Die 12. Spezialbrigade Asow (), anfangs Bataillon Asow, später Regiment Asow, ist eine Frontbrigade der Ukraine, die im Russisch-Ukrainischen Krieg seit 2014 gegen russische Truppen bzw. gegen pro-russische Separatisten kämpft. Im Mai 2014 zunächst als Bataillon aufgestellt, wurde sie noch im selben Jahr als Regiment Teil der Nationalgarde des Innenministeriums der Ukraine. Die Einheit ist heute weiterhin in Kampfhandlungen verwickelt und gilt als Eliteeinheit.
Das OHCHR warf dem Regiment in der Zeit zwischen 2014 und 2017 begangene Menschenrechtsverletzungen vor. Aufgrund von früheren oder auch bestehenden Verbindungen zu rechtsextremen Gruppen, Angehörigen und Gründungsmitgliedern aus der rechtsextremen Szene und der Verwendung von nationalsozialistischer Symbolik ist der Verband umstritten. Nach der Eingliederung in die Nationalgarde des Innenministeriums forcierte man eine Professionalisierung und Entpolitisierung. Beim russischen Überfall auf die Ukraine spielt das selber überwiegend russischsprachige Asow-Regiment eine gewichtige Rolle in der russischen Propaganda, in der die politische Relevanz des Regiments zu Rechtfertigungszwecken überhöht wurde und es im weiteren Verlauf im August 2022 vom obersten russischen Gericht als terroristische Organisation eingestuft wurde.
Geschichte Aufstellung mini|Geschützte Fahrzeuge der Typen KrAZ-MPV Shrek One und KrAZ Spartan des Regiments Asow in Mariupol, 2016
Die Miliz wurde im Frühjahr 2014 von den nationalistischen Politikern Oleh Ljaschko und Dmytro Kortschynskyj als Bataillon Asow aufgestellt, um die damals kaum einsatzfähige ukrainische Armee im Kampf gegen die prorussischen Separatisten in der Ostukraine militärisch zu unterstützen. Asow gehörte zu den ukrainischen Milizen, die bereit waren, sich auf einen Häuserkampf („urban combat“) im Bereich Donezk einzulassen – während die reguläre ukrainische Armee die Separatisten aus der Ferne beschoss. Das Regiment wurde anfänglich unter anderem von dem ukrainischen Oligarchen und jüdischen Gemeindemitglied Ihor Kolomojskyj finanziell unterstützt.Damien Sharkov: Ukrainian Nationalist Volunteers Committing ‘ISIS-Style’ War Crimes. Newsweek, 9. Oktober 2014. Im Verlauf des Sommers wuchs das Bataillon und wurde auf Erlass des Innenministers Arsen Awakow im September 2014 zum „Sondereinsatz-Regiment Asow“ erweitert. Im Oktober 2014 gab Awakow die beschlossene Eingliederung des Regiments in die Nationalgarde bekannt. Laut dem Historiker und Journalisten Konstantin Skorkin haben „die meisten ultrarechten Kämpfer“ das Regiment vor Ende 2014 verlassen.От Бандеры до «Азова»: отвечаем на главные вопросы об украинском национализме. Откуда он взялся, как влияет на современную Украину — и каким его изображает российская пропаганда (Von Bandera bis „Asow“: Antwort auf die wichtigsten Fragen zum ukrainischen Nationalismus. Woher er kam, wie er die heutige Ukraine beeinflusst – und wie ihn die russische Propaganda darstellt). Meduza, 17. April 2022.
Die Einheit entstand in Auseinandersetzung mit russischen Infiltrationsversuchen und pro-russischen Separatisten als „regionale ostukrainische Opposition gegen den Einmarsch der Truppen der Russischen Föderation“; die Mehrheit ihrer Mitglieder stammt aus der Ostukraine und ist russischsprachig. Das Regiment hatte historisch seinen Sitz in Berdjansk im Süden der Oblast Saporischschja am Asowschen Meer, von dem sich auch der Truppenname ableitet.Askold Krushelnycky: The Battle For Mariupol. In: Atlantic Council, 16. Juni 2014, abgerufen am 17. Februar 2015 (englisch). Kurz vor Beginn des Krieges hatte es seinen Sitz in Ursuf, Oblast Donezk.
