Noise () ist ein avantgardistisches, experimentelles und popkulturelles Musikgenre, das zum Ende der 1970er-Jahre aus der langen Tradition musikalischer Praxis entstand. In diesem Genre ersetzt oder ergänzt der Einsatz von Geräuschen die Harmonien, Melodien und den tonalen Klang. Aufgrund der Vielzahl an Herangehensweisen und Intensitäten der Umsetzung existiert unter dem Begriff Noise kein einheitliches Klangbild. Die Interpreten des Genres arbeiten auf jeweils eigene Weise am Klang selbst. Eine allgemeingültige Gemeinsamkeit im Klang oder im Instrumentarium gibt es daher nicht. Vielmehr ist der Stil durch das gezielte Auslassen oder Brechen traditioneller musikalischer Elemente wie Melodie, Rhythmus und Struktur in unterschiedlichen Formen geprägt.

Noise stellt eine bewusste Abkehr von gewohnten musikalischen Formen dar. Die Interpreten des Noise neigen dazu, die Unterscheidung zwischen musikalischen und nicht-musikalischen Klängen der herkömmlichen Musikpraxis radikal in Frage zu stellen. Durch die Umkehr und Erweiterung des akustischen Repertoires und Vokabulars verschieben sie die Begrifflichkeit von Musik. Entsprechend gilt Noise als Musik, die die musikalischen Möglichkeiten des Unmusikalischen und die unmusikalischen Möglichkeiten des Musikalischen erforscht.

Im Klassifikationsschema, das zwischen E- und U-Musik unterscheidet, steht Noise als kulturindustriell subversive U-Musik der Popkultur in einer Tradition und Parallelität zu Entwicklungen, die eher der E-Musik zugerechnet werden, darunter Bruitismus, Musique concrète und Neue Musik. Allerdings entwickelte sich Noise aus den Strömungen des Jazz sowie der Pop-, speziell der Rockmusik und etablierte sich bis zum Ende der 1970er-Jahre als eigenständiges Genre. Trotz des Begriffs Noise (Geräusch beziehungsweise Lärm) ist Noise nicht unmittelbar mit dem Bruitismus oder der Musique concrète verwandt, deren Ausgangspunkt oft Geräusche wie Eisenbahnen oder Motorengeräusche waren, die arrangiert und mit klassischen Instrumenten kombiniert wurden. Insbesondere im Bruitismus hatte das Geräusch eine programmatische Bedeutung, die unter anderem auf Symbole des Fortschritts verwies. Dennoch verweisen Interpreten und Genrechronisten des popkulturellen Noise und seiner Spielformen auf den Futurismus als wichtigen konzeptionellen Vorläufer des Genres.

Als popkulturelles Genre entstand Noise in der kulturellen Verschränkung von Entwicklungslinien des Artrock, Free Jazz und Happening – zwischen Industrial, No Wave und Post-Punk. Insbesondere Teile des No Wave, Industrial und Post-Punk gelten als Ur-Genre oder Frühformen des Noise. Die unterschiedlichen Ursprünge und Traditionslinien führten in den 1970er- und 1980er-Jahren zu einem Anstieg an Interpreten und Spielweisen, die dem Genre zugerechnet werden. Als erstes bekannt wurden darunter der britische Power Electronics und der heterogene japanische Japanoise. Gemein war den Stilen, dass sie anfangs dem Industrial/Post-Industrial und Post-Punk zugerechnet wurden. Mit den fortschreitenden technischen Möglichkeiten durch günstigere digitale und elektronische Instrumente, Effektgeräte und Produktionstechnik wuchs das Genre in und nach den 1990er-Jahren weiter – bis hin zu einer fortwährenden Hybridisierung mit anderen Stilrichtungen der Pop- und Rockmusik in den 2000er-Jahren und darüber hinaus. Bekannte Genres der 1990er-Jahre, die zumindest teilweise mit Noise in Verbindung gebracht werden, sind Dark Ambient, Digital Hardcore, Glitch, Clicks & Cuts, Jazzcore, Drone Doom, Death Industrial und Harsh Noise. In den 2000er-Jahren wurde insbesondere der Harsh Noise Wall als eine zeitgenössische und radikale Variante des Noise populär.

