mini|Der Norweger Sverre Isachsen und sein gut 550 PS starker Ford Focus T16 4x4 „flat out“ auf dem Wachauring in Melk mini|Isachsen nach seinem Sieg beim Rallycross-EM-Lauf 2005 auf dem Estering
Rallycross (engl.) (dt. laut Duden nur Rallyecross oder Rallye-Cross) ist ein Autorennen für geschlossene Fahrzeuge auf einer permanenten Motorsport-Rennstrecke mit wechselndem Streckenbelag, der fast immer aus Asphalt und Schotter besteht. Als Abkürzung hat sich das englische RX (X = cross) etabliert, auch, um eine Verwechslung mit Radio Control (Abkürzung RC) zu vermeiden.
Reglement und Grundsätzliches mini|Der Circuit de Lohéac ist mit etwa 35.000 Zuschauern pro Rennen die bestbesuchte Rallycross-Strecke in Europa mini|Melk: Der Rekord-Rallycross-Europameister Kenneth Hansen (Citroën Xsara T16 4x4) führt das Feld in die erste Runde (2004) Im Gegensatz zur klassischen Rallye fahren beim Rallycross kleine Gruppen von Rennwagen Sprintrennen im direkten Vergleich gegeneinander. Die relativ kurzen Rundkurse (sie müssen laut Reglement zwischen 950 und 1400 Meter lang sein und dabei über einen Asphalt- und/oder Beton-Anteil von 35 bis 60 Prozent verfügen), zumeist mit Stadion-Charakter, sind fast immer gut überschaubar und damit zuschauer- und fernsehfreundlich. In Deutschland sind entgegen dem oben erwähnten internationalen FIA-Reglement Rallycross-Rennen mit der Zustimmung des deutschen Verbands DMSB ausnahmsweise auch auf Autocross-Strecken (loser Fahrbahnbelag) möglich, wenn dort zumindest der Startplatz (engl. Grid respektive Starting grid) asphaltiert wurde (Beispiel: Matschenberg Offroad Arena). Darüber hinaus erlaubt der DMSB aber auch Rallycross-Rennen auf vollständig asphaltierten Strecken (Beispiel: Gründautalring). Diese Ausnahmeregelungen wurden getroffen, weil es hier an entsprechenden Strecken mangelt.
Im Gegensatz zu wilden Autocross-Rennen und diversen Stoppelfeld-, Kiesgruben- und Car-Crash-Wettbewerben, deren Veranstalter den Begriff Rallycross gerne „adoptieren“, ist Rallycross als eigenständige Autosportart von der FIA anerkannt, die jährlich drei verschiedene Europameistertitel für RX-Fahrer ausschreibt. Das europäische Rallycross hat so gut wie keine Ähnlichkeiten mit dem US-amerikanischen RallyCross und den verschiedenen Cross-Country-Veranstaltungen wie Rallye Raid, Africa Eco Race, Rallye Dakar oder Baja 1000 und weist auch nur wenige Gemeinsamkeiten mit dem von der FIA und dem DMSB sanktionierten Autocross auf (dort offene und geschlossene Rennwagen, temporäre oder permanente Rennstrecken mit losem Belag).
Nachdem die FIA die EM-Vermarktungsrechte ab 2013 an den US-amerikanischen Sportpromoter International Management Group (IMG) übertragen hatte, wurde bereits für 2014 die FIA-Rallycross-Weltmeisterschaft (Kürzel WorldRX bzw. WRX) eingeführt. In dieser WM treten Fahrer in den vier Kategorien SuperCars, Super1600, TouringCars und RX2 gegeneinander an. Nachdem in den ersten beiden Jahren der Norweger Petter Solberg den WM-Titel erringen konnte, folgten ihm 2016 der Schwede Mattias Ekström und 2017 dessen Landsmann Johan Kristoffersson als Rallycross-Weltmeister.
Fahrzeugkategorien Rallycross-Weltmeisterschaft (laut FIA-Reglement) SuperCars (vormals Division 1): Tourenwagen, die in den Gruppen A und ST (für Supertouring) homologiert sind. Das Hubraum-Maximum für Benzinmotoren mit Turboladern ist 2058 cm³. Super1600 (vormals Division 1A): Tourenwagen mit Frontantrieb, die in der Gruppe A homologiert sind. Es sind einzig Saugmotoren zulässig, die über maximal 1600 cm³ Hubraum verfügen. TouringCars (vormals Division 2): Tourenwagen mit Hinterradantrieb, die in der Gruppe A homologiert sind. Die betreffenden Fahrzeuge dürfen einzig Saugmotoren mit maximal 2000 cm³ Hubraum haben und müssen nötigenfalls von Frontantrieb auf Hinterradantrieb umgerüstet werden. Dies trifft für die meisten Marken und Modelle (eine Ausnahme stellen beispielsweise Autos von BMW oder der Mazda RX-8 dar) zu. RX2: Tourenwagen mit Allradantrieb. Die identischen Fahrzeuge in Mittelmotorbauweise haben 310 PS.
