Das Königreich der Sueben (auch Reich der Sueben, lateinisch Regnum Gallaecia) war eine Reichsbildung der Völkerwanderungszeit – eine der ersten, die sich vom Römischen Reich lossagte. Das Regnum wurde auf dem Gebiet der vormaligen römischen Provinzen Gallaecia und dem nördlichen Teil von Lusitania errichtet. Um 410 wurde es von dem es tragenden Kriegerverband der germanischen Sueben als eigener Herrschaftsbereich etabliert, trat aber erst im Verlauf des 6. Jahrhunderts als Königreich in Erscheinung. Es bewahrte sich bis ins Jahr 585 seine Unabhängigkeit vom Westgotenreich. Das Königreich der Sueben wurde von den Westgoten erobert und als sechste Provinz in das toledanische Westgotenreich eingegliedert. mini|hochkant=1.3|Königreich der Sueben im 5. und 6. Jahrhundert

Herkunft mini|Römische Bronzeskulptur aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts mit einem Germanen, der einen Suebenknoten hat und einen wohl charakteristischen Umhang trägt

Über die suebischen Krieger, die den Rhein in der Nacht des 31. Dezembers 406 überquerten und in das Römische Reich eindrangen, ist wenig bekannt. Es wurde früher spekuliert, dass sie mit den Quaden identisch seien, die in früheren Quellen als im Norden der mittleren Donau – dem heutigen Niederösterreich und der westlichen Slowakei – ansässig geschildert werdenThompson: Romans and Barbarians. 152. und eine wichtige Rolle in den Markomannenkriegen des 2. Jahrhunderts spielten, als sie zusammen mit den Markomannen erbittert gegen die Römer unter Kaiser Mark Aurel (reg. 161–180) fochten. Das Hauptargument für die Identifizierung dieser Sueben als der Quaden wird einem Brief des Hieronymus an Ageruchia entnommen, welcher die Eindringlinge, die 406 nach Gallien zogen, aufzählt – in ihm werden die Quaden aufgeführt, die Sueben hingegen nicht.

Damit beruht diese Theorie nur auf dem Verschwinden der Sueben und ihrer scheinbaren Ersetzung durch die Quaden in dieser Quelle. Dies steht im Kontrast zu den Angaben anderer zeitgenössischer Autoren wie Orosius, der die Sueben neben den Quaden unter den Völkern, die 406 den Rhein überquerten, mit aufzuzählen scheint.„Zahlreiche barbarische und wilde Stämme, als da zu nennen sind, die Markomannen, die Quaden, die Vandalen, die Sarmaten, die Sueben, in der Tat die Stämme nahezu ganz Germaniens sind in Aufruhr. […] Mehr noch, anderen Völkern unwiderstehlich in Anzahl und Macht sind die, die jetzt die Provinzen Gallien und Spanien niederdrücken (nämlich die Alanen, Sueben und Vandalen, sowie die Burgunder, die von ein und demselben Bewegung angetrieben wurden) […] zwei Jahre vor der Einnahme von Rom, die Völker, die von Stilicho aufgerührt worden waren, wie ich gesagt habe, das heißt, die Alanen, Sueben, Vandalen sowie viele andere mit ihnen, sie überwältigten die Franken, querten den Rhein, fielen in Gallien ein und erweiterten ihren Ansturm bis zu den Pyrenäen“. Paulus Orosius, History against the pagans 7, 15, 38 und 40.

Autoren des 6. Jahrhunderts identifizierten die Sueben Galiciens als Alamannen„Suebi, id est Alamanni“ schreibt Gregor von Tours: Historia Francorum. II.2; deutsche Übersetzung von Wilhelm von Giesebrecht: Zehn Bücher fränkischer Geschichte vom Bischof Gregorius von Tours. Franz Duncker, 1878 Leipzig, S. 47 (). oder schlicht als Germanen;Prokop, Kriegsgeschichte (Historien), III.3;„Germans“ in der englischen Übersetzung von Henry Bronson Dewing, Book III., The Vandalic War, Chapter III, 1882, Randziffern 29-36 (auf gutenberg.org);„Germanen“ in der deutschen Übersetzung von David Coste, Prokop, Vandalenkrieg. Leipzig 1885, 3., neubearbeitete Auflage 1913, S. 9. (nicht angezeigt bei Google Books). während Laterculus Veronensis sie im 4. Jahrhundert einige Sueben Seit’ an Seit’ mit Alamannen, Quaden, Markomannen und anderen germanischen Völkerschaften erwähnt.

