Abū l-Asbagh ʿAbd al-ʿAzīz ibn Marwān (; gest. 703 oder 705) war der Halbbruder und designierte Thronfolger des umayyadischen Kalifen ʿAbd al-Malik ibn Marwān und diente diesem von 685 bis 705 als Statthalter von Ägypten und Nordafrika. Er spielte eine wichtige Rolle bei der Sicherung der Herrschaft der Marwāniden, betrieb in Ägypten eine eigenständige Steuerpolitik und legte mit Hulwān eine neue Residenzstadt an. Auf Betreiben von al-Haddschādsch ibn Yūsuf drängte ihn ʿAbd al-Malik gegen Ende seiner Herrschaft dazu, sein Thronfolgerecht zugunsten von al-Walid I. aufzugeben. ʿAbd al-ʿAzīz wehrte dieses Ersuchen jedoch erfolgreich ab. Von der arabischen Eroberung bis zum frühen 10. Jahrhundert war ʿAbd al-ʿAzīz ibn Marwān der Statthalter Ägyptens mit der längsten Amtszeit.Vgl. al-Kindī 55, Z. 15–16.

Abstammung und frühe Jahre ʿAbd al-ʿAzīz war der zweitälteste Sohn des Kalifen Marwan I. Seine Mutter, Lailā bint Zabbān, gehörte dem Stammesadel der Kalb an.Vgl. Rotter 121. Von seinem Vater erhielt ʿAbd al-ʿAzīz eine Hälfte des Landgutes von Fadak in der Nähe von Medina, das zu jener Zeit einen jährlichen Ernteertrag von 10.000 Dinar abwarf.Vgl. Rotter 120. Die andere Hälfte erhielt ʿAbd al-Malik. Der arabische Historiograph Ibn al-Chaiyāt al-ʿUsfurī (st. 854) erwähnt, dass ʿAbd al-ʿAzīz im Jahre 59 d.H (= 678/679 n. Chr.) das Statthalteramt über Medina versah.Vgl. Ḫalīfa ibn al-Ḫaiyāṭ al-ʿUṣfurī: Taʾrīḫ. Ed. Akram Ḍiyāʾ al-ʿUmar. Maṭbaʿat al-Ādāb, Nadschaf 1967, S. 220. Einer Aussage von ʿAbd al-ʿAzīz, die der arabische Historiograph al-Kindī zitiert, ist zu entnehmen, dass er bereits während der Statthalterschaft von Maslama ibn al-Muchallad (667–682) einmal nach Ägypten reiste.Vgl. al-Kindī 54, Z. 12–16.

Sicherung der marwānidischen Herrschaft mini|Die Machtverhältnisse im Jahre 686. Das Herrschaftsgebiet der Marwaniden ist rot gekennzeichnet. Im Jahre 684 wurde auf der Konferenz von al-Dschābiya Marwān, der Vater von ʿAbd al-ʿAzīz, zum Kalifen ausgerufen. Er führte Ende des Jahres einen Feldzug gegen Ägypten durch, das damals dem mekkanischen Kalifen ʿAbdallāh ibn az-Zubair unterstand und von Ibn Dschahdam regiert wurde. ʿAbd al-ʿAzīz nahm an diesem Feldzug teil und führte eine der beiden Armeen an. Während der Vater mit seiner Armee am Nordrand des Sinai gegen Ägypten vorrückte, drang ʿAbd al-ʿAzīz weiter südlich über Ailat nach Ägypten ein. Ibn Dschahdam sandte Zuhair ibn Qais gegen ʿAbd al-ʿAzīz aus, doch konnte ihn letzterer bei Ailat schlagen.Vgl. al-Kindī 42f und Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 157.

Nach dem Sieg über Ibn Dschahdam hielt sich Marwān noch zwei Monate in Ägypten auf. Am 1. Radschab des Jahres 65 d.H (= 11. Februar 685 n. Chr.) ernannte er ʿAbd al-ʿAzīz zum Statthalter „über Gebet und die Steuern (ḫarāǧ)“ und kehrte selbst nach Syrien zurück.Vgl. Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 157f. ʿAbd al-ʿAzīz besetzte die führenden militärischen Ämter in Ägypten mit pro-umaiyadischen Persönlichkeiten aus dem arabischen Stammesadel.Vgl. al-Kindī 48f.