Ablauf eines Rallycross-Wettbewerbs Rallycross-Rennen sind mit einer Gesamtdistanz zwischen 3000 und 8000 Metern relativ kurz. Da die meisten Strecken etwa 1000 m lang sind, gehen die Sprints über drei bis acht Runden. Auf den Rallycross-Strecken für international offene Wettbewerbe wird seit einiger Zeit auch eine sogenannte Joker Lap ausgefahren. Dabei muss jeder Fahrer einmal pro Rennen einer mindestens 2 Sekunden langsameren Alternativroute (der Joker Lap section) folgen, darf aber selbst entscheiden, in welcher Runde er das tut. Nach der technischen Abnahme der Fahrzeuge dürfen ihre Fahrer am freien Training teilnehmen, anschließend geht es ins Pflichttraining. Abschließend stehen drei Qualifikationsläufe auf dem Programm. In diesen Vorläufen müssen die Teilnehmer mindestens zweimal das Ziel erreichen und dabei zwei schnelle Zeiten vorlegen, um sich für die abschließenden Finalrennen zu qualifizieren. Nur die 20 besten Fahrer jeder Division (Fahrzeugkategorie) dürfen jeweils im D-, C-, B- oder A-Finale erneut antreten. Während in den Vorläufen drei, vier oder fünf Piloten von einer gemeinsamen Linie aus starten, erfolgt der Start der sechs Teilnehmer in den Finalrennen aus drei jeweils versetzt hintereinander aufgestellten Startreihen. Die beiden Erstplatzierten des D-Finales sind automatisch als letzte Starter für das C-Finale zugelassen, der Sieger des C-Finales steigt in das B-Finale auf und der Gewinner des B-Finales qualifiziert sich in gleicher Weise für den letzten Startplatz des A-Final-Grids.
In den Finals sind die gefahrenen Zeiten nicht mehr entscheidend, sondern nur noch die Platzierung, also die endgültige Reihenfolge der 20 Besten des Wettbewerbs. Da sich der Gesamtsieger der betreffenden Division erst im jeweils letzten Rennen des Tages ermitteln lässt, wird die Spannung kontinuierlich gesteigert und es kommt am Ende des Rennwochenendes zum Showdown. Die Top-Autos der FIA Rallycross-WM, FIA Rallycross-EM, die RX-Specials, sind Prototypen, die optisch weitgehend den World Rally Cars ähneln, jedoch mit gut 550 PS über eine weit über dem WRC-Nominalwert von 300 PS liegende Motorleistung verfügen. Wie bei vielen Sprint-Wettbewerben ist ein guter Start eminent wichtig, da der Starter, der als Erster die erste Kurve erreicht, sich die bestmögliche Ausgangsposition für den erhofften Gesamtsieg sichert. Die allradgetriebenen Rennwagen erreichen dank sehr kurzen Getriebeübersetzungen und extrem weichen Reifenmischungen, die hohe Traktionswerte garantieren, die 100-km/h-Marke in 2 bis 2,5 Sekunden.
Geschichte 1967 für das ITV in England erfunden mini|Der Lydden Circuit bei Dover in England wurde am 4. Februar 1967 zur Rallycross-Geburtsstätte Die Wurzeln des Rallycross kommen nachweislich aus dem Rallyesport. Am 4. Februar 1967 ließ man auf der speziell dafür präparierten Rennstrecke Lydden Circuit (zwischen Dover und Canterbury in Kent, England) ausnahmslos eingeladene Rallyefahrer erstmals in Vierergruppen bei kurzen Sprintrennen für eine Fernsehproduktion im direkten Vergleich gegeneinander antreten. Gesamtsieger wurde der spätere Formel-1-Fahrer und Rallye-Monte-Carlo-Gewinner (1968) Vic Elford auf einem Porsche 911. Dadurch hoben die Veranstalter einen gänzlich neuen Motorsport aus der Taufe, in dem aber schon bald darauf die Rallye-Werkspiloten von nun schnell heranwachsenden echten Rallycross-Spezialisten abgelöst wurden. Die wahren Erfinder des Rallycross waren der für das ITV (ABC – World of Sport) tätige Fernsehproduzent Robert Reed und der rührige Rennveranstalter Bud Smith († 1994), während Streckenbetreiber Bill Chesson († 1999) Lydden Circuit für diesen Zweck erweiterte und zur Verfügung stellte. Den Namen Rallycross aber dachte sich der bekannte Journalist, Rallyefahrer und Rennkommentator John Sprinzel aus, den man zusammen mit seinem Presse-Kollegen Barrie Gill (The Sun) als „Geburtshelfer“ der neuen Rennsport-Disziplin betrachten kann.
