Als material turn (engl., deutsch etwa Wende zum Material) wird die Zunahme der Gewichtung der materiellen Kultur in den Geistes- bzw. Kulturwissenschaften bezeichnet. Der Begriff ist – wie auch derjenige des iconic turn – in Analogie zum linguistic turn gebildet.
Es wird vermehrt die Frage gestellt, wie Wissen in kulturell geschaffenen und verwendeten Objekten oder Dingen wirkt. Es erfolgt eine stärkere Zuwendung zur Empirie. Was sagen Artefakte über eine Gesellschaft und ihre Geschichte aus oder welche Bedeutungen transferieren diese? Das sind Fragen, die traditionell vor allem in den Kulturwissenschaften (z. B. Volkskunde und Ethnologie), der Kunstgeschichte, der Archäologie, der Museologie sowie in kultur- und technikhistorischen Museen und in Bibliotheken behandelt werden. Darüber hinaus wenden sich nun auch andere Wissenschaftszweige, wie die Geschichts- und Sozialwissenschaften, wieder der Objektforschung zu.
Ein Beispiel für die interdisziplinäre Forschung über Materialität ist der Sonderforschungsbereich 933 „Materiale Textkulturen“ an der Universität Heidelberg.https://www.materiale-textkulturen.de/teilprojekte.php In Deutschland wird die Forschung unter anderem durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Eine universitäre Behandlung von materieller Kultur findet im deutschen Sprachraum beispielsweise in den Studiengängen „Museologie und materielle Kultur“ (BA) und „Museumswissenschaft / Museum Studies“ (MA) an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg statt.
Debatten zum material turn stützen sich häufig auf im Rahmen der Praxeologie formulierte Überlegungen, gehen teilweise aber auch darüber hinaus, insofern sie das Soziale als nicht mehr nur oder unbedingt menschlich denken, wie etwa in der Akteur-Netzwerk-Theorie oder der Affordanz-Theorie, die „nichtmenschliche Wesen“ wie etwa Artefakte oder Tiere (vgl. auch Human-Animal Studies) als wesentliche Bestandteile des Sozialen betrachtet. Jüngst hat der Historiker Jan Keupp Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Konzepts respektive an, seiner Meinung nach fragwürdigen, Entwicklungen im Zuge von dessen praktischer Umsetzung geäußert. Vgl. Jan Keupp: Die Gegenstandslosigkeit des Materiellen: Was den material turn zum Abtörner macht.
Siehe auch Neuer Materialismus
Literatur
Matthias C. Hänselmann: Das Gemachte als Bewusst-Gemachtes. Produktive und rezeptive Dimensionen von Materialität und Materialtransparenz im Film. In: Ästhetik des Gemachten. Interdisziplinäre Beiträge zur Animations- und Comicforschung. Hrsg. v. Hans-Joachim Backe et al. Berlin/Boston 2018, S. 27–52, ISBN 978-3-11-053872-4. (OpenAccess). Zeithistorische Forschungen 13 (2016) H. 3: Der Wert der Dinge, hg. von Simone Derix, Benno Gammerl, Christiane Reinecke und Nina Verheyen. Michael R. Ott, Rebecca Sauer, Thomas Meier (Hrsg.): Materiale Textkulturen. Konzepte – Materialien – Praktiken. de Gruyter, Berlin/Boston/München 2015, ISBN 978-3-11-037128-4. (OpenAccess) (= MTK 1). Markus Hilgert: „Textanthropologie“. Die Erforschung von Materialität und Präsenz des Geschriebenen als hermeneutische Strategie. In: Mitteilungen der Deutschen Orientgesellschaft zu Berlin 142, S. 87–126. Katharina Hoppe und Thomas Lemke: Neue Materialismen zur Einführung. Hamburg: Junius, 2021. Tony Bennett und Patrick Joyce: Material powers: cultural studies, history and the material turn. London [u. a.]: Routledge, 2010, ISBN 978-0-415-60314-0. Daniel Miller (Hrsg.): Anthropology and the Individual, a Material Culture Perspective. Oxford, NY: Berg, 2009. Daniel Miller (Hrsg.): Materiality. Durham NC, Duke University Press, 2005. ISBN 978-0-8223-8671-1 Alfred Gell: Art and Agency: An Anthropological Theory. Oxford: Clarendon Press, 1998. Daniel Miller (Hrsg.): Material Cultures. Why some things matter. London: UCL Press, 1998. Bruno Latour: We have never been modern. Cambridge: Harvard University Press, 1993. Bruno Latour: Reassembling the Social. Oxford University Press, Oxford 2005 (deutsch von Gustav Roßle, Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007). Christine Löw, Katharina Volk, Imke Leicht, Nadja Meisterhans (Hrsg.): Material turn. Feministische Perspektiven auf Materialität und Materialismus, Opladen 2017, ISBN 978-3-8474-0576-4. Arjun Appadurai: The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective. Cambridge, Cambridge University Press 1986.
Einzelnachweise
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