Down at the Dinghy (deutsche Erstübersetzung unter dem Titel Unten beim Boot von Elisabeth Schnack, 1966) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers J. D. Salinger, die im Sommer 1948 entstanden ist und im April 1949 in Harper‘s erstveröffentlicht wurde.Siehe Kenneth Slawenski: J. D. Salinger - A Life. Random House Trade Paperbacks, New York 2012, ISBN 978-08129-8259-6, S. 173 f. Diese Short Story wurde 1953 in die Sammlung Nine Stories (deutscher Titel: Neun Erzählungen in der Übersetzung von Elisabeth Schnack und Annemarie und Heinrich Böll, 1966) aufgenommen.

mini|Beispielfoto: Dingi auf dem Wasser In dieser Erzählung Salingers, die zu seinen frühen Geschichten über die Glass-Familie gehört, versucht Boo Boo Tannenbaum, geborene Glass, das Vertrauen ihres vierjährigen Sohnes Lionel zurückzugewinnen, der sich verstört auf das Boot (Dingi) seines Vaters zurückgezogen hat, nachdem er eine bösartige und abfällige Bemerkung der Hausangestellten über seinen Vater mitgehört hat.Vgl. Peter Freese: J.D. Salingers Nine Stories · Eine Deutung der frühen Glass-Geschichten. In: Paul Gerhard Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger · Interpretationen. Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik Band 6. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1968, S. 271 ff. Der Text der Erzählung wird im Folgenden nach dem unten angegebenen Abdruck in Nine Stories bzw. als dt. Übersetzung von Elizabeth Schnack in der Rowohlt-Ausgabe Neun Erzählungen (1968) zitiert.

Inhalt Sandra, die Hausangestellte der New Yorker Tannenbaum-Familie, fühlt sich während eines länger andauernden Sommerurlaubs der Familie in einem abgelegenen Ferienort am See von dem sozialen Großstadtleben abgeschnitten und ist daher äußerst unzufrieden sowie missgestimmt. Bei einem Gespräch mit Mrs. Snell, der Aufwartefrau der Familie, bezeichnet sie ihren jüdischen Arbeitgeber Mr. Tannenbaum gehässig als kike. Lionel, der vierjährige Sohn der Familie, ist zufälligerweise zugegen und schnappt diese abfällige Bemerkung auf. Ohne die genaue Bedeutung des wüsten antisemitischen Schimpfwortes kike zu kennen, spürt er intuitiv die Feindseligkeit und Verachtung gegenüber seinem Vater, die sich in dem Schmähwort äußert, und reißt verstört von zu Hause aus, wie er dies bei ihn kränkenden Erlebnissen bereits mehrfach zuvor getan hat. Er versteckt sich auf dem kleinen Boot seines Vaters, das am Bootssteg etwa zweihundert Meter vom Ferienhaus entfernt auf dem See liegt.

Seiner Mutter Boo Boo Tannenbaum gelingt es nach mehreren Anläufen in sehr liebevoller und einfühlsamer Weise, das Vertrauen ihres Sohnes unten am Bootssteg zurückzugewinnen. Um den kleinen Jungen wieder zu beruhigen, lässt sie ihn in dem falschen Glauben, „kike“ habe dieselbe Bedeutung wie das im Englischen nahezu homophone Wort „kite“ (dt. „Drachen“). Die beiden machen auf dem Rückweg zum Haus ein Wettrennen, das Lionel gewinnt.

Interpretationsansatz Wie in den zuvor veröffentlichten Kurzgeschichten Salingers weist Down at the Dinghy ein ähnliches Erzählmuster mit einer klaren dreigliedrigen Struktur auf. Es findet sich kaum äußere Handlung, stattdessen werden in szenischer Darstellung und personaler Erzählform längere Dialogpassagen unmittelbar dargeboten. Die Zahl der handelnden Personen ist begrenzt; im Wesentlichen geht es um drei Figuren, Boo Boo Tannenbaum, die Mutter, ihren Sohn Lionel und Sandra, das Dienstmädchen, dem anfangs die Zugehfrau Mrs. Snell als Randfigur an die Seite gestellt wird. Die erzählte Zeit an einem Nachmittag im Spätsommer umfasst eine kurze Zeitspanne von ungefähr einer Stunde, in der dem Leser ein dramatischer Ausschnitt aus dem Zusammenleben dreier Menschen zumeist in direkter dialogischer Darbietung ohne Kommentierung oder Wertung durch den Erzähler vor Augen geführt wird.Vgl. Peter Freese: J.D. Salingers Nine Stories · Eine Deutung der frühen Glass-Geschichten. In: Paul G. Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger · Interpretationen. Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik Band 6. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1968, S. 271. Siehe auch John V. Hagopian und Martin Dolch: Salinger, Jerome David - Down at the Dinghy 225-229. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a. M. 1971, S. 225 ff.

Der erste Teil, der sofort in das zentrale Geschehen einführt, deutet bereits den zu Beginn für den Leser jedoch noch unverständlichen Konflikt an; der zweite Teil liefert dem Leser die Vorgeschichte Lionels als Exposition und ermöglicht so ein erstes vorläufiges Verständnis der Situation; im dritten Teil, in dem Lionel selbst als handelnde Person auftritt, wird der Konflikt vollständig erklärt und zugleich in der Versöhnung zwischen Mutter und Sohn gelöst.

