Tiny Alice (deutsch: Winzige Alice in der Übersetzung von Pinkas Braun 1968) ist ein erstmals 1960 veröffentlichtes Drei-Akte-Schauspiel des amerikanischen Dramatikers Edward Albee, das im Januar 1965 im Billy-Rose-Theatre in New York uraufgeführt wurde. Das Publikum reagierte auf die Premiere zumeist verunsichert und verwirrt; in den Theaterkritiken und Rezensionen wurde das Stück ebenfalls sehr kontrovers aufgenommen und äußerst unterschiedlich gedeutet.John V. Hagopian: Tiny Alice. In: Hermann J. Weiand (Hrsg.): Insight IV – Analyses of Modern British and American Drama. Hirschgraben-Verlag, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-454-12740-8, S. 192 f. Helmut M. Braem: Winzige Alice. In: Helmut M. Braem: Edward Albee. Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, S. 85 f.
Handlung Die Anfangsszene des ersten Akts spielt im Garten des Kardinals irgendwo in den Vereinigten Staaten. Der Kardinal empfängt den Besuch des Anwalts. Die beiden sind durch eine langjährige Hassbeziehung seit ihrer Schulzeit miteinander verbunden. Der Anwalt kommt im Auftrag einer noch jungen, allerdings über alle Maßen vermögenden Mandantin, die anbietet, der Kirche zwanzig Jahre lang einen jährlichen Betrag von 100 Millionen zu spenden. Der Kardinal, der angesichts dieser hohen Summe seine Würde verliert, stimmt bedingungslos der einzigen Forderung der zukünftigen Spenderin zu, nämlich dass sein Privatsekretär, der Laienbruder Julian, die Stifterin aufsucht, um die Einzelheiten der Abmachung mit ihr zu regeln.
Die zweite Szene spielt in der Bibliothek eines Herrschaftshauses, der Residenz von Fräulein Alice. Während Julian darauf wartet, von Fräulein Alice empfangen zu werden, betrachtet er ein präzise nachgebautes Puppenhaus-Modell des Gebäudes. Das Modell ist für das Publikum deutlich sichtbar und den Szenenanweisungen zufolge von großer Bedeutung. Der Butler, der ihn in Empfang nimmt, erläutert ihm, dass in jedem Raum des Schlosses ein Modell des Modells stehe und in jedem Raum des Modells abermals ein Modell des Modells – ad infinitum. Dem Butler gelingt es, von Julian etwas über dessen sechsjährigen Aufenthalt in einer Heilanstalt zu erfahren. Der Laienbruder offenbart ihm, dass er während dieser Zeit seinen Glauben an Gott verloren habe, da er nicht über die Kluft hinweggekommen sei zwischen dem Wesen Gottes und der Art und Weise der Menschen, sich Gott nutzbar zu machen. Gott sei keine „Marionette“, sondern die „Triebkraft“. Die Menschen würden sich indes einzig einen falschen Gott nach ihrem Abbild erschaffen. Da für ihn der Glaube und sein gesunder Verstand ein und dasselbe seien („my faith and my sanity … are one and the same“), habe er sich in eine Heilanstalt begeben.John V. Hagopian: Tiny Alice. In: Hermann J. Weiand (Hrsg.): Insight IV – Analyses of Modern British and American Drama. Hirschgraben-Verlag, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-454-12740-8, S. 192. Siehe auch Helmut M. Braem: Winzige Alice. In: Helmut M. Braem: Edward Albee. Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, S. 87 f.
In der dritten Szene des ersten Aktes trifft Julian im Salon der Residenz auf Fräulein Alice; statt der erwarteten jungen und schönen Frau steht er jedoch in dieser komikartigen Szene einem hässlichen, offenbar schwerhörigen, auf Krücken gehenden alten Weib gegenüber. Nach kurzer Zeit legt die Greisin jedoch ihre Verkleidung mit Maske und Perücke ab und verwandelt sich in das erwartete Aussehen von Fräulein Alice. Die junge Frau spricht zunächst in lasziver und vulgärer Form von ihrem früheren Liebhaber, dem Butler, zeigt sich jedoch danach, als sie die Zuneigung Julians zu gewinnen versucht, als kokettes, neugieriges und liebenswertes Wesen. Sobald es um jedoch Geschäftliches geht, erweist sie sich als sachlich und hart. Auch Fräulein Alice ist selbst die Figur einer Figur; überdies ist sie nur die Imitation einer anderen Alice, die in dem Puppenhaus lebt und nicht als Fräulein angeredet wird.
