Im Herzogtum Braunschweig führte die Revolution von 1848/1849 zu einer teilweise erneuerten Regierung, zur Pressefreiheit und zu einigen weiteren Reformen. Allerdings waren durch die Revolution von 1830 und die darauf folgenden Reformen viele Wünsche der Bevölkerung, vor allem des Bürgertums, bereits erfüllt. Impulse für die Revolution von 1848 in Braunschweig kamen in erster Linie aus Berlin; das Herzogtum entsandte auch eher gemäßigte Vertreter in die Frankfurter Nationalversammlung.

Der Herzog ließ sich von Preußen beraten, musste aber auf Anraten seiner Regierung der Revolution mehr entgegenkommen als ihm recht war. Braunschweig nahm 1849 die Frankfurter Reichsverfassung an, danach folgte es der Unionspolitik Preußens von 1849/1850, einen kleindeutschen Bundesstaat auf konservativerer Grundlage zu errichten. Die Reaktion in Braunschweig verlief milder als anderswo. mini|hochkant=1.2|Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, 1789. Nach der französischen Zeit wurde der Staat in seinen alten Grenzen wiederhergestellt. mini|hochkant=1.2|Das Herzogtum Braunschweig auf einer Karte von 1839, braun umrändert

Ausgangslage mini|links|hochkant=1.2|Ruinen des Braunschweiger Schlosses nach dem Aufstand von 1830 Der eigensinnige und despotische Herzog Karl II. hatte viel Unmut über sich gebracht. Als in Paris 1830 die Julirevolution ausbrach, wurde im Herzogtum Braunschweig nicht nur eine (neue) Verfassung eingeführt, wie in einigen anderen deutschen Staaten, sondern der Herzog wurde beim Braunschweiger Volksaufstand am 7. September 1830 spektakulär vertrieben. Gerhard Schildt: „Hier ereignete sich die einzige deutsche Revolution des 19. Jahrhunderts, die, gemessen an ihren Zielen, völlig erfolgreich war.“Gerhard Schildt: Von der Restauration zur Reichsgründungszeit. In: Horst-Rüdiger Jarck, Gerhard Schildt (Hrsg.): Die Braunschweigische Landesgeschichte. Jahrtausendrückblick einer Region. Appelhans Verlag, Braunschweig 2000, S. 761.

Karls Bruder Wilhelm herrschte zwar anschließend als Herzog, doch galten die Erbansprüche von Karls etwaigen Nachkommen weiter. Dies erschwerte es Wilhelm, eine ebenbürtige Gemahlin zu finden. Die eigentlichen Sieger von 1831 waren die Minister Werner von Veltheim, Friedrich Schulz und Wilhelm von Schleinitz. Im Jahr 1832 setzten sie mit der Neuen Landschaftsordnung eine relativ moderne Verfassung durch.Otto Böse: Die Revolution von 1848 in Braunschweig. Von den Anfängen bis zum Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung am 18. Mai 1848. August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1948, S. 7–9.

Wenn auch die Bevölkerung durch die Ereignisse von 1830/1831 bereits stark politisiert worden war, so schränkten die Pressegesetze des Deutschen Bundes das politische Leben in Braunschweig stark ein. Herzog Wilhelm war konservativ und nur zu wenigen Zugeständnissen bereit; er ließ seiner Regierung aber genügend Raum für die unvermeidbaren Anpassungen an die Zeit. Die Liberalen in der Ständeversammlung (dem Parlament) waren in der Minderheit; bis 1848 tagte die Ständeversammlung nicht öffentlich. Erst Anfang der 1840er Jahre trat Braunschweig dem Deutschen Zollverein bei; dass das benachbarte Hannover bis 1854 einem anderen Zollgebiet, dem Steuerverein, angehörte, schadete Braunschweig wirtschaftlich ungemein.Otto Böse: Die Revolution von 1848 in Braunschweig. Von den Anfängen bis zum Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung am 18. Mai 1848. August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1948, S. 9–11, S. 13.

Ablauf der Revolution Märzforderungen und Unruhen Am 28. Februar 1848 erfuhr man in Braunschweig von der Revolution in Paris. Der Bürgerverein wählte einen neuen, energischeren Vorsitzenden, den Anwalt Egmont Lucius, und überreichte am 4. März dem Herzog eine Reihe von Forderungen: Das Volk sollte allgemein bewaffnet werden. Die Sitzungen der Ständeversammlung, der Abgeordnetenversammlungen, die Magistratssitzungen und Gerichtsverhandlungen im Herzogtum sollen öffentlich sein. Pressefreiheit, Abschaffung der Zensur. Eine Vertretung der Völker im Deutschen Bund, nicht nur der Fürsten. Wirtschaftliche Einheit für ganz Deutschland.

