mini|Grenada, Mississippi, Train-Depot
Der kleine Freund (Originaltitel: The Little Friend) ist ein Roman der amerikanischen Schriftstellerin Donna Tartt. Das Buch erschien erstmals 2002 im Verlag Alfred A. Knopf, die deutsche Übersetzung von Rainer Schmidt erschien 2003 im Goldmann Verlag.
Handlung Der Roman spielt in den 1970er Jahren in der fiktiven Stadt AlexandriaVaiden und Memphis (Tennessee) werden als benachbarte Orte genannt im US-Bundesstaat Mississippi, von vielen Nordstaatlern als „The Lost South“ bezeichnet. Die wirtschaftliche Rezession durch den Abbau der Baumwollindustrie zeigt sich hier am stillgelegten Güterbahnhof, an ungepflegten Wohnsiedlungen und an geschlossenen Geschäften in der Innenstadt. Ausführlich und detailreich wird das Leben der Familie Cleve-Dusfresnes, das seit dem Tod des Sohnes aus dem Gleichgewicht geraten ist, erzählt. Im Mittelpunkt stehen die Gedankenwelt und die Alltagsaktivitäten der 12-jährigen Harriet: Streifzüge durch die Gegend zusammen mit ihrem Kumpel Hely, Besuche bei den Großtanten, die sie umsorgen und von der Vergangenheit erzählen, Aufenthalte in der Bibliothek, der Sonntagsschule oder im Schwimmbad des Country Clubs usw. Sie lebt zusammen mit ihrer kranken Mutter Charlotte, ihrer älteren Schwester Allison und der schwarzen Haushälterin Ida Rhew im elterlichen Haus. Ihr Vater Dixon hat sich von der Familie getrennt. In der Nachbarschaft wohnen Harriets Großmutter Edith (Edie) Cleve, welche zusammen mit Ida die Organisation aufrechterhält, und die Großtanten Libby, Adelaide und Theodora (Tattycorum, Tat). Alle sind unverheiratet oder verwitwet. Ihr Gesellschaftsleben spielt sich in der Baptisten-Gemeinde und in der Nachbarschaft ihres Wohngebietes ab. Neben diesem Mittelschichtbild, das um das der gutgestellten Familie Hely Hulls erweitert wird, porträtiert die Autorin die vom wirtschaftlichen Wandel betroffene und als Folge der Rassentrennung separierte Gesellschaftsstruktur der Südstaaten: die schwarzen Dienstmädchen der Hulls und Cleves, die weiße, für die Ideologie des White Supremacy anfällige Unterschicht ohne Zukunftsperspektive und, am Rande, die privilegierte obere Mittelschicht der Schönen und Erfolgreichen, zu denen die Cleves einmal gehörten, als sie noch in der 1809 erbauten Villa „Drangsal“ wohnten. Die zu Beginn eingeleitete Kriminalhandlung und die abgehängte „underclass“-Familie Ratliff rücken in der zweiten Romanhälfte zunehmend in den Vordergrund.
Prolog Erzählt werden Charlottes Erinnerungen an den zwölf Jahre zurückliegenden Todestag ihres 9-jährigen Sohnes Robin. Während die 4-jährige Allison auf der Terrasse neben dem Baby Harriet spielt, wird der Junge von seiner Mutter an einem Baum im Garten aufgehängt tot aufgefunden.
Kp. 1 Die tote Katze Seit Robins Tod leidet Charlotte an Depressionen, sie verlässt kaum das Schlafzimmer. Diese Krankheit und die Tabuisierung des Mordes in der Familie führen zwar nicht zur Scheidung, aber zur faktischen Trennung der Eltern. Dixon (Dix) hat sich auch vorher wenig um die Familie gekümmert und ging lieber nach seinen Bankgeschäften mit Freunden auf die Jagd. Jetzt lebt er, von wenigen Besuchen (v. a. Weihnachten, Erntedank) abgesehen, in Nashville, Tennessee, mit seiner Geliebten Kay, der Erbin einer kleinen Softdrink-Firma zusammen. In Alexandria ist das bekannt, nur seine Familie weiß es nicht.
