mini|hochkant|Reiterstandbild von Cangrande I. della Scala Cangrande I. della Scala, getauft als Canfrancesco della Scala, (* 9. März oder 9. Mai 1291; † 22. Juli 1329 in Treviso) war Herr von Verona. Er war zwischen 1308 und 1329 der vierte Herrscher aus der Signoria der Scaliger und regierte bis 1311 zusammen mit seinem älteren Bruder Alboino della Scala. Nach Giovanni Boccaccio war er einer der nobelsten und edelsten Herren in Italien. Dante Alighieri setzte noch zu Lebzeiten hohe Erwartungen in ihn und hoffte, dass er Italien ein neues Gesicht geben könne. Giovanni Villani behauptete, obwohl er ein Anhänger der Guelfen war, dass seit Ezzelino III. da Romano kein anderer Tyrann reicher und mächtiger gewesen sei.Hans Spangenberg: Cangrande I della Scala. Libro I e II. S. 7.
Leben Cangrande I. della Scala war der drittgeborene und damit jüngste Sohn von Alberto I. della Scala und seiner Gattin Verde di Salizzole. Sein genaues Geburtsdatum ist umstritten. Nach der von Hans Spangenberg 1892 veröffentlichten Biographie über Cangrande wurde er am 9. März 1291 geboren.Hans Spangenberg: Cangrande I della Scala. Libro I e II. S. 8. Der Mediävist Gian Maria Varanini hält den 9. Mai allerdings für das glaubhaftere Geburtsdatum.
Über seine Kindheit und Jugend liegen nur sehr spärliche Informationen vor. Bekannt ist, dass er bereits als Kind Cangrande () gerufen wurde. Angeblich weil er seiner Mutter nach der Empfängnis im Traum als Hund erschienen sei, der mit seinem Hundegebell die Welt beherrscht hätte.Ettore Napione: Cangrande della Scala. I luoghi e le storie. S. 10.
Noch im Kindesalter wurde er 1294 zusammen mit seinem Bruder Bartolomeo I. zum Ritter geschlagen. Zugleich wurde seine Hochzeit mit einer Bonacolsi arrangiert. Nach dem Tod seines Vaters 1301, wurde der zehnjährige Cangrande unter die Obhut seines ältesten Bruders Bartolomeo I. gestellt, der aber bereits 1304 starb. Ein Jahr darauf verstarb auch seine Mutter, so dass sein Bruder Alboino, seit 1304 Herr von Verona, sich um ihn annahm.
An der Seite seines Bruders nahm er womöglich im März 1307 zum ersten Mal an einem Feldzug teil. Ob er direkt an den Kämpfen beteiligt war, ist dabei ebenso wenig belegt, wie seine Beteiligungen an den nachfolgenden Feldzügen im Krieg gegen die guelfischen Este im darauffolgenden Jahr sowie 1309 gegen die Torriani. Das Kriegshandwerk hatte er bei seinem Schwager Bailardino Nogarola erlernt.Mario Carrara: Gli Scaligeri. S. 63.
Signoria Ab 1308 stand Cangrande I. seinem Bruder als Mitregent zur Seite. Da er während der Doppelregentschaft insbesondere militärisch als Heerführer hervortrat, wurde er in der Vergangenheit fälschlicherweise oftmals seine militärische Führungsrolle in der Regentschaft hervorgehoben. In politischen Angelegenheiten war er seinem Bruder Alboino zweifellos untergeordnet. Im gleichen Jahr heiratete er Johanna von Antiochia, eine Enkelin Friedrich von Antiochias und somit Urenkelin des Stauferkaisers Friedrich II. Ihre ältere Schwester Costanze von Antiochia war mit seinem ältesten Bruder Bartolomeo I. verheiratet gewesen, während eine andere Schwester ebenfalls mit einem Scaliger verheiratet worden war. Aus der Ehe mit Johanna gingen keine Kinder hervor. Cangrande war aber Vater mehrerer unehelicher Kinder.
Aufstieg Mehrere Faktoren förderten seinen weiteren Aufstieg, darunter seine Nähe zum römisch-deutschen König und späteren Kaiser Heinrich VII. Die Haltung Cangrandes I. und seines Bruders dem Reich gegenüber war allerdings ambivalent und von starken Eigeninteressen geprägt. Zwar huldigten die beiden Brüder Heinrich VII. während seines Italienzuges, teilten aber nicht vollständig dessen Italienpolitik. So widersetzten sie sich erfolgreich der von Heinrich VII. angestrebten Rückkehr der aus Verona vertriebenen Guelfen, mit der der König einen friedlichen Ausgleich im Streit zwischen Guelfen und Ghibellinen anstrebte. Dennoch wurden die beiden Scaligerbrüder, die vorher auf ihr Amt als Capitano del Popolo verzichtet hatten, vermutlich am 7. März 1311 von Heinrich VII. zu Reichsvikaren ernannt. Vermutlich weil sie dem König eine nicht unbedeutende Summe zukommen ließen und ihm militärische Unterstützung versprachen.Hans Spangenberg: Cangrande I della Scala. Libro I e II. S. 24–26.
