mini|Leonard Nelson (digitalisierte Photographie) Leonard Nelson (* 11. Juli 1882 in Berlin; † 29. Oktober 1927 in Göttingen) war ein pädagogisch und politisch engagierter deutscher Sozialist, kritischer Philosoph, Mathematiker und Autor mit den Arbeitsschwerpunkten Logik und Ethik.
Er gehörte zur neofriesischen Schule (benannt nach dem nachkantischen Philosophen Jakob Friedrich Fries) des Neokantianismus und war ein Freund des Mathematikers David Hilbert. Zusammen mit Kurt Grelling entwickelte er 1908 die Grelling-Nelson-Antinomie.
Nelson wurde sowohl in der Philosophie als auch in der Mathematik einflussreich, da seine engen Kontakte zu Wissenschaftlern und Mathematikern, deren Ideen beeinflussten. Obwohl er früher als viele seiner Freunde und Mitarbeiter starb, lebte der von ihm mitgegründete Internationale Sozialistische Kampfbund (ISK) auch nach seinem Tod weiter, selbst nach dessen Verbot durch das Nazi-Regime im Jahr 1933.
Ihm wird auch die Popularisierung der sokratischen Methode in seinem Buch Die sokratische Methode zugeschrieben.
Biographie Kindheit und Familie Leonard Nelson war der Sohn des jüdischen Rechtsanwaltes Heinrich Nelson (* 9. März 1854 in Berlin; † 25. April 1929 in Walkemühle bei Melsungen) und der Malerin Elisabeth Nelson, geb. Lejeune Dirichlet (27. Februar 1860 in Klein-Bretschkehmen bei Königsberg; † 1920), einer Enkelin des Mathematikers Peter Gustav Lejeune Dirichlet und Nachkommin des Philosophen Moses Mendelssohn (1729–1786). 1907 heirateten Leonard Nelson und Elisabeth Schemann (1884–1954) in Berlin-Wilmersdorf. Nach der Heirat bezog das Ehepaar in Göttingen eine Wohnung im Nikolausberger Weg 61, wo Nelson bis zu seinem Tod wohnte. Die Ehe, der der Sohn Gerhard Nelson (* 7. Mai 1909; † 1944 im Zweiten Weltkrieg in Italien) entstammte, wurde am 5. April 1912 geschieden. Elisabeth Nelson heiratete 1917 den Philosophen Paul Hensel.Holger Franke: Leonard Nelson. Verlag an der Lottbek, Ammersbek bei Hamburg 1991, S. 93.
mini|Französisches Gymnasium in Berlin (1882) Studium Seine geistigen Interessen wurden entscheidend durch das Buch Kulturgeschichte des Neunzehnten Jahrhunderts des deutschen Botaniker Ernst Hallier geprägt. Es beinhaltet Kapitel über Kant und die Philosophen Jakob Friedrich Fries (1773–1843) und dessen Schüler Ernst Friedrich Apelt (1812–1859). Nelson war von der Fries’schen Philosophie fasziniert.
In Berlin besuchte Leonard Nelson das Französische Gymnasium, wo er im März 1901 sein Abitur ablegte. Im selben Jahr studierte er zunächst an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, wo er ein philosophisches, naturwissenschaftliches, juristisches und literaturwissenschaftliches Studium begann und Vorlesungen u. a. bei dem Mathematiker Leo Koenigsberger (1837–1921), dem Philosophen Kuno Fischer und dem Logiker Paul Hensel besuchte. Zum Wintersemester 1901 wechselte er an die Friedrich-Wilhelm-Universität (heute Humboldt-Universität) in Berlin, wo er bis zum Sommersemester 1903 blieb, um dann nach Göttingen an die Georg-August-Universität zu gehen. Von 1903 bis 1904 arbeitete er mit Mathematikern und Philosophen in Göttingen zusammen, darunter sein Doktorvater Julius Baumann, David Hilbert, Felix Klein, Carl Runge und sein späterer Rivale und der Begründer der Phänomenologie Edmund Husserl. In Göttingen wurde er 1904 mit der Dissertation Jakob Friedrich Fries und seine jüngsten Kritiker vom Philosophen Julius Baumann promoviert abgerufen am 24. August 2024. und stieß in seiner akademischen Karriere auf Schwierigkeiten.
