Die Frauenbewegung in Deutschland konstituierte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Folge von Revolutions- und Bürgerrechtsbewegungen. Sie ist gekennzeichnet von vielfältigen politischen Interessen, was zur Folge hat, dass es keine einheitliche Frauenbewegung gibt, sondern viele verschiedene Schauplätze frauenpolitischer Aktivität.
Erste Deutsche Frauenbewegung Nachdem in Frankreich und Großbritannien infolge der Erklärung der Bürger- und Freiheitsrechte durch die Französische Revolution bereits FrauenrechteOlympe de Gouges hatte 1791 in Paris die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ veröffentlicht. proklamiert worden waren, entstanden 1848 auch revolutionäre Bewegungen in Deutschland. „Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen“,Hervé, Florence (Hrsg.): Geschichte der deutschen Frauenbewegung. Pahl-Rugenstein, Köln 1988 schreibt Louise Otto-Peters in der ersten deutschen Frauen-Zeitung, die sie 1849 gegründet hatte. Hier wird bereits das Wahlrecht als eine Hauptforderung diskutiert. Damit gilt Louise Otto-Peters als die Gründerin der deutschen Frauenbewegung. Das wichtigste Ziel dieser ersten Generation der Frauenbewegung, zu der auch Auguste Schmidt und Henriette Goldschmid gehörten, war das Recht der Frauen auf Arbeit und Bildung. Dabei sollte die Bildung und die Arbeit der Frauen nicht alleine den Frauen selbst dienen, sondern der ganzen Gesellschaft. Außerdem sollte die Bildung und Arbeit den Frauen ein finanziell von den Männern unabhängiges Leben ermöglichen. Für bürgerliche Frauen gab es bis dahin kaum Möglichkeiten zur Berufstätigkeit.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland. Bonn 1993, S. 15.
Allgemeiner Deutscher Frauenverein (ADF) mini|„Die Führerinnen der Frauenbewegung in Deutschland“ in der Gartenlaube 1894. 1865 fand in Deutschland zum ersten Mal eine Frauenkonferenz statt, bei der der Allgemeine Deutsche Frauenverein gegründet wurde. Ziel dieses ADF war „die erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen Hindernissen“.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 17 Erste Vorsitzende wurde Louise Otto-Peters, zweite Auguste Schmidt. Offiziell ist dies die Markierung für die erste deutsche Frauenbewegung, die auch als bürgerliche Frauenbewegung bezeichnet wird. Die Forderung nach dem Frauenwahlrecht wird hier zunächst nicht mehr erhoben.
Hedwig Dohm, 1831 in Berlin geboren, zeit ihres Lebens als Frauenrechtlerin, Pazifistin, Essayistin und Autorin in vielen politischen Diskussionsbereichen unterwegs, hat diese erste deutsche Frauenbewegung, in der die vorrangigen Ziele das Recht auf Bildung und auf Arbeit waren, maßgeblich mitgeprägt: „Es gibt keine Freiheit der Männer, wenn es nicht eine Freiheit der Frauen gibt.“Hedwig Dohm: Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau. Wedekind und Schwieger, Berlin 1874. Ihr Essay Der Frauen Natur und Recht wurde viel gelesen und hatte große Wirkung durch ihre Argumentation. Der Satz „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht“ blieb vielen im Gedächtnis und ist bis heute evident.
Widerstand gegen diese Frauenbewegung kam sowohl aus den Reihen der Männer als auch von den Frauen selbst. Ein Problem der Frauenbewegung stellte das Verbot in Preußen für Frauen dar, sich politisch zu betätigen. Während Frauen sich in anderen deutschen Teilstaaten politisch betätigen konnten, war preußischen Frauen bis 1908 verboten, sich politisch zu organisieren oder politische Versammlungen zu besuchen – auch wenn sie das vielfach unterliefen.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 20. Das Hauptziel des ADF blieb die Bildung der Frauen und das Recht auf Erwerbstätigkeit.Gisela Bock zeigt in ihrem Aufsatz, dass die Erzählung vom deutschen Sonderweg mit der besondere Rückständigkeit der Frauenbewegung sich nicht aufrechterhalten lässt, Bock: Das politische Denken des Suffragismus: Deutschland um 1900 im internationalen Vergleich. In: Gisela Bock: Geschlechtergeschichten der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis. Göttingen 2014, 168–203.
Stimmberechtigte Mitglieder im Verein konnten nur Frauen werden, Männer waren nur als Berater zugelassen, was ihnen den Vorwurf der Männerfeindlichkeit einbrachte. Überall in Deutschland wurden Ortsvereine gegründet, sodass 1870 die Zahl der Mitglieder bei 10.000 lag.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 22.
Immer mehr Vereine wurden gegründet, die sich das Recht der Frauen auf Bildung und Erwerbstätigkeit auf ihre Fahne geschrieben hatten. So gründete Elisabet Boehm 1898 in Ostpreußen den Landfrauenverband. Bereits 1866 wurde der Verein zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts in Berlin gegründet. Er wurde Lette-Verein nach seinem Gründer Adolf Lette genannt, der sich zwar für die Erwerbstätigkeit der Frauen starkmachte, aber sich noch vehement gegen die politische Gleichberechtigung der Frauen aussprach.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 22. 1887 richtete Helene Lange eine Petition an den Preußischen Unterrichtsminister und das Preußische Abgeordnetenhaus. Darin forderte sie die wissenschaftliche Ausbildung der Lehrerinnen für höhere Mädchenschulen und die zunehmende Besetzung der Lehrerstellen mit Frauen. Diese Gelbe Broschüre erregte Aufsehen, obwohl sie noch ganz dem traditionellen Frauenbild verhaftet war. Die jungen Mädchen sollten auf ihre Rolle als Mütter vorbereitet werden, entweder als Mütter eigener Kinder oder als Lehrerinnen an Mädchenschulen, wo sie ihre „geistige Mutterschaft“ einbringen könnten. 1889 gründete Helene Lange den Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein in Berlin. Ziel dieses Vereins war die Zulassung der Frauen zum Abitur und zum Studium. Die politische Beteiligung der Frauen wurde nur als Fernziel diskutiert.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 24.
Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) 1894 schlossen sich viele der Frauenvereine zum „Bund Deutscher Frauenvereine“ (BDF) zusammen. Mit der Gründung des Dachverbands der bürgerlichen Frauenbewegung begann der organisierte Kampf für bessere Aus- und Allgemeinbildung von Frauen und das Recht auf Erwerbsarbeit.Gisela Notz: Institutionalisierte (Frauen-)bewegungen und -politiken: Gewerkschaften, Parteien, Christliche Kirchen. In: Kortendiek, Beate, Riegraf, Birgit, Sabisch, Katja (Hrsg.): Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-12495-3, S. 921 Die erste Vorsitzende wurde die Leiterin des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ Auguste Schmidt. Es sollten Frauenvereine der unterschiedlichsten Parteien und Weltanschauungen aufgenommen werden. Dafür wurden die Ziele sehr allgemein gehalten. Dennoch wurden die Vereine der proletarischen Frauenbewegung ausgeschlossen mit dem Argument, dass diese sozialistischen Arbeiterinnenvereine politisch seien.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 30.
Proletarische Frauenbewegung Die bürgerliche Frauenbewegung hatte sich nur vereinzelt für die Interessen der Arbeiterinnen eingesetzt. Die proletarische Frauenbewegung war eingebettet in die sozialistische Arbeiterbewegung, die davon ausging, dass die Befreiung der Frau nur möglich war durch eine Veränderung der bestehenden Gesellschaftsform. Wichtige Vertreterinnen der proletarischen Frauenbewegung waren Clara Zetkin und Emma Ihrer. Das 1879 erschienene Buch von August Bebel Die Frau und der Sozialismus markierte einen Meilenstein in der proletarischen Frauenbewegung. Nach und nach wurden innerhalb der Arbeiterorganisationen Forderungen nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit, nach Arbeiterinnenschutz, aber auch nach einem Frauenwahlrecht, gleichen Bildungschancen für die Frauen laut. Seit 1891 erschien die von Clara Zetkin herausgegebene Frauenzeitschrift Die Gleichheit.
Zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung gab es kaum Berührungspunkte, lediglich bei der Diskussion um eine Neufassung des Bürgerlichen Gesetzbuchs argumentierten beide Strömungen gegen die die Frauen benachteiligenden Bestimmungen.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 30ff.
Frauenwahlrecht
Um die Jahrhundertwende wurden sehr viele neue bürgerliche Frauenvereine gegründet, die sich dem Bund Deutscher Frauenvereine anschlossen. 1914 waren 250.000 Frauen über einen der zahlreichen Frauenvereine Mitglied im BDF. Zu den neu gegründeten Vereinen zählte der Deutsch-evangelische Frauenbund (1899), der Katholische Frauenbund Deutschlands (1903) und der Jüdische Frauenbund (1904). Außerdem wurden in dieser Zeit erste Frauenberufsverbände gegründet. Als seit 1908 die Frauen auch Mitglied in politischen Organisationen werden konnten, entstanden Frauengruppen innerhalb der Parteien.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 38f. Seit den 1870er Jahren sprachen sich die Feministinnen für ein Frauenwahlrecht aus, so Hedwig Dohm im Jahr 1876 oder Helene Lange 1896 in ihrer programmatischen Schrift „Frauenwahlrecht“, die sie in der renommierten Zeitschrift Cosmopolis veröffentlichen konnte.Gisela Bock: Das politische Denken des Suffragismus: Deutschland um 1900 im internationalen Vergleich, in: dies.: Geschlechtergeschichten der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis. Göttingen 2014, 168–203, hier 177–180. 1902 gründeten Anita Augspurg, Lida Gustava Heymann, Minna Cauer und Helene Stöcker den Deutschen Verband für Frauenstimmrecht in Hamburg. Die proletarische Frauenbewegung innerhalb der linken Parteien und der Gewerkschaften setzte sich ebenfalls seit den 1890er Jahren für ein Frauenstimmrecht ein. Wie in zahlreichen anderen Staaten erhielten die Frauen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs das Wahlrecht.Rosemarie Nave-Herz: Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993, S. 44f. Frauenzentrum Die Frauenrechtlerinnen Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg gründeten 1897 in Hamburg das erste deutsche Frauenzentrum in der Paulstraße 25. Es bot einen Mittagstisch für Arbeiterinnen und Angestellte, einen Kinderhort, eine Beratungsstelle als auch Rechtsschutz. In den Räumen fanden Veranstaltungen, Abendunterhaltungen, Vorträge und Vereinsversammlungen statt.Ute Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789, C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-56263-1, S. 74Lida Gustava Heymann, Anita Augspurg 1897: Über das erste deutsche Frauenzentrum in Hamburg, Auszüge aus den Memoiren Heymanns, in: Frauen Media Turm - Feministisches Archiv und Bibliothek
Frauen für den Frieden