In den folgenden Tagen kam es zu einem Gesuch des Stadtmagistrats von Braunschweig und Petitionen aus Helmstedt und Wolfenbüttel mit ähnlichen Forderungen. Die Helmstedter forderten auch die Abschaffung des ungleichen Wahlrechts, das die Höchstbesteuerten begünstigte, obwohl unter diesen nicht immer die Tüchtigsten und Fähigsten zu finden seien. Die Wolfenbütteler wollten ferner, dass das Militär auf die Verfassung vereidigt würde. Herzog Wilhelm antwortete ausweichend. Das Verlangen nach einem Reichsparlament lehnte er als unausführbar ab.Otto Böse: Die Revolution von 1848 in Braunschweig. Von den Anfängen bis zum Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung am 18. Mai 1848. August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1948, S. 11–13.

In Preußen und Hannover blieb die Unterdrückung bis zum 13. März intakt, Bewegung kam zunächst politisch vom Süden her, beispielsweise durch die Heidelberger Versammlung der 51 vom 5. März. Die Braunschweiger übernahmen deren außenpolitische Vorstellungen und stellten in einer Bürgerversammlung am 9. März Grundsätze für eine allgemeine Volksbewaffnung auf. Die Volkswehr sollte jährlich gewählte Offiziere haben, um eine Aristokratie zu verhindern. Sie sollte auf Dauer angelegt sein und durch die Verfassung geschützt werden.Otto Böse: Die Revolution von 1848 in Braunschweig. Von den Anfängen bis zum Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung am 18. Mai 1848. August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1948, S. 15/16.

Die Regierung kündigte an, die Stände zum 25. April zusammentreten zu lassen und schlug Gesetze für die Pressefreiheit sowie die Öffentlichkeit von Sitzungen vor. Über die Volksbewaffnung solle es eine Mitteilung der Regierung geben. Die Bevölkerung sah hierin eine Verzögerungstaktik. Für weitere Unruhe sorgte die Nachfolgefrage des Braunschweiger Stadtdirektors Bode: Der greise Amtsinhaber wollte nach 48 Dienstjahren zurücktreten. Gegen den Kandidaten führender Mitglieder der Ständeversammlung stand der linksliberale Abgeordnete August Hollandt auf, dessen Bruder Major der Bürgergarde war. Sein Gegenkandidat erhielt eine anonyme Morddrohung.Otto Böse: Die Revolution von 1848 in Braunschweig. Von den Anfängen bis zum Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung am 18. Mai 1848. August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1948, S. 17/18.

Das Hauptinstrument der Unterschicht (Häuslinge, Tagelöhner) waren Petitionen an die Behörden, vor allem mit Forderungen nach Pachtland zu subventionierten Pachtpreisen. Dies wäre letzten Endes eine Bodenreform gewesen, bei der die formalen Eigentümer nicht mehr über ihren Grund verfügen könnten und dabei einen Pachtpreis unter Marktwert erhalten hätten. Die Regierung sah die Notwendigkeit, einer sozialen Revolution entgegenzukommen, wollte aber auch nicht das Eigentumsrecht antasten und beließ es daher bei eindringlichen Appellen an die Grundbesitzer zu verpachten. Die Häuslinge beteuerten ihre konservative Gesinnung und vertrauten der Regierung, solange die Pachtfrage noch offen war. Auf Seiten des Herzogs sahen sich vor allem die Bauern, die gern gesehen hätten, dass man die Unruhen mit Waffengewalt unterdrückt. Die in der Regel gegenrevolutionär eingestellten Landbewohner machten mindestens 70 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.Gerhard Schildt: Von der Restauration zur Reichsgründungszeit. In: Horst-Rüdiger Jarck, Gerhard Schildt (Hrsg.): Die Braunschweigische Landesgeschichte. Jahrtausendrückblick einer Region. Appelhans Verlag, Braunschweig 2000, S. 780–782.

