Tauba () ist ein Begriff aus dem religiösen Vokabular des Islams, der die reumütige Umkehr des Menschen zu Gott bezeichnet, die mit einer gleichzeitigen Hinwendung Gottes zu diesem Menschen verbunden ist. Wichtigste Grundlage für das islamische Verständnis von der Tauba sind die Aussagen im Koran, in denen der Begriff selbst sowie das zugehörige Verb tāba und die davon abgeleiteten Formen vorkommen. Aufbauend auf diesen Aussagen sowie verschiedenen Hadithen, ist in der islamischen Frömmigkeitsliteratur, insbesondere derjenigen sufischen Charakters, das Tauba-Konzept weiter ausgearbeitet worden. Hier ist es noch stärker als im Koran mit der Idee der Abwendung des Menschen von seinen Sünden verbunden.Vgl. Wilzer 72.
Etymologisch ist der Begriff Tauba mit dem hebräischen Wort tešûbah (תשובה) verwandt, das im Judentum in etwa die gleiche Bedeutung hat. Zugrunde liegt das hebräische Wort šūb („sich wenden, zurückkehren, sich bekehren, sich zuwenden“),Vgl. Arthur Jeffery: The foreign vocabulary of the Qur’an. Oriental Institute, Baroda 1938. S. 87 und K. Ahrens in Zeitschrift der Morgenländischen Gesellschaft 84 (1930) 27 Digitalisat das mit weit über 1000 Belegen zu den häufigsten im Alten Testament vorkommenden Verben gehört.Vgl. Peter Welten: Art. „Buße. II. Altes Testament“ in Theologische Realenzyklopädie Bd. VII, Walter de Gruyter, Berlin, 1981. S. 433. Inhaltliche Nähe weist das Konzept der Tauba auch zu dem neutestamentlichen Begriff der metanoia (μετάνοια) auf, der eine Umkehr des Denkens bezeichnet und in der deutschen Sprache mit dem ursprünglich juristischen Begriff der Buße wiedergegeben wird. Ein wichtiger Unterschied zum Konzept der Buße besteht darin, dass der Begriff Tauba im Arabischen auch auf Gott bezogen wird. Menschen, die sich ganz der Tauba hingeben, werden im Islam als Tauwābūn bezeichnet.
Im Koran Tauba als Umkehr des Menschen Der Begriff tauba und das zugehörige Verb tāba, die in spätmekkanischer Zeit aufkommen und dann besonders häufig in den medinischen Passagen des Korans erscheinen, werden an den meisten Stellen des Korans auf den Menschen bezogen. Bei Ungläubigen, die die Muslime bekämpft haben, ist die Umkehr gleichbedeutend mit der Konversion zum Islam (z. B. Sure 19:60; Sure 25:70f). „Diejenigen, die umkehrten“ (man tāba) wird dementsprechend auch als eine Umschreibung für die Muslime, die Mohammed folgen, verwendet (so Sure 11:112). An anderen Stellen wird die durch das Verb tāba ausgedrückte Umkehr als die einzige Alternative zum Tod (Sure 5:34; 9:3) bzw. zur Bestrafung am Tag des Gerichts (Sure 11:3; 28:67; 85:10) dargestellt. Auch den Heuchlern, die nicht umkehren, droht das Höllenfeuer (Sure 4:145-6; 9:74). Das gleiche Schicksal erwartet die Apostaten, die nicht umkehren (Sure 3:86-89).
Gott selbst wird in Sure 9, die selbst den Namen at-Tauba trägt, als derjenige beschrieben, der „die Umkehr (tauba) von seinen Knechten annimmt“ (huwa yaqbalu t-taubata min ʿibādihi; Sure 9:104; vgl. auch 42:25 und 40:3). In Sure 40:7 bitten die Engel Gott, er möge denjenigen, die umgekehrt sind (tābū) und seinem Weg gefolgt sind, vergeben und sie vor der Höllenstrafe bewahren. Die Umkehr derjenigen, „die ungläubig geworden sind, nachdem sie gläubig waren, und dann immer ungläubiger wurden“ soll dagegen nicht angenommen werden (Sure 3:90).
An vielen Stellen richtet sich die Aufforderung zur Tauba allerdings nicht an Ungläubige, sondern explizit an die Gläubigen. So heißt es in Sure 24:31 „Und kehrt alle reumütig zu Gott zurück (wa-tūbū ilā Llāh), ihr Gläubigen! Vielleicht wird es euch dann wohlergehen!“ In Sure 66:8 fordert Gott die Gläubigen zu einer „aufrichtigen Umkehr“ (tauba naṣūḥ) auf und verspricht ihnen umgekehrt dafür den Eintritt ins Paradies. Auf gläubige Menschen bezogen, bezeichnet der Begriff tauba vor allem die Abkehr des Menschen von seiner Sünde. Die Sünde, von der man sich abwenden soll, kann aus Verleumdung (Sure 24:4-5; 66:3-4) bestehen, aus gegenseitiger Beschimpfung (Sure 49:11) oder aus dem Verstoß gegen das Zinsverbot (Sure 2:278f). Die Tauba ist besonders im reiferen Alter wichtig. Wenn der Mensch vierzig Jahre alt ist, soll er zu Gott sprechen: „Siehe, ich wende mich dir reumütig zu (tubtu ilaika) und bin einer derjenigen, die sich ergeben haben“ (Sure 46:15). Aber an sich ist der Mensch stetig zur Tauba angehalten, denn Gott liebt die Tauwābūn (vgl. Sure 2:222). Das zugehörige aktive Partizip tāʾibūn („die Umkehrenden“) erscheint auch in einer Liste von Eigenschaften, die den idealen Muslim auszeichnen (Sure 9:112).