Es wird in der neueren Forschung allerdings zunehmend die Position vertreten, dass die fehlende Erwähnung der Sueben bedeuten könne, dass sie keine per se ältere eigenständige ethnische Gruppe bildeten, sondern ebenso wie die meisten völkerwanderungszeitlichen Verbände das Ergebnis einer schrittweisen Ethnogenese darstellten und ursprünglich aus vielen kleineren Kriegergruppen – unter ihnen Teile der Quaden und Markomannen – bestanden, die erst im Rahmen des Kriegszuges aus dem Donau-Tal auf die iberische Halbinsel zueinander fanden.Cambridge Ancient History. Band 13, Late Antiquity: The Late Empire, ed. Averil Cameron and others (Cambridge: Cambridge University Press, 2001), s. v. Barbarian Invasions and first Settlements. Andere Gruppen von Sueben werden von Jordanes und anderen Autoren als im 5. und 6. Jahrhundert in den Regionen der Donau ansässig erwähnt.

Zwar gibt es keine klar dokumentierten Gründe für die Wanderung von 406, aber eine verbreitete Theorie lautet, dass die Migration der diversen germanischen Völkerschaften westlich des Rheins auf dem Druck der Hunnen nach Westen im späten 4. Jahrhundert beruhte. Die hunnische Expansion zerstörte und bedrohte die Völker dieser Region und zwang sie, ihre Wurzeln hinter sich zu lassen.Megan Williams, Pers. Comm. San Francisco State University Geschichte Professor. 16. November 2010. Freilich ist dies aufgrund der Quellenlage umstritten, und andere Forscher vermuten stattdessen einen Zusammenhang mit den römischen Bürgerkriegen dieser Jahre.Henning Börm: Westrom. Von Honorius bis Justinian. Stuttgart 2013.

Ob sie nun dem Druck der Hunnen wichen oder nicht, diese Sueben überschritten zusammen mit Vandalen und Alanen in der Nacht des 31. Dezember 406 den Rhein.Cambridge Ancient History, vol. 13 s. v. Barbarian Invasions and First Settlements. Ihr Einfall in das Römische Reich erfolgte zu einem Zeitpunkt, als der römische Westen eine Reihe von Invasionen und Bürgerkriegen erlebte. Die westlichen Regionen des Reiches erlebten die Invasion Italiens durch die Goten unter Radagaisus, wie auch eine stetige Abfolge von Usurpatoren. Dies ermöglichte den eingedrungenen Kriegern („Barbaren“), ohne starken Widerstand nach Gallien einzudringen, so dass sie erhebliche Schäden in den nördlichen Provinzen Germania Inferior, Belgica Prima und Belgica Secunda anrichten konnten, bevor die weströmische Regierung zu reagieren vermochte. Dem Usurpator Konstantin III. (reg. 407–411) gelang es jedoch vorerst, die Masse der Vandalen, Alanen und Sueben im nördlichen Gallien zu binden.Michael Kulikowski, Late Roman Spain and Its Cities (Baltimore, MD: Johns Hopkins University Press, 2004), 156–157. Aber im Frühjahr 409 revoltierte Gerontius in Hispanien und setzte seinen eigenen Augustus, Maximus, ein. Konstantin, der kurz zuvor selbst zum Augustus erhoben worden war, machte sich auf nach Hispanien, um die Rebellion niederzuschlagen. Gerontius reagierte, indem er versuchte, die Vandalen und Sueben in Gallien als foederati gegen Konstantin einzusetzen, und sie davon zu überzeugen, wieder zu mobilisieren. Dem kamen die Vandalen, Alanen und Sueben im Sommer des Jahres 409 nach und begannen, nach Süden in Richtung Hispanien zu drängen.Thompson, Romans and Barbarians, 150.Kulikowski, Late Roman Spain and Its Cities, 156–157.

Landnahme und Integration mini|Detail der Mark-Aurel-Säule, die während der Herrschaft dieses Kaisers zum Triumph aufgrund von Siegen – unter anderem über die suebischen Markomannen und Quaden – im Jahre 176 in Rom errichtet wurde