Einsätze 2014–2022
Im Mai 2014 wurden laut dem Innenministerium der Ukraine bei einem Zusammenstoß zwischen dem Bataillon Asow und prorussischen Separatisten in der Kleinstadt Manhusch in der Oblast Donezk ein Kämpfer der Volksrepublik Donezk getötet und zwei weitere gefangen genommen, darunter Igor Kakidsjanow, damaliger „Verteidigungsminister“ des De-facto-Regimes. Der stellvertretende Kommandeur des Bataillons Asow, Jaroslaw Gontschar, beschuldigte auf einer Pressekonferenz die Inneren Truppen der Ukraine, am 9. Mai 2014 in Mariupol einen Einsatz im Laufe der „Anti-Terror-Operation“ in der Ostukraine verhindert zu haben. Soldaten der Inneren Truppen Mariupols sollen Angehörige des Bataillons Asow im Laufe des Kampfgeschehens entwaffnet und in Handschellen gelegt haben, zudem hätten sie einen festgenommenen „Terroristen“-Anführer wieder freigelassen. Gontschar bezeichnete die örtlichen Einwohner als „von prorussischer Propaganda zombifiziert“ und forderte Aufklärungsarbeit. Am 23. Mai 2014 stellte das Bataillon Asow prorussischen Separatisten ein Ultimatum mit der Forderung, ihre Kontrollpunkte in mehreren Städten zu räumen, ansonsten drohe eine „harte Säuberung“. Man wolle nicht auf Landsleute schießen, doch die Pflicht gegenüber dem Vaterland wiege schwerer.
Im Juni 2014 nahm das Bataillon am Kampf um Mariupol teil, bei dem die strategisch wichtige Stadt unter ukrainische Kontrolle gebracht wurde. Anfang August 2014 war die Einheit an Gefechten in Marjinka in der Oblast Donezk beteiligt. Im selben Monat kämpfte das Bataillon Asow in der Schlacht um Ilowajsk, bei der die ukrainischen Truppen von prorussischen Separatisten und russischen Streitkräften eingeschlossen wurden und eine entscheidende Niederlage erlitten. Im Laufe der Schlacht kam der Asow-Kämpfer Mykola Beresowyj ums Leben, Ehemann der Aktivistin und späteren Beraterin des Innenministeriums, Tetjana Tschornowol. Ende August und Anfang September beteiligte sich das Bataillon laut eigener Angabe an der Verteidigung von Nowoasowsk und Mariupol. Im Februar 2015 startete das Regiment Asow im Vorfeld der Verhandlungen, die zum Minsker Abkommen führen sollten, eine Offensive in der Gegend östlich von Mariupol. Die Einheit meldete die Einnahme der Dörfer Pawlopil, Kominternowo und Schyrokyne. Daraufhin kam es zum Kampf um Schyrokyne, der knapp 5 Monate andauerte und zum Rückzug der prorussischen Rebellen aus Schyrokyne führte.
Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 zählten die paramilitärischen Kräfte der Asow-Gruppierung zu den Freiwilligen-Verbänden, die zur Verteidigung von Mariupol im Kampfeinsatz waren. Bereits vor dem Beginn des Überfalls am 24. Februar 2022 bildeten Angehörige des Asow-Regiments ältere Frauen aus Mariupol („Babushka Bataillon“) an der Waffe aus, die sich in der sich zuspitzenden Lage der drohenden Invasion zur Verteidigung der Stadt freiwillig gemeldet hatten.Joe Davies: Elderly Ukrainian woman pictured around the world learning how to fight off Putin is being trained by ‘far right paramilitaries’: Azov Battalion’s founders believe minorities are ‘sub-human’ and proudly wear SS insignia. Mail Online, 15. Februar 2022.
