miniatur|hochkant|Susette GontardBeck und Raabe 1970 (siehe Literatur, S. 372) schreiben zu dem Bild: „Im Original verrät die Miniatur <…> etwas von dem ‚reinen schönen Tizianischen Teint‘, den Heinse an ihr rühmt. Das Haar ist kastanienbraun, das weiße Kleid, das kräftige Formen umschließt, am Ausschnitt bläulich besäumt.“ Der Abschied ist das Gedicht Friedrich Hölderlins, eine neunstrophige Ode in asklepiadeischem Versmaß, in dem er das Erlebnis seiner Trennung von Susette Gontard, seiner „Diotima“, am eindringlichsten gestaltet hat. Zunächst, im Jahr 1798, schrieb er nur die erste Strophe und veröffentlichte sie unter dem Titel Die Liebenden, zwei Jahre später die restlichen acht Strophen.

Entstehung und Überlieferung Etwa am 10. Januar 1796 hatte Hölderlin seine Stelle als Hauslehrer für Henry angetreten, den Sohn des Frankfurter Kaufmanns Jakob Friedrich Gontard-Borkenstein (1764–1843). Sehr bald entstand zwischen Hölderlin und Susette, der Frau Gontards und Mutter Henrys, tiefe Zuneigung. Susette war für Hölderlin wohl schon das Abbild „der ewigen Schönheit“, von der er am 15. Januar in einem Brief an seinen Freund Christian Ludwig Neuffer schrieb. Gegen Ende Juni bekannte er Neuffer seine Gefühle. Es gab Zeiten sorglos-vertrauten Zusammenlebens. Marie Rätzer (1772–1849), die Erzieherin der drei Töchter des Ehepaars Gontard, schrieb Anfang Mai 1797 an eine Freundin: „den ganzen morgen ist F<rau> G<ontard> mit H<ölderlin> oben hin der Laube u ihm Cabinet“ des Gartens.Beck und Raabe 1970, S. 47 und Stuttgarter Ausgabe Band 7, 2, S. 89. Hölderlin am 16. Februar 1797 an Neuffer:Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 235.

Doch war beiden die Unvermeidlichkeit eines Endes bewusst. Am 31. Oktober 1799, in einem Brief nach der Trennung, erinnerte Susette Hölderlin an „die seeligen Stunden unserer ersten ganz neuen Liebe, wo Du einmal sagtest: O! wenn das Glück ein halbes Jahr nur dauret!“Stuttgarter Ausgabe Band 8, S. 90. Es kam zu Spannungen im Hause Gontard. Hölderlin empfand seine Lage als zwiespältig, seine Stellung unter den reichen „Frankfurter Gesellschaftsmenschen“Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 220. domestikenhaft, demütigend. Anlässlich der Vermählung Marie Rätzers mit einem Freiherrn Rüdt von Collenberg schrieb er am 10. Juli 1797 an Neuffer:Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 243. „O Freund! ich schweige und schweige, und so häuft sich eine Last auf mir, die mich am Ende fast erdrüken, die wenigstens den Sinn unwiderstehlich mir verfinstern muß. <…> Ich bin zerrissen von Liebe und Haß.“

Die Zerrissenheit spiegelt ein Kreis von 21 ein- bis dreistrophigen, von Friedrich BeissnerStuttgarter Ausgabe Band 1, 2, S. 556. so genannten „epigrammatischen Oden“ wider, von denen Hölderlin im Juni und August 1798 achtzehn in zwei Sammelhandschriften an Neuffer schickte für dessen Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung. In einigen wirft der Abschied seinen Schatten voraus, am deutlichsten in Die Liebenden.

Ende September 1798 kam es zu aggressiven Worten Gontards gegenüber Hölderlin, „auf die hin die ebenfalls tief verletzte Frau Gontard dem Dichter den – alsbald bereuten – Rat gibt, sich ‚auf der Stelle … zu entfernen‘“.Beck und Raabe 1970, S. 50. Hölderlin verließ Frankfurt und zog auf Rat seines Freundes Isaak von Sinclair nach Homburg vor der Höhe. Susette und er schrieben sich und trafen sich noch einigemale heimlich, zuletzt am 8. Mai 1800.Beck und Raabe 1970, S. 57.

Im Sommer 1800, noch in Homburg oder schon in Stuttgart, wohin er Mitte Juni umzog, erweiterte Hölderlin mehrere der „epigrammatischen Oden“ von 1798, so Die Liebenden durch Hinzufügung von acht weiteren Strophen zu Der Abschied.

