mini|200px|Herr Reinmar der Alte (Codex Manesse, frühes 14. Jahrhundert) Reinmar der Alte, auch Reinmar von Hagenau, war ein deutscher Minnesänger der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Seine Person ist urkundlich nicht belegt, jedoch sind unter seinem Namen in verschiedenen Liederhandschriften Minnelieder, Tageliedreflexionen, Frauenlieder sowie die so genannte „Witwenklage“ überliefert. Reinmars Minnelieder werden sowohl inhaltlich als auch formal als herausragende Beispiele des hohen Minnesangs angesehen.

Das Leben Reinmars des Alten Reinmar der Alte ist als Person nicht urkundlich belegt. Seine Existenz ist nur durch Nennungen bei zeitgenössischen Dichtern und in den Überschriften in den Liedersammlungen bezeugt. Seine Lebenszeit ist insofern erschließbar, als Walther von der Vogelweide eine zweistrophige ‚Totenklage‘ auf Reinmar verfasste, in der er dessen Namen (Reimar) nennt, aber ohne Beinamen oder Herkunftsnamen.L 82,24; L 83,1. Vgl. Walther (von der Vogelweide): Leich, Lieder, Sangsprüche, 14., völlig neubearb. Aufl. der Ausg. Karl Lachmanns/mit Beitr. von Thomas Bein und Horst Brunner. Hrsg. v. Christoph Cormeau, Berlin 1996, ISBN 3-11-014821-8, S: 181-182. Gottfried von Straßburg nennt in seinem vor 1215 verfassten Tristan die ‚Nachtigall von Hagenau’ den zu seinen Lebzeiten größten Lyriker in deutscher Sprache; doch nun, nach seinem kürzlich erfolgten Tod, sei „die Nachtigall von der Vogelweide“, also Walther, der größte.Gottfried von Straßburg, Tristan, V. 4779ff. Als größten Lyriker um 1200 hätte Gottfried niemand anderen als Reinmar bezeichnen können; Zweifel, ob mit der „Nachtigall von Hagenau“ tatsächlich Reinmar gemeint sei, sind daher nicht berechtigt. Die Parallele: „Die Nachtigall von der Vogelweide“ = „Walther von der Vogelweide“ erfordert die Ergänzung von „Die Nachtigall von Hagenau“ für Reinmar zu „Reinmar von Hagenau“. Diese Passage des Tristan ist vermutlich gegen 1210 entstanden; Reinmar trug also den Herkunftsnamen ‚von Hagenau’ und verstarb ca. 1205–1210. Den Beinamen „Der Alte“ kann er dagegen erst lange nach seinem Tod erhalten haben, um ihn von den Reinmaren des 13. Jahrhunderts abzugrenzen. Daher ziehen viele Forscher die Namensform „Reinmar von Hagenau“ vor.