Bereits wenige Wochen später beteiligte sich Cangrande I. an der Unterwerfung Vicenzas durch die Truppen Heinrichs VII. In der Stadt hatte sich Widerstand gegen Padua geregt und Heinrich VII. nutzte die Gelegenheit, Vicenza Padua zu entreißen, nachdem das guelfische Padua sich zuvor geweigert hatte, den Tributforderungen des Königs nachzukommen. Nach der Einnahme im April 1311 gelang es Cangrande I., wichtige Posten in Vicenza mit seinen Vertrauensleuten, wie den Castelbarco, zu besetzen.Mario Carrara: Gli Scaligeri. S. 65–67. Die Einnahme Vicenzas trug wesentlich zu den Spannungen mit Padua bei, die die politischen und militärischen Auseinandersetzungen Cangrandes I. mit Padua in den nächsten fünfzehn Jahren bestimmen sollten. mini|hochkant|Gemälde Cangrandes I. aus dem 17. Jahrhundert Nach dem Fall von Vicenza band er sich nach Spannenberg uneingeschränkt an den König, um damit auch das von ihm angestrebte Reichsvikariat über die Stadt am Bacchiglione zu erhalten.Hans Spangenberg: Cangrande I della Scala. Libro I e II. S. 33. Im Mai 1311 unterstützte er jedenfalls erneut Heinrich VII. bei der Belagerung des guelfischen Brescia. Nach Varanini konsolidierte er mit Beteiligung nicht nur das Ansehen der Scaliger im Lager der Ghibellinen, sondern auch seine eigene Position. Nach Ende der viermonatigen Belagerung und der Einnahme der Stadt im September folgte er dem König, der in Pavia einen Hoftag der oberitalienischen Städte einberufen hatte. Im November des gleichen Jahre hielt er sich im Gefolge des Königs in Genua auf, als ihn die Nachricht des im Sterben liegenden Bruders erreichte, der bei der Belagerung von Brescia erkrankt war. In aller Eile kehrte er nach Verona zurück, um ein Machtvakuum zu vermeiden, den Padua für einen Angriff hätte ausnützen können.
Mit dem Tod seines Bruders am 29. November 1311 war Cangrande I. der uneingeschränkte Herr von Verona. Seine Führungsrolle wurde von keinem anderen Familienmitglied in Frage gestellt. Intrigen und familiäre Machtkämpfe blieben ihm während seiner Regentschaft erspart, was wesentlich dazu beitrug, dass er sich auf andere Dinge, wie die Ausdehnung seines Machtbereichs konzentrieren konnte. Mit eisernem Willen verfolgte er dabei seine von ihm durchaus realistisch eingeschätzten Ziele, wobei er meist skrupellos in der Wahl seiner Mittel war. Der raue Kriegsherr zeigte sich aber zugleich an Kunst und Wissenschaft interessiert und sammelte einige der bedeutendsten Künstler seiner Zeit um sich, wie Dante und Giotto.Hans Spangenberg: Cangrande I della Scala. Libro I e II. S. 38.
Konflikt mit Padua Ende Januar 1312 wurde Cangrande I. auch zum Reichsvikar von Vicenza ernannt, wobei er für den Titel erneut tief in die eigene Tasche greifen musste. Wenig später wurde ihm von den Ratsherren mit dem Arbitrium die Exekutiv zugestanden. Womit er de facto zum Herrn von Vicenza wurde. Als Podestà setzte Cangrande I. seinen Schwager und engen Vertrauten Bailardino Nogarola ein.
Mit der Übernahme von Vicenza brach der schwellende Konflikt mit Padua offen aus. Waren es zunächst die Anhänger der Guelfen in Vicenza, die mit Hilfe von Padua versuchten ihre Macht wiederherzustellen, griff Padua ab Juni 1312 direkt in den Konflikt ein. Streitpunkt war dabei auch die Kontrolle um den Fluss Bacchiglione, der beide Städte mit Wasser versorgte. Cangrande I. ließ es sich dabei nicht nehmen, selbst am Kriegsgeschehen teilzunehmen. Im Kampf gegen Padua verbündete er sich mit dem Grafen von Görz Heinrich II. Auch den Herrn von Treviso Guecellone VII. da Camino, der zuvor noch im Lager der Guelfen stand und Padua unterstützte, konnte er für seine Zwecke gewinnen. Das Bündnis mit Treviso sollte durch eine Doppelhochzeit zwischen den da Camino und den della Scala gefestigt werden. Bevor es jedoch dazu kam, wurde Guecellone im Dezember 1312 von den Guelfen der Stadt gestürzt.
