mini|hochkant|Andrew Bonar Law (1923) Andrew Bonar Law (* 16. September 1858 in Rexton, New Brunswick; † 30. Oktober 1923 in London, England) war ein britischer Politiker der Konservativen Partei und Premierminister des Vereinigten Königreichs von Oktober 1922 bis Mai 1923.
In der britischen Kolonie New Brunswick geboren, wurde Bonar Law nach dem frühen Tod seiner Mutter mit zwölf Jahren von Verwandten nach Schottland geholt, wo er in mittelständischen Verhältnissen aufwuchs und früh mit Politikern der Konservativen Partei in Kontakt kam. Nach einer Ausbildung im Bankgeschäft seiner Verwandten wurde er 1885 Teilhaber eines Metallverarbeitungsunternehmens und kam zu Wohlstand. 1900 wurde er für die Konservativen ins britische Unterhaus gewählt. Er schloss sich dem von Joseph Chamberlain geführten Parteiflügel an, der für eine Abkehr vom damals herrschenden Freihandelsdogma und eine politische Union unter den Commonwealth-Staaten warb. Nach der verheerenden Niederlage bei den Unterhauswahlen von 1906 und dem Rückzug Chamberlains stieg er schnell zu einem der führenden Exponenten seiner Partei auf. 1911 wurde er zum Führer der Konservativen im Unterhaus gewählt.
In den folgenden Jahren steuerte er seine Partei in immer heftigere politische Auseinandersetzungen um die sozialen Reformvorhaben der regierenden Liberalen. Bei der umstrittenen Frage der Selbstverwaltung Irlands (Home Rule) führte Bonar Laws gemeinsame Agitation mit dem konservativen Demagogen Edward Carson das Vereinigte Königreich bis an den Rand eines Bürgerkriegs, bis der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 zu einem Stillhalteabkommen in der Parteipolitik führte. 1915 traten Bonar Law und die Konservativen in eine große Koalitionsregierung unter dem liberalen Premierminister H. H. Asquith ein, in der Law Kolonialminister wurde. Nach Differenzen über die Fortführung des Krieges fanden sich Bonar Law, der liberale Kriegsminister David Lloyd George und Carson 1916 zusammen und stürzten Asquith. In der folgenden Koalitionsregierung unter dem neuen Premier Lloyd George avancierte Bonar Law zum zweiten Mann und amtierte bis 1919 als Schatzkanzler sowie als Leader of the House of Commons und Lordsiegelbewahrer, bis ihn 1921 gesundheitliche Gründe zum Rücktritt von der Parteiführung und zum Ausscheiden aus der Regierung zwangen.
Im Oktober 1922 kehrte er jedoch auf die politische Bühne zurück und beteiligte sich an der erfolgreichen Parteirevolte gegen die konservative Parteiführung und die weitere Koalition mit den Liberalen um Lloyd George. Daraufhin wurde er zum Premierminister einer neu gebildeten konservativen (Allein-)Regierung. An Krebs erkrankt, trat er bereits im Mai 1923 zurück und starb nur wenige Monate später.
Herkunft mini|Das Haus in New Brunswick, in dem Bonar Law aufwuchs Andrew Bonar Law wurde in Rexton (damals noch Kingston genannt) in New Brunswick geboren, welches damals noch kein Teil von Kanada war.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 3. Er war der vierte Sohn von Reverend James Law und Elizabeth Annie Kidston Law.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 17. Benannt nach Andrew Bonar (einem Vertreter der Free Church of Scotland), wurde er in der Familie immer mit seinem zweiten Vornamen Bonar angesprochen; er selbst unterschrieb zunächst als „A.B. Law“, dann als „A. Bonar Law“. Für seine Zeitgenossen war er immer nur als Bonar Law bekannt.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 4. Sein Vater war ein schwermütiger presbyterianischer Geistlicher, der aus der nordirischen Provinz Ulster stammte.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 3. Seine Mutter starb, als Bonar Law gerade zwei Jahre alt war. Seine unverheiratete Tante Janet Kidston übersiedelte daraufhin aus dem schottischen Glasgow und übernahm im Haushalt die weibliche Rolle. Als Bonar Law zwölf Jahre alt war, heiratete sein Vater erneut. Janet Kidston entschloss sich daraufhin nach Glasgow zurückzukehren, schlug jedoch vor, dass sie den jungen Bonar Law mit sich nehmen könnte, da die Familie mütterlicherseits finanziell bessergestellt sei.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 6. Sowohl James Law als auch sein Sohn stimmten zu und der junge Bonar Law wuchs in der Folge in Schottland bei reichen Cousins aus der im Bankgeschäft tätigen Familie seiner Mutter auf. Sein Vater war 1877 aufgrund schlechter Gesundheit gezwungen, nach Ulster zurückzukehren, wo er regelmäßig von seinem Sohn besucht wurde. Fünf Jahre später starb er.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 22. Auf seinen Sohn übten die Besuche in Ulster einen nachhaltigen Eindruck aus; zeitlebens blieb er Ulster emotional eng verbunden und stellte sich später sofort auf die Seite Ulsters, als es um die politische Zukunft Irlands ging.