Die Einleitung der Erzählung besteht aus einem Gespräch zwischen der missgelaunten Sandra und der Aufwartefrau Mrs Snell. Diese trägt in auffälliger Form gebraucht gekaufte exklusive Kleidungsstücke, beispielsweise einen abgetragenen Hattie-Carnegie-Hut, auf den sie derart stolz ist, dass sie ihn niemals ablegt. Ihre ähnlich abgetragene Ledertasche ist ein gleichermaßen exklusiver Markenartikel, und ihre Streichhölzer stammen aus dem vornehmen Stork Club, den sie selber aller Wahrscheinlichkeit nach noch nie besucht hat (S. 74 f.)Vgl. auch Peter Freese: J.D. Salingers Nine Stories · Eine Deutung der frühen Glass-Geschichten. In: Paul G. Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger · Interpretationen. Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik Band 6. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1968, S. 271 und 278. Wie Freese ebenda (S. 278) aufzeigt, nennt Lionel die Aufwartefrau auch „Mrs. Smell“ (dt. „Geruch“, auch „Gestank“). Salinger nutzt damit Lionels Kindermund, um Mrs. Snell weiter zu charakterisieren.

Sandras Verhalten zeigt deutlich ihre Nervosität und Furcht vor etwas, das dem Leser von Salinger im Detail zunächst vorenthalten wird, um so Erzählspannung aufzubauen. Etwa fünfzehn bis zwanzigmal („some fifteen or twenty times“, S. 74) hat Sandra, wie der personale Erzähler berichtet, bereits aus dem Fenster geschaut; ihre zusammengekniffenen Lippen („mouth set tight“, S. 74) und ihre Gesten, wie z. B. das geistesabwesende Auf- und Zuknoten ihres Schürzenbandes (S. 74), sowie ihre ständig wiederholte Selbstberuhigung „Ich mach mir keine Sorgen dadrüber [sic]“ („I‘m not gonna worry about it“, S. 74 ff.) lassen gleichfalls auf ihre innere Unruhe und Anspannung schließen. Der Leser erfährt vorerst aber nur von Sandras Befürchtung, dass „er“ „ihr“ etwas erzähle. Aus dem Gespräch wird schnell deutlich, dass „er“ offensichtlich der Sohn des Hauses ist, der vierjährige „Knirps“ („four-year-old kid“, S. 76), der unerwartet und unhörbar überall auftaucht und anscheinend etwas mitgehört hat, das nicht für seine Ohren bestimmt war.Vgl. Peter Freese: J.D. Salingers Nine Stories · Eine Deutung der frühen Glass-Geschichten. In: Paul G. Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger · Interpretationen. Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik Band 6. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1968, S. 271 f. Siehe auch John V. Hagopian und Martin Dolch: Salinger, Jerome David - Down at the Dinghy 225-229. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a. M. 1971, S. 226, und Kenneth Slawenski: J. D. Salinger - A Life. Random House Trade Paperbacks, New York 2012, ISBN 978-08129-8259-6, S. 174.

Zu Beginn des zweiten Teils wird deutlich, wer mit dem Personalpronomen „sie“ gemeint ist, nämlich die „Dame des Hauses“ („the lady of the house“, S. 77) und Mutter des besagten Kindes, die 25-jährige Boo Boo Tannenbaum. Boo Boo Tannenbaum wird vom Erzähler als „schmalhüftige junge Frau“ („almost hipless girl of twenty-five“, S. 77) mit „formlosem, farblosem, brüchigem Haar“ („styleless, colourless, brittle hair“, S. 77) beschrieben. Ihre Kleidung zeigt, dass sie nur wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt und sich ebenso wenig an konventionelle (Bekleidungs-)Normen anpasst: So trägt sie einfache „knielange Drellhosen, einen schwarzen Pullover mit Rollkragen und Socken und Sportschuhe“ („knee-length jeans, a black turtleneck pullover, and socks and loafers“, S. 77).

Im Gegensatz zu Mrs. Snell, die durch ihr Klassenbewusstsein sowie gesellschaftliche Konventionen geprägt ist und eine höhere soziale Stellung vorzuspiegeln versucht, zeigt sich Mrs. Tannenbaum als natürlicher, offener Mensch; trotz ihres unscheinbaren Aussehens, ihres komischen Namens („her joke of a name“, S. 77) und ihrer zwar bequemen, jedoch anspruchslosen Bekleidung ist sie als eine geborene Glass (S. 80) „a stunning and final girl“ (S. 77, dt. Übersetzung: „eine verblüffende und eindeutig junge Frau.“).

Als sie im Eisschrank etwas sucht, pfeift sie „unmelodisch durch die Zähne und wackelt im Takt dazu ganz ungeniert mit leicht pendelndem Hinterteil“ („she whistled, unmelodically, through her teeth, keeping time with little uninhibited pendulum action of her rear end“, S. 77). Ihr Erscheinungsbild und ihr Auftreten sind nicht durch äußere Konventionen oder Rücksichtnahmen bestimmt, sondern einzig von ihren eigenen Wünschen und Gefühlen motiviert.

In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich ebenfalls von Sandra, die ihrerseits eindeutig in Gruppenzugehörigkeiten bzw. Gruppenbegriffen denkt – „Sie haben ihre Freunde hier und alles“ („You got your social life here and all“, S. 76).Vgl. Peter Freese: J.D. Salingers Nine Stories · Eine Deutung der frühen Glass-Geschichten. In: Paul G. Buchloh et al. (Hrsg.): Amerikanische Erzählungen von Hawthorne bis Salinger · Interpretationen. Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik Band 6. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster 1968, S. 272. Siehe auch John V. Hagopian und Martin Dolch: Salinger, Jerome David - Down at the Dinghy 225-229. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a. M. 1971, S. 226 f.