Martin McGartland (* 30. Januar 1970 in Belfast) ist ein ehemaliger Angehöriger der Irish Republican Army, kurz IRA, der sich als AgentLiam Clarke: Dark world of agents is not black and white. Belfast Telegraph vom 23. Dezember 2011 vom britischen Geheimdienst MI5 anwerben ließ. Nach seiner Enttarnung als Spion durch IRA-Genossen im Jahre 1991 wurde er auf die britische Hauptinsel gebracht. Dort lebte er acht Jahre unbehelligt unter neuem Namen. Ein Attentat überlebte er 1999 schwer verletzt, seither wechselt er seine Identität und seinen Wohnsitz regelmäßig.

Jugend Hineingeboren in eine streng irisch-republikanische, katholische Familie wuchs McGartland bei seiner Mutter zusammen mit seinem Bruder Joe und seinen Schwestern Elizabeth und Catherine auf. Eine Sozialwohnung in Moyard, am westlichen Stadtrand von Belfast, war sein Zuhause. Martin, Spitzname Marty, besuchte die Grundschule „Vere Foster“ und später die weiterführende Schule „St. Thomas“. Er galt als Lausbub, der für verschiedene Streiche bekannt war.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 12–13

Moyard liegt im berühmt-berüchtigten Stadtteil Ballymurphy. Die von McGartland hautnah miterlebten Bombenanschläge und Schießereien der IRA ließen ihn nach eigener Aussage schnell erwachsen werden.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 27 Er schloss sich den älteren Jungs seines Viertels an, die die britische Armee oder auch protestantische Jugendliche durch Steinwürfe provozierten.

Seine Schwester Catherine war eines von vielen Kindern, die von der IRA für das Schleusen von Waffen innerhalb des Belfaster Bezirks Ballymurphy eingesetzt wurden. Sie starb später bei einem Unfall, bei dem sie durch ein Oberlicht ihrer Schule stürzte.

In seiner Zeit als Teenager war Martin mit einem obdachlosen Mann namens Oliver befreundet, der Unterschlupf im leerstehenden Old Broadway Cinema in der Falls Road fand. McGartland unterstützte den Mann mit Nahrung und Geld.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 10–12

McGartlands erster Job war Zeitungen austragen, danach betätigte er sich als Milchlieferant.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 8–10

Erste Agententätigkeit Polizeibekannt wurde er anfänglich wegen Kleinkriminalität. Aber auch die Sittenwächter der IRA wurden auf ihn aufmerksam; deren Schlägertrupps konnte er jedoch immer entkommen. Seit den späten 1970er Jahren wurden Katholiken unter Druck gesetzt, Straftaten der Sinn Féin anstatt der Polizei zu melden. Die Sinn Féin gilt als politischer Arm der IRA. So kam es, dass die IRA die Rolle eines Gesetzeshüters in den katholischen Vierteln übernahm.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 50–51 Angewidert von der Gewalt gegen kleinkriminelle Jugendliche seines Standes erklärte er sich im Alter von 16 Jahren bereit, der Polizei Informationen über lokale IRA-Mitglieder zu liefern. Auf diese Weise konnten etliche Angriffe auf Sicherheitskräfte verhindert werden. Bei der nordirischen Polizei (RUC) erhielt er den internen Codenamen Agent Carol.

Zur gleichen Zeit – 1986 – beschäftigte ihn die IRA als Wachtposten in einer Schutzgelderpressung. Seine Aufgabe war es, eine Baustelle in Ballymurphy, die unter dem Schutz der IRA stand, zu bewachen.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 101 Danach arbeitete er für ein lokales Taxiunternehmen ohne Fahrerlizenz. Einen bestimmten Anteil seiner Einnahmen musste er an die IRA abtreten. In seiner Biografie Fifty Dead Men Walking berichtet McGartland, dass er gelegentlich die Kameraden des Schlägertrupps zu ihren Einsatzorten fuhr und sie dabei über ihre Gewalttaten prahlen hörte. Viele der Opfer waren unschuldig und hatten auf irgendeine andere Weise den Zorn der IRA auf sich gezogen.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 108–111 Zu den Strafmaßnahmen gehörte zum Beispiel das Brechen der Beine.