Der Bürgerkrieg, der auf der Iberischen Halbinsel zwischen den römischen Anhängern des Konstantin und Gerontius ausbrach, führte dazu, dass die Pyrenäenpässe entweder absichtlich oder infolgedessen vernachlässigt wurden, so dass das südliche Gallien und die Iberische Halbinsel verwundbar für Angriffe wurden. Hydatius zufolge fand die Überquerung der Pyrenäen durch Vandalen, Alanen und Sueben entweder am 28. September oder 12. Oktober 409 statt.Burgess, The Chronicle of Hydatius, 81. Einige Wissenschaftler interpretieren die beiden Daten als den Anfang und das Ende des Überschreitens der Pyrenäen, da die Überquerung einer solchen gewaltigen Barriere durch Tausende von Menschen in einem Zeitraum von 24 Stunden als unwahrscheinlich anzusehen sei.Thompson, Romans and Barbarians, 153. Hydatius schreibt, dass die barbarischen Völker – und ebenso wohl die römischen Soldaten – beim Eindringen in Hispanien die beiden Jahre 409 und 410 in einem Rausch der Plünderung von Lebensmitteln und Waren aus den Städten und aus dem Land verbrachten, was zu einer Hungersnot führte. Nach Hydatius zwang diese die Einheimischen zum Kannibalismus: „[getrieben] von Hunger verschlangen Menschen Menschenfleisch; selbst Mütter verschmausten die Körper ihrer eigenen Kinder, die sie mit ihren eigenen Händen getötet und gekocht hatten.“Burgess, The Chronicle of Hydatius, 83.

Im Jahre 411 einigten sich die verschiedenen barbarischen Gruppen auf eine Friedensregelung und verteilten die Provinzen Hispaniens unter sich per „Los“. Viele Wissenschaftler glauben, dass die Überlieferung hinsichtlich des Losentscheides Beleg dafür sei, dass die Aufteilung der Provinz nach dem Muster einer römischen Föderaten-Ansiedlung erfolgt sei und auf einem Vertrag (foedus) mit Maximus beruht habe. Es gibt allerdings keine konkreten Hinweise auf irgendwelche Verträge zwischen Römern und Barbaren: Hydatius erwähnt keinen Vertrag, sondern schreibt nur, dass der Frieden von 411 aufgrund des Mitgefühls des Herrn (Gott) zustande gekommen sei,Thompson, Romans and Barbarians, 154.Burgess, The Chronicle of Hydatius, 83. während Orosius behauptet, dass die Könige der Vandalen, Alanen und Sueben selbst einen Pakt – ähnlich dem der Westgoten späteren Datums – miteinander geschlossen hätten.„Wallia … um die Sicherheit Roms zu gewährleisten, riskierte er sein eigenes Leben durch Aufnahme des Kampfes gegen die anderen Stämme, die in Spanien gesiedelt hatten, und unterwarf sie für die Römer. Aber auch die anderen Könige, dieselben der Alanen, der Wandalen und der Sueben, hatten einen Handel mit uns zu den gleichen Bedingungen gemacht, diese Nachricht zu Kaiser Honorius sendend: «Halte Du Frieden mit uns allen und Du erhältst Geiseln von allen; wir kämpfen mit einander, wir erleiden eigenen Verlust, aber wir erobern für Dich, in der Tat mit dauerhaftem Nutzen für Deinen Staat, sofern wir beide untergehen sollten.»“, Orosius, History against the pagans, VII.43.

Die Aufteilung des Landes zwischen den vier Kriegergruppen erfolgte wie folgt: Die Silingischen Vandalen erhielten Hispania Baetica, den Alanen wurden die Provinzen Lusitania und Hispania Carthaginensis zugeteilt, und zwischen den Hasdingischen Vandalen und den Sueben wurde die nordwestliche Provinz Gallaecia geteilt.

Galiciens Teilung zwischen den Sueben und den Hasdingischen Vandalen placierte die Sueben in den Westen der Provinz – an die Küste des Atlantiks,Calliciam Vandali occupant et Suaevi sitam in extremitate Oceani maris occidua, Hyd. 41. höchstwahrscheinlich zwischen den heutigen Städten Porto im Süden und Pontevedra im Norden. Bald sollte Braga ihre Hauptstadt werden, später expandierten sie nach Astorga, in die Region von Lugo und in das Tal des Mino-Flusses. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Sueben vor 438 andere Städte in der Provinz bewohnt hätten.Thompson, Romans and Barbarians, 83. Die anfängliche Beziehung zwischen römischen Galiciern und Sueben waren wohl nicht so unheilvoll, wie manchmal angenommen,Donini, Ford, Isidore, 40. da Hydatius keine Konflikte oder Kriege mit den Einheimischen zwischen 411 und 430 erwähnt. Für die gegenteilige Annahme bekräftigt Orosius sogar, dass die Neulinge „ihre Schwerter zu Pflugscharen wendeten“, als sie ihr neues Land in Besitz nahmen.Jorge C. Arias: (S. 37–38) (englisch).