mini|Sieben Worte Christi am Kreuz, Illustration, Niederlande, 17. JahrhundertAls die Sieben letzten Worte Jesu Christi werden die über die Passionsgeschichten der vier Evangelien des Neuen Testaments verteilten Worte Jesu nach der Kreuzigung bezeichnet. Diesen Worten wird im Christentum besondere Bedeutung beigemessen. Die römisch-katholische Kirche bezeichnet diese Aussprüche als Sieben Letzte Worte und stellt sie parallel zur Passionsgeschichte in eine zeitliche Abfolge. Eine andere Bezeichnung ist Sieben Kreuzesworte.

Übersicht +Lutherbibel (2017) (Einheitsübersetzung (2016))EvangeliumBuch der PsalmenNach den Angaben in der Lutherbibel von 1984MtMkLkJoh1„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“2„Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (EÜ: „Amen, ...“)3„Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ / „Siehe, das ist deine Mutter!“ (EÜ: „Frau, siehe, dein Sohn!“ / „Siehe, deine Mutter!“)4„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“5„Mich dürstet.“6„Es ist vollbracht.“7„Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.“ (EÜ: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“)

Historische Entwicklung der Sieben Kreuzesworte Letzte Worte bedeutender Persönlichkeiten wurden in der Antike als Quintessenz ihres Wirkens wertgeschätzt. Dass von Jesus mehrere einander widersprechende Sterbeworte überliefert waren, bemerkte der Neuplatoniker Porphyrios um 300 und vermutete kritisch, dass nicht eine, sondern mehrere Personen am Kreuz gestorben seien. Um solche Kritik zu widerlegen, harmonisierten christliche Theologen die letzten Worte Jesu in den Evangelien schon frühzeitig; die Reihung der Sieben letzten Worte steht am Ende dieser Entwicklung.Anna Maria Schwemer: Jesu letzte Worte am Kreuz (Mk 15,34; Lk 23, 46; Joh 19,28ff) , 1998, S. 5.

Beginnend mit Tatians Diatessaron, entwickelte sich seit der Spätantike eine vielfältige Tradition von Evangelienharmonien. Dabei mussten die Kreuzesworte Jesu erzählerisch in eine Reihenfolge gebracht werden; auffällig ist, dass Lk 23,34 („Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“) an verschiedener Stelle eingeordnet wurde, bevor sich die Anfangsposition durchsetzte. Erstmals findet sich diese Reihenfolge der Kreuzesworte im Diatessaron des 547 fertiggestellten Codex Fuldensis;Michael Theobald: Der Tod Jesu im Spiegel seiner „letzten Worte“ vom Kreuz, 2010, S. 9 f. sie blieb im Wesentlichen in Mittelalter und Neuzeit konstant und findet sich übereinstimmend sowohl bei dem Jesuiten Robert Bellarmin als auch bei dem frühbarocken lutherischen Komponisten Heinrich Schütz.

Im Kontext der westkirchlichen Liturgie der Karwoche gewannen die Sieben Worte am Kreuz Bekanntheit. Schon im Frühmittelalter wurde die Passionsgeschichte nach Johannes an Karfreitag gelesen. Später kam die Lesung der Passionsgeschichte nach Matthäus am Palmsonntag hinzu, dann die Lesungen der Passionsgeschichte nach Markus und Lukas am Dienstag bzw. Mittwoch der Karwoche. Im Spätmittelalter popularisierte der Franziskanerorden Kreuzwegandachten mit einer unterschiedlichen Anzahl von Stationen. In all diesen Kontexten wurden die Kreuzesworte Jesu im Lauf der Karwoche verlesen und galten stets als zentrale Texte der jeweiligen Passionsgeschichte. Ein zweiter Impuls stammt aus den spätmittelalterlichen Andachtsbüchern, die für die Hand der Laien bestimmt waren. Siebenergruppen waren in dieser Art von Literatur sehr verbreitet, zum Beispiel als Betrachtung der Sieben Wunden Jesu oder eben der Sieben Worte Jesu am Kreuz. Letztere wurden in Beziehung zu den Sieben Todsünden gebracht und galten jeweils als Heilung einer Todsünde. (Um auf sieben Worte Jesu zu kommen, mussten das Wort an seine Mutter und das Wort an den Lieblingsjünger als eines gezählt werden.) Schließlich gewannen die Sieben Worte Jesu am Kreuz in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ars-moriendi-Literatur zusätzliche Bedeutung. Zu den Sterberiten zählte die Verlesung der Passionsgeschichte. Die Betrachtung des Kreuzes Jesu wurde empfohlen, und die Worte Jesu am Kreuz konnten als Stationen im eigenen Sterbeprozess meditiert werden. Dies wurde in den Kirchen der Reformation ungebrochen fortgesetzt. Im Luthertum wurde der Bericht über Martin Luthers Tod als vorbildhaft rezipiert, wobei als Sterbegebet besonderes Gewicht hatte. Die beispielsweise durch das Lied Da Jesus an dem Kreuze hing gebotene Abfolge der Kreuzesworte Jesu enthält zugleich eine Dramaturgie seines Sterbens, mit Gebeten in Anfangs-, Mittel- und Endposition. Jesu innerer Weg beginnt mit der Versöhnung und führt über die Warum-Frage zur Einwilligung in den eigenen Tod.Michael Theobald: Der Tod Jesu im Spiegel seiner „letzten Worte“ vom Kreuz, 2010, S. 12.

