Der Bahnhof Dresden-Neustadt (in Dresden umgangssprachlich Neustädter Bahnhof) ist nach dem Dresdner Hauptbahnhof der zweitgrößte Bahnhof der Stadt und neben diesem Fernbahnhof. Er bündelt den Bahnverkehr auf der nördlichen Elbseite und ersetzte 1901 den 1839 eingeweihten Leipziger Bahnhof in der Leipziger Vorstadt sowie den seit 1847 bestehenden Schlesischen Bahnhof. Die zeitgenössisch repräsentative Gestaltung des im Stadtteil Innere Neustadt gelegenen Bauwerks unterstreicht seine Bedeutung als Fernverkehrshalt.
Er verknüpft im Eisenbahnknoten Dresden die vom Hauptbahnhof kommende Bahnstrecke Děčín–Dresden-Neustadt mit den Strecken nach Leipzig und Görlitz, die den Verkehr in Richtung Leipzig, Berlin sowie in die Oberlausitz aufnehmen.
Lage mini|links|Luftbild des Bahnhofes (Sommer 2006) mini|Luftbild von Ost nach West; vorn der Albertplatz, dahinter der Neustädter Bahnhof (Sommer 2005)
Der Bahnhof Neustadt liegt in der Inneren Neustadt, südwestlich der Äußeren Neustadt sowie nördlich der Elbe, die in 600 Meter Entfernung von der innerstädtischen Eisenbahnbrücke, der Marienbrücke, überquert wird. Trotz der Nähe des Flusses ist er nicht von Hochwasser bedroht.
Sein geräumiger Vorplatz ist der Schlesische Platz, dessen Name an den ursprünglich hier gelegenen Schlesischen Bahnhof erinnert, der Endpunkt der Sächsisch-Schlesischen Eisenbahn war. Die Bundesstraße 170 (Hansastraße) führt direkt vorbei, ebenso die Bundesstraße 6 (Antonstraße), die ihn nach 400 Metern mit dem wichtigen Straßenbahnknotenpunkt Albertplatz verbindet.
Ein typisches Bahnhofsviertel mit dichter Bebauung, Hotels, Restaurants, Post, Banken und Geschäften hat sich in seiner Umgebung nicht herausgebildet. Nach Osten herrscht eine offene Bebauung mit zahlreichen villenartigen Gebäuden vor, nach Westen in der Leipziger Vorstadt gibt es dagegen Industrieanlagen und dichte Wohnsiedlungen.
Aufbau mini|Nordansicht am Abend
Die zweiteilige Bahnhofsanlage besteht aus der Bahnsteighalle über 6,35 Meter Hochgleislage sowie dem Empfangsgebäude auf Straßenniveau, das sich seitlich in östlicher Richtung anschließt und dem Schlesischen Platz zugewandt ist. Im Inneren verknüpfen zwei Fußgängertunnel auf halber Höhe das Empfangsgebäude mit den Bahnsteigen und bieten an ihrem Ende Zugänge von der rückseitigen Hansastraße.
Bahnsteighalle mini|Die Bahnsteighalle Die Bahnsteighalle ist 146 Meter lang, 70,5 Meter breit und 19,3 Meter hoch. Sie beherbergt vier Bahnsteige mit je zwei Bahnsteiggleisen (mit 1 bis 8 bezeichnet). Die mittleren vier Gleise werden von einer 35,24 Meter breiten Bogenhalle überspannt. Auf beiden Seiten der Bogenhalle schließt ein Pultdach über jeweils einem Bahnsteig mit zwei Gleisen an. Nordwestlich führen außerhalb der Bahnsteighalle zwei Durchgangsgleise für den Güterverkehr vorbei.
Empfangsgebäude mini|Der Bahnhof vom Schlesischen Platz aus gesehen mini|IC2 von DB Fernverkehr auf der Linie Dresden–Rostock bei der Ausfahrt
Das unter der Leitung von Otto Peters und Osmar Dürichen größtenteils aus Sandstein errichtete Empfangsgebäude wird von der Empfangshalle dominiert. Ihre großen Rundbogenfenster und Säulen sowie die zwei imposanten Portale wirken gediegen. Die beiden Seitenflügel sind dagegen eher schlicht gehalten. Die insgesamt 177 Meter lange Front des Empfangsgebäudes am Schlesischen Platz ist streng symmetrisch aufgebaut, mit Ausnahme des balkonartigen Vorbaus am rechten Ende, einstmals der Eingang zu Fürstengemächern. Für den Bau wurden 2040 Kubikmeter Sandstein benötigt.
Im Innern dominiert die zentral gelegene Empfangshalle das Gebäude. Sie ist 52 Meter breit, 30 Meter lang und 17 Meter hoch. Ein dreiteiliger leicht gewölbter Plafond schließt die Empfangshalle nach oben ab. Oberlichtfenster und ein gläsernes pyramidenförmiges Schutzdach darüber mit einer maximalen Höhe von 30 Metern sorgen für Tageslicht in der Empfangshalle. Wappen des Königreichs Sachsen und der Stadt Dresden sowie Malereien schmücken die hell abgetönten Decken und Wände.
