Das Münchner Olympia-Attentat vom 5. September 1972 war ein Anschlag der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September auf die israelische Mannschaft bei den 20. Olympischen Sommerspielen. Elf der 14 israelischen Olympiateilnehmer wurden ermordet, darunter fünf Athleten.

Der Terrorakt begann am frühen Morgen mit dem Überfall auf das Wohnquartier der Israelis im olympischen Dorf, bei dem zwei Sportler ermordet und neun weitere als Geiseln genommen wurden. Nach ergebnislosen Verhandlungen kam es in der Nacht zum 6. September auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck zu einem misslungenen Befreiungsversuch, bei dem alle neun israelischen Geiseln, ein Polizist sowie fünf der acht Geiselnehmer getötet wurden.

Überblick Am frühen Morgen des 5. September überfielen acht bewaffnete palästinensische Terroristen, die im Vorfeld von deutschen Neonazis (darunter Willi Pohl) unterstützt worden waren, das Wohnquartier des israelischen Teams im olympischen Dorf in München. Gleich zu Beginn des Angriffs wurde der Ringertrainer Mosche Weinberg getötet und der Gewichtheber Yossef Romano erlitt schwere Verletzungen, denen er kurz darauf erlag. Die neun anwesenden Mannschaftsmitglieder wurden als Geiseln genommen. Die Geiselnehmer verlangten von der israelischen Regierung unter Golda Meir die Freilassung von über zweihundert in Israel inhaftierten Palästinensern. Diese lehnte die Forderungen ab.

Die Terroristen wiederum wiesen Angebote deutscher Politiker zurück, sie im Austausch gegen die israelischen Sportler als Geiseln zu nehmen. In der Nacht vom 5. auf den 6. September unternahm die bayerische Polizei auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck einen schlecht geplanten und durchgeführtenRückschau: Vom Traum zum Terror. Dokumentarfilm-Besprechung, ARD online, 15. Juli 2012 Befreiungsversuch, bei dem alle Geiseln ums Leben kamen. Als Reaktion auf dieses katastrophale Versagen wurde die deutsche Antiterroreinheit GSG 9 der Bundespolizei gegründet. Die Landespolizeien folgten mit Spezialeinsatzkommandos (SEK).

Die drei überlebenden Terroristen wurden schon wenige Wochen nach ihrer Tat durch die Entführung des Lufthansa-Fluges 615 aus deutscher Haft freigepresst. Infolgedessen war das Olympia-Attentat nie Gegenstand eines ordentlichen Gerichtsverfahrens. Die israelische Regierung ordnete die Vergeltungsaktion „Zorn Gottes“ durch die Sondereinheit „Caesarea“ des Mossad an. Diese tötete in den Jahren nach 1972 etwa zwanzig Palästinenser, die direkt oder indirekt an dem Anschlag beteiligt gewesen sein sollen. Der Aktion fielen aber auch Unschuldige zum Opfer.mini|Gedenktafel vor dem damaligen Quartier der israelischen Mannschaft im Münchner Olympiadorf, 2012Die Bundesrepublik Deutschland zahlte 1972 und 2002 als humanitäre Geste rund 4,6 Millionen Euro an die Familien der ermordeten Israelis. Im Jahr 2022 erkannte die Bundesrepublik offiziell ihre Verantwortung für den mangelhaften Schutz der Sportler und die dilettantische Befreiungsaktion an und sprach den Hinterbliebenen eine Entschädigungssumme in Höhe von 28 Mio. Euro zu.mini|Gedenken und Kranzniederlegung vor dem Gebäude Connollystr. 31 im olympischen Dorf am 40. Jahrestag, 5. September 2012

