Tsaghkahovit (), andere Umschriften Tsakhkaovit, Tsakahovit, bis 1946 Haji Khalil, ist eine Kleinstadt und Landgemeinde (hamaynkner) in der nordarmenischen Provinz Aragazotn.
Auf den Hügeln am Ortsrand werden seit 1998 seit der Frühbronzezeit (ab 3200 v. Chr.) bis in die Zeit nach dem Untergang des Urartäischen Reiches (7. bis 5. Jahrhundert v. Chr.) bewohnte Siedlungen ausgegraben. Dabei kamen eine Zitadelle auf der Hügelspitze, drei Fundstellen mit Wohngebäuden unterhalb des Hügels und ein 400 Meter entfernt gelegener Friedhof zum Vorschein.
Lage Der Ort Tsaghkahovit liegt auf der gleichnamigen, mit Gras bewachsenen Hochebene auf 2224 Metern Höhe an den nördlichen Ausläufern des Aragaz, des mit 4090 Metern höchsten Berges des Landes. Im Norden wird die mit flachen Hügeln durchsetzte Ebene von der Pambak-Bergkette begrenzt, die über 3000 Meter Höhe erreicht. Die maximal 15 bis 20 Kilometer breite Tsaghkahovit-Hochebene („Ebene der Blumen“) ist die mit über 2000 Metern höchstgelegene der drei Ebenen an den Ausläufern des Aragaz. Im Westen geht sie allmählich in die rund 1500 Meter hohe Ebene von Schirak über, während die Verbindung zur Ararat-Ebene im Süden durch die Schlucht des Kassagh an der Ostseite des Aragaz hergestellt wird. Sie bildet geologisch eine allseits eingeschlossene Mulde zwischen den Bergen, die bis zu einer Dicke von mehreren hundert Metern von vulkanischen und alluvialen Sedimenten aufgefüllt ist.
Auf dem dünn besiedelten Hochland liegen nur vereinzelt landwirtschaftliche Weiler und Gehöfte. Die Winter sind lang und kalt, abgesehen von den meist trockenen Monaten Juli und August sind ganzjährig Niederschläge wahrscheinlich. Die auch im Hochsommer vorhandenen Schneefelder am Gipfel des Aragaz sorgen dafür, dass ganzjährig reichlich Wasser in kleinen Bächen an den Hängen herabfließt. Demgegenüber sind die Hänge der niedrigeren Pambak-Kette im Sommer trockener. Die Grasflächen auf den Hügeln werden als Weiden für Schafe, Ziegen und Rinder genutzt. Auf den großparzelligen Feldern der Ebene gedeihen hauptsächlich Kartoffeln, Weißkraut und Mais.
Von der M1, die zwischen Jerewan und Gjumri den Aragaz im Süden und Westen umrundet, zweigt in der Kleinstadt Maralik die Nebenstraße H21 nach Osten ab, durchquert Artik und führt nördlich des Aragaz durch die Ebene von Tsaghkahovit und erreicht nach 40 Kilometern den Weiler Alagyaz. Hier mündet die H21 in die M3. Die M3 ist eine weitere, von Jerewan über Aschtarak und Aparan an der Ostseite des Aragaz Richtung Norden über einen 2378 Meter hohen Pass nach Spitak führende Schnellstraße. Sechs Kilometer westlich von Alagyaz zweigt eine Stichstraße nach Süden ab, die nach einem Kilometer in Tsaghkahovit endet.
Geschichte mini|Vom Zitadellenhügel nach Süden über die Ausgrabungsstätte am Hang des Aragaz Um die Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. begann sich eine einheitliche Kultur im Südkaukasus und auf dem Armenischen Hochland auszubreiten, deren Einfluss bis in den Westen des Iran und nach Palästina reichte und die als Kura-Araxes-Kultur bekannt ist. Sie bestand aus einer sesshaften, Landwirtschaft betreibenden Bevölkerung, die in den fruchtbaren Tälern Lehmziegelgebäude bewohnte. In Armenien liegen die bedeutendsten Fundorte – darunter Dvin – in der Ararat-Ebene, die zur heutigen Provinz Ararat gehört. Gegen Ende der Kura-Araxes-Kultur Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. wurden auch höher gelegene Bergregionen besiedelt. Anhand einer Buntkeramik, die nun in derselben Schicht wie die bisherige schwarzpolierte Keramik auftaucht, zeigt sich, dass ein neues Kulturvolk allmählich eingedrungen sein muss. Offenbar brach in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends eine unruhige Zeit an, denn die bislang unbefestigten Siedlungen in den Talebenen wie Mokhrablur und Schengavit waren nun von einer Mauer umgeben und neue befestigte Siedlungen entstanden bevorzugt in abgelegenen Bergregionen.