Ursprünglich befanden sich die Fahrkartenschalter zwischen den beiden Portalen und gegenüber war die Gepäckabfertigung. Heute bieten an der Straßenseite mehrere Imbissstände Zwischenmahlzeiten an und das Reisezentrum liegt gegenüber, daneben ist ein Drogeriemarkt. Außerdem führen Geschäfte in der Halle Reisebedarf aller Art.
Der südwestlich gelegene Flügel beherbergte zunächst die Wartesäle I. und II. Klasse sowie ein Damen- und ein Speisezimmer. Heute finden sich dort ein Lebensmittel-Discounter und ein Schnellrestaurant. Die Diensträume befinden sich seit jeher im nordöstlich gelegenen Flügel. Dieser enthielt die Fürstengemächer, bestehend aus Empfangssalon, Gefolgezimmer, Schreibzimmer, Toilettenzimmer und mehreren Nebenräumen. Diese Räume werden heute gastronomisch genutzt.
An der Außenmauer des Gebäudes zur Hansastraße hin ist eine Gedenktafel an Theodor Kunz angebracht, den Erbauer der ersten deutschen Fernbahnstrecke Leipzig–Dresden. Sie wurde 1869 vom Sächsischen Ingenieurverein gestiftet.Kunst im öffentlichen Raum. Informationsbroschüre der Landeshauptstadt Dresden, Dezember 1996.
Im Zuge der Konjunkturprogramme wurde das Empfangsgebäude mit energetischen Maßnahmen durch die DB Station&Service AG saniert. Zudem ist ein neuer Wartebereich entstanden.
Gleisanlagen mini|links|Schematische Darstellung der Bahnstrecken in Dresden mit den überregional bedeutenden Personen- und Güterbahnhöfen mini|Der Dreikilometerstein hinter Bahnsteig 8 markiert die drei im Bahnhof endenden Strecken
Der in Südwest-Nordost-Richtung angelegte Durchgangsbahnhof stellt den Endpunkt von drei Strecken dar. Die von der anderen Elbseite kommende Bahnstrecke Děčín–Dresden-Neustadt (BD; km 66,333) führt über die Marienbrücke von Südwesten her in den Bahnhof. Aus nordöstlicher Richtung münden die Bahnstrecken Görlitz–Dresden (GD; km 102,102) und Leipzig–Dresden (LD; km 115,936) ein. Den Hauptstrang der Gleisanlagen bildet dabei die Verbindung von der Marienbrücke in Richtung Görlitz. Die Strecke von Leipzig fädelt aus nordwestlicher Richtung kommend rund 650 Meter nordöstlich des Bahnhofs im Bereich Bischofsplatz in einem Bogen ein. Diese Einmündung ist als einzige höhenfrei ausgeführt.
Die beiden nicht überdachten Gleise nordwestlich der Halle dienen dem Güterverkehr von und nach Görlitz. Güterzüge nach Leipzig biegen direkt hinter der Marienbrücke nach Norden auf die Bahnstrecke Dresden-Pieschen–Dresden-Neustadt (LDV) ein und verkehren über den Güterbahnhof Dresden-Neustadt. Für Güterzüge der Relation Görlitz–Leipzig existierte bis 2001 eine eigene zweigleisige Strecke (GDV). Die 2002 auf eingleisige Betriebsführung umgebaute Verbindungskurve, die im nordöstlichen Gleisvorfeld in Richtung Güterbahnhof Neustadt abzweigte, bestand noch bis zum Jahre 2005. Das so entstandene Gleisdreieck lag dem Empfangsgebäude fast genau gegenüber. Zwischen der Verbindungskurve und dem nördlichen Gleisvorfeld befinden sich die nicht mehr genutzten Anlagen des Lokbahnhofs Dresden-Neustadt.
Die Gleisanlagen waren ursprünglich auf Richtungs- und Linienbetrieb ausgelegt. Die Bahnsteiggleise 1 bis 4 nahmen stadtauswärts fahrende Züge auf und die Bahnsteiggleise 5 bis 8 stadteinwärts fahrende Reisezüge. Die mittleren Bahnsteige waren dabei dem Fernverkehr vorbehalten. Auf den Bahnsteiggleisen 3 und 6 verkehrten Züge nach und von Leipzig und Berlin und auf den Bahnsteiggleisen 4 und 5 Züge nach und von Görlitz. Die Vorortzüge nach Arnsdorf fuhren auf dem Bahnsteiggleis 1 und nutzten in umgekehrter Richtung das Bahnsteiggleis 8. Die Bahnsteiggleise 2 und 7 schließlich dienten dem Vorortverkehr in Richtung Coswig und Meißen. Somit mussten Züge von den Bahnsteiggleisen 1, 4, 5 und 8 auf die Strecke nach Görlitz geleitet werden und die Züge der anderen Bahnsteiggleise auf die Strecke nach Leipzig. Im nördlichen Vorfeld lagen neben Gleis 1 Abstellanlagen für im Bahnhof beginnende oder endende Vorortzüge.