Vorbereitung des Anschlags Drahtzieher des Terroranschlags war Abu Daoud, Mitglied der von Jassir Arafat geführten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und laut eigenen Angaben Assistent von Abu Ijad,„Natürlich erzeugt Gewalt Gegengewalt“, Interview mit Abou Daoud, taz vom 3. Februar 2006. dem vermutlichen Gründer der Terrorgruppe Schwarzer September. Er setzte im Kampf gegen Israel auf terroristische Aktionen und wollte die Olympischen Spiele dazu nutzen, die Weltöffentlichkeit auf die Lage der Palästinenser aufmerksam zu machen.Roman Deininger, Uwe Ritzer: Die Spiele des Jahrhunderts. Olympia 1972, der Terror und das neue Deutschland, dtv, München 2021, S. 383f Da er eine Zeitlang in Berlin gelebt hatte»Von der Verantwortung verabschiedet«, Interview mit Bettina Röhl, Jüdische Allgemeine vom 27. April 2006, kannte er sich in Deutschland aus. Er besorgte persönlich die Waffen für das achtköpfige Terrorkommando und begleitete es bis an den Zaun des Olympischen Dorfs.Willi Winkler: Keine Reue für das Blutbad von München. Nachruf auf Abu Daoud in Süddeutsche Zeitung vom 5. Juli 2010, S. 7. In seinen 1999 erschienenen Memoiren behauptete Daoud, Arafat sei über den Plan informiert gewesen und habe ihn abgesegnet.Harvey W. Kushner: Munich Olympic Massacre. In: derselbe: Encyclopedia of Terrorism. Sage Publications, Thousand Oaks / London / Neu-Delhi 2003, S. 249. In späteren Interviews stritt er dies wieder ab.mini|Gedenken an das Massaker, London 2012Seine Gruppe wurde bei der Vorbereitung des Anschlags und beim Aufbau der notwendigen Infrastruktur in Europa durch deutsche Neonazis unterstützt.Dr. Schreck und die Neonazis, Der Spiegel, 7. September 1981, abgerufen am 24. Juli 2012. Akten des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), die auf Antrag des Spiegel im Juni 2012 freigegeben wurden, belegen diese schon 1972 gehegte Vermutung.Deutsche Neonazis halfen Olympia-Attentätern, Der Spiegel, 17. Juni 2012, abgerufen am 27. Juli 2012.Jewish News Archive, 4. April 1974: Two Sentenced in Terrorist Trial, abgerufen am 27. Juli 2012. Danach hat der Rechtsextremist Udo Albrecht bereits 1970 Kontakte zwischen der PLO und Neonazis vermittelt, die auf eine gegenseitige Unterstützung abzielten. Der damalige Neonazi Willi Pohl schrieb: „Wir erhielten die Erlaubnis, auf von der Fatah kontrolliertem jordanischen Gebiet einen Stützpunkt zu errichten, als Gegenleistung boten wir Unterstützung im Kampf gegen Israel an.“Willi Pohl unter dem Pseudonym E.W. Pless: Geblendet. Aus den authentischen Papieren eines Terroristen Schweizer Verlagshaus, Zürich 1979. ISBN 3-7263-6217-7; zitiert nach Dr. Schreck und die Neonazis, Der Spiegel, 7. September 1981 Im Vorfeld des Olympia-Attentats traf Pohl nach eigenen Angaben Abu Daoud im Juli 1972 in Dortmund, besorgte ihm Fahrzeuge und fuhr ihn zu konspirativen Treffen in Frankfurt und Köln. Aus den Akten des Verfassungsschutzes geht hervor, dass die Dortmunder Kriminalpolizei bereits im Juli 1972 Hinweise auf die konspirativen Treffen zwischen Pohl und Daoud erhalten und diese umgehend an die Landeskriminalämter, das Bundeskriminalamt und den Verfassungsschutz weitergegeben hatte.Sven Felix Kellerhoff: Neonazi-Spur beim Olympia-Attentat 1972, Die Welt vom 17. Juni 2012, abgerufen am 24. Juli 2012.

Pohl stellte zudem eine Verbindung zu dem Passfälscher Wolfgang Abramowski her, der, wie auch er selbst, enge Kontakte zur Nationalsozialistischen Kampfgruppe Großdeutschland gehabt haben soll. In Kairo gab der Fatah-Vertreter Abu Ijad Pohl eine Botschaft für einen Mann in Paris mit, den er im Nachhinein als Issa, den Anführer der Münchner Attentäter erkannt haben will.Attentat auf Olympia 1972 „Ich wollte gewinnen, möglichst effektiv“, FAZ vom 21. Juli 2012, abgerufen am 26. Juli 2012.

Vom Ziel der Anschläge will Pohl nichts gewusst haben. Dennoch arbeitete er bei Folgeaktionen weiterhin mit der PLO-Organisation zusammen. Ende Oktober 1972 wurden er und Abramowski festgenommen. Bei ihnen fand man Waffen, die baugleich mit denen waren, die bei der Geiselnahme benutzt worden waren, sowie einen Drohbrief des Schwarzen September an den Richter, der gegen die drei überlebenden Attentäter ermittelte. Im Haftbefehl warf man Pohl vor, dass er gemeinsam mit Abu Daoud die gewaltsame Befreiung des damals inhaftierten Udo Albrecht geplant habe. Trotz dieser Zusammenhänge „wurde Pohl 1974 nur wegen unerlaubten Waffenbesitzes zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt.“

Ablauf des Attentats Geiselnahme am Morgen des 5. September Um 04:10 Uhr am Morgen des 5. September 1972 kletterten die acht von Abu Daoud rekrutierten Mitglieder der Terrororganisation Schwarzer September über den Zaun bei Tor 25A und betraten das Olympische Dorf. Monteure der Post beobachteten sie, hielten sie aber für heimkehrende Sportler.