Definition und Distinktion Zusammenfassend lässt sich Noise als musikalische Praxis beschreiben, die sich an den Rändern des Hörbaren, des Erträglichen und des kulturell Kodierten bewegt. Die Distinktion zu anderen experimentellen Formen liegt weniger in einer spezifischen Klangästhetik als vielmehr in der radikalen Haltung gegenüber Konventionen der Musikproduktion, Klanggestaltung und Aufführungspraxis. Daher wird Noise in der musikwissenschaftlichen und kulturtheoretischen Literatur nicht als klar abgrenzbares Genre beschrieben, sondern als ästhetische Praxis, die sich durch den bewussten Einsatz von Störklängen, Materialität und klanglicher Überforderung auszeichnet. Die Beschreibung eines Musikgenres unter dem Begriff Noise erfolgte erst in den späten 1990er-Jahren und beginnt die Geschichtsschreibung des Noise als Musikgenre in den späten 1970er Jahren. Als musikalische Praxis wird jedwede Brechung der Tonalität des Bekannten und Gewohnten seit Beginn der Moderne als Aspekt oder Wegbereiter des Noise betrachtet. Als popkulturelles Genre beginnt Noise hingegen mit den Genres Power Electronics, Japanoise und dem sich durch den Kontext der Rockmusik abgrenzenden Noise-Rock.

Dabei folgt Noise einer inneren Logik, die von unterschiedlich gewichteten Kernimpulsen geleitet wird: Noise zielt auf die Erweiterung des Verständnisses von Musik. Die „radikale Wendung und Erneuerung etablierter musikalischer Handwerksformen, Produktionsmuster, Hörgewohnheiten und Aufführungspraxen“ steht daher zwingend in einem dialektischen Verhältnis zur bekannten und etablierten Musik. Noise zielt auf eine Auflösung oder Pluralisierung und Liberalisierung des musikalischen Formenkanons (Harmonie, Melodie) zugunsten einer radikalen Erfahrung reinen Klangs. Noise stellt das Experiment und die Improvisationen mit dem Klang in den Vordergrund. Traditionelle Songstrukturen der Popmusik sind nachrangig. Noise zielt auf eine konfrontative, provokante und herausfordernde performative Erfahrung.

Noise als kulturelles Phänomen und musikalisches Spektrum mini|alt=Das Bild zeigt eine Zusammenstellung und Verkabelung von zwei Laptops mit mehreren Effektgeräten. Beide Laptops sind mit vegetarischen Statements beklebt.|Das Setup von Merzbow, einem zentralen Akteur des Noise und Japanoise, vor einem Auftritt in Osaka im Jahr 2007 Der Sprachwissenschaftler Christian Bär beschreibt Noise als Sammelbezeichnung für Genre und Stile, die sich geräuschhaften und lärmenden Materialien öffnen. Unter den Begriff fällt so „ein breites und heterogenes Spektrum an musikalischen Selbstverständnissen“ mit sehr verschiedensten stilistischen Ausgestaltungen. Ein einheitliches Klangbild wird hingegen kaum beschrieben. Autoren verweisen zumeist auf die Begriffe Lärm und Geräusch und definieren Noise in einer Distinktion zu vertrauten Formen der Musik als Variante einer Anti-Musik, deren Definition durch den jeweiligen Rezeptionsrahmen und Entstehungskontext bestimmt wird.

Im Gothic- und Dark Wave-Lexikon von Peter Matzke und Tobias Seeliger wird der Stil als radikaler Bruch mit vertrauter Hörpraxis definiert. „Es geht um die Negierung überkommener Hörgewohnheiten, um ohrenbetäubenden Krach, schockierende Soundcollagen, schrille Affekte anstelle von Melodie, Struktur, Harmonie & Rhythmik.“ Der Soziologe Kai Ginkel beschreibt das musikalische Spektrum, das unter dem Begriff Noise subsumiert wird als „eine stark geräuschaffine Art“ von Musik. Die Musik sei meist elektronisch, und vornehmlich barsch, aggressiv, penetrant und unkonventionell. Gemein sei allen Varianten des Noise „das Kakophone, die starke Verzerrung, Verfremdung sowie das Rauschen als buchstäbliche wall of sound“.