Auf der Konferenz von al-Dschābiya hatten sich die verschiedenen Zweige der Umayyadenfamilie zur Schlichtung ihres Streits darauf geeinigt, dass Marwān zum Kalifen erhoben werden sollte, ihm aber nach seinem Tod zwei Angehörige anderer Zweige der Umayyaden-Familie folgen sollten, nämlich Chālid ibn Yazīd und ʿAmr ibn Saʿīd al-Aschdaq. Nach der Rückkehr aus Ägypten nutzte Marwān seinen militärischen Erfolg und die Abwesenheit ʿAmrs, um eine neue Nachfolgeregelung zugunsten seiner eigenen Söhne ʿAbd al-Malik und ʿAbd al-ʿAzīz durchzusetzen: Er ließ ihnen als Thronfolgern den Treueid schwören, und zwar in der Weise, dass zunächst ʿAbd al-Malik und nach dessen Tod ʿAbd al-ʿAzīz das Amt des Kalifen ausüben sollte.Vgl. Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 164.

Als Marwān Anfang Ramadan 65 (10. April 685) starb, übernahm ʿAbd al-Malik planmäßig das Kalifat.Vgl. at-Tabarī II 576, Z. 16–17. Der von der Thronfolge ausgeschlossene al-Aschdaq unternahm 689 einen Aufstand, den ʿAbd al-Malik nur mit Mühe niedergeschlagen konnte. Anders als ʿAbd al-Malik hatte ʿAbd al-ʿAzīz offensichtlich Hemmungen, gegen diesen Gegner und seine Familie härter vorzugehen. Als er bei seinem Bruder in Syrien zu Besuch war, weigerte er sich, den vom Kalifen gefangengenommenen al-Aschdaq zu töten, so dass ʿAbd al-Malik diese Bluttat schließlich selbst beging. Später legte er außerdem bei ʿAbd al-Malik Fürsprache für al-Aschdaqs Verwandte ein, so dass diese einer Ermordung entgingen und auf das irakische Herrschaftsgebiet von ʿAbdallāh ibn az-Zubair ausweichen konnten.Vgl. Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 168.

Nach dem Sieg über al-Aschdaq war der mekkanische Kalif ʿAbdallāh ibn az-Zubair der wichtigste Gegner der Marwaniden. Um den Propagandafeldzug gegen den Zubairiden zu gewinnen, nahm ʿAbd al-ʿAzīz in dieser Zeit zu bedeutenden Prophetengefährten, die unter zubairidischer Herrschaft lebten, Kontakt auf. So schickte er zum Beispiel ʿAbdallāh ibn ʿUmar Geld, das dieser auch annahm.Vgl. Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 244. Der militärische Kampf gegen ʿAbdallāh ibn az-Zubair begann erst 691, nachdem ʿAbd al-Malik seine nordsyrischen Gegner besiegt hatte. Nach dem Bericht al-Kindīs unterstützte ʿAbd al-ʿAzīz seinen Bruder hierbei militärisch, indem er ein Hilfskontingent von 3.000 Mann aussandte, das unter Führung von Mālik ibn Scharāhīl aus dem südarabischen Stamm der Chaulān stand. Es wurde über das Rote Meer in den Hedschas verschifft und traf spätestens Mitte Mai 692 vor Mekka ein.Vgl. al-Kindī 51, Z. 1–2 und Rotter: Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg. 1982, S. 239. Es war schließlich auch ein Mann aus dem ägyptischen Hilfskontingent, ʿAbd ar-Rahmān ibn Bahnas, der ʿAbdallāh ibn az-Zubair am 5. November 692 tötete.Vgl. al-Kindī 51, Z. 3–4. Bis zum Sieg über ʿAbdallāh ibn az-Zubair ließ ʿAbd al-ʿAzīz die Charādsch-Grundsteuer in Ägypten in wöchentlichem Rhythmus erheben, weil er fürchtete, Unruhen im eigenen Land könnten ihm eventuell die finanzielle Grundlage entziehen.Vgl. Eutychios 41, Z. 3–5 und Becker 98.