Gekennzeichnet war der Krieg mit Padua, durch eine Reihe von kürzeren Feldzügen herumplündernder Heere, bei denen gelegentlich vom Gegner gehaltene Burgen eingenommen wurden, während die Belagerung der größeren Städte alle erfolglos abgebrochen wurden. Unterstützt und getragen von verschiedenen Condottieri sowie von innerstädtischen Fehden zog sich der Konflikt hin.Andrea Castagnetti: Formazione e vicende delle signoria scaligera. S. 11 Als sich Kriegsmüdigkeit breit machte und sich Friedensverhandlungen abzeichneten, wollte Padua sich in eine bessere Verhandlungsposition bringen und rückte mit seinem Heer unter der Führung des Podestà Ponzino Ponzoni im September 1314 auf Vicenza zu. In der anschließenden Schlacht vor den Toren von Vicenza konnte das zahlenmäßig unterlegene und von Cangrande I. angeführte Scaliger-Heer Padua eine empfindliche Niederlage beibringen.Carlo Ciucciovino: La cronaca del Trecento italiano. Volume 1. 1300–1325: giorno per giorno l'Italia di Giotto e Dante. S. 458–460. Unter den etwa 1500 gemachten Gefangenen war auch der Dichter und Geschichtsschreiber Albertino Mussato, der Cangrande I. später mit dem Tyrannen Ezzelino III. da Romano verglich. Wenige Wochen nach dem ruhmreichen Sieg Cangrandes I. vermittelte Venedig im Oktober 1314 einen brüchigen Frieden zwischen ihm und Padua, dem sich im Dezember des gleichen Jahres auch Treviso anschloss.
Führer der Ghibellinen und zweiter Krieg gegen Padua mini|hochkant|Das Totenkleid von Cangrande I. In der Zwischenzeit war Kaiser Heinrich VII. verstorben und Cangrande I., der nach wie vor Reichsvikar war, bildete zusammen mit den Visconti in Mailand und den Bonacolsi in Mantua das Rückgrat des monarchischen Lagers in Oberitalien. Zwischen 1315 und 1316 blieben die immer noch angespannten Beziehungen mit Padua friedlich, so dass sich Cangrande I. anderen Brennpunkten zuwenden konnte. Im Frühjahr 1315 unterstützte er den Angriff der Visconti auf Parma. Im Oktober des gleichen Jahres griff er mit Rinaldo dei Bonacolsi das guelfische Cremona an und unterstützte nach der Einsetzung von Giberto III. da Correggio als Herrn von Cremona den Aufstand der Ghibellinen in Parma.
Nach dem Tod Papst Clemens V. 1314 und der anschließenden Vakanz, wurde 1316 Johannes XXII. zum Papst gewählt. Unter dem neuen Papst erfuhren die oberitalienischen Guelfen einen neuen Aufschwung, interne Rivalitäten konnten unterdrückt und eine gemeinsame Linie gegen das monarchische Lager gefunden werden. Die Offensive der Guelfen brachte Cangrande I., der im März 1317 von König Friedrich dem Schönen in seinem Amt als Reichsvikar bestätigt wurde, im Frühjahr 1317 in eine bedrängliche Lage. So musste er in aller Eile einen Feldzug im Umland von Brescia abrechen, als ein Heer aus Padua im Mai 1317 erneut auf Vicenza marschierte. Mit Geschick gelang es ihm nicht nur den Angriff abzuwehren, sondern auch jegliche Hoffnungen der guelfischen Anhänger auf eine Rückkehr zur Macht zu zerschlagen. Dabei zeichnete er sich durch seine Ritterlichkeit aus, was mit zu seiner Legendbildung beitrug, als er im Kampf verletzte aus Verona stammende Anhänger der Guelfen, die die Scaliger stets bekämpft hatten, nicht nur verschonte, sondern versorgen ließ. Im Sommer des gleichen Jahres schickte er zur Festigung der Ghibellinen Leute seines Vertrauens nach Parma und Modena, die jeweils das Amt des Podestà besetzten. Zugleich unterstützte er die Este Rinaldo II. und Obizzo III. in Ferrara im Kampf gegen die vom König von Neapel Robert von Anjou angeheuerten Söldnerheere.