Der Musikwissenschaftler David Novak hingegen sieht diese Aspekte als Facetten des eigentlichen Kerns des Noise und verweist auf eine Definition durch Distinktion. Er beschreibt Noise als permanenten Wandel. Noise als kulturelles Phänomen und musikalisches Spektrum lasse sich nur über die radikale Wendung und Erneuerung etablierter musikalischer Handwerksformen, Produktionsmuster, Hörgewohnheiten und Aufführungspraxen beschreiben. Noise, so Novak, sei durch den Willen geprägt, sich durch permanente Erneuerung den Möglichkeiten der Kategorisierung und Klassifikation zu entziehen und ein reines Klangerlebnis zu gestalten. Eine bloße musikalische Beschreibung sei daher ausgeschlossen, da Noise immerzu dort entsteht, wo Künstler eigentlich ungewollte Geräusche gezielt einsetzen. Da der Fundus an hierzu nutzbaren Tönen und Klangquellen unzähligen Kontexten entspringt, sei es nicht möglich, eine Historie oder die gesamte Szene des Noise zu dokumentieren, da sich sowohl die Geschichte, wie auch die Bezüge ständig und unendlich erweitern und erneuern.

Aus dem schier endlosen Fundus und den mannigfaltigen Ansätzen, Noise als Musik zu spielen, birgt hinzukommend eine ästhetische Neubesetzung von Disharmonie, Störgeräuschen, Chaos und Melodielosigkeit. Denn Noise, so der Literaturwissenschaftler, Autor und Musiker Gerald Fiebig, „ist der Versuch, den Lärm, der in der Musik sonst immer nur als randständiges Element, als Soundeffekt, vorkommt, eine positive materielle Präsenz zu verleihen“. Im Noise verkehren sich die Begrifflichkeiten des musikalischen Vokabulars. An die Stelle von Harmonie und Melodie treten Lautstärke und Intensität in einem Maximum an Dichte, Druck und Dynamik. Es ist die ästhetische Erhöhung solcher negativ besetzter Klangerfahrungen, womit eine ‚positive Negativität‘ erzeugt wird.

Der Vielfalt des Genres entsprechend divergent gestaltet ist das Verhältnis von Noise zu Musik, Kunst und Industrie. In einem Dualismus von akademischer und popkultureller Musik gilt Noise aus seiner Entstehungsgeschichte als Popmusik und Popkultur im weitesten Sinn, als Musik und Szene, die sich abseits des akademischen Produktions- und Rezeptionsraums und „aus dem ursprünglichen Pop, dessen Wiege als Jugendkultur irgendwo in den frühen 50er Jahren stand genetisch herleiten lässt“, entwickelte und etablierte. Parallele Ideen und Entwicklungen lassen sich in der E-Musik, in der Aktionskunst und in pop- und subkulturell geprägter Musik-Szenen erkennen. Zugleich werden jedoch die Unterschiede zu akademisch geprägten Kunstrichtungen wie Bruitismus und Aktionskunst deutlich. Als popkulturelles Genre einer stetigen Erneuerung steht Noise auch zu Musik und Kulturindustrie in einem dialektischen Verhältnis der kreativen und ökonomischen Gleichzeitigkeit und Gegensätzlichkeit. Als Musik und Kunst lässt sich Noise in der Distinktion zu eben diesen parallelen und überlappenden Feldern erfassen.

Noise und E-Musik mini|alt=Russolo und Piatti stehen zwischen einer Fülle großer Kästen mit trichterförmigen Lautsprechern: Den Intonarumori.|Der als Vordenker des Noise angeführte Luigi Russolo und sein Assistent Ugo Piatti in ihrem Studio in Mailand mit den von Russolo entwickelten Instrumenten Intonarumori. (L’Arte dei rumori, 1913)