Sie drangen um etwa 04:35 Uhr in das Appartement der israelischen Olympiamannschaft in der Connollystraße 31 ein (Koordinaten: ). Die mit Kalaschnikows bewaffneten Geiselnehmer hatten keine Mühe, die israelischen Sportler zu überwältigen, da diese die Türen nicht abgeschlossen hatten. Generell wurden die Sicherheitsbedingungen während der Olympischen Spiele bewusst locker gehalten, um mit „heiteren Spielen“ die positive Veränderung zu demonstrieren, die sich in Deutschland seit den Olympischen Spielen 1936 vollzogen hatte. So sorgten ca. 4000 abgeordnete Polizeibeamte aus mehreren Bundesländern unbewaffnet und einheitlich mit modischen Straßenanzügen zivil bekleidet für Ordnung.

Die Terroristen nahmen elf Geiseln: David Mark Berger (Gewichtheber), Ze'ev Friedman (Gewichtheber), Yossef Gutfreund (Ringerkampfrichter), Eliezer Halfin (Ringer), Josef Romano (Gewichtheber), André Spitzer (Fechttrainer), Amitzur Schapira (Leichtathletiktrainer), Kehat Shorr (Schützentrainer), Mark Slavin (Ringer), Yakov Springer (Gewichtheberkampfrichter) und Mosche Weinberg (Ringertrainer). Weinberg und Romano wurden gleich zu Beginn der Aktion getötet. Weinberg wurde um 04:52 Uhr bei einem Fluchtversuch durch die Tür hindurch erschossen. Romano erlag etwa zwei Stunden, nachdem er angeschossen worden war, seinen Verletzungen, da kein Arzt zu ihm gelassen wurde. Einige israelische Sportler entkamen aus den Parterrefenstern, darunter auch der Chef de Mission, Shmuel Lalkin.

Die Geiselnehmer sollen einige ihrer Geiseln misshandelt haben. Dies machten die Witwen von Josef Romano und André Spitzer im Dezember 2015 bekannt. Sie hatten volle Akteneinsicht durch die deutschen Behörden erst nach einem anonymen Hinweis im Jahr 1992 erhalten.Sam Borden: Long-Hidden Details Reveal Cruelty of 1972 Munich Attackers. The New York Times, 1. Dezember 2015.Olympia-Attentat 1972: Israelische Witwen berichten über Grausamkeiten der Terroristen. In: Spiegel Online, 1. Dezember 2015. Der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher widersprach dieser Darstellung des Geschehens umgehend; auch die Obduktionsberichte hätten keine Hinweise darauf ergeben.Olympia 1972: Genscher bestreitet Foltervorwürfe gegen palästinensische Terroristen. In: Spiegel Online, 4. Dezember 2015

Erstes Ultimatum Um 05:21 Uhr wurden Polizei, Organisationskomitee und Rettungsdienst alarmiert. Krankenwagen trafen ein, und der vor dem Hauseingang von den Terroristen abgelegte, blutüberströmte Weinberg, für den jede Rettung zu spät kam, konnte geborgen werden. Zu dem zweiten Verletzten, Romano, ließen die Attentäter niemanden mehr hinein. Um 06:40 Uhr begaben sich der Bürgermeister des Olympischen Dorfes, Walther Tröger, und NOK-Präsident Willi Daume zum Haus Nr. 31, um mit den Eindringlingen zu verhandeln. Von da an galt als sicher, dass sie israelische Sportler als Geiseln festhielten. Das Gelände wurde von der Polizei abgeriegelt.

Die Terroristen verlangten um 08:50 Uhr morgens Freilassung für in Israel gefangene Palästinenser und freies Geleit für sich und die Geiseln in eine arabische Hauptstadt mit einem dafür zur Verfügung gestellten Flugzeug. Sie drohten, die Geiseln sofort zu erschießen, sollte die Polizei versuchen, das Haus zu stürmen. Das Ultimatum war auf 12 Uhr befristet.