mini|Zweisprachige Beschilderung in der Yaowarat-Straße, Bangkok Chinesischstämmige Thailänder oder Sinothailänder (), das heißt thailändische Staatsbürger Han-chinesischer Abstammung, sind die größte ethnische Minderheit in Thailand. Sie sind eine der größten auslandschinesischen Gemeinschaften Südostasiens und gelten als die am besten integrierte und am stärksten assimilierte.William A. Smalley: Linguistic Diversity and National Unity. Language Ecology in Thailand. University of Chicago Press, Chicago 1994, S. 207.

Mit der Thaiisierung gelang oftmals die Assimilation von Chinesen in die Mehrheitsbevölkerung; aber auch aufgrund der Heirat von Chinesen mit ethnischen Thai lässt sich die Zahl der chinesischstämmigen Thailänder nicht genau beziffern. Schätzungsweise 14 % der Thailänder sind zu einem wesentlichen Teil chinesischer Abstammung.Barbara A. West: Encyclopedia of the Peoples of Asia and Oceania. Facts on File, 2009, ISBN 1-4381-1913-5, S. 794. Zwischen 20 %Antonio L. Rappa, Lionel Wee: Language Policy and Modernity in Southeast Asia: Malaysia, the Philippines, Singapore, and Thailand. Springer, New York 2006, S. 116. und 40 % der Bevölkerung haben zumindest zum Teil chinesische Vorfahren.Theraphan Luangthomkun: The Position of Non-Thai Languages in Thailand. In: Language, Nation and Development in Southeast Asia. ISEAS Publishing, Singapur 2007, S. 191. Besonders hoch ist der Anteil der chinesischstämmigen Bevölkerung in Bangkok (am präsentesten im „Chinesenviertel“ um die Yaowarat-Straße im Bezirk Samphanthawong) und anderen größeren Städten Zentral- und Südthailands.

Nur ein Teil davon identifiziert sich selbst noch als Chinesen, viele sind sich einer doppelten Thai-chinesischen Identität bewusst, die meisten identifizieren sich jedoch überwiegend als Thai.Leo Suryadinata: Ethnic Chinese in Southeast Asia. Overseas Chinese, Chinese Overseas, or Southeast Asians? In: Ethnic Chinese as Southeast Asians. 1997, S. 13. Bei der Volkszählung im Jahr 2000 gaben nur noch 231.350 Menschen an, Chinesisch (Hochchinesisch bzw. einen der südchinesischen Dialekte Teochew, Hokkien, Hainanesisch, Kantonesisch oder Hakka) als Muttersprache zu sprechen. Für assimilierte Chinesischstämmige der zweiten oder dritten Generation ist es in erster Linie eine persönliche Entscheidung, ob sie sich als ethnische Chinesen oder als Thai identifizieren.Maurizio Peleggi: Thailand. The Worldly Kingdom. Reaktion Books, London 2007, S. 46.

Religion mini|Besucher vor dem „chinesischen“ Tempel Wat Mangkon Kamalawat Wie die Mehrheitsbevölkerung sind auch die chinesischstämmigen Thailänder zum ganz überwiegenden Teil, zumindest nominell, Theravada-Buddhisten. Ähnlich wie die Thai verbinden aber auch viele Chinesischstämmige diese offizielle Religion mit Elementen des chinesischen Volksglaubens, der Ahnenverehrung und des Mahayana-Buddhismus, ohne hierin einen Widerspruch zu sehen.Ann Maxwell Hill: Tradition, Identity and Religious Eclecticism among Chinese in Thailand. In: Alternate Identities. 2001, S. 302. Es gibt eine Vielzahl „chinesischer“ Tempel, die hauptsächlich von chinesischstämmigen Gläubigen aufgesucht werden.Tong Chee Kiong, Chang Kwok Bun: Rethinking Assimilation and Ethnicity. The Chinese of Thailand. In: Alternate Identities. 2001, S. 31.

Einfluss auf Kultur und Gesellschaft Thailands mini|Straßenhändler bereitet chinesisches Schmalzgebäck (Youtiao=Pa Thong Ko) zu Elemente chinesischer Kultur, wie Astrologie und Numerologie, haben Eingang in die Mehrheitskultur gefunden. Bestimmte Gerichte der südchinesischen Küche (z. B. Dim Sum, Siopao=Salapao, Kuai Tiao-Nudelsuppen) sind inzwischen landesweit verbreitet. Vokabeln aus dem Chinesischen (bzw. vor allem aus dem Teochew-Dialekt) haben zunächst Eingang in den Bangkoker Dialekt und dann ins Standard-Thailändische gefunden, insbesondere Begriffe aus dem Glücksspiel (traditionell ein faktisches „Monopol“ der chinesischen Bevölkerungsgruppe) und Bezeichnungen von Lebensmitteln und Gerichten. Insbesondere in Bangkok und anderen größeren Städten mit einer nennenswerten chinesischstämmigen Gemeinschaft werden chinesische Feste öffentlich begangen, namentlich das chinesische Neujahrsfest und das Fest der neun Kaisergötter („vegetarisches Fest“).