Nach dem Besuch der Gilbertfield-VorbereitungsschuleAndrew Taylor: Bonar Law. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 2. besuchte Bonar Law die High School of Glasgow, wo er sich unter anderem durch sein Talent in Sprachen auszeichnete.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 7. 1875 verließ er die Schule, da seine Cousins ihm einen Posten in ihrem Büro in Glasgow angeboten hatten.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 24. Durch sie kam Law auch früh in Kontakt mit diversen Größen der Konservativen Partei, denn die Kidstons waren, im Gegensatz zur Mehrheit ihres Handelsstandes in Glasgow, begeisterte Anhänger der „Tories“.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 28. Sein Interesse an Politik stellte er jedoch in den nächsten Jahren zurück, da unter den damaligen Bedingungen finanzielle Unabhängigkeit eine fast unerlässliche Voraussetzung für eine politische Karriere war – politische Ämter waren in fast allen Bereichen nahezu unbezahlt. Seine Verwandten entschlossen sich 1885, sich aus Altersgründen zurückzuziehen, und fusionierten ihre Firma mit der schottischen Clydesdale Bank.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 12. Bonar Law, nun ohne Beschäftigung, wurde mithilfe eines Kredits seiner Cousins daraufhin Teilhaber eines schottischen Metallverarbeitungsunternehmens, welches schnell prosperierteRobert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 32. und bald zu einem der profitabelsten Unternehmen im Eisenhandel in Schottland avancierte.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 13.
Ehe und Familie, Persönlichkeit und Lebensart Im Jahr 1890 lernte Bonar Law Annie Pitcairn Robley kennen, die er im März 1891 heiratete. Seine Frau, Tochter des Glasgower Kaufmanns Harrington Robley,R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 17. wird als lebensfrohe Person beschrieben, die auf den als nüchtern und hart beschriebenen Charakter ihres Mannes einen mildernden Einfluss hatte und ihn erstmals für soziale Anlässe wie Tanzveranstaltungen und Bälle verpflichten konnte.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 35 f. Bonar Law selbst, ein starker Raucher und ein Abstinenzler in Fragen des Alkoholkonsums,Andrew Taylor: Bonar Law. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 5. verbrachte ansonsten seine Freizeit vor allem mit Schach und Golf.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 16. Von seinen Biografen wird er ausnahmslos als ein nüchterner, frugaler und stark melancholischer Charakter geschildert, der einem vorsichtigen Skeptizismus den Vorzug gab und eine Abneigung gegen gesellschaftliche Anlässe hatte, zu denen er später als Parteiführer widerwillig verpflichtet war.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 87 f.Andrew Taylor: Bonar Law. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 5 f. Obwohl der Sohn eines Pfarrers, war er selbst nicht religiös und glaubte in keiner Weise an ein Weiterleben nach dem Tod.Andrew Taylor: Bonar Law. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 6. Sebastian Haffner charakterisierte ihn in seiner Churchill-Biografie als einen „harten und hölzernen Mann“.Sebastian Haffner: Churchill. Rororo, Reinbek 1967, S. 76.
Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor, von denen das erste eine Totgeburt war: James Kidston (1893–1917), Isabel Harrington (1895–1969), Charles John (1897–1917), Harrington (1899–1958), Richard Kidston (1901–1980) und Catherine Edith (1905–1992). Charles wurde als Infanteriesoldat im Ersten Weltkrieg bei der Zweiten Schlacht um Gaza im April 1917 getötet;Andrew Taylor: Bonar Law. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 11. im September 1917 fiel auch sein besonders geliebter Sohn James an der Westfront.Andrew Taylor: Bonar Law. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 12. Der jüngste Sohn Richard trat in die Fußstapfen seines Vaters und wurde später konservatives Unterhausmitglied und Minister. Die Tochter Isabel heiratete Frederick Sykes, nachdem sie eine zuvor bestehende Verlobung mit Keith Murdoch (dem Vater Rupert Murdochs) gelöst hatte. Die jüngste Tochter Catherine war zweimal verheiratet, zunächst mit Kent Colwell, danach mit George Archibald.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 293.
1909 verstarb seine Frau nach einer Operation an der Gallenblase. Der Verlust war ein persönlicher Schicksalsschlag für Bonar Law, von dem er sich nie ganz erholte.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 60 f. Er blieb für den Rest seines Lebens Witwer.R.J.Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 17. Nach dem Tod seiner Frau entwickelte er ein engeres Verhältnis zu seiner Schwester Mary, die sich nun anstelle seiner Frau um seine Familie kümmerte und für ihn zu einer engen Vertrauten wurde. Zudem begann er eine enge Freundschaft mit Max Aitken (später geadelt als Lord Beaverbrook), mit dem er seine Herkunft und viele andere biografische Ähnlichkeiten teilte.Andrew Taylor: Bonar Law. (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd., London 2006, S. 10. Zunehmend vertraute er einem kleinen Kreis enger Freunde und Verwandter; vor allem mit Aitken und später auch mit J. C. C. Davidson pflegte er engen Kontakt, so sehr, dass die beiden von einem Parteifreund als Bonar Laws unvermeidliche Begleiter beschrieben wurden.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 65 f.Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955, S. 350 f.
Im Unterhaus mini|hochkant|Bonar Law (1900) mini|hochkant|Karikatur Bonar Laws von Leslie Ward in Vanity Fair (1905)