Aufnahme in die IRA Davy Adams, führender Kopf der IRA und Neffe des Sinn-Fein-Vorsitzenden Gerry Adams, zeigte Interesse an dem jungen McGartland und konnte ihn im Herbst 1989 als neues Mitglied gewinnen. Die Empfehlung kam von Harry Fitzsimmons, einem Jugendfreund McGartlands, den er des Öfteren durch Belfast chauffierte. Fitzsimmons war damals bereits aktiv an Sprengstoffanschlägen der IRA beteiligt. McGartlands erste Aufgabe war es, das Haus eines bekannten Ulster-Funktionärs zu überprüfen.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 124–130

McGartland hatte den Rang eines Lieutenant in der IRA Belfast Intelligence unit. Er arbeitete hauptsächlich für Davy Adams, fuhr ihn zu Treffen oder zum Ausspähen potentieller Anschlagsziele. An McGartlands Wagen war ein spezielles Ortungsgerät angebracht.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 174

Von 1989 bis 1991 lieferte er Informationen über geplante Anschläge und sonstige IRA-Aktivitäten an die Sondereinheit der britischen Polizei, genannt Special Branch. Während dieser Zeit hatte er täglich Kontakt zu IRA-Mitgliedern, sowohl zu denen, die Anschläge vorbereiteten als auch zu denen, die sie ausführten.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 90–91 Innerhalb der IRA konnte er zwei Jahre lang den Eindruck eines loyalen Mitglieds aufrechterhalten. Auch gelang es ihm, sein Doppelleben vor seiner Lebensgefährtin, mit der er zwei Söhne hat, geheim zu halten.

Eine enge Zusammenarbeit verband ihn mit Rosena Brown, einer bedeutenden und hochgebildeten Mitarbeiterin mit dem Rang IRA Intelligence Officer. Im bürgerlichen Leben war sie eine Schauspielerin aus Belfast.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 189–198

Während seiner Arbeit in der IRA Intelligence lernte McGartland neben den Kommandostrukturen auch interne Abläufe in Sachen Finanzierung, Waffenbeschaffung, Aufklärung und detaillierte Planung von Operationen kennen.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 215 Er fand heraus, dass IRA-Sympathisanten verschiedene öffentliche Institutionen und Unternehmen unterwanderten und sich zahlreiche IRA-Mitglieder durch die Aneignung von EDV-Kenntnissen Zugang zu Informationen über Personen des öffentlichen Lebens verschafften. Das betraf etwa Politiker, Anwälte, Richter, Sicherheitskräfte, Gefängniswärter und Paramilitärs der Gegenseite.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 220–221

Obwohl McGartland durch seine Informationen viele der geplanten Attentate verhinderte, einschließlich eines Sprengstoffanschlags auf zwei Lastwagen mit britischen Soldaten zwischen Stranraer und LarneMcGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 174–177, konnte er zu seinem großen Bedauern das Leben des 21-jährigen britischen Soldaten Tony Harrison nicht schützen. Die IRA erschoss Harrison im Juni 1991 in Ost-Belfast während seiner Hochzeitsvorbereitungen. McGartland steuerte zwar den Fluchtwagen der Attentäter, wurde aber so spät in die Operation eingeweiht, dass ihm keine Zeit blieb, seinen Kontaktmann bei der Polizei über die konkrete Zielperson zu informieren.McGartland, Fifty Dead Men Walking, S. 247–253 Der Taxifahrer Noel Thompson, ein Sympathisant der Republikaner, welcher Harrison vom Flughafen Belfast abholte und anschließend die IRA über dessen Aufenthaltsort informierte, wurde später zu zwölf Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord verurteilt.Independent vom 9. Februar 1993

Enttarnung Im selben Jahr, 1991, lieferte McGartland Informationen über eine geplante Massenerschießung in Charlie Heggarty’s Pub in Bangor, wo britische Soldaten nach einem Fußballspiel zwischen Gefängniswärtern oft einkehrten. Die Polizei fing daraufhin die Waffenlieferung ab, die für den Anschlag gedacht war und nahm die beiden Kuriere fest. McGartland war somit als Spion enttarnt.

