Die St.-Nikolai-Kirche, auch Nikolaikirche, im Stadtgebiet Altstadt von Stralsund ist die älteste der drei großen evangelischen Pfarrkirchen der Stadt. Sie wurde im Jahr 1276 erstmals urkundlich erwähnt. Ihr Patrozinium erhielt die Kirche am Alten Markt nach Nikolaus von Myra, dem Schutzheiligen der Seefahrer und Händler. Das Gotteshaus ist Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes Altstädte von Stralsund und Wismar. mini|hochkant=1.3|Blick über die Altstadt zur Nikolaikirche (2020) Äußeres mini|St.-Nikolai-Kirche Stralsund mini|Türme und Chor der St.-Nikolai-Kirche vom Hafen aus gesehen Kirchengebäude Die Kirche ist etwas niedriger als die Marienkirche am Neuen Markt. Ihre Gesamtlänge beträgt 87 Meter, die Höhe des mittleren Kirchenschiffs 29 Meter. Die beiden Seitenschiffe sind nur halb so hoch. Im gleichen Längenverhältnis stehen die Breite des mit Strebepfeilern abgestützten Mittelschiffes mit etwa 13 Metern zur Breite der Seitenschiffe.

Alle Dächer sind mit Kupferplatten gedeckt, das Hauptschiff ist mit einem Satteldach abgeschlossen. Darauf sitzt in der Mitte ein kleiner Dachreiter.

Im Jahr 2003 wurde der nördliche Zugang vom Alten Markt wiederhergestellt. Imposanter jedoch ist der westliche Haupteingang, den man vom Stralsunder Rathaus durch den Buttergang kommend betritt.

Türme und Portale Die beiden Türme haben einen quadratischen Grundriss: unten je 16,09 Meter und oben je 14,60 Meter Seitenlänge. Der südliche Turm misst bis zum Wetterhahn 102,60 Meter (davon sind 58,07 Meter gemauerter Backstein). Das Mauerwerk der Türme ist oben 2,14 Meter stark. Im Innern der Türme ist ein Tretrad zum Aufzug von Materialien erhalten geblieben.

Glocken Das Geläut der Nikolaikirche besteht aus drei Bronzeglocken, die im Südturm hängen. Eine der Glocken stammt aus der Barockzeit, gegossen vom Stück-, Rot- und Glockengießer Johann Gottfried Wosaeck aus dem damaligen schwedisch-pommerschen Stralsund. Des Weiteren ist eine kleine Glocke aus dem Jahr 1595 im Kirchenraum abgestellt.youtube.com: Stralsund - Glocken der St.-Nikolai-Kirche Glocke Durchmesser Schlagton Giesser Gussjahr 1 1423 mm cis′+5 Gebrüder Ulrich (Apolda) 1925 2 1363 mm d′+4 Adam Lehmeier (Stralsund) 1662 3 1198 mm e′+5 Schilling (Apolda) 1966 4 426 mm a″+9 Gregor Czerman (Stralsund) 1595

Ausstattung Übersicht mini|St. Nikolai und Stralsunder Rathaus am Alten Markt mini|Farbig ausgemaltes Kreuzrippengewölbe Je neun Arkadenpfeiler trennen das Mittelschiff und die beiden Seitenschiffe voneinander. Mit den beiden Eckpfeilern im Chorschluss stehen damit zwanzig Pfeiler im Kirchenraum. Die westlichen Pfeiler gehören zum eigentlichen Kirchenschiff, die östlichen tragen den Hohen Chor. Die Pfeiler im Schiff sind achteckig ausgeführt, die Pfeiler des Chores rautenförmig.

Gut erhalten bzw. aufwändig restauriert sind Zeichnungen und Malereien an den Wänden und Stützpfeilern der Kirche.

Viele Bilder, Altäre und andere Kunstwerke der Kirche wurden am 10. April 1525 beim Stralsunder Kirchenbrechen zerstört. In den Folgetagen wurden viele Güter wiederbeschafft, die von Plünderern weggebracht worden waren. Diese allerdings wurden auf Hinwirken des Rates der Stadt, darunter Bürgermeister Franz Wessel, im Hof des Katharinenklosters vergraben, „damit nicht mehr Abgötterei und Missbrauch damit getrieben werde“, wie es Wessel formulierte. Später wurden viele gotische Bauteile durch barocke ersetzt, die farbliche Gestaltung wich bis 1702 der Farbe Weiß. Von 1891 bis 1909 dauerte die Wiedererneuerung der Kirche mit der Wiederherstellung der Farbgestaltungen.

Chöre Hochchor Der Hochchor von St. Nikolai besteht aus Sanktuarium, dem Ort des Hochaltars, und Vorchor. Die Choranlage ist dreischiffig ausgeführt und mit einem Kreuzrippengewölbe überwölbt. Im Hochchor sind der Hochaltar, Chorschranken und die astronomische Uhr untergebracht.