Karriere Nelson sah sich selbst als einen ethischen, antiklerikalen und nichtmarxistischen Sozialisten. Von dieser Position aus beeinflusste er insbesondere den Sozialdemokraten Willi Eichler, einen der Hauptverfasser des Godesberger Programms. Er knüpfte in seiner philosophischen Arbeit ebenso wie in seinem politischen und gesellschaftlichen Engagement sowohl an Fries wie an die Marburger Schule an, ohne ihr jedoch unmittelbar anzugehören.
Obwohl seine 1904 veröffentlichte Dissertation erfolgreich war, hatte er in seinen frühen akademischen Jahren Schwierigkeiten. Eine dieser gescheiterten Abhandlungen war seine Abhandlung Die kritische Methode und das Verhältnis der Psychologie zur Philosophie. Nelson setzte die Verteidigung der Philosophie und der Ideen von Fries fort, indem er zusammen mit den Mathematikern Gerhard Hessenberg und Karl Kaiser eine neue Folge der Abhandlungen der Fries’schen Schule (1904) veröffentlichte. In diesem Zusammenhang gründete Nelson zusammen mit diesen Freunden die Jakob-Friedrich-Fries-Gesellschaft, um die kritische Philosophie zu fördern.
Vor allem der Philosoph und Mathematiker Edmund Husserl, der in Göttingen ein Extraordinariat innehatte, suchte Nelsons akademische Laufbahn zu behindern. Nachdem Nelson 1908 jedoch zusammen mit Kurt Grelling die Grelling-Nelson-Antinomie, ein semantisches Paradoxon als Variante der Russellschen Antinomie, formuliert hatte, gelang ihm 1909 mit Unterstützung des deutschen Mathematikers David Hilbert (1862–1943) die Habilitation. Als Georg Misch 1919 Ordinarius (Inhaber eines Lehrstuhls) der Philosophie wurde, setzte Hilbert sich auch für die dadurch möglich gewordene Ernennung Nelsons zum außerordentlichen Professor ein. mini|Klebzettel des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (1932) Im Jahr 1915 lernte Nelson Minna Specht kennen und ging mit ihr eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft ein. Unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und des sich steigernden Nationalismus gründete er 1917 in Zusammenarbeit mit Minna Specht den Internationalen Jugendbund (IJB).
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs (1914–1918) gründete Nelson 1922 in Anlehnung an die Platonische Akademie der Antike eine Philosophisch-Politische Akademie (PPA). 1923 übernahm sie die Trägerschaft des Landerziehungsheims Walkemühle bei Melsungen-Adelshausen, das im Mai 1924 eröffnete und dessen Leitung Minna Specht übernahm. Im Landerziehungsheim Walkemühle unterrichteten Gustav Heckmann, Minna Specht und andere dem ISK nahestehende Lehrkräfte bis zum Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933.
Leonard Nelson war ein eminent politischer Denker: Philosophie und Praxis bildeten für ihn eine Einheit. Der Übergang von der gedanklichen Reflexion zur ethischen Lebensführung war vom philosophischen Programm her gefordert. Nelson formulierte das Konzept eines ethisch begründeten Sozialismus, wie es schon im Marburger Neukantianismus vorformuliert worden war.
Im Jahr 1918 wurde Nelson kurzzeitig Mitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD), bevor er von 1923 bis 1925 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (SPD) wurde, aus der er schließlich ausgeschlossen wurde. Er geriet mit dem IJB in Konflikt zur Parteilinie der SPD.
In seinem bekanntesten Vortrag Die sokratische Methode aus dem Jahr 1922 empfahl Nelson eine modifizierte sokratische Unterrichtsmethode für den Philosophieunterricht wie auch als Methode zur Wiederbelebung der philosophischen Forschung. Sein Standpunkt wird auch als „neosokratisch“ bezeichnet (siehe auch: Mäeutik und Sokratisches Gespräch).
1925 fasste der SPD-Parteivorstand einen Unvereinbarkeitsbeschluss, was in der allgemeinen Rezeption bis heute Spuren hinterlassen hat.
Tod Er litt an Schlaflosigkeit und starb in jungen Jahren an einer Lungenentzündung. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Melsungen an der Seite seines Vaters Heinrich beigesetzt. Nelsons Ideen hatten weiterhin Einfluss auf den deutschen Sozialismus und Kommunismus in Nazi-Deutschland, da die Mitglieder des ISK im linken Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv wurden.