Die chinesischstämmigen Thailänder haben einen großen Einfluss auf das wirtschaftliche, politische und kulturelle Leben des Landes. Fast alle bedeutenden Unternehmer, die meisten Ministerpräsidenten seit 1932 und viele Akademiker sind ethnische Chinesen oder haben chinesische Vorfahren.Disaphol Chansiri: The Chinese Émigrés of Thailand in the Twentieth Century. 2008, S. 2.

Geschichte mini|Dekorierter Schrein der Thian-Fa-Stiftung zum chinesischen Neujahrsfest

Beginn der Immigration Die Anwesenheit von Chinesen ist bereits für die Sukhothai-Zeit (13. Jahrhundert) dokumentiert. Nach einer der verschiedenen Legenden und Theorien über die Herkunft von U Thong, dem Gründer des siamesischen Königreichs Ayutthaya, soll dieser der Sohn eines chinesischen Kaufmanns gewesen sein.David K. Wyatt: Thailand. A Short History. 2. Auflage, Silkworm Press, Chiang Mai 2004, S. 54. Ayutthaya und andere wichtige Städte des Reiches hatten Chinesenviertel, die Chinesen betätigten sich besonders oft als Kaufleute. Das Drei-Siegel-Gesetz aus der Ayutthaya-Zeit verbot Thais die Heirat oder eine außereheliche Beziehung mit Ausländern bei Todesstrafe. Die Ehe mit Chinesen war jedoch erlaubt. Möglicherweise sahen die siamesischen Herrscher sie nicht als Fremde an, weil Chinesen bereits seit Jahrhunderten in Siam ansässig waren und sie zumeist Buddhisten waren. Eine Thai-chinesische Ehe erforderte daher keinen Übertritt zu einer „fremden“ Religion wie Islam oder Christentum, die von siamesischen Herrschern als Bedrohung angesehen wurden.Disaphol Chansiri: The Chinese Émigrés of Thailand in the Twentieth Century. 2008, S. 24–25.

König Taksin, der Siam nach dem Zusammenbruch Ayutthayas 1767 wieder einte und ein neues Reich mit der Hauptstadt Thonburi (heute ein Stadtteil Bangkoks) gründete, war der Sohn eines chinesischen Immigranten aus Chaozhou und einer Thai. Die Mutter seines Nachfolgers Rama I., des Begründers der bis heute amtierenden Chakri-Dynastie, war eine chinesische Kaufmannstochter. Er verlegte die Hauptstadt ins Zentrum des heutigen Bangkok, wo bis dahin eine Siedlung chinesischer Händler war. Auch die Königin Ramas II. (die Mutter Ramas IV.) war die Tochter eines reichen chinesischen Kaufmanns.Wyatt: Thailand. 2004, S. 145.

Hochphase der Immigration im 19. und frühen 20. Jahrhundert Die Vorfahren der meisten Chinesischstämmigen in Thailand sind jedoch seit Mitte des 18. Jahrhunderts eingewandert. Dabei kamen zunächst fast ausschließlich junge, alleinstehende Männer aus Südchina, die nach damaligem Recht ihre Familien nicht mitnehmen durften. Sie heirateten dann oftmals einheimische Thai-Frauen und kehrten nicht nach China zurück. Ihre Kinder (luk chin) wurden als Thai erzogen, die Assimilation war oft schon in der zweiten Generation komplett.Wyatt: Thailand. 2004, S. 204. Unter den ersten Königen der Chakri-Dynastie (ab 1782) bekamen Chinesischstämmige wichtige Positionen: Sie erhielten Handelsmonopole, wurden Hofgelehrte, Marinekommandeure und Provinzgouverneure, einige wurden sogar in den Adelsstand erhoben.Smalley: Linguistic Diversity and National Unity. 1994, S. 207–208.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Immigration aus China rapide zu. Wurde die chinesische Bevölkerungsgruppe 1825 auf 230.000 Menschen geschätzt, waren es 300.000 im Jahr 1850 und 792.000 im Jahr 1910. Der Bevölkerungsanteil stieg von unter 5 auf etwa 9,5 %. Sie waren zumeist vor der Armut und inneren Unruhen (Taiping-Aufstand) in Südchina geflohen. Über zwei Drittel siedelten sich in und um Bangkok und entlang der nördlichen Golfküste an. Sie arbeiteten oft als Lohnarbeiter am Hafen und in Reismühlen, auf Zuckerfeldern, in Obst- und Gemüsegärten, als Träger und Handelsgehilfen sowie als Bergarbeiter in Zinnminen. Oft waren ihre Arbeitgeber selbst Chinesen, aber etwas früher eingewandert und sozial bereits aufgestiegen. Auch die Regierung bevorzugte es zunehmend, Chinesen für die Arbeit an öffentlichen Bauprojekten zu bezahlen, statt Thai zur Pflichtarbeit heranzuziehen, weil diese oft unwillig und weniger produktiv arbeiteten.