Auch nach der Reformation wurde in der nun evangelischen Kirche die Trennung von Hochchor und Mittelschiff durch die Chorschranken beibehalten. Im Hochchor wurden allerdings die barocken Beichtstühle und nach Westen ausgerichtetes Gemeindegestühl aufgestellt. Die Chorschranken waren noch 1708 erneuert worden; Mitte des 19. Jahrhunderts und nochmals nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es Bestrebungen, die als störend empfundenen Chorschranken zu beseitigen. Die Beichtstühle wurden nach Einbau der Buchholz-Orgel 1840/41 entfernt. In den 1980er Jahren wurde das Gemeindegestühl durch eine freie, wieder auf den Hochaltar ausgerichtete Bestuhlung ersetzt.

Kleiner Orgelchor Über dem Hochaltar befindet sich der kleine Orgelchor. Er ist in spätgotischem Stil ausgeführt. Darauf sind neben Heiligenbildern vier Wappen abgebildet: Der Barther Greif, der Stralsunder Pfeil, der Tribseeser Turm sowie ein dem 1505 verstorbenen Erzdiakon Gerwin Ronnegarwe zugeschriebenes Wappen mit goldener Garbe auf rotem Feld. Auf dem kleinen Orgelchor stand eine Orgel, die nicht mehr existiert.

Bläserchor Der Bläserchor aus dem Jahr 1505 im Mittelschiff, auch spätgotisch gehalten, ähnelt dem kleinen Orgelchor. Bilder von Jesus und den zwölf Aposteln sind an seinen Seiten angebracht. Eine Inschrift besagt, dass der Chor von „irhan schulte van valckenberch“ geschaffen wurde.

Goldener Wappenfries Das obere Mittelschiff trägt einen goldenen Fries mit 50 Wappen von Ratsherren der Stadt; dieser Fries stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert.

Träger der Wappen waren einige Bürgermeister der Stadt, wie Bartholomäus Sastrow, aber auch einfache Ratsherren wie Arnd Schwarte, Christian Ehrenfried Charisius, Matthias und Heinrich Hagemeister und andere.

Eine ausführliche Darstellung aller Wappeninhaber veröffentlichte Hagemeister in der 1909 erschienene Festschrift Die Nikolaikirche. Ein Gedenkblatt zu ihrer Einweihung.

Altäre und Gestühl Hochaltar

Der hölzerne Hochaltar der Nikolaikirche ist etwa zwölf Meter hoch. Der Flügelaltar birgt über 100 geschnitzte Figuren. Zwei bewegliche Seitenschreine flankieren den festen Mittelschrein, der auf der Predella steht. Eine überaus reiche Gestaltung schließt den Altar nach oben ab. links|mini|hochkant=1.25|Hochaltar

Die ersten Arbeiten am Hochaltar stammen von einem unbekannten Künstler vom Anfang des 14. Jahrhunderts. Er schnitzte die drei Figuren oben auf dem Mittelschrein: Der heilige Nikolaus steht zwischen der heiligen Katharina (links) und einem nicht näher zu bestimmenden Heiligen (rechts). Alle drei Skulpturen sind stark beschädigt, und die üblichen Attribute fehlen. Die Figuren waren wahrscheinlich zunächst für einen anderen Zweck bestimmt und wurden erst später auf den Altar gesetzt. Neben ihrem Künstler waren vermutlich drei weitere am Altar beteiligt; die technische Ausführung der Schnitzereien legt verschiedene Künstler jeweils für die Predella, Jesus am Kreuz und die Schreinfiguren nahe.

Bei einer Restaurierung im Jahr 1856 durch die Werkstatt Holbern aus Berlin wurde das zweite bemalte, äußere Flügelpaar abgenommen und hinterm Altar verwahrt, die Innenflügel wurden unbeweglich gemacht und dafür ein grüner Zugvorhang angebracht, der den Hauptschrein schützen sollte. Ein Fries wurde zwischen Aufsatz und Hauptwerk eingezogen und der Rahmen vergoldet, der alte Altartisch wurde zudem verputzt und mit einer Marmorplatte statt der alten Kalkdecke versehen.

Der aus vier Holzplatten herausgearbeitete Mittelschrein zeigt die Kreuzigung Jesu, neben Jesus die Schächer am Kreuz. Ein Engel führt die Seele des guten Schächers in den Himmel, ein Teufel die des bösen in die Hölle. Am unteren Bildrand links ist Maria, die Mutter Jesu, dargestellt. Sie ist in ihrem Leid zusammengesunken, zu ihrer Rechten wird sie von dem Apostel Johannes gestützt und zur Linken von einer Frau, wahrscheinlich einer der Jüngerinnen, die am Ostermorgen zum Grab gehen. Hinter beziehungsweise über Maria ist Maria Magdalena zu sehen, voller Gram. Unterm Kreuz steht die Frau des Pontius Pilatus, die beim links oben stehenden Hauptmann Fürbitte einlegt. Pontius Pilatus selbst ist hinter ihr auf einem Pferd dargestellt. Ganz in seiner Nähe stehen die drei Weisen aus dem Morgenlande. Aus dem Tor zur Linken bewegt sich ein Zug von Kriegern nach Golgota, in der rechten Ecke beratschlagt der Hohe Rat. Ein Kastell stellt Jerusalem dar.

