Junotempel in Agrigent ist ein um 1828 bis 1830 datiertes Gemälde von Caspar David Friedrich. Das Bild in Öl auf Leinwand im Format 54 cm × 72 cm befindet sich im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund.

Bildbeschreibung Das Gemälde zeigt in zentralperspektivischer Darstellung eine antike Tempelruine auf einem Felsen in bergigem Gelände mit spärlicher Vegetation. Im Hintergrund ist das Meer zu sehen. Am Horizont steht die untergehende Sonne über einer dunstig-grauen Wolkenbank, das Sonnenlicht spiegelt sich an der Wasseroberfläche. Vom Bauwerk sind die meisten der Säulen erhalten, vereinzelt als Säulenstumpf. An der nördlichen Längsseite und an der Südostecke tragen die Säulen ihre Kapitelle und einen Architrav. Der Innenraum liegt voller Trümmer, einige erhaltene Mauerreste sind zu sehen. Der Tempel steht im Gegenlicht in einer hellen südlichen Landschaft, zeigt aber in einer oliv-braunen Tönung jedes Oberflächendetail. Links neben den Säulen befindet sich die Vorzeichnung eines nicht ausgeführten Baumes.

Bauwerk mini|links|Heratempel in Agrigent Bei dem im Bild dargestellten antiken Bauwerk griechischen Ursprungs handelt es sich um den Heratempel, auch Tempel der Hera Lakinia (oder Iuno Lacinia), in den archäologischen Stätten südlich des heutigen Stadtkerns von Agrigent auf Sizilien. Der Heratempel, an der Südostecke eines Hochplateaus gelegen, steht in einer Reihe von mehreren Tempelanlagen. Der Bau wurde etwa 460 bis 450 v. Chr. als dorischer Peripteros mit 6 × 13 Säulen errichtet und erhebt sich auf einem vierstufigen Unterbau. Die Karthager brannten den Heratempel Tempel ca. 406 v. Chr. nieder, die Römer setzten ihn im ersten Jahrhundert v. Chr. instand. Die Säulen des später zerstörten Tempels wurden bereits im 18. Jahrhundert wieder aufgerichtet. Der heutige Zustand entspricht in etwa dem im Gemälde dargestellten. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts waren die Tempelanlagen von Agrigent für viele an der antiken Kultur Interessierte ein fester Bestandteil der Grand Tour in Süditalien. Auch Jacob Philipp Hackert und Johann Wolfgang von Goethe besuchten auf ihren Italienreisen den Heratempel in Agrigent.

Bilddeutung Dem Junotempel in Agrigent wird in der Friedrich-Rezeption vergleichsweise wenig Beachtung geschenkt. Da der Maler nie nach Italien gereist ist und auch gegen die Italien-Euphorie seiner Künstlerkollegen polemisierte, kann man dieses Bild den gängigen Deutungsmustern zu seinem Werk schwer zuordnen. Mit Friedrichs Favorisierung der Gotik ging eine Ablehnung der im Klassizismus idealisierten Architektur der Antike einher. Hier setzt auch Helmut Börsch-Supan mit seiner Interpretation an. Demnach versinnbildliche der Tempel in der kahlen Umgebung das Symbol des Abgestorbenseins der antiken heidnischen Religion.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 420 Eine ähnliche Auseinandersetzung mit heidnischen Religionen wird dem Maler bei den Hünengrab-Motiven unterstellt. Jens Christian Jensen vermutet, Friedrich wolle den Nachweis erbringen, dass ein Maler ein tiefgründiges Italienmotiv entstehen lassen kann, ohne je in Italien gewesen zu sein. Jens Christian Jensen: Caspar David Friedrich. Leben und Werk. DuMont Verlag, Köln 1999, S. 141

