mini|hochkant=1.5|Innenansicht des Stadions Mineirão in Belo Horizonte vor Beginn des Halbfinales Das Fußball-WM-Halbfinale zwischen Brasilien und Deutschland am 8. Juli 2014 war die erste der beiden Halbfinalpartien der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Der mit fünf Titeln amtierende Rekordweltmeister Brasilien verlor das Spiel gegen den damals dreifachen Titelträger und späteren Turniersieger Deutschland mit 1:7. Als höchste Niederlage im Halbfinale einer Fußballweltmeisterschaft und eine von zwei höchsten Niederlagen der brasilianischen Nationalmannschaft jemals erhielt es in Brasilien den Beinamen Mineiraço, sinngemäß etwa „Schock von “. Diese Benennung ist vom Kurznamen „Mineirão“ des Stadions in Belo Horizonte abgeleitet und erinnert an den Beinamen für die Niederlage Brasiliens gegen Uruguay bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1950 im Maracanã.
Vorgeschichte mini|Die Nationalmannschaft Brasiliens während der Nationalhymne vor Spielbeginn Die beiden vorherigen Begegnungen mit deutschen Nationalmannschaften bei einer Weltmeisterschaft der Herren hatte Brasilien gewonnen: 1974 das Spiel in der 2. Finalrunde gegen die DDR mit 1:0 und das Endspiel der WM 2002 gegen Deutschland mit 2:0. Bei den beiden folgenden WM-Turnieren war Brasilien jeweils im Viertelfinale am späteren Vizeweltmeister gescheitert (2006 Frankreich und 2010 Niederlande). Deutschland schied jeweils im Halbfinale gegen den späteren Weltmeister aus (2006 Italien und 2010 Spanien). Es hatte zuvor in 21 Länderspielen nur viermal gegen Brasilien gewonnen. Zwölfmal hatte Brasilien gesiegt, zuletzt im Halbfinale des Konföderationenpokals 2005 in Deutschland mit 3:2. Beim Konföderationenpokal 1999 war Brasilien mit 4:0 der höchste Sieg gegen Deutschland gelungen. Deutschlands höchster Sieg gegen Brasilien war bis dahin ein 2:0 am 12. März 1986 in Frankfurt am Main gewesen. Das letzte Aufeinandertreffen zwischen den beiden Mannschaften hatte am 10. August 2011 stattgefunden, als Deutschland in Stuttgart mit 3:2 gewann und den ersten Sieg gegen die Brasilianer seit 18 Jahren errang.
Beide Mannschaften hatten sich in der Gruppenphase der WM 2014 mit je zwei Siegen und einem Unentschieden durchgesetzt. Im Achtelfinale bezwang Deutschland Algerien mit 2:1 n. V., Brasilien besiegte Chile mit 4:3 n. E. Im Viertelfinale setzte sich Deutschland gegen Frankreich mit 1:0 durch, während Brasilien Kolumbien mit 2:1 aus dem Turnier warf. Brasilien zog bei seiner 20. Teilnahme zum 11. Mal unter die letzten vier Mannschaften einer Weltmeisterschaft ein, für Deutschland war es das 13. Mal im 18. WM-Turnier. Brasilien stand zuletzt 2002, Deutschland 2010 in einem WM-Halbfinale. Für Deutschland war es überdies seit 2002 die vierte Halbfinalteilnahme in Folge. Für Brasilien war es das 103. und für Deutschland das 105. WM-Spiel. Es war erst das vierte Halbfinale zwischen einer südamerikanischen und europäischen Mannschaft auf dem amerikanischen Doppelkontinent; und zuvor hatte sich immer die südamerikanische Mannschaft durchgesetzt: 1930 Uruguay gegen Jugoslawien mit 6:1, 1986 Argentinien mit 2:0 gegen Belgien und 1994 Brasilien mit 1:0 gegen Schweden. Alle drei wurden anschließend auch Weltmeister.
Zwei wichtige brasilianische Spieler konnten im Halbfinale nicht antreten: Neymar, Stürmer und unumstrittener Star der Mannschaft, hatte im Viertelfinalspiel durch ein Foul von Juan Zúñiga eine Lendenwirbelfraktur erlitten, und Mannschaftskapitän Thiago Silva war nach zwei gelben Karten gesperrt. Bei der deutschen Mannschaft stand einzig Shkodran Mustafi wegen einer Verletzung nicht zur Verfügung.