Tauba als Hinwendung Gottes zum Menschen Der Begriff Tauba bezeichnet im Koran allerdings nicht nur eine Hinwendung des Menschen zu Gott, sondern umgekehrt auch die Hinwendung Gottes zum Menschen.Vgl. dazu Wilzer 72 und Rubin 296. So wird zum Beispiel in Sure 4:92 der Gläubige, der versehentlich einen anderen Gläubigen getötet hat, aufgefordert, bestimmte Pflichten zu erfüllen, so z. B. die Diya zu zahlen, um dadurch Gottes Tauba zu erlangen. Auf Gott bezogen, bezeichnet das Verb tāba den Verzicht auf Bestrafung (so Sure 3:128; 33:24) und die gnadenvolle Hinwendung zu den Gläubigen, die im Gegensatz zu seiner Peinigung der Heuchler und Ungläubigen steht (so z. B. Sure 33:73). Diese Art göttlicher Tauba spielt auch in zwei koranischen Erzählungen über die vorislamische Zeit eine wichtige Rolle. So wird zum Beispiel in der Erzählung über Adam beschrieben, wie Gott nach dem Sündenfall Worte an Adam richtete und sich ihm wieder gnadenvoll zuwendete (tāba ʿalayhi; Sure 2:37). Dieser Gedanke der Hinwendung Gottes zu Adam erscheint erneut in Sure 20:122, wo es heißt, dass Gott Adam nach seiner Abirrung erwählte, sich ihm zukehrte (tāba ʿalai-hi) und ihn rechtleitete. In der Geschichte über Abraham und Ismael wird erzählt, wie diese zu Gott beten und ihn bitten, sich ihnen zuzuwenden (wa-tub ʿalaynā; Sure 2:128). Die Vorstellung einer solchen göttlichen Tauba wird im Koran auch auf den Propheten Mohammed selbst bezogen. So wird in Sure 9:117 in Erinnerung gerufen, dass sich Gott dem Propheten, den Muhādschirūn und den Ansār gnädig wieder zugewandt habe (qad tāba ʿalā n-nabī wa-l-muhāǧirīn wa-l-anṣār), nachdem die Herzen einer Gruppe von ihnen beinahe abgeirrt wären (Sure 9:117). Ein Unterschied im Sprachgebrauch beim Verb tāba, das die gegenseitige Hinwendung von Gott und Mensch bezeichnet, besteht darin, dass die Hinwendung des Menschen zu Gott immer mit der Präposition ilā verbunden ist, während die Hinwendung Gottes zum Menschen mit der Präposition ʿalā steht.
An mehreren Stellen des Korans wird zum Ausdruck gebracht, dass sich Gott dem Menschen zuwendet, weil er tauwāb sei (Sure 2:37). Mit dieser emphatischen Form, die als Synonym zu Raḥmān steht, wird die Bereitschaft Gottes beschrieben, sich immer wieder barmherzig dem Menschen zuzuwenden.Vgl. Rubin: "Repentance and Penance" in EQ, S. 426. Der Begriff tauwāb erscheint noch an verschiedenen Stellen des Korans auf Gott bezogen, und zwar meist im Zusammenhang mit der Bitte von Menschen um Vergebung (so z. B. Sure 4:64 und 110:3) sowie der Abkehr von Sünden (so z. B. Sure 49:12). Deswegen gilt al-tauwāb auch als einer der schönen Namen Gottes.
Die Korrelation zwischen göttlicher und menschlicher Tauba An mehreren Stellen im Koran wird zum Ausdruck gebracht, dass zwischen göttlicher Hinwendung zum Menschen und menschlicher Hinwendung zu Gott ein direkter Zusammenhang besteht. So heißt es explizit in Sure 5:39: „Wer nach seiner Unrechtstat umkehrt (tāba) und sich bessert, dem wendet sich auch Gott gnädig wieder zu (innā Llāha yatūbu ʿalaihi).“ Umgekehrt wird an anderen Stellen zum Ausdruck gebracht, dass göttliche Tauba nur derjenige erwarten kann, der selbst zu Gott umkehrt (so Sure 4:17; 6:54; 16:119). Auch in der Geschichte von den Israeliten und dem Goldenen Kalb erscheint die Gedankenfigur von der Interdependenz göttlicher und menschlicher Tauba. So wird dort zunächst an die Israeliten die Aufforderung gerichtet, dass sie zu ihrem Schöpfer umkehren mögen (tūbū ilā bāriʾikum), sodann heißt es von Gott, dass er sich ihnen wieder zuwandte (fa-tāba ʿalaykum), weil er der Sich-Gnädig-Zuwendende (at-tauwāb) und Barmherzige (ar-raḥīm) sei (Sure 2:54). Umgekehrt wird denjenigen, die ihre reumütige Umkehr bis zu ihrem Tod hinauszögern, die göttliche Tauba vorenthalten (Sure 4:18).