Bild- und Textvorlagen mini|Carl Ludwig Frommel: Tempel von Agrigent, vor 1780 mini|Apollontempel von Didyma Nach Paul Ortwin Rave gibt es für das Gemälde eine Bildvorlage. Dies sei eine Aquatintaradierung von Franz Hegi gewesen, gefertigt nach einem Aquarell von Carl Ludwig Frommel. Hegi setzte 1822 bis 1826 den Voyage pittoresque en Sicile für den Pariser Verleger Jean Frédérik Ostervald in Aquatinten um. A. E. Gigault de Salle: Voyage pittoresque en Sicile. Prachtband in Großfolio, 2 Bände, Paris 1822 und 1826 Die aquarellierten Abbildungen entstanden vor 1780. Friedrich hat die Bilddetails gegenüber der Vorlage verändert.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 419 Staffage, Aloestauden im Vordergrund und Olivenbäume rechts im Mittelgrund sind weggelassen. Links wurden antike Trümmer in Felsen des Elbsandsteingebirges umgedeutet. Die Gebirgszüge folgen einer anderen Form. Statt einer frontalen taghellen Ausleuchtung der Tempelruine, steht diese im Gegenlicht der untergehenden Sonne. Eingesetzte Bäume und Sträucher ähneln der mitteleuropäischen Flora anderer Friedrich-Gemälde. Der Maler war offenbar nicht am südlichen Charakter der Naturumgebung der Ruine interessiert.

Bei diesen vorgenommenen Änderungen kann man davon ausgehen, dass Friedrich ein Bild nach Christian Cay Lorenz Hirschfelds Wirkungsästhetik gearbeitet hat. In dem Kapitel Von Tempeln, Grotten, Einsiedeleyen, Capellen und Ruinen der Theorie der Gartenkunst ist ein Referenztext zu finden.

Bei dem „Tempel des Apollo zu Ura“ im Buch Reisen in Kleinasien des englischen Archäologen Richard ChandlerRichard Chandler: Reisen in Kleinasien. Weidmann, Erben und Reich, Leipzig 1776, 43. Kapitel, S. 213 f. ist der hellenistische Apollontempel in Didyma (heute Didim in der Türkei) gemeint, ein antikes Heiligtum im Westen Kleinasiens mit einer bedeutenden Orakelstätte des Gottes Apollon.

Klassizismus und Romantik Die Transformation des Frommel-Bildes durch Friedrich erzählt auch etwas über den Gegensatz von Klassik und Romantik, von klassizistischer und christlich-romantischer Auffassung.Ulrich Johannes Schreiber: Über Tempel und Texte. Ein Bildvergleich. In: Joseph Vogl (Hrsg.): Poetologien des Wissens um 1800, Wilhelm Fink Verlag, 1999, S. 233 Als das Aquarell in den 1770er Jahren entstand, wurden die Ruinen in Agrigent als Objekte einer im Aufbruch befindlichen archäologischen Forschung entdeckt. Die Maler waren Partner der Wissenschaft vor Ort und bestrebt, dem Publikum in Deutschland so viel wie möglich an Wissen über Bauwerke, Landschaft, Vegetation, Viehzucht und die Bewohner der Gegend mitzuteilen. Für das christliche Publikum galt es auch, Zeugnis von den baulichen Spuren antiker Religionen und antikem Mythenglaube zu geben. In der Romantik sollen Tempel und Landschaft neben der historischen Information, die hier in den Hintergrund tritt, auf die Seele des Beschauers wirken. Die Silhouette des Tempels im Sonnenuntergang wurde wichtiger als der Tempel selbst. Friedrichs hermeneutisches Bild bemüht sich nicht um die Genauigkeit der historischen und topografischen Details, es lädt ein zu Interpretationen.

Maltechnik Obwohl das Tempelbauwerk dunkel im Gegenlicht des Sonnenuntergangs kontrastiert wird, besitzen die Gemälde-Details in der Nahsicht zeichnerischen Charakter. Jeder Grashalm bekommt seinen wohl kalkulierten Platz. Friedrich entwickelte aus der Sepiatechnik ein Verfahren, das auch bei dunklen Lasuren ein Durchscheinen bis auf den Bildgrund ermöglicht. Dabei werden die Einzelheiten auf heller Grundierung erst mit Bleistift vorgezeichnet und dann mit Rohrfeder verstärkt. Mit mehreren dünnen Lasurschichten in Tonabstufungen erfolgt dann die malerische Ausführung. So entsteht aus der Entfernung und in geringer Distanz ein unterschiedliches Seherlebnis.

Friedrich und Italien mini|Johan Christian Clausen Dahl: Ausbruch des Vesuv im Dezember, 1824 mini|Johan Christian Clausen Dahl: Prof. Friedrichs Figur, Zeichnung (Ausschnitt), 1824 Zur Entstehungszeit des Junotempels in Agrigent um 1830 polemisierte Friedrich gegen die Italieneuphorie seiner Malerkollegen und meinte, dass ihrer Kunst der Aufenthalt im Süden nicht gut tun würde. Indirekt verteidigte er damit seine Arbeit an einem Sizilien-Motiv aus der Ferne.

