Zeittafel für Butzbach und seine Stadtteile. 2. Auflage. Geschichtsverein für Butzbach und Umgebung, Butzbach 2007, S. 56. Nach der Restaurierung in den Jahren 1979 bis 1987 fand die Wiederöffnung am 13. Dezember 1987 statt.Meyrahn: Älteste Fachwerkkirche Hessens. 1989, S. 1. In einem Nutzungsvertrag zwischen Kirchengemeinde und Stadt wurde 1986 geregelt, dass die Kapelle neben ihrer Funktion als Winterkirche für die Markuskirche für besondere Gottesdienste und kulturelle Zwecke zur Verfügung steht, vor allem für musikalische Veranstaltungen und Konzerte.

Restaurierung mini|hochkant|Freigelegte spätgotische Ornamente an den Kopfbändern der südlichen Wandstützen Ende 1979 beschloss der Magistrat der Stadt eine umfassende Restaurierung, die 1,5 Millionen Mark kostete. Zunächst wurde 1980 der Fußboden trockengelegt und um 0,40 Meter auf das ursprüngliche Niveau abgesenkt. Der gesamte Außenbereich wurde ebenfalls tiefer gelegt und besser entwässert. In den Jahren 1982 bis 1987 wurde das Fachwerkgebäude unter Leitung von Peter Weyrauch, dem damaligen Architekten der evangelischen Landeskirche, grundlegend saniert und rekonstruiert. Bis Juni 1983 erfolgten eine Dokumentation des Zustandes und die Entwicklung eines Sanierungskonzepts.

Im Einzelnen veranlasste Weyrauch folgende Maßnahmen: Nach Abschlagen des Innen- und Außenputzes wurde die Kapelle im September 1983 eingerüstet. Da die Balkenköpfe und das Rähm zu einem großen Teil durch Hausschwamm zerstört oder verfault, die steinernen Ständerbasen verschoben waren und das Dach in Schieflage geraten war, wurde das Dach hydraulisch angehoben und die Fachwerkkonstruktion von unten an neu aufgeführt. Vorher waren sechs Umbaumaßnahmen und Veränderungen durchgeführt worden; seit etwa 200 Jahren war das Gebäude verputzt (zuletzt 1913). Verrottete und von Schädlingen befallene Balken des Fachwerks wurden erneuert, sekundäre Ausbesserungskonstruktionen beseitigt und das später durchgebrochene mittlere Südfenster entfernt. Auf diese Weise wurde das ursprüngliche Fachwerkbild wiederhergestellt, das durch die vielen Umbauten und Schäden stark beeinträchtigt worden war.Weyrauch: Die Wendelinskapelle in Butzbach. 1987, S. 60. Im Juli 1984 wurde das Dach wieder abgesenkt, die Gefache wurden mit Poroton-Mauerwerk aufgefüllt und neu verputzt.Weyrauch, Meyrahn: Wendelinskapelle und Hospital St. Wendel. 1988, S. 13.

Die Wiederherstellung des Chorabschlusses stützte sich auf alte Fotoaufnahmen. Die Rekonstruktion des Fachwerks ist nicht ohne Kritik geblieben. Der doppelte Schwellenkranz soll die Baugeschichte widerspiegeln: Der untere Kranz steht für die ursprüngliche Fachwerkkonstruktion, die nur noch rudimentär erhalten war. Der zweite Schwellenkranz bezeichnet die zweite Bauphase, die am besten erhalten war und an der Nord- und Südwand weitgehend rekonstruiert wurde. Die rekonstruktivistische Bauweise, die etwas Neues schuf, das es in dieser Form historisch nicht gegeben hat, wurde als „purifizierend“ kritisiert.

Die 1895 verlängerte Nordempore, auf der die Orgel stand, wurde 1985 samt Emporentreppe entfernt und stattdessen ein neuer Zugang zum nördlichen Anbau geschaffen. Unterbrochen wurden die Arbeiten, als Unbekannte im Mai 1985 nachts eingedrungen waren und Bauwasser durch Aufdrehen der Wasserkräne unter den Asphalt-Estrich gelangt war. Ein weiterer Schaden entstand im Januar 1987 durch Löschwasser nach einem Brand im Musiksaal über dem Kapellenanbau.Weyrauch, Meyrahn: Wendelinskapelle und Hospital St. Wendel. 1988, S. 15 f. Schließlich erhielt die Kapelle eine Fußbodenheizung und einen neuen Fußboden. Der in Würzburg restaurierte Wendelinsaltar, der seit 1695 seitlich neben der Kanzel an der Südwand aufgestellt war, wurde wieder an der Ostseite auf einem neuen Tisch aufgestellt, dessen barocke Füße aus der Markuskirche stammen.Weyrauch, Meyrahn: Wendelinskapelle und Hospital St. Wendel. 1988, S. 16.

Architektur mini|hochkant|Steiles Satteldach mit Dachreiter mini|links|Das Chorpolygon im Osten Die Saalkirche ist nicht genau geostet, sondern weicht um 24° von der West-Ost-Richtung ab.Weyrauch: Die Wendelinskapelle in Butzbach. 1987, S. 57. Sie besteht aus zwei Baukörpern aus Fachwerk auf einer Längsachse, einem Ostteil in Ständerbauweise mit dreiseitigem Chorabschluss und einem fast genauso langen, aber etwas schmaleren und niedrigeren Westteil, der 1508 angebaut wurde. Die gotisierenden Fenster stammen alle nicht aus der Erbauungszeit der Kirche; ihre ursprüngliche Gestalt ist unbekannt.Weyrauch: Die Wendelinskapelle in Butzbach. 1987, S. 61.

Der Ostteil ist über einem Sockel aus Bruchsteinmauerwerk errichtet und erreicht vom Sockelstein bis zum oberen Rähm eine Höhe von 6,60 Metern.Weyrauch: Die Wendelinskapelle in Butzbach. 1987, S. 58. Er wird von einem steilen, verschieferten Satteldach abgeschlossen, das über dem Chorpolygon abgewalmt ist. Der schmale sechsseitige, verschieferte Dachreiter ist im Westen des östlichen Dachs aufgesetzt. Der Schaft für die Glockenstube wird durch ein Gesims in zwei Geschosse gegliedert, dessen oberes kleine rundbogige Schalllöcher aufweist. Den Spitzhelm krönt ein Turmknauf mit schmiedeeisernem Kreuz. Den Innenraum oberhalb der Mittelriegel des Polygons belichten drei Zwillingsfenster mit Maßwerk, die bis an die Traufe reichen. Die Gefache unterhalb der Chorfenster haben Querstreben. An der Südseite sind zwei hohe Zwillingsfenster mit Maßwerk eingelassen, die nach der Renovierung das rekonstruierte doppelte Strebenkreuz, das Motiv des Mannes flankieren. Das hölzerne Maßwerk imitiert Stein und stammt teilweise noch aus gotischer Zeit. Der östliche Baukörper ist innen 7,50 Meter breit und an den Langseiten (ohne Ostabschluss) 8,75 Meter lang.Weyrauch: Die Wendelinskapelle in Butzbach. 1987, S. 59.