Die neue Residenz Hulwān und andere Bauaktivitäten ʿAbd al-ʿAzīz residierte zunächst in Fustāt, der von ʿAmr ibn al-ʿĀs 643 gegründeten arabischen Militärsiedlung. Im Jahre 67 d.H. (686/687 n. Chr.) ließ er dort im Sūq al-Hammām westlich von der Freitagsmoschee das sogenannte „vergoldete Haus“ (ad-Dār al-muḏahhaba) errichten, das auch unter dem Namen al-Madīna („der Gerichtshof“?) bekannt war.Vgl. al-Kindī 49, Z. 1–3.

Nach einer Pestepidemie im Jahre 70 (689/690 n. Chr.) verlegte ʿAbd al-ʿAzīz seinen Regierungssitz auf Anraten von Ärzten in den Distrikt von asch-Scharqīya südlich von Fustāt, wo er als neue Residenzstadt Hulwān gründete.Vgl. al-Kindī 49, Z. 16f und Eutychius 40, Z. 17f. ʿAbd al-ʿAzīz ließ hier Paläste und Moscheen errichten, Wein- und Palmgärten anlegen und ein Aquädukt erbauen, das Wasser von einer Quelle im Mukattam-Gebirge heranführte. Das Wasser füllte am Endpunkt des Aquädukts einen Teich. ʿAbd al-ʿAzīz ließ dort einen „Thron aus Glas“ (ʿarš min zuǧāǧ) errichten. Zur Messung des Nil-Wasserstandes ließ er außerdem in Hulwān ein Nilometer erbauen.Vgl. Eutychius 40, Z. 18–22 sowie J. M. B. Jones: Artikel Ḥulwān. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band III, S. 572a.

Nach dem Bericht des Eutychios von Alexandria gab ʿAbd al-ʿAzīz insgesamt eine Million Dinar für die Errichtung der neuen Residenz in Hulwān aus. Der arabische Historiograph al-Kindī (st. 961) berichtet, dass sein gesamter Hofstaat, zu dem Wachen, Diener und Polizeimannschaften gehörten, nach Hulwān umzog. Als Vorsteher des Hofstaates diente ihm Dschanāb ibn Murthad ar-Ruʿainī.Vgl. al-Kindī 49, Z. 17–18. In die alte Hauptstadt Fustāt begab sich ʿAbd al-ʿAzīz nur einmal in der Woche, nämlich jeweils donnerstags. Er brachte dann dort die Zeit bis zum Mittag des nächsten Tages zu und kehrte nach dem Freitagsgebet nach Hulwān zurück. Eutychios berichtet, dass ʿAbd al-ʿAzīz noch weitere Pläne für seine neue Residenzstadt verfolgte. Diese schlossen eine Verlegung der Nilbrücke, der Uferpromenaden und der Märkte von Fustāt nach Hulwān ein. Die Pläne kamen jedoch nicht zur Verwirklichung.Vgl. Eutychius 41, Z. 7–9.

Auch in al-Fustāt war ʿAbd al-ʿAzīz baulich aktiv. Im Jahre 77 (696/697 n. Chr.) ließ er dort die Moschee des ʿAmr ibn al-ʿĀs niederreißen und neu errichten, wobei er an den Seiten weitere Flächen hinzufügen ließ.Vgl. al-Kindī 51, Z. 14–15. Nach Eutychius erfolgte der Abbruch der Moschee im Zusammenhang mit der vorangegangenen Pestepidemie, die sich von hier aus verbreitet hatte.Vgl. Eutychius 40, Z. 17f.