Brasiliens Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari zeigte sich zuversichtlich, trotz Neymars Ausfall das Finale zu erreichen. Beobachter hätten die letzten beiden Spiele Deutschlands verfolgt und aufgezeigt, wie man sie schlagen könne. Bundestrainer Joachim Löw bedauerte das Fehlen Neymars und sprach davon, trotz der Anfeuerung für den Gegner durch das Publikum selbstbewusst in das Spiel zu gehen.
Einem Bericht des Daily Telegraph zufolge überraschte Scolari die brasilianischen Spieler sechs Stunden vor dem Anpfiff mit einer Änderung der Mannschaftsaufstellung: Nachdem er mit den drei Mittelfeldspielern Luiz Gustavo, Fernandinho und Paulinho trainiert hatte, um dem deutschen Mittelfeldtrio Schweinsteiger, Khedira und Kroos etwas entgegenzusetzen, verzichtete er kurzfristig auf Paulinho. Er brachte stattdessen Bernard in der Offensive auf dem linken Flügel, ohne diese Variante im Training einstudiert zu haben.
Spielverlauf mini|Klose, Özil, Khedira und Müller (v. l. n. r.) beim Torjubel zum 0:5 (29. Spielminute) Brasilien begann druckvoll, drängte die deutsche Mannschaft durch aggressives Pressing an deren Strafraum und kam auf diese Weise nach zwei Minuten durch Marcelo zu einer ersten Torchance. Nachdem die DFB-Elf die anfängliche Druckphase ohne Gegentreffer überstanden hatte, ging sie in der 11. Minute durch Thomas Müller in Führung, der nach einem Eckball von Toni Kroos freistehend am Fünfmeterraum den Ball per Volley ins Tor schoss. Brasilien intensivierte danach seine Offensivbemühungen. Die Mittelfeldspieler der Seleção schalteten sich vermehrt in die Angriffsaktionen ein, die jedoch allesamt durch Fehlpässe und überhastete Abschlüsse unwirksam blieben. In der 23. Minute fiel das 0:2 durch Miroslav Klose, der nach einem Spielzug über Kroos und Müller im Strafraum zunächst an Brasiliens Torwart Júlio César scheiterte, den Abpraller dann aber verwerten konnte.
In den folgenden sechs Minuten erzielte die deutsche Mannschaft drei weitere Treffer: Zunächst traf Toni Kroos in der 24. Minute nach einer Hereingabe von Philipp Lahm, die Müller verpasste, per Direktabnahme mit dem linken Außenrist von der linken Strafraumgrenze. Seinen zweiten Treffer erzielte Kroos zwei Minuten später und nur 20 Sekunden nach dem Wiederanpfiff durch Balleroberung gegen Fernandinho und einem Doppelpass mit Sami Khedira auf Höhe des Elfmeterpunkts. Danach erhöhte Khedira in der 29. Minute im Zusammenspiel mit Mesut Özil durch einen Beinschuss gegen Maicon zum Halbzeitstand von 0:5. Einige Hundert der brasilianischen Zuschauer hatten zu diesem Zeitpunkt das Stadion bereits verlassen.
Nach der Pause erarbeitete sich Brasilien durch Oscar in der 52. und den zur zweiten Halbzeit eingewechselten Paulinho in der 53. Minute gute Chancen, scheiterte jedoch beide Male am deutschen Torwart Manuel Neuer. Der in der 58. Minute für Miroslav Klose eingewechselte André Schürrle traf im weiteren Verlauf zum 0:6 und 0:7. Schürrle erzielte seinen ersten Treffer elf Minuten nach seiner Einwechslung aus etwa sieben Metern in zentraler Position nach einem Querpass im Strafraum durch Philipp Lahm. Beim zweiten Treffer zehn Minuten später setzte er sich nach einer Hereingabe von Thomas Müller im Laufduell gegen David Luiz durch und schoss den Ball aus kurzer Distanz und spitzem Winkel an die Unterkante der Querlatte, von der dieser ins Tor abprallte. Zum Sündenbock für die sich abzeichnende hohe Niederlage hatten die brasilianischen Zuschauer inzwischen den Stürmer Fred – fünffacher Torschütze beim Confed-Cup 2013 – erkoren, der bei jedem Ballkontakt von ihnen ausgepfiffen und mit Schmähgesängen bedacht wurde, bis ihn sein Trainer Scolari während des deutschen Torjubels zum 0:6 auswechselte. Nachdem kurz zuvor Mesut Özil nach Zuspiel von Julian Draxler das mögliche 0:8 vergeben hatte, gelang Oscar in der 90. Minute nach einem langen Zuspiel von dem für Fred eingewechselten Willian und im Zweikampf mit Jérôme Boateng der Ehrentreffer für die Gastgeber. Dies war gleichzeitig Brasiliens letzter Treffer bei der WM im eigenen Land.