Kritische Philosophie mini|Porträt von Jakob Friedrich Fries (1773–1843). Leonard Nelson stellte an das philosophische Denken die Forderung nach konsequenter Wissenschaftlichkeit und Wahrhaftigkeit. Seiner Überzeugung nach sollte das, was Philosophie lehrt, auf Wahrheit basieren, und die Art und Weise, wie sie dies lehrt, sollte wissenschaftlich sein. Seine theoretische und praktische Arbeit zielte darauf ab, eine friedliche und gerechte Gesellschaft zu schaffen, in der jegliche Form der Ausbeutung, sowohl für Menschen als auch für Tiere, beseitigt wird.
Nach seiner Auffassung gehört zur Kritischen Philosophie, dass die Anwendung ihrer Erkenntnisse und Methoden nie als endgültig angesehen werden kann und ständig weiterentwickelt werden soll.
Im Anschluss an Jakob Friedrich Fries, dem Gründer der Friesischen Schulen, verstand Leonard Nelson seine Philosophie als theoretische und praktische Fortführung des an mathematischer Exaktheit und Stringenz (Schlüssigkeit) orientierten Kritizismus Immanuel Kants. Nelson forderte vom philosophischen Denken rigorose Wissenschaftlichkeit und Wahrhaftigkeit sowie eine konsequente Umsetzung gewonnener Einsichten in die eigene und politische Praxis.
Der philosophischen Ethik schrieb Nelson eine wichtige Rolle beim Wandel gesellschaftlicher Moralvorstellungen zu. Zentral in seinen moralphilosophischen Überlegungen war der Begriff der Interessen. Nelsons Grundsatz der persönlichen Würde zufolge hat jedes Wesen, das Lust und Unlust empfinden kann, auch grundsätzlich einen Anspruch auf die Achtung seiner Interessen.
Abwägungsgesetz Im Mittelpunkt seiner Philosophie steht die Grundlegung der Ethik mit Hilfe der kritischen Vernunft. Er entwickelt 1917 den kategorischen Imperativ Kants zu einem Abwägungsgesetz weiter, anhand dessen im Falle eines Interessenkonflikts entschieden werden kann, ob eine Handlung moralisch erlaubt ist. Die Gleichheit der Würde jeder Person ist das oberste Prinzip seiner Ethik. Nelson verstand Kants kategorischen Imperativ als Abwägungsgesetz, das gegenseitige Gleichbehandlung von Freien und Gleichen verlange. Dazu gehöre ein „Anspruch auf Berücksichtigung ihrer Interessen“, aus dem er sein „Abwägungsgesetz“ ableitete:Leonard Nelson: Kritik der praktischen Vernunft (1917), In: Gesammelte Schriften in neun Bänden. Band IV, Hamburg 1972, S. 133.
Sich in die betroffenen Personen hineinzuversetzen, um dann nach deren Neigungen zu entscheiden, genüge nicht:Leonard Nelson: Kritik der praktischen Vernunft (1917), Gesammelte Schriften IV, 1972, S. 177.
In der Schrift Die Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie vertrat Nelson die Auffassung, dass eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie aufgrund der Zirkelhaftigkeit nicht möglich sei. Denn es lasse sich die objektive Gültigkeit von Erkenntnis nicht begründen, ohne diese Gültigkeit selbst bereits vorauszusetzen.
Sokratisches Gespräch Zusammen mit Gustav Heckmann (1898–1996) entwickelte er Grundsätze einer gemeinsamen philosophischen Erkenntnisbemühung, die er als sokratisches Gespräch bezeichnete. Nach Rainer LoskaZu Loska siehe die Kurzbiografie auf der Seite „Die Mitglieder der Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren“: Rainer Loska. war Nelson dabei stark beeinflusst von den Ideen des im Ersten Weltkrieg gefallenen Wilhelm Ohr und ihrer gemeinsamen Praxis bei politischen Veranstaltungen für die Liberalen in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.
Anfangs war das sokratische Gespräch nur für den Philosophieunterricht an den Universitäten gedacht. Nelson charakterisierte es als die Kunst, nicht Philosophie, sondern Philosophieren zu lehren, nicht über Philosophen zu unterrichten, sondern Schüler zu Philosophen zu machen.Detlef Horster: Das Sokratische Gespräch in Theorie und Praxis. Opladen 1994, S. 26. Das sokratische Gespräch unterscheidet sich von der Sokratischen Methode unter anderem darin, dass es nicht dialogisch, sondern als moderierte Gruppengespräche stattfindet. 1922 hielt er den Vortrag Die sokratische Methode, in dem er sein Dialogverständnis darstellte.