Die vier verwandten Kulturen mit Buntkeramik waren in weiten Teilen des Armenischen Hochlandes verbreitet; nach ihren Fundorten gehören hierzu die Kulturen von Karmir Berd in der Provinz Aragazotn (namensgebender Fundort bei Jerewan) und Sewan-Userlik (am Sewansee). Anstelle des Feldbaus in der Kura-Araxes-Kultur war in der Mittleren Bronzezeit Viehzucht die bevorzugte Wirtschaftsform und Rechteckbauten traten an die Stelle von Rundhäusern (Metsamor).
Am Übergang zur Spätbronzezeit und Früheisenzeit (15. bis 9. Jahrhundert v. Chr.) entstanden die ersten staatenähnlichen Strukturen und gesellschaftlichen Hierarchien. Die größeren Siedlungen wuchsen im 14. und 13. Jahrhundert um zentrale monumentale Gebäude; in der näheren Umgebung des Berges Aragaz waren dies insbesondere Metsamor, Aragaz, Schamiram, Horom, Oschakan, Talin und Tsaghkahovit, ferner Lchaschen (am Nordufer des Sewansees) und Udabno (in der Nähe des Klosters Dawit Garedscha im Osten Georgiens). An Berghängen und auf Hügelkuppen wurde in der Spätbronzezeit ein Netz von befestigten Städten errichtet, die von zyklopischen Steinblöcken ummauert waren, deren Höhe bis zu sieben Metern betrug.Hakob Simonian: Vor- und frühgeschichtliche Funde auf dem Gebiet Armeniens. In: Armenien. Wiederentdeckung einer alten Kulturlandschaft. (Ausstellungskatalog) Museum Bochum 1995, S. 41–47
Die Hauptorte mit zyklopischen Festungen auf der Tsaghkahovit-Hochebene waren neben Tsaghkahovit Hnaberd, ein Dorf zehn Kilometer westlich nahe der Straße Richtung Artik, und Gegharot an der M3, wenige Kilometer nordwestlich von Alagyaz. Auf einer Fläche von 20 × 25 Kilometern sind insgesamt elf spätbronzezeitliche Festungen bekannt; zwischen Tsaghkahovit und Hnaberd, das ebenfalls südlich der Straße an den Vorhügeln des Aragaz liegt, zeichnen sich zahlreiche Gräberfelder an der Geländeoberfläche ab. Die Ebene selbst wurde bislang keinem Survey unterzogen, weil die Ackerflächen und eine Kolluvium-Schicht kaum archäologische Erkenntnisse erlauben. Nicht alle der lokalisierten Siedlungen, aber zumindest Tsaghkahovit und Hnaberd existierten im 13. und 12. Jahrhundert gleichzeitig.Jens Nieling, 2009, S. 139
Während in den Grabkammern des spätbronzezeitlichen Gräberfeldes bei Dilidschan („Redkin-Lager“) aus dem 13. Jahrhundert nur sehr wenige eiserne Waffenteile zum Vorschein kamen, die offensichtlich den Herrschern vorbehalten waren, nahm die Eisenverarbeitung gegen Ende des 12. Jahrhunderts im Armenischen Hochland zu. Im 11. Jahrhundert waren Eisenwaffen und -werkzeuge in allen Bevölkerungsschichten zu Gebrauchtsartikeln geworden.Elisabeth Bauer-Manndorff: Das frühe Armenien. Grundlagen der Archäologie und Urgeschichte. Verlagsbuchhandlung der Mechitaristen-Congregation, Wien 1984, S. 88, 96
mini|Vom unteren Bereich der Siedlung nach Norden auf den Zitadellenhügel In der Früheisenzeit existierte eine hierarchisch gegliederte Adelsgesellschaft mit beträchtlichen sozialen Unterschieden, die sich in kleinen staatenähnlichen Gebilden organisierte. Dies ergaben die Analyse der Grabbeigaben und die Keramikfunde im Bereich der Wohnsiedlung von Tsaghkahovit. Nach ihrem Verwendungszweck aufgeteilt kamen kleinere Schüsseln innerhalb der Zitadelle und große Vorratsgefäße (Pithoi) hauptsächlich in den Wohnsiedlungen unterhalb zum Vorschein. Allein die Existenz einer Festung gegenüber den übrigen Siedlungsbereichen verweist auf eine Unterscheidung in Adel und Untergebene.Adam T. Smith, Ruben S. Baldayan, Pavel Avetisyan, 2009, S. 30f