Ab Anfang April 2022 waren die Kräfte des Regiments Asow, die sich auf dem Gelände des Metallurgischen Kombinats Asow-Stahl verschanzt hatten, zusammen mit Soldaten der 36. ukrainischen Marineinfanteriebrigade und mehreren Hundert Zivilisten eingeschlossen und von der bereits weitgehend unter russischer Kontrolle stehenden Stadt abgeschnitten. Bei Evakuierungen während eines kurzen Waffenstillstands gelang es am 30. April und 1. Mai 2022, ein Kontingent von über 120 der eingeschlossenen Zivilisten zu befreien. Laut Angaben ukrainischer Medien und des Vizekommandeurs des Asow-Regiments, Swjatoslaw Palamar, begannen die russischen Truppen daraufhin am 3. Mai 2022 mit dem Sturm auf das Stahlwerk. Familienangehörige von Asow-Soldaten erklärten, dass für die im Asow-Stahlwerk eingeschlossenen ukrainischen Soldaten eine Kapitulation nicht in Frage komme, da sie die Erfahrung gemacht hätten, dass kein Asow-Soldat seit Beginn des Donbaskrieges im Jahr 2014 aus russischer Kriegsgefangenschaft lebend zurückgekommen sei. Nach wochenlanger Blockade konnten am 16. Mai 2022 rund 260 ukrainische Soldaten bzw. Angehörige des Asow-Regiments das Stahlwerksgelände verlassen, nachdem die ukrainischen Behörden die Einstellung der Kämpfe angekündigt hatten. Unter den Evakuierten befanden sich 53 Schwerverletzte, wie der ukrainische Generalstab mitteilte. 211 ukrainische Soldaten seien in eine von russischen Truppen besetzte Ortschaft gebracht worden, wo sie später im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freikommen sollen, was allerdings von russischer Seite offiziell nicht bestätigt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich noch immer mehrere Hundert Soldaten auf dem Gelände auf. Die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar erklärte, dass ein Freikämpfen von Azowstal nicht möglich gewesen sei. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums hat die russische Armee das Stahlwerk Asowstal bis zum 21. Mai 2022 komplett unter ihre Kontrolle gebracht. Alle ukrainischen Soldaten bzw. Angehörigen des Asow-Regiments ergaben sich. Es seien insgesamt 2439 ukrainische Soldaten in russische Gefangenschaft geraten; die letzte Gruppe von 531 Kämpfern sei am 20. Mai gefangen genommen worden.
Schicksal der Asow-Kämpfer aus Mariupol
Die Mehrzahl der Asow-Kämpfer, die vom IKRK im Rahmen der mit den Russen verhandelten Kapitulation als Kriegsgefangene registriert worden war, wurde vermutlich in ein Kriegsgefangenenlager in Oleniwka in der Nähe von Donezk gebracht. Dort hatte das IKRK jedoch nur sehr beschränkten Zugang. Augenzeugen berichten übereinstimmend von unmenschlichen Haftbedingungen geprägt durch vorsätzliche Misshandlungen, Folter und Mord an den Insassen.The Guardian: ‘Absolute evil’: inside the Russian prison camp where dozens of Ukrainians burned to death, 6. August 2022 (englisch)
In der Nacht zum 29. Juli 2022 starben bei einer Explosion in Oleniwka mindestens 50 Gefangene, hauptsächlich Soldaten des Regiments Asow. Viele weitere Soldaten wurden verletzt. Die Ukraine bezeichnete den Vorfall als ein vorsätzliches Kriegsverbrechen und bezichtigte die russische Söldnertruppe Gruppe Wagner, das Lager gesprengt zu haben, um die Veruntreuung für die Kriegsgefangenen bestimmter Mittel, Folter und Organhandel zu verschleiern. Das russische Verteidigungsministerium sprach von einem ukrainischen Angriff mittels HIMARS-Raketen mit dem Ziel, die ukrainische Bevölkerung einzuschüchtern und ukrainische Soldaten von einer möglichen Aufgabe abzuhalten. Westliche Kommentatoren und OSINT-Experten halten die von der russischen Seite verbreitete Erklärung für unplausibel.Fake: Ukraine für HIMARS-Angriff auf Gefangenenlager in Oleniwka verantwortlich, der Befehl für Angriff erfolgte direkt von Selensky, Stopfake.org, 30. Juli 2022. Das Außenministerium der Ukraine hat den Internationalen Strafgerichtshof angerufen.Ukraine appeals to International Criminal Court after prison attack www.reuters.com Auch das Internationale Rote Kreuz und die Vereinten Nationen wurde von der Ukraine aufgefordert, das Gelände zu untersuchen.Russia says it has invited U.N., Red Cross experts to probe jail deathsAFU General Staff, SBU, Main Intelligence Agency and Rada Commissioner for Human Rights demand that UN, ICRC immediately respond to terrorist attack of Russia on Olenivka – statementОНЛАЙНВойна в Украине: украинский полк "Азов" признан в России террористической организацией; США ввели новые санкции против Алины Кабаевой и других Russland sprach zwar offiziell eine Einladung an das Internationale Rote Kreuz aus, um den Vorfall vor Ort neutral zu untersuchen, verweigerte jedoch einer Delegation des Internationalen Roten Kreuzes den weiteren Zugang zum Kriegsgefangenenlager. Der europäische Außenpolitikbeauftragte Josep Borrell machte den russischen Präsidenten Wladimir Putin für den Angriff verantwortlich und nannte die Ermordung der Kriegsgefangenen eine „schreckliche Gräueltat“ und einen „barbarischen Akt“.Ukraine: Statement by the High Representative Josep Borrell on the latest Russian atrocities eeas.europa.eu