Das Manuskript der Liebenden ist wie der größte Teil der an Neuffer gesandten Sammelhandschriften verloren. Der Abschied ist in drei Handschriftfassungen erhalten, H1, H2 und H3 nach der von Friedrich Beissner, Adolf Beck und Ute Oelmann (* 1949) herausgegebenen historisch-kritischen Stuttgarter Ausgabe der Werke Hölderlins.Stuttgarter Ausgabe Band 2, 2, S. 431. Die Handschriften sind als Digitalisate der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart zugänglich (siehe Literatur). H1 ist ein „sehr verknäuelter“ Entwurf der acht neuen Strophen (Vers 5–36), den Hölderlin dann auf demselben Blatt in H2 ordnete. In H2 folgen auf die Überschrift und eine Reinschrift der ersten Strophe die acht neuen Strophen in zwei und drei Kolumnen. H3 steht in einem Konvolut mit Reinschriften anderer aus den „epigrammatischen Oden“ erweiterter Gedichte.Das Konvolut enthält Die Heimath (6 Strophen, erweitert aus einem gleichnamigen zweistrophigen Gedicht), Die Liebe (7 Strophen, erweitert aus dem einstrophigen Gedicht Das Unverzeihliche), Lebenslauf (4 Strophen, erweitert aus einem gleichnamigen einstrophigen Gedicht), Der Abschied (9 Strophen, erweitert aus dem einstrophigen Gedicht Die Liebenden), Diotima (6 Strophen, erweitert aus einem gleichnamigen zweistrophigen Gedicht), An die Parzen (3 Strophen, keine Vorstufe bekannt), Der gute Glaube (einstrophig) und Rückkehr in die Heimath (6 Strophen, keine Vorstufe bekannt). Stuttgarter Ausgabe Band 1, 2, S. 559–560. Merkwürdigerweise sind, bei dieser Ode als einziger, die Zeilenanfänge in H2 und H3 nicht treppenförmig eingerückt.

Die Liebenden wurde in Neufers Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung, auf das Jahr 1799 veröffentlicht. Das Gedicht ist dort wie einige weitere Gedichte Hölderlins mit „Hillmar“ unterschrieben. Der Abschied wurde erst in der 1826 von Ludwig Uhland und Gustav Schwab veranstalteten, in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung erschienenen Auswahl von Hölderlins Gedichten gedruckt. Hölderlin, seit fast zwanzig Jahren geistig krank im heutigen Tübinger Hölderlinturm von dem Schreinermeister Ernst Friedrich Zimmer (1772–1838) betreut, geriet „bei der Mitteilung, daß Uhland und Schwab ‚seine Gedichte sehr gut redigiert hätten, in tiefen Unmut‘ und <sagte>, ‚er brauche diese Hilfe nicht, er selbst könne redigieren, was er gedichtet‘“.Beck und Raabe 1970, S. 90.

In diesem Artikel wird Hölderlin nach der Stuttgarter Ausgabe zitiert. Sie bringt zwei Fassungen, die erste H2, die zweite H3 entsprechend. Die Texte der historisch kritischen Frankfurter Ausgabe sind mit der Stuttgarter Ausgabe identisch mit dem einzigen Unterschied, dass Vers 26 der ersten Fassung statt „Diotima! dich hier. Aber verblutet ist“ (Stuttgarter Ausgabe) „Diotima! dich einst. Aber verblutet ist“ lautet.Frankfurter Ausgabe Band 5, S .493. Die „Leseausgabe“ von Jochen Schmidt druckt beide Fassungen in „modernisierter“ Orthographie. Die „Leseausgabe“ von Michael Knaupp druckt nur die zweite Fassung, mit der Stuttgarter Ausgabe identisch.

Texte und Interpretation In der zweiten Fassung sind die Änderungen gegenüber der ersten kursiv hervorgehoben. Interpretationen haben Wolfgang Binder, Gabriele von Bassermann-Jordan und Jochen Schmidt gegeben. Der Abschied Erste Fassung

Trennen wollten wir uns? Wähnten es gut und klug? Da wirs thaten, warum schrökte, wie Mord, die That? Ach! wir kennen uns wenig Denn es waltet ein Gott in uns.

Den verrathen? ach ihn, welcher uns alles erst, Sinn und Leben erschuff, ihn, den beseelenden Schuzgott unserer Liebe, Diß, diß Eine vermag ich nicht.Der Abschied Zweite Fassung

Trennen wollten wir uns? Wähnten es gut und klug? Da wirs thaten, warum schrökte, wie Mord, die That? Ach! wir kennen uns wenig Denn es waltet ein Gott in uns.