Reinmar war höchstwahrscheinlich Berufssänger, weil er in vielen Dichterkatalogen und Handschriften erwähnt wird, und eine große Zahl von Liedern unter seinem Namen überliefert ist. Als Wirkungsstätte Reinmars wird häufig der Babenberger Hof unter Leopold V. in Wien genannt, da eine der Witwe in den Mund gelegte Totenklage auf einen herre luitpold unter Reinmars Namen überliefert ist, die auf niemand anderen als Leopold V. bezogen werden kann.MF 167, 31, Moser, Hugo, Tervooren, Helmut: Des Minnesangs Frühling.I Texte. S. Hirzel-Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-7776-0448-8. Die Meinung, das beweise, dass Reinmar in Wien als Hofsänger engagiert war, wurde von Schweikle in Frage gestellt, da in diesem Lied vom Beginn des Sommers die Rede ist und Leopold V. zu Silvester/Neujahr 1194/1195 verstarb. Von einem Hofdichter könnte man eine Klage erwarten, die zeitlich näher am Tod seines Herren geschrieben wurde; Schweikle meint, Reinmar sei vielleicht einige Monate später kurz in Wien vorbeigekommen und habe bei diesem Anlass die „Witwenklage“ verfasst.Günther Schweikle: War Reinmar ‚von Hagenau‘ Hofsänger in Wien? In: Gestaltungsgeschichte und Gesellschaftsgeschichte. Festschr. für F. Martini, hg. H. Kreuzer – K. Hamburger. Stuttgart 1969. Andere Forscher können sich durchaus vorstellen, dass es erst einige Monate später eine große Gedenkfeier gab, da Leopold V. zum Zeitpunkt seines Todes vom Kirchenbann bedroht war und seine Erben versprechen mussten, um Leopolds Seele zu retten, das für die Freilassung von Richard Löwenherz kassierte Geld zurückzuzahlen. Die „Witwenklage“ hat den Gestus eines offiziellen Trauergedichtes; da wird man es als wahrscheinlicher annehmen, dass ihr Verfasser engeren Kontakt zum Wiener Hof hatte, als dass man es bei einem zufällig Durchreisenden in Auftrag gegeben hätte. Schweikle stellt auch in Frage, dass die so genannte „Fehde“ zwischen Reimar und Walther von der Vogelweide nur vorstellbar sei, wenn beide längere Zeit nebeneinander am selben Hof gewirkt hätten. Die beiden Sänger beziehen sich allerdings in mehreren Liedern aufeinander; vor allem verfasste Walther eine polemische Parodie auf Reinmar und weist später auch in seinem Nachruf auf Reinmar, bei aller Hochschätzung der Kunst des Verstorbenen, auf schwere persönliche Differenzen hin. Mehrere Anspielungen Walthers sind für das Publikum nur verständlich, wenn es das betreffende Reinmar-Lied im Ohr, also vor kurzem gehört hat. Weil auch Lieder existieren, in denen Walther seiner Zeit am Wiener Hof nachtrauert,z. B. L 84,10 ging die Forschung lange davon aus, dass er von dort durch einen anderen verdrängt wurde. Zeitlich käme dafür nur Reinmar in Frage, falls dieser sich wirklich am Wiener Hof aufgehalten hat. Eine derartige Annahme ist aber unnötig; Walther selbst nennt als Grund für seinen Dienstwechsel von Wien an den Stauferhof den Tod Herzog Friedrichs I., es genügt völlig, dass Walther von dessen Nachfolger, Leopold VI., nicht weiter engagiert wurde. Das Verhältnis zwischen Walther und Leopold war auch weiterhin nicht spannungsfrei; man muss also nicht Reinmar die Schuld am anscheinend unfreiwilligen Abgang Walthers aus Wien geben. Auch ein Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen den beiden wurde aus den Fehdeliedern abgeleitet. Objektiv kann man aber aus diesen nur erschließen, dass beide Dichter die Werke des jeweils anderen kannten, diese in ihren Liedern bearbeiteten und scharfe polemische Gegenpositionen bezogen. Außerdem erwecken einige von Walther im Stil Reinmars verfasste Lieder aus stilistischen Gründen den Eindruck, Jugendgedichte Walthers zu sein. Jede weitere darüber hinausgehende Theorie über das persönliche Verhältnis der Sänger zueinander ist spekulativ.Diskussion der Forschungsmeinungen zur Walther-Reinmar-Fehde in: Hermann Reichert: Walther: Schaf im Wolfspelz oder Wolf im Schafspelz? In: Der achthundertjährige Pelzrock. Walther von der Vogelweide – Wolfger von Erla – Zeiselmauer. Hrsg. Helmut Birkhan und Ann Cotten, Wien 2005, ISBN 3-7001-3467-3, S. 449–506.

Aus Gottfrieds Angabe „von Hagenau“ schloss man, dass Reinmar aus Hagenau im Elsass stamme. Da es im ehemaligen Gebiet des alten Heiligen Reiches mehrere Orte, sowie Adelsfamilien namens ‚Hagenau‘ gibt, ist diese Annahme nicht gesichert. Sie gilt Manchen jedoch als wahrscheinlich, da nach dieser Auffassung Gottfried von seinem zeitgenössischen Publikum in Straßburg (lediglich 30 km von der Kaiserpfalz und Stadt Hagenau im Elsass entfernt) nicht hätte erwarten können, von den hochfreien Herren von Hagenau mit dem Bischof Reginbert von Hagenau, Bannerherr des Heiligen Reiches im Zweiten Kreuzzug unter König Konrad III., oder auch nur von gleichnamigen Orten in Bayern und Oberösterreich zu wissen, während Hagenau im Elsass sich zu Lebzeiten Reinmars dank seiner Kaiserpfalz zu einer bedeutenden Stadt anwuchs. Auch würden die wahrscheinlich der französischen Lyrik nachempfundene Thematik und Form der Lieder Reinmars zu einer Herkunft nahe der deutsch-französischen Sprachgrenze passen, was allerdings durch die weit ausgedehnte Lage der staufischen Besitzungen in Süddeutschland, sowie einen nachweislichen Wirkungs- und Lebensschwerpunkt Reimars am Babenberger Hof und im Südosten des Reiches relativiert wird. Die große Präsenz Reinmars in westdeutschen Liederhandschriften könnte andererseits für einen Wirkungsbereich Reinmars auch im Elsass sprechen. Obwohl Hagenau im Elsass altes salisch-staufisches Königsgut war, wird von den Befürwortern dieser Theorie eine vermutete Vorliebe des Babenbergerhofes in Wien für "französisierende Kultur" angeführt (die französisierende Mode wurde in Wien, allerdings eine Generation später, vom Dichter Tannhäuser persifliert). Andererseits ist wiederum auch eine Familienzugehörigkeit Reinmars zum Reichsministerialengeschlecht der Herren von Hagenau nicht belegt. Es wird dieser Zuordnung entgegengehalten, dass Reinmar wohl auch als jüngerer Sohn aus einer reichsweit angesehenen Familie historisch belegt sein müsse, etwa als Zeuge auf Urkunden, aber bisher keine entsprechenden Quellen auffindbar waren. Als widerlegt gilt die These, Reinmar der Alte sei der Vater von Reinmar von Zweter gewesen.