Über Friedrichs Ablehnung der künstlerischen Italienreise gibt es nur Spekulationen, auch den zwiespältigen Vorwurf der Deutschtümelei. Wirtschaftliche Gründe können für den Reiseverzicht nicht maßgeblich gewesen sein, denn er erhielt Einladungen, etwa 1816 von seinem Malerfreund Frederik Christian Lund, die er nicht annahm.

Im Urteil von Jens Christian Jensen hielt der Maler seinen Lebenskreis bewusst eng, so wie er die Gegenstände auf seinen Bildern rigoros beschränkte. Jens Christian Jensen: Caspar David Friedrich. Leben und Werk. DuMont Verlag, Köln 1999, S. 141

Johan Christian Clausen Dahl nimmt seinen Malerfreund Friedrich auf einem Bild mit nach Neapel. In dem 1824 entstandenen Gemälde Ausbruch des Vesuvs ist eine Rückenfigur am Rand des Vulkans mit Hilfe der Zeichnung Prof. Friedrichs Figur als Caspar David Friedrich zu identifizieren.

Deutsche Künstler in Italien miniatur|links|Friedrich Overbeck: Italia und Germania, 1828 Die seit Mitte des 18. Jahrhunderts anhaltende Italienbegeisterung hatte zum Entstehungszeitpunkt des Junotempels in Agrigent einen Höhepunkt erreicht. Friedrich Wilhelm IV. bereiste im Herbst 1828 Italien. Zu Ehren des preußischen Kronprinzen wurde im römischen Palazzo Caffarelli eine Ausstellung der von ihm geförderten Künstlergruppe der Nazarener, deren Kunstauffassung Friedrich scharf ablehnte, eröffnet. Erstmals zeigte dort Friedrich Overbeck sein allegorisches Gemälde Italia und Germania. Friedrich war in seiner skeptischen Haltung zur Kunstproduktion deutscher Künstler im Süden nicht allein. Die neu aufkommende öffentliche Kunstkritik in Deutschland entdeckte in der wenig innovativen Malerei der Nazarener großes Auseinandersetzungspotenzial. Die deutschstämmigen Künstler Roms waren jedoch der Meinung, über Kunst könne nur der Künstler selber urteilen.Dieter Richter: Von Hof nach Rom. Johann Christian Reinhart, ein deutscher Maler in Italien. Eine Biographie. Transit Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-88747-245-0, S. 93 ff. In der Streitschrift Drei Schreiben aus Rom gegen Kunstschreiberei in Deutschland wehrten sich u. a. Johann Christian Reinhart, Bertel Thorvaldsen, Philipp Veit und Joseph Anton Koch gegen Kunstkritik aus der Heimat. Drei Schreiben aus Rom gegen Kunstschreiberei in Deutschland, Verlag Fritsche, Dessau 1833 In der Tat zeigten viele nach Italien reisende Künstler eine verhängnisvolle Tendenz. Jens Christian Jensen: Caspar David Friedrich. Leben und Werk. DuMont Verlag, Köln 1999, S. 141 Je deutlicher sie sich bemühten, das Italien-Erlebnis in Bildern festzuhalten, umso inhaltsleerer wurde deren Aussage. Die künstlerische Entwicklung von Ludwig Richter kann als ein prominentes Beispiel gelten.

Zuschreibung und Provenienz Hermann Beenken publizierte den Junotempel in Agrigent 1943 zunächst als Werk von Friedrich, wies es dann jedoch Carl Gustav Carus zu.Hermann Beenken: Eine romantische Landschaft mit dem Junotempel von Agrigent. In: Die Kunst 59, S. 1, 2 Für Helmut Börsch-Supan ist das Gemälde im Spätwerk von Carus undenkbar, aber aufgrund des Stils und gedanklichen Gehaltes mühelos dem Œuvre Friedrichs zuzuordnen. Helmut Börsch-Supan: Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Junotempel von Agrigent“. Zur Bedeutung der italienischen und nordischen Landschaft bei Friedrich. In: Münchner Jahrbuch für bildenden Kunst, II. Folge, Bd. 22, 1971, S. 205–216 Zwischenzeitlich soll das Bild im Besitz des F. A. Brockhaus Verlages in Leipzig gewesen sein. Das Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund erwarb das Gemälde 1951 aus dem Kölner Kunsthandel.

Einordnung in das Gesamtwerk mini|Caspar David Friedrich: Landschaft mit Tempelruine, um 1803