Das Spiel in Zahlen mini|Miroslav Klose nach seinem insgesamt 16. WM-Tor
Dieses WM-Spiel ist in vielfacher Hinsicht mit Rekorden verknüpft: Der Endstand von 1:7 ist eines der höchsten Ergebnisse, die jemals in der Finalrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft erreicht wurden, und das höchste in einem WM-Halbfinale. Schweden hatte 1938 im Viertelfinale gegen Kuba mit 8:0 gewonnen. Außerdem hatten Brasilien 1950 in der Finalrunde gegen Schweden und Italien 1934 im Achtelfinale gegen die USA jeweils auch mit 7:1 gewonnen. Für Deutschland war es der zweithöchste WM-Sieg nach dem 8:0 gegen Saudi-Arabien in der Gruppenphase der Weltmeisterschaft 2002. Die deutsche Mannschaft feierte damit den höchsten Sieg aller Mannschaften des WM-Turniers, was ihr bereits 1966, 1978 (neben Argentinien), 1990 (neben der Tschechoslowakei und der Sowjetunion) und 2002 gelungen war.
Es war die zweite Niederlage Brasiliens in einem WM-Halbfinale, nachdem die Mannschaft bei der WM 1938 Italien mit 1:2 unterlegen war, und die erste Heimniederlage nach fast 39 Jahren (63 Spiele) in einem Pflichtspiel, seit Peru beim 1:3 der Brasilianer aus dem Halbfinale der Copa América 1975, das ebenfalls in Belo Horizonte ausgetragen wurde, als Sieger hervorgegangen war. Das Ergebnis ist neben einer 0:6-Niederlage gegen Uruguay beim Campeonato Sudamericano 1920 auch die höchste Länderspielniederlage Brasiliens. Zudem ist es die höchste Niederlage eines WM-Gastgebers in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaften.
Miroslav Klose war der erste Nationalspieler, der in seinem vierten WM-Halbfinalspiel auflief. Mit seinem insgesamt 16. Treffer avancierte Klose zudem vor Ronaldo zum alleinigen Rekordtorschützen bei Fußballweltmeisterschaften, nachdem er bereits durch sein Tor zum 2:2-Endstand im zweiten Gruppenspiel gegen Ghana mit diesem gleichgezogen war. Kloses Bestmarke wiederum wurde rund 12 Jahre später durch Lionel Messi übertroffen, der am 22. Juni 2026 durch das 1:0 in der Vorrundenbegegnung Argentiniens gegen Österreich bei der WM 2026 sein Kontingent auf zwischenzeitlich 17 Treffer erhöhte. Das 0:1 durch Thomas Müller war das 2000. Länderspieltor der deutschen Nationalmannschaft. Die vier Treffer in sieben Minuten von der 23. bis zur 29. Minute gehören zu den schnellsten Torfolgen für eine Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft. Zuvor hatten Vergleichbares nur Ungarn 1982 beim 10:1-Sieg über El Salvador und Österreich 1954 beim 7:5 über die Schweiz geschafft. Fünf Tore für eine Mannschaft innerhalb der ersten 29 Minuten bedeuteten einen neuen WM-Rekord. Diesen hatte bis dahin Jugoslawien mit 30 Minuten gehalten, aufgestellt 1974 beim 9:0 über Zaire. In: dfb.de. Das 0:5 durch Sami Khedira war der 221. deutsche WM-Treffer, womit Deutschland die Brasilianer in der Liste der Mannschaften mit den meisten WM-Toren als Tabellenführer ablöste.
Toni Kroos erzielte in diesem Spiel mit seinen zwei Toren innerhalb von 69 Sekunden den schnellsten Doppelpack in der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften.
André Schürrle wurde durch seine beiden Treffer mit insgesamt drei Toren erfolgreichster Einwechselspieler des Turniers und löste als erfolgreichsten Einwechselspieler der deutschen Mannschaft bei WM-Turnieren Rudi Völler ab, der 1986 insgesamt zwei Tore nach Einwechslungen erzielt hatte.
Trotz des Spielergebnisses von 1:7 lag Brasilien nach Torschüssen (13:12) und Eckbällen (7:5) vorn und hatte mit 52 % einen höheren Ballbesitz als die DFB-Elf. In: fifa.com (englisch).
Für den mexikanischen Schiedsrichter Marco Antonio Rodríguez Moreno war es das letzte Spiel seiner Karriere, in der er sieben WM-Spiele bei drei Turnieren geleitet hatte.
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