In Armenien und Ostgeorgien muss es im 13. und 12. Jahrhundert unsichere Zeiten mit schnellen Kulturwechseln an einzelnen Orten gegeben haben. Beispielsweise wurden die Siedlung Katnalikhevi zwei Kilometer südlich von Mzcheta und vermutlich auch Samadlo westlich von Mzcheta sowie Treli im Stadtgebiet von Tiflis, die zur Trialeti-Kultur gehörten, im 12. Jahrhundert plötzlich verlassen. Entsprechend ergaben 30 vom ArAGATS-Projekt durchgeführte Radiokarbondatierungen an den drei Hauptorten der Tsaghkahovit-Hochebene, dass sich zeitgleich um 1250 und um 1150 Brandkatastrophen in der Festung von Tsaghkahovit ereigneten. Ein großer Teil der Bevölkerung aus den verlassenen Siedlungen kehrte wieder zu einer nomadischen Lebensweise zurück. Im 110 Kilometer nördlich von Tsaghkahovit gelegenen Trialeti lebte die Bevölkerung während der gesamten Früheisenzeit bis ins 9. Jahrhundert v. Chr. überwiegend nomadisch. Eine Ausnahme stellten lediglich die drei Siedlungen von Udabno (in der Nähe des ostgeorgischen Klosters Dawit Garedscha) dar, die in das 11. und 10. Jahrhundert v. Chr. datiert werden.Özgecan Yarma: Studies in Architecture and Reconstruction of Udabno III-House D. Middle East Technical University, Dezember 2009 Die Ursache für die Aufgabe Udabnos in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. wird in einer ökologischen Katastrophe gesehen, die auf die Abholzung der Wälder zurückzuführen ist. Wegen der intensiven Verarbeitung von Eisenerz in der Nähe wurden große Mengen Holzkohle benötigt.Konstantin Pizchelauri: Eine neue altorientalische Kultur der Eisenzeit im Innern des Kaukasus. In: Anadolu Arastirmalari 14, 1996, S. 425–437, hier S. 429
Klimatische Verschlechterungen werden für den Übergang zum Nomadismus in allen Kulturen der Region als ursächlich angenommen. In Trialeti hatte wie auf dem Hochland am Aragaz zuvor ein dichtes Netz großer befestigter Siedlungen bestanden. Im lange Zeit unbewohnten Tsaghkahovit stammt nur eines der freigelegten Gräber aus dem 8./7. Jahrhundert.Jens Nieling, 2009, S. 126f, 140 Während einer neuerlichen Siedlungsphase in urartäischer Zeit vom 9. bis zum 7. Jahrhundert v. Chr. in Ostgeorgien und Nordarmenien lebte die Bevölkerung teilweise als Nomaden und in kleineren Siedlungen, die eine zyklopische Festung umgaben.Jens Nieling, 2009, S. 184f
Eine chronologische Unterteilung der archäologischen Schichten, wobei die Frühbronzezeit, die Spätbronzezeit und die Eisenzeit III auf dem gesamten Hochland am besten vertreten sind, ergibt: Frühbronzezeit: Tsaghkahovit Ia: 3200–2900 v. Chr. Kura-Araxes I (Dschemdet-Nasr-Zeit) Frühbronzezeit: Tsaghkahovit Ib: 2900–2600 v. Chr. Kura-Araxes II (Frühdynastische Zeit) Spätbronzezeit I: Tsaghkahovit IIa: 1500–1400 v. Chr. (Mittani) Spätbronzezeit II: Tsaghkahovit IIb: 1400–1300 v. Chr. (Assyrisches Reich) Spätbronzezeit III: Tsaghkahovit IIc: 1300–1200 v. Chr. Eisenzeit IIIa: Tsaghkahovit IIIa: 650–350 v. Chr. (Achämenidenreich) Eisenzeit IIIb: Tsaghkahovit IIIb: 350–200 v. Chr. (Hellenismus)Adam T. Smith, Ruben S. Baldayan, Pavel Avetisyan, 2009, S. 34, 99
Erforschung Aus vorurartäischer Zeit sind in der Region keine schriftlichen Zeugnisse überliefert. Die ersten Schriftfunde hängen mit der Ausbreitung der Urartäer im 9. und 8. Jahrhundert v. Chr. zusammen. Der urartäische König Argišti I. (reg. um 785–753) führte – wahrscheinlich aus nördlicher Richtung kommend – 786 v. Chr. einen Feldzug gegen Eriachi (heute Schirak). Dies geht aus einer Inschrift hervor, die er in Marmaschen hinterließ. Eine urartäische Inschrift in der Schlucht des Mantasch, eines Nebenflusses des Achurian, berichtet von weiteren Eroberungen, als Argišti I. auf dem Marsch nach Süden die Tsaghkahovit-Hochebene streifte. Aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. stammt eine aramäische Inschrift, die der armenische König Artaxias I. auf einer Stele anbringen ließ, die 1977 in der Nähe von Spitak entdeckt wurde. Für die sechs Jahrhunderte dazwischen sind keine Inschriften aus der Umgebung von Tsaghkahovit bekannt.Adam T. Smith, Ruben S. Baldayan, Pavel Avetisyan, 2009, S. 97