Während Fräulein Alice auf subtile, eher sanfte Weise versucht, Julian zu verführen, enthüllt dieser ihr, dass er in dem Sanatorium eine Affäre mit einer Neurotikerin gehabt habe, die sich wahnhaft einbildete, die Jungfrau Maria zu sein. Die Frau habe behauptet, von ihm schwanger zu sein; der Arzt habe ihm allerdings mitgeteilt, dass sie an einer Krebserkrankung gestorben sei.John V. Hagopian: Tiny Alice. In: Hermann J. Weiand (Hrsg.): Insight IV – Analyses of Modern British and American Drama. Hirschgraben-Verlag, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-454-12740-8, S. 192.
Der zweite Akt spielt einige Tage später. In der ersten Szene setzt der Anwalt Fräulin Alice zu, da er eifersüchtig auf ihre zarten Gefühle für Julian ist, obwohl er selber sie dazu veranlasst hat, diesen zu verführen, um ihn auf die Probe zu stellen und von der Kirche zu lösen.
Während Julian die vernachlässigte Kapelle und den Weinkeller im Schloss bewundert, bricht in der Kapelle des Modells ein Feuer aus, das einen Brand in der realen Kapelle signalisiert. Julian, der Butler und der Anwalt eilen zur Kapelle, um die Flammen zu bekämpfen. Fräulein Alice betet derweil in einem beschwörenden Gebetssingsang für die Rettung der Kapelle. Julian kehrt zurück und berichtet, dass der Altar der Kapelle zerstört sei. Er bittet um eine Erklärung für die gleichzeitigen Brände in „beiden Dimensionen“; Fräulein Aice fleht ihn aber nur an, in das Herrschaftshaus einzuziehen, da dies für ihn „leichter“ sei („It will be easier. For you“).John V. Hagopian: Tiny Alice. In: Hermann J. Weiand (Hrsg.): Insight IV – Analyses of Modern British and American Drama. Hirschgraben-Verlag, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-454-12740-8, S. 193.
In der zweiten Szene dieses Aktes schmieden der Anwalt und der Butler Pläne für eine Eheschließung zwischen Julian und Fräulein Alice, die der Kardinal vollziehen soll. Der Anwalt verspricht dabei der „wirklichen“ Alice im Modell, dass sie Julian „bekommen“ würde und dass er ihr „gehören“ würde, indem er Fräulein Alice heiraten werde. In der nachfolgenden Szene nutzt Fräulein Alice Julians lebenslangen Traum von Aufopferung und Märtyrertum, um ihn zu verführen. Als er ihren nackten Körper umarmt, ruft sie aus: „He will be yours, Alice!“ (deutsch: „Er wird dir gehören, Alice!“).
Im dritten Akt schließt Julian mit Fräulein Alice die Ehe. Diesen „gewaltsamen Umbruch“ seines Lebens betrachtet der Laienbruder als „das Werk Gottes“. Die Hochzeit soll gefeiert werden, doch die Braut hält sich lange Zeit dem festlichen Zeremoniell fern. In einem zunehmend sarkastischer werdenden Gespräch bezeichnen der Anwalt und der Kardinal Julian als „Glückspils“, der das gefunden habe, wonach er strebe: Liebe, Reichtum und „eine Art des privaten Ruhms“.Helmut M. Braem: Winzige Alice. In: Helmut M. Braem: Edward Albee. Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, S. 91.
Nach dem Vollzug der Zeremonie drängt der Kardinal den Laienbruder zu akzeptieren, was immer auch kommen möge. Während des Rituals trinken alle auf die wirkliche Alice des Modells. Im weiteren Verlauf der Handlung fühlt Julian sich schließlich verraten („betrayed“), als man ihm mitteilt, dass er mit der realen Alice zurückbleiben müsse, wenn die anderen fortgingen. Als sich Julian trotz der Anordnung des Kardinals weigert, dies zu tun, erschießt der Anwalt ihn mit einer Pistole. Daraufhin gesteht Fräulein Alice dem sterbenden Julian, sie sei nur eine „Sinnestäuschung“ gewesen und habe sich nur bemühen können, wie die wirkliche Alice zu sein. In einer Pietà-Szene, wie es in den Regieanweisungen heißt, nimmt sie dann Julian in ihre Arme.