Da sie ganz überwiegend in den größeren Städten siedelten und außerhalb des feudalen Systems der Frondienstpflichten (Sakdina) standen, also wirtschaftlich und sozial unabhängiger waren als die Thai, gelang ihnen oder ihren Kindern oft ein rascher sozialer Aufstieg. Überproportional viele Chinesen wurden Kaufleute, Beamte, Steuerpächter oder auch Ärzte. Einheimische Thai blieben dagegen überwiegend auf dem Land und betrieben Reisfeldbau. Die ambitionierteren unter ihnen strebten in den Staatsdienst oder das Mönchstum, aber kaum in die – ihnen fremden – großen Städte und marktwirtschaftlich geprägten Berufe. So waren es hauptsächlich Chinesen, die für die rapide wirtschaftliche und infrastrukturelle Modernisierung Siams im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert verantwortlich waren. Der Bau von Kanälen, Eisenbahnstrecken, Straßen und Brücken, neuen Verwaltungs- und Geschäftsgebäuden sowie der Groß- und Außenhandel waren überwiegend in chinesischer Hand.

mini|Soi Wanit 1, enge Marktgasse im „Chinesenviertel“ Sampheng (Bezirk Samphanthawong) Die Assimilation der Chinesen nahm in der Zeit um 1900 merklich ab. Anders als zuvor kamen nun ganze Familien aus China nach Siam. Sie siedelten in separaten chinesischen Vierteln, wo sie häufiger unter sich blieben.Wyatt: Thailand. 2004, S. 203–205. Nicht nur im „Chinesenviertel“ Sampheng, sondern überhaupt in Bangkoker Geschäftskreisen diente der Teochew-Dialekt als Umgangssprache.Thom Huebner: Bangkok’s Linguistic Landscapes. Environmental Print, Codemixing and Language Change. In: Linguistic Landscape. A New Approach to Multilingualism. Multilingual Matters, Clevedon u. a. 2006, ISBN 1-85359-916-6, S. 43. Im Jahr 1908 kam es zu einem Streik der Chinesen in Bangkok, nachdem die Regierung die Kopfsteuer für chinesische Ausländer von 4,5 auf 6 Baht erhöht hatte. Chinesische Händler verkauften keine Konsumgüter mehr, drei Tage lang gab es in Bangkok praktisch keinen Reis und keine anderen Lebensmittel zu kaufen. Dieses Ereignis verschlechterte das Verhältnis zwischen Chinesen und Thai, von denen einige den Eindruck hatten, dass den Chinesen ein geringer Steuersatz wichtiger sei als Zusammenhalt und Loyalität.Supang Chantavanich: From Siamese-Chinese to Chinese-Thai. 1997, S. 234.

Antichinesische Ressentiments unter Rama VI. Während der Herrschaft König Ramas VI. (Vajiravudhs; reg. 1910–1925) kamen dann antichinesische Ressentiments auf, am prominentesten verbreitet vom König selbst. Dies kann auch als Reaktion auf das verstärkte Nationalbewusstsein der Chinesen und die Xinhai-Revolution von 1911/12, die in China die Monarchie beendete, gesehen werden. In seinem Traktat „Die Juden des Ostens“ (1914) stempelte Vajiravudh die Chinesen als nicht anpassungsfähige, opportunistische, doppelzüngige, betrügerische, geheimniskrämerische, illoyale, den Mammon verehrende wirtschaftliche Schmarotzer ab.Chee Kiong Tong: Identity and Ethnic Relations in Southeast Asia. Racializing Chineseness. Springer, Dordrecht u. a. 2010, S. 36.Sebastian Conrad: Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich. C. H. Beck, München 2010, S. 197. Auch seine Schrift „Die Klötze an unserem Wagen“ (1915) war von sinophoben Ressentiments geprägt.Supang Chantavanich: From Siamese-Chinese to Chinese-Thai. 1997, S. 233. Die chinesische Minderheit mit ihrem großen wirtschaftlichen Einfluss war dem von Vajiravudh propagierten thailändischen Nationalbewusstsein und ökonomischen Nationalismus ein Hindernis.