Den verrathen? ach ihn, welcher uns alles erst, Sinn und Leben erschuff, ihn, den beseelenden Schuzgott unserer Liebe, Diß, diß Eine vermag ich nicht. Die erste, im Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung selbständig veröffentlichte StropheHölderlins Beiträge zum 1799er „Taschenbuch“ brachten ihm die erste bedeutende Anerkennung durch einen Kritiker von Rang ein, August Wilhelm Schlegel in der Allgemeinen Literatur-Zeitung. Schmidt 1992, S. 609. stellt in einer für die „epigrammatischen Oden“ des Jahres 1798 programmatischen Kürze eine Frage und gibt eine Antwort. Warum schreckt die Trennung die Liebenden „wie Mord“? Weil ihre Liebe die menschliche Sphäre transzendiert,Bassermann-Jordan 2004, S. 191. eine religiöse Dimension hat.Binder 1970, S. 265.

Der „Gott in uns“, der „Schuzgott unserer Liebe“ mag Eros sein, der nach Platon in den Gemütern und Seelen von Göttern und Menschen wohnt, oder der Genius der Liebenden. An ihn denkend, protestiert das lyrische Ich gegen die Zumutung der Trennung – „Diß, diß Eine vermag ich nicht“. Aber andern Fehl denket der Menschen Sinn, Andern ehernen Dienst übt er und anders Recht, Und es fodert die Seele Tag für Tag der Gebrauch uns ab.

Wohl! ich wußt es zuvor. Seit der gewurzelte Allentzweiende Haß Götter und Menschen trennt, Muß, mit Blut sie zu sühnen, Muß der Liebenden Herz vergehn.Aber andern Fehl denket der Weltsinn sich, Andern ehernen Dienst übt er und anders Recht, Und es listet die Seele Tag für Tag der Gebrauch uns ab.

Wohl! ich wußt es zuvor. Seit die gewurzelte Ungestalte die Furcht Götter und Menschen trennt, Muß, mit Blut sie zu sühnen, Muß der Liebenden Herz vergehn. Mochte die Notwendigkeit der Trennung von Hölderlin und Frau Gontard aus ihrer bürgerlichen Stellung folgen – das lyrische Ich sieht die Tragik der Liebe allgemeiner, tiefer begründet, nämlich im Zustand von Welt und Menschen. „Hölderlin dachte in weltgeschichtlichen Dimensionen. Er konnte nicht anders.“Peter von Matt: Die Weltgeschichte in zwei schönen Augen. In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie Band 33, 2010, ISBN 978-3-458-17467-7, S. 41–44. Der „Menschen Sinn“, der „Weltsinn“ ist eherner Dienst geworden, „geheime Unterjochungssucht“,Hölderlin an seinen Halbbruder Karl Gok am 2. November 1797. Stuttgarter Ausgabe Band 6, 1, S. 253. Gebrauch um des Gebrauchs willen, Unfruchtbarkeit alles Tuns. Es wohnt, wie Hölderlin im gleichzeitigen Hexameter-Gedicht Der Archipelagus schrieb: „es wohnt wie im Orkus, / Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben / Sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt / Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden / Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer / Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.“ Zu diesem Zustand steht die Innigkeit der Liebe in scharfem Kontrast, pointiert hervorgehoben durch das dreimalige „anderen“, „andern“, „anders“. In einer solchen Umgebung mit solchen Gesetzen kann Liebe nicht gedeihen.Bassermann-Jordan 2004, S. 192.

Die vierte Strophe deutet das Sosein von Welt und Menschen als Folge des Verlustes der Harmonie der Menschen mit den Göttern. „Haß“ oder „Furcht“ trennt Götter und Menschen.Schmidt 1992, S. 678 versteht „trennt“ als „unterscheidet“; es unterscheide „Götter und Menschen, daß die einen frei von Furcht und Sorge sind, die andern aber Furcht und Sorge haben“. „In dieser kranken Weltverfassung liegt die Ursache für die persönliche Tragik der Liebenden.“Bassermann-Jordan 2004, S. 193–194. Sie werden zum Opfer; „sühnendes Opferthier“ steht in der vierten Strophe des Entwurfs H1. Laß mich schweigen! o laß nimmer von nun an mich Dieses Tödtliche sehn, daß ich im Frieden doch Hin ins Einsame ziehe, Und noch unser der Abschied sei!

Reich die Schaale mir selbst, daß ich des rettenden Heilgen Giftes genug, daß ich des Lethetranks Mit dir trinke, daß alles Haß und Liebe vergessen sei!Laß mich schweigen! o laß nimmer von nun an mich Dieses Tödtliche sehn, daß ich im Frieden doch Hin ins Einsame ziehe, Und noch unser der Abschied sei!

Reich die Schaale mir selbst, daß ich des rettenden Heilgen Giftes genug, daß ich des Lethetranks Mit dir trinke, daß alles Haß und Liebe vergessen sei!