Die beiden Seitenschreine enthalten sechs Darstellungen: Jesus am Ölberg, die Dornenkrönung und die Kreuztragung links sowie den Kuss des Judas, das Verhör bei Pilatus und die Geißelung rechts.

Auf der Predella sind die Verkündigung des Engels an Marie, die Geburt Jesu und seine Beschneidung dargestellt.

Barocker Hauptaltar Der barocke Hauptaltar, liturgisches Zentrum im Mittelschiff, wurde in den Jahren 1706 bis 1708 in der Werkstatt von Thomas Phalert in Stralsund geschaffen. mini|Barocker Hauptaltar (Vorderseite) mini|Barocker Hauptaltar (Rückseite) Er ersetzte das zuvor an diesem Platz stehende Antwerpener Retabel, das sich heute in der Dorfkirche Waase auf Rügen befindet. Offenbar bestand ein großes Bedürfnis, angesichts der Anfang des 18. Jahrhunderts immer noch stark vorreformatorisch geprägten Ausstattung ein den aktuellen protestantischen Vorstellungen entsprechendes Zentrum zu schaffen. Den Provisoren war es zudem wichtig, mit diesem Altar ein die Ratskirche prägendes pommersches Alleinstellungsmerkmal zu erhalten.Jan von Busch: Eine besondere kunstgeschichtliche Ausprägung des Pietismus in Vorpommern: Die zahlensymbolischen Darstellungen an Altaraufsätzen des frühen 18. Jahrhunderts, in: Zeitschrift POMMERN, Ausgabe 2 / 2022, S. 12

Weil die Auftraggeber Zweifel an der diesem hohen Anspruch genügenden Kompetenz Phalerts hegten, wurde der preußische Hofbildhauer Andreas Schlüter in Berlin zu Rate gezogen. Schlüter lieferte einen Riss als Orientierungsgrundlage, der zahlreiche (nicht erhaltene) frühere Entwürfe korrigierte. Es ist auch anzunehmen, dass Gesellen Schlüters zur Unterstützung Phalerts nach Stralsund geschickt wurden, zu denen mutmaßlich auch der später in Pommern so bedeutende Elias Keßler gehört haben mag.

Der eigentliche Altaraufsatz ist integriert in eine überaus groß dimensionierte Gesamtkonzeption. Bekrönt wird sie mit einem Triumphkreuz und den darunter befindlichen Gnadenzeichen Glaube und Hoffnung. Seitlich eingefasst wird der Aufsatz durch eine Gitterkonstruktion, die den Chorbereich vom Langhaus trennt. Auffälligstes Merkmal ist die große Gloriaszene, die unterhalb der gewöhnlich die Predella bildenden Abendmahlsszene angeordnet ist und mit der Position auf Augenhöhe das eigentliche Betrachtungszentrum bildet. In ihr ist ein komplexes zahlensymbolisches Bildprogramm enthalten, das mit 32 Engeln in einer großen blaugrün gefassten Wolkengloriole und den göttlichen Gnadenzeichen den Betrachter in die christliche Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zur Offenbarung einbezieht. Im Zentrum befindet sich das trinitarische Dreieck mit hebräischen Buchstaben (drei Jodim sowie das darunter befindliche Vokalzeichen Quamäz); mit dieser Darstellung wird das göttliche Schöpfungswort verkörpert, womit die Darstellung insgesamt in ihrer Funktion als göttliche Anrede verstanden werden soll.

In der liturgischen Praxis diente diese Darstellung vor allem dem Abendmahl, das damals mit einem Umgang zelebriert wurde: Man bekam links die Hostie, wanderte um den Altar und erhielt dann rechts den Wein. Aus diesem Grund entstand später das Bedürfnis zur Gestaltung auch der Altarrückseite, die 1733 durch Michael Müller (Stralsund) geschaffen wurde.Zeitschrift POMMERN, Ausgabe 2 / 2022, S. 12 Diese Darstellung enthält ebenfalls eine Wolkengloriole, die allerdings den himmlischen Bereich kennzeichnet.

Die zehn um das trinitarische Dreieck mit dem Gottesnamen JHWH als Cherubim und Seraphim gruppierten plastischen Engelsfiguren spielen auf die zehn Emanationen Gottes (Sephiroth) an.Zu diesem Aspekt siehe ausführlich: Jan von Busch, Die St. Trinitatis-Kirche zu Warlitz. Geschichte und Bedeutung. Schwerin 2020, insbesondere S. 109–112