Ignatius von Loyola hatte in seinen Exerzitien (Nr. 297)Ignatius von Loyola: Geistliche Übungen. Nach dem spanischen Autograph übersetzt von Peter Knauer. Echter, Würzburg 1998, ISBN 3-429-02018-2. eine Betrachtung über die Sieben Letzten Worte vorgesehen. Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelte der Jesuit Alonso Messia Bedoya († 1732) in Lima aus dieser individuellen Betrachtung der Sieben Letzten Worte eine außerliturgische Andachtsform, die am Karfreitag von 12 Uhr mittags bis 15 Uhr gehalten wurde und deshalb Tres horas (‚drei Stunden‘) hieß. Der Brauch verbreitete sich über die spanischsprechenden Länder in Amerika bis nach Europa. Auch Joseph Haydn schuf sein berühmtes Werk Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze für eine solche Andacht in Cádiz. In Italien, wo Papst Pius VI. 1789 ihren Gebrauch erlaubte, hieß sie Tre ore di agonia. In der Church of England wurde diese Andachtsform als Three-hours service ab Mitte des 19. Jahrhunderts rezipiert und etablierte sich als fester Bestandteil der anglikanischen Karfreitagsliturgie; allerdings schwand ihre Popularität seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Da es sich nicht um Liturgie im strengen Sinne handelte, wurden dabei (entgegen den Regeln für Gottesdienste am Karfreitag) auch Musikinstrumente und mitunter die Orgel verwendet. Bedingt durch frömmigkeitssoziologische Veränderungen und die Wiederentdeckung der eigentlichen liturgischen Feierformen des Karfreitags ist diese Andachtsform heute allerdings nicht mehr häufig anzutreffen.Siehe Three-hours service, in: J.G. Davies (Hrsg.): A Dictionary of Liturgy and Worship. London: SCM Press 1972, S. 355f., und James Monti: The week of salvation: history and traditions of Holy Week. Huntington, Ind.: Our Sunday Visitor 1993, ISBN 0-87973-532-5, S. 205ff.

Manche im Bereich der Palliative Care tätige christliche Seelsorger betrachten die Sieben letzten Worte Jesu als eine Art „Programm zum guten Sterben“ und entnehmen den Bibelstellen Impulse für die eigene Praxis der Sterbebegleitung.Angelika Daiker, Judith Bader-Reissing: Versöhnt sterben. Palliative Care im Licht der letzten sieben Worte Jesu. Freiburg i. B. 2014 (Klappentext).

Exegese der einzelnen Kreuzesworte mini|Was Christus vom Kreuz sah. Gemälde von James Tissot (1836–1902) Die historisch-kritische Exegese nimmt an, dass diese Aussprüche von dem jeweiligen Evangelisten geformt worden sind, um seine Sicht auf Leiden und Sterben Jesu zum Ausdruck zu bringen. Franz-Georg Untergaissmair weist auf den „Pluralismus eines viergestaltigen Passionszeugnisses“ hin:

Markus betont Dunkelheit und Not des Todes am Kreuz. Aber Gott reiße seinen Sohn aus der Macht des Todes heraus. Matthäus schließt sich an Markus an, bei stärkerer Herausarbeitung des Motivs, dass alles „gemäß der Schrift“ geschehen sei. Für Lukas ist Jesus wie in seinen Lebensstationen so auch in seinem Sterben Vorbild des Christen. Wichtiger ist für diesen Evangelisten aber, dass Jesus die verlorene Gemeinschaft des Menschen mit Gott neu ermöglicht habe. Bei Johannes überstrahlt die Verherrlichung des Sohnes durch den Vater den Skandal eines Verbrechertodes am Kreuz, mit dem Markus wie auch Paulus ringen.