Politik in Ägypten Eutychius berichtet, dass ʿAbd al-ʿAzīz seinen Dienern, die der melkitischen Kirche angehörten, in Hulwān die Errichtung einer kleinen Kirche erlaubte. Sie war dem Heiligen Georg geweiht.Vgl. Eutychius 41, Z. 1–3. Einem Sekretär namens Athanasios, der der Jakobitischen Kirche angehörte, gestattete er außerdem die Errichtung einer Kirche in unmittelbarer Nähe zum Qasr asch-Schamʿ, der zentralen Festung von al-Fustāt.Vgl. Eutychius 41, Z. 10–12. Abgesehen von diesen persönlichen Gunsterweisen scheint aber ʿAbd al-ʿAzīz gegenüber der einheimischen christlichen Bevölkerung eine eher restriktive Politik verfolgt zu haben. Im Jahre 74 d.H. (693/694 n. Chr.) begab er sich nach Alexandria, ließ die führenden Persönlichkeiten der Stadt ergreifen und verteilte sie über die verschiedenen Dörfer und Distrikte des Landes. Er verpflichtete dann jeden Distrikt zur Zahlung von Steuern entsprechend dem Ertrag seiner Felder und Gärten.Vgl. Becker 98 und Dennett 75, die aus Eutychius 41, Z. 5 zitieren. Der Einfall von ʿAbd al-ʿAzīz in Alexandria wird auch bei Ibn al-Chaiyāt 267 erwähnt. Seinen Sohn Asbagh ließ ʿAbd al-ʿAzīz eine Zählung aller Mönche im Lande durchführen. Dann verbot er die Rekrutierung neuer Mönche und erlegte den Mönchen eine Kopfsteuer von jeweils einem Dinar auf. Vorher waren die Mönche von dieser Steuer ausgenommen gewesen.Vgl. Dennett 5, 73 und Becker 99. Auch überwachte er sehr genau die Wahlen der koptischen Patriarchen und verpflichtete die Patriarchen, ihren Sitz in der neuen Hauptstadt Hulwān zu nehmen.Vgl. Blankinship. Das öffentliche Zur-Schau-Stellen christlicher Symbole wurde verboten, eine christliche Quelle berichtet sogar, dass ʿAbd al-ʿAzīz alle Kreuze in Ägypten zerstören ließ.Vgl. Chase F. Robinson: ʿAbd al-Malik. Oneworld, Oxford 2005, S. 80.

Einer höheren steuerlichen Belastung der zum Islam konvertierten Bevölkerung stand ʿAbd al-ʿAzīz dagegen ablehnend gegenüber. Dies lässt sich einem Bericht von Ibn ʿAbd al-Hakam entnehmen. Demnach führte al-Haddschādsch ibn Yūsuf im Irak die Regel ein, dass auch solche Ahl adh-Dhimma die Dschizya bezahlen mussten, die zum Islam konvertiert waren. Als der Kalif ʿAbd al-Malik seinen Bruder in einem Brief dazu aufrief, dem Beispiel von al-Haddschādsch zu folgen und in Ägypten diese Regel ebenfalls einzuführen, nahm ʿAbd al-ʿAzīz auf Anraten seines Qādīs und Finanzverwalters ʿAbd ar-Rahmān Ibn Hudschaira von diesem Plan Abstand.Vgl. Ibn ʿAbd al-Ḥakam Futūḥ Miṣr 156, Z. 1–6 Digitalisat und Dennett 76.

ʿAbd al-ʿAzīz war auch für seine Großzügigkeit bekannt. Al-Kindī zitiert einen Bericht, wonach er täglich tausend Schüsseln mit Speisen um seinen Palast herum aufstellte und hundert weitere Schüsseln eilig zu den in al-Fustāt ansässigen Stämmen bringen ließ.Vgl. al-Kindī 51, Z. 16–17. Diese Schüsseln (ǧifān) werden auch in einem bekannten Lobvers des Dichters ʿUbaidullāh ibn Qais ar-Ruqaiyāt auf ʿAbd al-ʿAzīz erwähnt, den unter anderem at-Tabarī zitiert: Ḏāka Bnu Lailā ʿAbdu l-ʿAzīzi bi-Bā- bilyūn taġdū ǧifānu-hū ruḏuman.Zit. nach at-Tabarī II 790, Z. 11-12 Das ist der Sohn von Lailā, ʿAbd al-ʿAzīz in Bābilyūn (= Fustāt), jeden Morgen sind seine Schüsseln so voll, dass sie überfließen