Neue Regierung und Zugeständnisse Werner von Veltheim, der an der Spitze der Regierung stand, trat am 16. März 1848 zurück. Der neue Minister Johann Georg Christian von Koch musste bereits nach zwei Tagen zurücktreten, da er seinerzeit die legitimistischen Anhänger Herzog Karls verfolgt und Fehler in den Zollverhandlungen mit Hannover begangen hatte. Der in Wolfenbüttel populäre Bürgerwehrführer Gustav Langerfeldt lehnte es ab, Minister zu werden, weil Herzog Wilhelm es ablehnte, Minister Schulz zu entlassen. Schließlich wurde der liberal eingestellte Finanzdirektor August von Geyso Regierungsmitglied.

Die neue Regierung berief die Ständeversammlung schon zum 31. März 1848 zusammen. Der Herzog dankte der Bürgergarde, dass diese zur Eindämmung der Unruhen beigetragen hatte, und entließ den kommandierenden General der regulären Truppen, Gustav von Normann, der angeblich schweres Geschütz gegen die Aufständischen gefordert hatte.Otto Böse: Die Revolution von 1848 in Braunschweig. Von den Anfängen bis zum Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung am 18. Mai 1848. August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1948, S. 19–21.

Durch die teils gewalttätigen Ereignisse in Wien und Berlin glaubte die Braunschweigische Regierung, nur durch große Nachgiebigkeit ähnlichen Aufruhr vermeiden zu können. Die Bürgerwehr patrouillierte in den Straßen, das Militär wurde in den Kasernen zusammengezogen. Am 19. März 1848 machte die Regierung die Zugeständnisse des preußischen Königs (Pressefreiheit, deutscher Bundesstaat) bekannt und schloss sich ihnen an. Die begeisterte Bevölkerung ließ den Herzog hochleben, eine für diesen Tag geplante Volksversammlung gemeinsam mit den Wolfenbüttlern wurde abgesagt, da es dazu keinen Anlass mehr gäbe. Die Wolfenbüttler Bürgergarde verhinderte, dass ein Volkshaufen Gefangene aus der Strafanstalt befreite. Die eintretenden Nachrichten von den Gewalttaten in Berlin wurden in einer Volksversammlung am 21. März 1848 sachlich wiedergegeben. Überall war Schwarz-Rot-Gold zu sehen, auch auf dem Braunschweiger Residenzschloss.Otto Böse: Die Revolution von 1848 in Braunschweig. Von den Anfängen bis zum Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung am 18. Mai 1848. August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1948, S. 23–25.

mini|Herzog Wilhelm von Braunschweig Herzog Wilhelm folgte seinem gesamten Truppenkontingent im April nach Schleswig-Holstein, um die dortige deutsche Bevölkerung gegen den dänischen König zu unterstützen. Er war einer der wenigen deutschen Monarchen, die den Kriegsschauplatz sahen; damit wollte er den Händeln in der Heimat entgehen, um die sich Minister Schleinitz kümmern sollte. Als am 11. April 1848 in Braunschweig Niederlagen in Schleswig-Holstein bekannt wurden, drängten die Bürger die Ständeversammlung zu einer raschen Bewilligung von 240.000 Talern für die Kriegsführung, was auch geschah.Otto Böse: Die Revolution von 1848 in Braunschweig. Von den Anfängen bis zum Zusammentritt der Frankfurter Nationalversammlung am 18. Mai 1848. August Lax Verlagsbuchhandlung, Hildesheim 1948, S. 36/37.

Reformen Das Herzogtum Braunschweig hatte, typisch für einen Kleinstaat, ein Parlament mit nur einer Kammer, in der die ständischen Elemente integriert waren, die in größeren Staaten eine eigene Kammer hatten. Die Neue Landschaftsordnung bzw. das Wahlgesetz vom 6. Oktober 1832 sah vor: Männer durften wählen, wenn sie über 25 Jahre alt waren, wenn sie eine direkte Steuer zahlten und das Bürgerrecht innehatten (in den Städten; auf dem platten Land galt entsprechend das Freisassenrecht o. ä.). Sie wählten Wahlmänner, die dann die eigentlichen Abgeordneten bestimmten; Wahlmänner und Abgeordnete mussten Höchstbesteuerte sein. 16 Abgeordnete wurden von Wahlmännern eingesetzt, von diesen 16 mussten sechs höhere Geistliche sein. Hinzu wählten die Ritterschaft 10, die Städte 12 und das platte Land 10 Abgeordnete.Manfred Botzenhart: Deutscher Parlamentarismus in der Revolutionszeit 1848–1850. Droste Verlag, Düsseldorf 1977, S. 279–280.