Die drei Urheber des Komplotts verlassen langsam die Bühne, während Julian gleichsam wie in einer Kreuzigungsszene den zwölften Psalm spricht („Wie lange noch hältst Du Dein Antlitz vor mir verborgen?“). Sterbend begreift er, dass „alle Pein Bewusstheit und jede Bewusstheit Pein ist“, stammelt eine Theologie ohne Gott, hört sodann ein Atmen im Modell und spürt vage, das „Etwas“ im Raum ist: „Es ist der Schatten einer ungeheuren Wesenheit“, wie es in Albees Regieanmerkung heißt. Das Stück endet mit dem Sterbemonolog Julians und seinen letzten Worten: „Der Bräutigem erwartet Dich, meine Alice. … Oh, Herr, mein Gott, ich habe Dich erwartet. … Ich füge mich Dir, Alice, denn Du bistzu mir gekommen. Gott, Alice … Ich füge mich Deinem Willen.“ („The bridegroom waits for thee, my Alice …I accept thee, Alice, for thou art come to me. God, Alice, I accept thy will.“). Sodann schwindet das Licht allmählich und der Vorhang fällt langsam.Helmut M. Braem: Winzige Alice. In: Helmut M. Braem: Edward Albee. Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, S. 92. Siehe auch John V. Hagopian: Tiny Alice. In: Hermann J. Weiand (Hrsg.): Insight IV – Analyses of Modern British and American Drama. Hirschgraben-Verlag, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-454-12740-8, S. 193 und 196 f.
Interpretationsansatz In Tiny Alice verzichtet Albee erstmals auf eine realistische Grund- oder Ausgangssituation, die ein psychologisch motiviertes, nachvollziehbares Verknoten der Handlungsfäden erlaubt. Die Figuren in diesem Stück sind nicht identifizierbare Fiktionen, die einen inneren Vorgang darstellen und sich wie in T. S. Eliots The Cocktailparty (1950) sowohl auf einer religiösen wie auch auf einer profanen Ebene bewegen. Aus diesem Grunde ist Tiny Alice, das der Autor selber als ein Mysterienspiel bezeichnet hat, zugleich eine Art Salon-Intrige mit allen Charakteristika eines Kriminal- oder Schurkenstücks.Siehe Helmut M. Braem: Winzige Alice. In: Helmut M. Braem: Edward Albee. Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, S. 86. Vgl. zu den Anlehnungen an Eliots The Cocktail Party auch Ronald Hayman: Tiny Alice. In: Ronald Hayman: Contemporary Playwrights - Edward Albee. Heinemann Verlag, London 1971, ISBN 0-435-18409-1, S. 57.
Bereits im Prolog zur ersten Szene des Werks weist Albee in den Bühnenanweisungen darauf hin, dass in dem Vogelkäfig im Garten des Kardinals die zwei Rotkardinäle („Richmondena cardinalis“) keine echten Vögel sein müssten. Die Eröffnung des Stückes zeigt bereits von Anfang an dessen Charakteristik: das Spiegeln von Realitäten. Das Flirten des Anwalts mit den Vögeln, deren Namen er süffisant mit dem Amt des Kirchoberhauptes identifiziert, bringt bereits zu Beginn eine dominierende Stimmung zum Ausdruck, die auch in den nachfolgenden Szenen zumeist deutlich spürbar ist: die homo-erotische Spannung zwischen bisexuellen Figuren, mit Ausnahme von Fräulein Alice und Julian.Vgl. Helmut M. Braem: Winzige Alice. In: Helmut M. Braem: Edward Albee. Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, S. 86 f. Siehe auch John V. Hagopian: Tiny Alice. In: Hermann J. Weiand (Hrsg.): Insight IV – Analyses of Modern British and American Drama. Hirschgraben-Verlag, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-454-12740-8, S. 198 f.
In dem sich endlos fortsetzenden Puppenhaus-Modell zeigt sich Albees Technik, die Realität in verwirrender Form zu desillusionieren. Zwar existiert eine Wirklichkeit jenseits der Illusion, doch das, was von ihr begriffen werden kann, ist nicht zu definieren. Albees Absicht der allegorischen Spiegelung von Realitäten, die mit der Ironisierung der zwei Kardinal-Vögel im Prolog ihren Anfang nimmt, setzt sich fort mit dem Modell im Modell und der Erklärung des Butlers, Beruf und Name seien identisch: Er, der Butler, heiße auch Butler.Helmut M. Braem: Winzige Alice. In: Helmut M. Braem: Edward Albee. Friedrichs Dramatiker des Welttheaters, Band 63, Friedrich Verlag, Velber 1968, S. 88. Siehe zu der Deutung von Tiny Alice als Allegorie auch John V. Hagopian: Tiny Alice. In: Hermann J. Weiand (Hrsg.): Insight IV – Analyses of Modern British and American Drama. Hirschgraben-Verlag, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-454-12740-8, S. 194.