Die Worte Jesu am Kreuz im Kontext des jeweiligen Evangeliums sind ein viel behandeltes Thema der Neutestamentlichen Bibelwissenschaft, aber üblicherweise nicht die Zusammenstellung einer Siebenergruppe letzter Worte. Michael Theobald würdigt die reiche geistliche Tradition, die sich aus den Sieben letzten Worten entwickelte, „aber eine differenzierte Lektüre der Sterbeszenen in den Evangelien fördert einen Reichtum an Aspekten zu Tage, die sich nicht einfach synthetisieren lassen, sondern verschiedene Bilder zeigen.“Michael Theobald: Der Tod Jesu im Spiegel seiner „letzten Worte“ vom Kreuz, 2010, S. 29.

Markus- und Matthäusevangelium „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (; )

Diese Worte werden im griechischen Text der Evangelien als Transkription der aramäischen Übersetzung des 22. Psalms im Evangelium nach Markus mit ελωι ελωι λαμμα σαβαχθανι eloi eloi lamma sabachthani beziehungsweise im Evangelium nach Matthäus mit ηλι ηλι λαμα σαβαχθανι eli eli lama sabachthani (eigentlich אֵלִי אֵלִי לְמָה שְׁבַקְתָּנִי ’eli, ’eli, lema schewaktani oder ܐܹܝܠ ܐܹܝܠ ܠܡܵܢܵܐ ܫܒܲܩܬܵܢܝ ’il, ’il, lmana schwaktan, im hebräischen Original des Psalms אֵלִ֣י אֵ֭לִי לָמָ֣ה עֲזַבְתָּ֑נִי ’ēlî, ’ēlî, lāmā ‘ăzaḇtānî, in der Lutherbibel: Eli, Eli, lama asabtani) wiedergegeben, in dem Jesus den Klageruf eines von Gott verlassenen Beters aufgreift bzw. den Psalm als Sterbegebet spricht. Diskutiert wird, ob Jesus nach Markus und Matthäus mit einem Schrei der Gottverlassenheit stirbt oder ob der ganze Psalm 22 mitzuhören ist. Da das Markusevangelium bei der Passion Jesu mehrfach auf diesen Psalm anspielt, ist letzteres naheliegend. Das Matthäusevangelium setzt auch textliche Signale, dass Gott beim Sterben Jesu am Kreuz verborgen anwesend ist. Aber die Gottverlassenheit des Sterbenden bleibt.Matthias Konradt: Das Evangelium nach Matthäus (= Das Neue Testament Deutsch. Band 1 der Neubearbeitung), Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, S. 445. „Wie der an Gott verzweifelnde Beter des 22. Psalms und wie unzählige Menschen nach ihm erfährt der Sohn Gottes in seiner eigenen Todesstunde Gott, seinen Vater, als verborgen und nicht offenbar, als ihn verlassend und nicht treu zu ihm stehend, als in Dunkelheit verhüllt und nicht in Herrlichkeit und Liebe strahlend, als nicht eingreifend und rettend, sondern schweigend.“Hans-Joachim Eckstein: Kyrios Jesus: Perspektiven einer christologischen Theologie. 3. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2022, S. 148.

Lukasevangelium „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Dieser Vers fehlt in den ältesten überlieferten Fassungen des Lukasevangeliums. Er wird in der 28. Auflage des Novum Testamentum Graece in doppelte eckige Klammern gesetzt und damit als späterer Zusatz gekennzeichnet. Die Fachdiskussion geht aber ungeachtet dessen weiter, zumal es sowohl für die Langfassung als auch für die Kurzfassung wichtige Textzeugen gibt. Für den längeren Text spricht, dass er lukanische Motive enthält (vgl. die Vateranrede im Gebet und die Bitte des Märtyrers Stephanus für seine Henker, ). Es gab für die frühen Christen durchaus Gründe, den Vers fortzulassen: Aus einer verbreiteten antijüdischen Grundhaltung heraus konnte es problematisch erscheinen, dass Jesus am Kreuz für die jüdischen Obrigkeiten betet, da sie unwissend gehandelt hätten. Grundsätzlich hatten die Leser Schwierigkeiten damit, dass Jesu Gebet ohne Antwort blieb.Nathan Eubank: A Disconcerting Prayer: On the Originality of Luke 23:34a. In: Journal of Biblical Literature 129 (2010), S. 521–536, besonders S. 535 f.; Michael Theobald: Der Tod Jesu im Spiegel seiner „letzten Worte“ vom Kreuz, 2010, S. 10.

„Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“