Aus den Aufzeichnungen des Leiters der nordirischen Polizei Counter-Surveillance Unit, Ian Phoenix (†), geht hervor, dass McGartland und mehrere seiner Kontaktleute bei der Polizei davon abgeraten hatten, den Waffentransport zu stoppen. Einerseits könnten die IRA-Schützen, die den Anschlag durchführen sollen, gewarnt werden und entkommen, andererseits würde das McGartlands Leben in Gefahr bringen.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 272 Es war hinreichend bekannt, dass die Strafe für das Ausspionieren der IRA ein Verhör unter Folter und die anschließende Hinrichtung war. Sobald der Verdächtige ein erzwungenes Geständnis abgelegt hatte, wurde er durch zwei Schüsse in den Hinterkopf getötet. Dabei spielte es keine Rolle, ob sich das Opfer für schuldig oder nicht schuldig bekennt.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 221–222

Nachdem seine Agententätigkeit nun aufgeflogen war, entführten ihn im August 1991 Jim McCarthy (Spitzname Boot) und Paul Hamilton (Spitzname Chico), zwei IRA-Männer mit Vorstrafen wegen paramilitärischer Aktivitäten. In einer Wohnung im Belfaster Randbezirk Twinbrook wurde McGartland verhört und gefoltert. In einem unbeaufsichtigten Moment gelang ihm die Flucht durch einen Sprung aus dem Fenster der Wohnung im dritten Stock, wobei er sich eine schwere Kopfverletzung zuzog. Später sagte McGartland aus, McCarthy und Hamilton seien Informanten der Polizei gewesen, basierend auf seinen persönlichen Beobachtungen während seiner Entführung. Diese Behauptungen wurden aber von beiden Männern stets vehement bestritten.

Leben im Exil McGartland siedelte nach England über und kaufte sich von den ca. 100.000 britischen Pfund, die er von der britischen Regierung erhielt, an Englands Ostküste ein Haus. Mit neuer Identität als Martin Ashe begann er im beschaulichen Whitley Bay mit seiner Lebensgefährtin Jo AsherLiam Clarke: Six TV shows on him, two books and a Hollywood film...but still they won't admit Martin McGartland was a spy. Belfast Telegraph vom 18. Februar 2014 ein neues Leben. Als Folge der Folterung leidet er an psychischen Störungen. Eine psychotherapeutische Behandlung wurde ihm entzogen, obwohl ein psychiatrischer Amtsarzt eine behandlungsbedürftige Erkrankung bescheinigte. 1992 scheiterte er bei seinem Versuch, Schmerzensgeld für seine Verletzungen zu erhalten, die er bei der Folterung durch die IRA erlitt.House of Commons Hansard Written Answers. 19. März 1997, Abschnitt „Martin McGartland“ Es existiert allerdings ein Interview aus dem Jahr 2003, in dem er von 50.000 £ Schmerzensgeld spricht.

Drei Jahre nach dem Wegzug aus seiner Heimat Nordirland erhielt seine Mutter eine makabre Beileidskarte, die Martins Tod beklagte.McGartland: Fifty Dead Men Walking. S. 306–307 Im Jahr 1997 wurde seine wahre Identität durch die Polizei von Northumbria im Zuge eines Verkehrsdeliktes (Geschwindigkeitsüberschreitung) aufgedeckt, da er zu seinem Schutz mehrere Führerscheine auf verschiedene Namen ausgestellt bei sich trug. Das sollte ihm zwei Jahre später zum Verhängnis werden (siehe nachfolgender Abschnitt). McGartland wurde zu einer Geldstrafe verurteilt; der Vorwurf der Irreführung der Justiz wurde aufgrund seiner besonderen Vorgeschichte fallengelassen.I will help cops beat bombers writ. icNewcastle – Sunday Sun vom 6. Juli 2003, abgerufen am 26. Januar 2007.

Im Juni 1997 strahlte die BBC eine Fernsehdokumentation über seine Geschichte aus., British Film Institute, abgerufen am 31. Mai 2014. Der Journalist Kevin Myers würdigt McGartland als Held und die Zeitung Sunday Express bezeichnet ihn als einen „real-life James Bond“.McGartland, Einband Rückseite

1997 veröffentlichte McGartland seine erste Biografie Fifty Dead Men Walking. Der Titel beziffert die Anzahl von Leben, die er nach eigenen Angaben durch seine Informantentätigkeit retten konnte.

Attentat Trotz neuer Identität spürten ihn IRA-Männer in seinem Haus auf und verletzten ihn am 17. Juni 1999 schwer durch sechs Schüsse in Brust, Bauch, Oberschenkel und Hand.