Die Haupthandlung beginnt zwölf Jahre nach Robins Tod und erstreckt sich von Mai bis Ende August. Der Erzähler stellt in den ersten Kapiteln die beiden Schwestern in den Mittelpunkt: Die 16-jährige sensible Allison zieht sich in ihre Traumwelt zurück. Sie ist erfüllt von Mitgefühl mit allen Kreaturen und leidet am Tod von Tieren z. B. von Robins Kater Weenie oder einer Schwarzdrossel mit einem Teer-verklebten Flügel. Mit zunehmendem Verlauf tritt die phantasievolle, eigenwillige, kluge Harriet ins Zentrum der Aktionen. Ihr Alltag wird ausführlich beschrieben. Sie hält Distanz zu den Menschen, interessiert sich für Expeditionsberichte und Abenteuerbücher, v. a. Captain Scotts Südpolexpedition, Kiplings Dschungelbuch und Stevensons Schatzinsel, inszeniert mit Jungen ihrer Klasse Szenen aus der Bibel und beobachtet die Umwelt mit einem ernsten, strengen Blick. Hely Hull, der Sohn des strengen Direktors der High School Claude Hull und seiner für ihre zärtlichen liberalen Erziehungsmethoden belächelten Frau Martha Price, bewundert sie und sucht ihre Freundschaft.
Kp. 2 Die Schwarzdrossel Durch einen Traum beeinflusst, in dem sie zum Handeln aufgefordert wird, beschließt Harriet, mit Hely als Helfer den Mörder ausfindig zu machen und den Tod ihres Bruders zu rächen. Sie liest in der Bibliothek die alten Zeitungsberichte, sucht erfolglos das Gespräch mit ihren die Thematik meidenden Großtanten, sie bittet ihre damals vierjährige und jetzt häufig wie gelähmt in einem halbwachen Zustand schwebende Schwester Allison, ihre Träume aufzuschreiben, um zu erkunden, ob sie Verdrängtes zeigen, sie befragt Pemberton (Pem) Hull, den mit Robin gleichaltrigen Bruder ihres Freundes Hely. Nach einigen vagen Hinweisen verdächtigt sie die Kinder der asozialen Familie Ratliff, v. a. den drogensüchtigen Danny, einen Klassenkameraden Robins, ohne sich dabei auf mehr als vage Vermutungen und eine flüchtige Beobachtung der Haushälterin Ida stützen zu können. Diese hat Danny, mit dem sich Robin öfters herumtrieb und gelegentlich stritt, zehn Minuten vor dem Mord aus dem Garten verjagt. Harriet erzählt ihrem Freund Hely ihre Vermutungen und ihren Wunsch, Danny zu töten, und sie entwickeln dazu abenteuerliche Pläne.
Kp. 3 Der Billardsaal Werkzeug der Rache soll eine Giftschlange sein. Harriet und Hely stöbern deshalb im sumpfigen Gelände in den Oak Lawn Estates einige Kupferköpfe und eine Wassermokassinotter auf und versuchen sie mit Gabelstücken festzuhalten, doch die Tiere wehren sich, greifen an und die Kinder müssen in panischer Angst weglaufen. Ein Hitzeschlag Harriets beendet die Jagd vorzeitig.
Die Handlung wechselt dann zu einer anderen sozialen Schicht, die durch den Ratliff-Clan und den Trinker und Spieler Carl Odum und seine vernachlässigten Kinder repräsentiert wird. Die meisten der Ratliff-Brüder leben in einer verwahrlosten Wohnwagensiedlung mit ihrer Großmutter Gum mitten im Wald und betreiben dort unter Farishs Führung ein als Tierpräparation getarntes Methamphetamin-Drogenlabor. Die Eltern waren Alkoholiker und leben nicht mehr. Die Gruppe besteht, außer dem geistig zurückgebliebenen Curtis, aus fünf Brüdern, die immer wieder in die Kriminalität abgerutscht sind und zeitweise im Gefängnis saßen bzw. sitzen, nämlich Mike und Ricky Lee, der ein Basketball-Stipendium für die Delta State University leichtsinnig ausschlug. Farish ist der Chef der Gruppe, er hat jahrelang als Briefträger sein Revier ausspioniert und beraubt. Seit seinem Psychiatrieaufenthalt, nachdem er sich bei einem Fluchtversuch in den Kopf schoss, überlässt er die Straftaten anderen und berät sie, vorwiegend sind es Einbrüche und Drogengeschäfte. Danny arbeitete bis zu seiner zweiten Verhaftung als Truckerfahrer und halluziniert jetzt im Dauerrauch. Danny und Farish sind häufige Gäste in der „Pool Hall“ und spielen dort z. B. gegen den betrunkenen Odum um Geld und schimpfen auf den Staat, der ihnen durch Steuern ihr Geld stiehlt, und die Sheriffs, die sie ihrer Freiheit berauben. Hely, der sich gelegentlich an der Theke der Hall verbotenerweise mit Horror-Comics versorgt, beobachtet eines Tages die Szene, wie die kleine Lasharon Odum, mit einem Baby auf dem Arm, ihren Vater vergeblich aus dem Billardsaal zu holen versucht. Dort verspielt dieser gerade gegen Farish zuvor gewonnene 400 Dollar, mit denen er eigentlich beim Autohändler Roy Dial seinen wegen ausbleibender Ratenzahlung konfiszierten Chevrolet auslösen wollte. Nur Eugene ist der Absprung aus der Kriminalität gelungen, nachdem er Ende der 60er Jahre wegen Autodiebstahl zusammen mit Farish zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde und während der Haftzeit ein Erweckungserlebnis hatte. Jetzt missioniert er im Sinne der Pfingstbewegung und versucht auf Veranstaltungen die Menschen zu einer ihren Alltag bestimmenden christlichen Lebensweise zu bekehren. Er wird nun von Loyal Reese, einem Fanatiker der Heiligungsbewegung aus Kentucky, mit seinen für den gesetzlich verbotenen Ritus des Schlangenanfassens (snake handling) vorgesehenen Reptilien besucht, um mit ihm gemeinsam neue Anhänger anzuwerben. Farish und Loyals lebenslänglich inhaftierter älterer Bruder Dolphus haben diese Zusammenkunft arrangiert, denn sie wollen die Missionsreisen des Predigers für ihre Drogentransporte und -verteilung nutzen.