In den meisten Fällen geht die menschliche Tauba der göttlichen voraus, nur in einem Fall ist es umgekehrt. So wird in Sure 9:118 von Gott gesagt, dass er sich drei Männern, die abgeirrt waren, „wieder zuwandte, damit sie ihrerseits umkehrten“ (tāba ʿalaihim li-yatūbū). Der Vers schließt wiederum mit der Aussage, dass Gott tauwāb ist, d. h. bereit ist, sich immer wieder den Menschen gnädig zuzuwenden und ihre reumütige Umkehr anzunehmen (so auch in Sure 4:16).
Im Hadith Die Tauba als ständige Aufgabe des Menschen Ein Hadith, der im Sahīh al-Buchārī im Namen Abū Hurairas überliefert wird, macht deutlich, dass Tauba eine ständige Aufgabe des gläubigen Menschen ist. Demnach sagte Mohammed einst: „Bei Gott, mehr als siebzig Mal pro Tag bitte ich Gott um Vergebung und wende mich ihm reumütig zu (atūbu ilai-hi).“Vgl. Ṣaḥīḥ al-Buḫārī Nr. 5948. In den Sunan von Ibn Mādscha wird der Prophet mit den Worten zitiert: „Wer von der Sünde umkehrt, ist wie einer, der keine Sünde hat“ (at-tāʾib min aḏ-ḏanb ka-man lā ḏanba la-hū).Vgl. Sunan Ibn Māǧa Nr. 4250. Als man Mohammed nach dem Kennzeichen für die Tauba befragte, soll er geantwortet haben, dass dies die Reue (nadāma) sei.Vgl. al-Qušairī: ar-Risāla fī t-taṣauwuf. 1989, S. 146.
Die endzeitliche Schließung des Tauba-Tors In Sure 6:158 heißt es: "Am Tag, da etwas von den Zeichen Gottes kommt, nützt keinem sein Glaube, der nicht vorher geglaubt oder in seinem Glauben Gutes erworben hat." An dieses Koranwort knüpft sich die Vorstellung von dem "Tor der Umkehr" (bāb at-tauba), das sich am Ende der Zeiten schließen soll. At-Tabarī zitiert in seinem Korankommentar im Zusammenhang mit Sure 6:158 verschiedene Versionen eines Hadith, demzufolge sich dieses Tor der Umkehr im Westen befindet, 60 Tagesreisen breit ist und sich erst schließen wird, wenn die Sonne im Westen aufgeht. Dabei soll die Sonne durch das Tor hindurchwandern und unmittelbar danach seine Schließung erfolgen.Vgl. aṭ-Ṭabarī: Ǧāmiʿ al-bayān ʿan taʾwīl āy al-qurʾān. Ed. Maḥmūd und Aḥmad Muḥammad Šākir. Maktabat Ibn Taimīya, Kairo, o. D., Bd. XII, S. 250–255, Nr. 14207, 14208, 14216, 14218. Digitalisat.
Weitere Überlieferungen zu diesem Tor finden sich in dem Qisas al-anbiyāʾ-Werk von ath-Thaʿlabī. Dort werden dem Propheten Mohammed folgende Worte in den Mund gelegt: „Gott hat hinter dem Ort des Sonnenuntergangs ein Tor für die Tauba erschaffen, das Türflügel aus Gold hat und mit Perlen und Edelsteinen besetzt ist. Von einem Türflügel zum anderen reitet ein schneller Reiter vierzig Jahre lang. Das Tor ist geöffnet seit der Erschaffung durch Gott bis zum Morgen jener Nacht, wenn die Sonne und der Mond von dem Ort ihres Untergehens her aufgehen.“ Jede Tauba, die ein Mensch gezeigt habe, so erklärt Mohammed weiter, sei durch dieses Tor eingegangen und dann zu Gott emporgestiegen. Nach dem Aufgang von Mond und Sonne im Westen werde aber der Engel Gabriel das Tor dicht verschließen, so dass von keinem Menschen mehr die Tauba angenommen werde.Abū Isḥāq aṯ-Ṯaʿlabī: Qiṣaṣ al-Anbiyāʾ au ʿArāʾis al-maǧālis. Maṭbaʿ al-Ḥaidar, Bombay, 1295/1878. S. 33f. Digitalisat. - Deutsche Übers. Heribert Busse unter dem Titel Islamische Erzählungen von Propheten und Gottesmännern. Harrassowitz, Wiesbaden 2006. S. 30f.
In der Sufik