Nach zwei weiteren Rallycross-Testrennen (am 11. März und am 29. Juli) für ITV wurde am 23. September in Lydden mit dem ersten von insgesamt sechs Wertungsläufen (drei Läufe in Lydden und drei in Croft) die erste nationale Britische Rallycross-Meisterschaft namens World of Sport Rallycross Championship 1967/68 gestartet, die mit einem Sieg beim Endlauf am 6. April 1968 in Lydden an den Engländer Tony Chappell in einem Ford Escort TwinCam ging.
Am 25. November 1967 wurde, ebenfalls in Lydden, das erste internationale Rallycross-Rennen ausgetragen. Die dafür zum Start angemeldeten ausländischen Rallyefahrer machten sich jedoch schon vorzeitig wieder auf die Heimreise, weil die eine Woche zuvor terminierte RAC-Rallye 1967 kurzfristig aufgrund der in Großbritannien grassierenden Maul- und Klauenseuche hatte abgesagt werden müssen. Als Sieger aus diesem „national-internationalen“ Wettbewerb ging Rootes-Rallye-Werkspilot Andrew Cowan mit seinem Sunbeam Imp in die Rallycross-Geschichte ein. Dieses als ABC Television Rallycross deklarierte Rennen und seine genannten Begleitumstände werden bis auf den heutigen Tag häufig aber dennoch fälschlich mit der Geburtsstunde des Rallycross (siehe weiter oben) in einen unmittelbaren Zusammenhang gebracht, obwohl es fast zehn Monate nach dem tatsächlichen Debütrennen stattfand. Darüber hinaus wird zumeist die BBC als die Rallycross-„Mutter“ bezeichnet, was ebenfalls nicht richtig ist. Die BBC sprang erst viele Monate später mit ihrem Grandstand-Programm auf den Rallycross-Zug auf.
mini|Erster RX-Star der Niederlande: Jan de Rooy (1979)
1969 für die AVRO aufs Festland importiert Nachdem die Firma Ford am 2. Juni 1969 im Autodromo Vallelunga in Italien einen Rallycross-Demonstrationslauf unter dem Namen Trofeo Italiano di Rallycross veranstaltet hatte, wurde das erste richtige Rallycross-Rennen des europäischen Festlandes am 7. Juni 1969 auf einem Militärgelände in der Heide nahe der niederländischen Stadt Venlo ausgefahren und von Hans Kok mit seinem NSU 1200 TT gewonnen. Als kontinentaler „Entdecker“ des Rallycross-Sports darf der niederländische Fernsehregisseur Rob Herzet (AVRO) angesehen werden, der gegen Ende der 1980er-Jahre in Deutschland auch für bekannte ZDF-Fernsehserien wie Die Wicherts von nebenan, Wartesaal zum kleinen Glück oder Wie gut, dass es Maria gibt! viel Anerkennung fand. Mit dem Eurocircuit in Valkenswaard bei Eindhoven bauten die Niederländer auch die erste Rennstrecke der Welt, die speziell für den Rallycross-Sport konzipiert wurde. Das Eröffnungsrennen am 17. April 1971 gewann Jan de Rooy in einem DAF 555 Coupé 4WD.
1969 auch in Australien etabliert Rallycross nach britischem Vorbild wurde ab 1969 auch für rund zwölf Jahre in Australien gefahren. Nachdem man in Leppington (New South Wales) ein Testrennen organisiert hatte, fand der junge Motorsport bis in die Mitte der 1970er mit dem Calder Park Raceway in Melbourne einen vielbesuchten Austragungsort. Von 1972 bis Anfang der 1980er wurden auch im Catalina Park von Katoomba (New South Wales) Rallycross-Rennen organisiert. Zwei weitere Schauplätze für Rallycross-Läufe waren Towac bei Orange (New South Wales) und Tailem Bend (South Australia). Der australische Autosportler, der auch heutzutage noch mit Rallycross in Verbindung gebracht wird, ist der 2006 bei einer Rallye tödlich verunglückte Allround-Rennfahrer Peter Brock, der mit seinem „The Beast“ genannten Holden Torana GTR mehrere Jahre auch in dieser Disziplin sehr erfolgreich war.
Erste Rallycross-Rennen in Deutschland, Österreich und der Schweiz mini|Der Norweger Gunnar Kittilsen mit seinem Ford Escort RS1800 beim Rallycross-EM-Lauf des Jahres 1979 auf dem Estering in Buxtehude