Die verschiedenen Theoriebildungen zu Reinmars Person wurden durch das Fehlen konkreter historischer Anhaltspunkte begünstigt.

Überlieferung mini|links|Reinmar der Alte in der Weingartner Liederhandschrift aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Reinmar ist in allen drei Grundhandschriften, der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift (A), der Weingartner Liederhandschrift (B) und dem Codex Manesse (C), vertreten. In der Würzburger Liederhandschrift (E) existiert zudem eine weitere Sammlung von Reinmar- und Walther-Liedern. Somit zählt Reinmar neben Walther und Neidhart zu den am häufigsten überlieferten Sängern. Insgesamt gibt es 88 verschiedene Töne, die Reinmars Namen tragen.

In A sind 19 Lieder mit insgesamt 70 Strophen überliefert, in B sind es 115 Strophen, davon allerdings nur 28 mit Reinmars Namen, die restlichen 87 sind namenlos überliefert. E bietet 30 Lieder mit 141 Strophen, in C wurden 64 Lieder mit 262 Strophen für Reinmar zusammengetragen. Dazu kommen einzelne Lieder, so genannte Streuüberlieferungen, in kleineren Handschriften und Fragmenten. Allerdings gibt es auch Doppelzuschreibungen, also Lieder, die in den Handschriften nicht nur Reinmar, sondern auch anderen Sängern zugeschrieben werden. Dadurch lässt sich das gesamte Œuvre Reinmars nicht eindeutig abgrenzen.

Reinmar in der Forschung Die Forschungsgeschichte über Reinmar den Alten ist sehr stark von der Frage nach der Echtheit seiner Lieder geprägt. Das bedeutet, dass viel darüber diskutiert wurde und wird, welche Lieder ihm zuweisbar sind und welche nicht. Nur von 119 Strophen, die unter seinem Namen überliefert sind, wurde die Echtheit im Verlauf der Forschungsgeschichte nicht angezweifelt. Das ist nur ein Viertel aller Lieder. Ausgangspunkt für diese Diskussion ist vor allem die Art der Überlieferung mittelalterlicher Texte. Diese liegen in handschriftlicher Form vor, wurden häufig abgeschrieben und oftmals von Sammlern zusammengetragen, die nicht Zeitgenossen der Sänger waren. Davon zeugen verschiedene Variationen gleicher Lieder in unterschiedlichen Handschriften und Doppelzuweisungen. Die Echtheitsforschung hat nun versucht, Methoden zu entwickeln, mit deren Hilfe man betroffene Lieder oder auch nur einzelne Zeilen eindeutig einem Sänger zuweisen oder absprechen kann. An den Liedern Reinmars wurden diese Methoden teilweise entwickelt, teilweise angewandt, beides in größerem Umfang. Im Laufe der Zeit entwickelten sich in der Forschung zwei Arten von Reinmar-Bildern: ein enges und ein weites. Beide hängen sehr stark davon ab, welche Lieder Reinmar zugesprochen werden und welche nicht, und auch davon, wie die handschriftliche Überlieferung der Lieder bewertet wird. Das weite Reinmar-Bild ist das jüngere von beiden und hat das enge noch nicht vollständig abgelöst. Die Reinmar Forschung beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Handschriften sind mit Fehlern behaftet; damals war man optimistisch, diese Fehler, wie zum Beispiel Variationen bei der Strophenfolge, richtig erkennen und korrigieren zu können. Zudem wollte man das Leben und Schaffen mittelalterlicher Sänger nachzeichnen, so dass die Forschung stark davon geprägt war, biografische Informationen über die einzelnen Sänger zu finden. Diese Biografien leitete man aus dem Inhalt ihrer Lieder ab, in dem man das ‚Ich‘ des ‚Sängers‘, einer literarischen Figur, mit dem Dichter gleichsetzte.