Kp. 4 Die Mission Die abenteuerliche Schlangenhandlung des 3. Kps. wird im sogenannten Missionshaus, einem Mietshaus Dials, in dem Mormonen und Eugene Ratliff wohnen, fortgesetzt. Harriet hat auf dem Pickup Loyal Reeses Schlangenkisten entdeckt und will sie für ihren Racheplan nutzen. Da sie vermutet, dass sie in Eugenes Apartment abgestellt wurden, steigt sie während einer Missionsveranstaltung der beiden Prediger mit Hely über ein Dachfenster in die dunkle Wohnung ein, und sie schleppen die Kiste mit einer Kobra in den Garten. Während Hely die Spuren des Einbruchs verwischen und die Türen schließen will, kehren Eugene, Danny, Farish und Loyal plötzlich zurück und Hely ist der Ausgang versperrt und sitzt im Dachraum gefangen. Harriet befreit ihn mit einem Ablenkungsmanöver: sie zertrümmert die Auto-Scheinwerfer, zersticht die Reifen und sagt den Ratliffs, sie habe gerade die Täter bei ihrer Aktion gestört. Diese stürzen aus dem Haus und Hely kann entkommen. Vorher hat er noch in einer panischen Reaktion eine Schlangenkiste geöffnet. Bei der Rückkehr in die Wohnung wird Eugene gebissen und muss ins Krankenhaus transportiert werden. Den Streit der Brüder mit Loyal und das Durcheinander beim Einfangen der Reptilien nutzen Hely und Harriet, um wegzulaufen.
Kp. 5 Die roten Handschuhe Die Ereignisse dieses Kapitels bedeuten für Harriets Leben eine Veränderung. Einmal kündigt Ida, nachdem Charlotte ihre Arbeit kritisiert hatte, wofür Harriets Unzufriedenheit mit dem fehlenden Abendessen den unbeabsichtigten Anstoß gab, denn eigentlich ist die schwarze Haushälterin seit ihrer Geburt eine wichtige Bezugsperson und Ersatzmutter. Im Grunde ist Harriet unzufrieden mit der düsteren Familienatmosphäre um ihre gemütskranke Mutter, die so stark mit der modernen aktiven Frau Hull kontrastiert. Im Gegensatz zu Allison, welche am letzten Arbeitstag der Angestellten ihr erspartes Taschengeld für Geschenke ausgibt, kann Harriet aus Stolz und Zorn ihre Liebe zu Ida nicht zeigen und reist ohne Abschied von ihr zum Feriencamp, aber sie jätet vorher noch Idas Gemüsebeet und sucht eifrig, aber vergeblich, nach den roten Handschuhen, die Ida ihr in der Hoffnung, sie zur gemeinsamen Gartenpflege zu gewinnen, geschenkt, die sie aber nie benutzten hat.
Zum Feriencamp der Baptistenkinder am Lake de Selby wollte Harriet in diesem Jahr eigentlich nicht fahren, aber es wird jetzt zu ihrem Zufluchtsort. Denn sie fürchtet polizeiliche Untersuchung ihrer Aktion gegen die Ratliffs. Sie hat zuvor zusammen mit Hely die Schlangenkiste vom Missionshaus zu einer Brücke über die County Line Road, die Danny Wohngebiet mit der Innenstadt verbindet, gekarrt, auf seinen Sportwagen gewartet und im Augenblick seiner Durchfahrt die Königkopra auf seinen TransAm mit dem offenen Verdeck geworfen. Jedoch saß nicht Danny, sondern seine Großmutter im Auto, diese wurde gebissen und im Krankenhaus behandelt.
Kp. 6 Das Begräbnis