Die Gleisanlagen erfuhren während der von 2006 bis 2016 laufenden Umbauarbeiten wesentliche Änderungen. Ein Ziel dieser Arbeiten war eine Linientrennung der Fahrwege (siehe auch Abschnitt Weiterer Ausbau).
Da während der Umbauarbeiten einige Bahnsteige nicht nutzbar waren, wurden zusätzliche provisorische Bahnsteige erbaut. Außerhalb der Bahnsteighalle fungierte das innere der beiden Güterzuggleise als Bahnsteiggleis 9, während auf dem anderen Gleis der Bahnsteig stand. Von 2007 bis September 2014 wurde ein weiterer provisorischer Bahnsteig an der nur wenige Meter entfernten Bahnstrecke Dresden-Pieschen–Dresden-Neustadt genutzt, genannt Dresden-Neustadt Außenbahnsteig (Gleis 10). An diesem Bahnsteig 10 hielten zeitweise die Regionalexpresszüge der Relation Leipzig–Dresden sowie S-Bahnen, jedoch nur in Richtung Dresden Hbf.
Geschichte mini|Lage des Leipziger und des Schlesischen Bahnhofs
Der Bahnhof Dresden-Neustadt löste die beiden auf Neustädter Seite gelegenen Vorläufer ab, den Leipziger Bahnhof und den Schlesischen Bahnhof. Dieser gilt als direkter Vorgänger, da der Neustädter Bahnhof an gleicher Stelle errichtet wurde.
Leipziger Bahnhof mini|links|Kopfseite des Leipziger Bahnhofs im Jahr 1839
Im Jahre 1839 als Endpunkt der Bahnstrecke Leipzig–Dresden eingeweiht, war der Leipziger Bahnhof der erste Bahnhof Dresdens. Der rasante Anstieg des Verkehrsaufkommens und die Verknüpfung zu neu erbauten Bahnlinien machten bereits in den ersten Jahrzehnten nach der Eröffnung wesentliche Erweiterungen sowie Um- und Neubauten notwendig. Im Jahr 1901 übernahm der neu erbaute Bahnhof Dresden-Neustadt den Personenverkehr vom Leipziger Bahnhof. Dessen Anlagen gingen großteils im Güterbahnhof Dresden-Neustadt auf und werden teilweise bis heute genutzt.
Schlesischer Bahnhof Der Schlesische Bahnhof wurde in den Jahren 1844 bis 1847 unter Leitung und nach Plänen des Dresdner Architekten Julius Köhler mit ebenerdigen Gleisen errichtet und zeitgleich mit der Inbetriebnahme der Gesamtstrecke Dresden-Neustadt–Görlitz am 1. September 1847Berger/Weisbrod: Über 150 Jahre Dresdner Bahnhöfe, S. 12. eröffnet. Die als Straßen- und Eisenbahnbrücke konzipierte erste Marienbrücke (die heutige Straßenbrücke) befand sich zu dieser Zeit bereits in Bau, so dass die Planungen einen Durchgangsbahnhof vorsahen, dessen stadtwärts führende Ausfahrgleise eine Verbindung zum geplanten Bahnhof der Sächsisch-Böhmischen Eisenbahngesellschaft ermöglichen sollten. Vorerst befand sich auf der südlichen „Kopfseite“ jedoch nur eine Drehscheibe zum Wenden der Lokomotiven. Dazu kamen zwei seitlich angeordnete Bahnsteighallen, die Abfahrtshalle zur Antonstraße hin und die Ankunftshalle auf der gegenüberliegenden Seite.
mini|Das Empfangsgebäude des Schlesischen Bahnhofs in einer Lithographie um 1850
Die beidseits und symmetrisch angeordneten Empfangsgebäude bestanden aus je zwei vorgezogenen Eckflügeln und einem zurückgesetzten Mittelbau. Die spätklassizistischen, einstöckigen Gebäude schlossen 96 Meter lange Bahnsteighallen mit Rundbogenarkaden ein, die je ein Ankunfts- bzw. Abfahrgleis überdachten. Zwei weitere dazwischen gelegene Gleise waren Rangierzwecken zugedacht. Die beiden Empfangsgebäude unterschieden sich nur durch einige funktional bedingte Kleinigkeiten. Der Bahnsteig der Abfahrseite konnte nur durch eine Eingangshalle betreten werden, in der Fahrkartenverkauf, Gepäckannahme und Restauration lagen. Der gegenüberliegende Bahnsteig war dagegen frei zugänglich und größer, um das bei ankommenden Zügen naturgemäß schubweise Verkehrsaufkommen besser bewältigen zu können.
mini|Um 1897 führen bereits Straßenbahngleise vor dem Schlesischen Bahnhof vorbei