On Fairy-Stories ist ein Essay des Schriftstellers und Philologen J. R. R. Tolkien aus dem Jahr 1939. In einem Vortrag am 8. März 1939 referierte Tolkien über die fairy-stories (Märchen, fantastische Geschichten) als Literaturform und darüber, was diese Geschichten ausmacht.

Hintergrund Das Essay wurde ursprünglich unter dem Titel Fairy Stories verfasst und war als Beitrag zu der nach Andrew Lang benannten Vortragsreihe an der University of St Andrews in Schottland entstanden. Im Jahr 1947 erschien das Werk erstmals in etwas abgeänderter Form als gedruckte Version in einer Festschrift Essays Presented to Charles Williams, in der Essays von weiteren Autoren wie Clive Staples Lewis, Warren Hamilton Lewis, Dorothy Leigh Sayers, Arthur Owen Barfield und Gervase Mathew enthalten waren.Frank Weinreich: Über Märchen – Tolkiens Sicht des Phantastischen auf polyoinos.de. Charles Williams war wie die Gebrüder Lewis und Tolkien ein Mitglied der Inklings, die sich in den 1930er Jahren regelmäßig an der Universität Oxford zu einem literarischen Diskussionskreis zusammenfanden. Geplant war die Präsentation des Essaybandes nach der Rückkehr von Williams am Ende des Zweiten Weltkrieges. Da Williams jedoch am 15. Mai 1945 verstarb, wurde das Buch zu seinem Gedenken herausgegeben.

On Fairy-Stories wurde im Jahre 1966 in The Tolkien Reader und 1964 gemeinsam mit Leaf by Niggle im Buch Tree and Leaf veröffentlicht.On fairy-stories. auf tolkiengesellschaft.de.

Inhalt Die Abhandlung Tolkiens über die Bedeutung der Märchen fand reges Interesse. Er vergleicht darin die Rolle des Erzählers der „fairy-stories“ und der fiktiven Welten mit der Schöpferkraft Gottes. Das Wesen fantastischer Geschichten oder Legenden beruhte nach seiner Meinung auf der „sub-creation“ des Erzählers. Diese „sub-creation“ lässt die Visionen der Fantasie erst wirksam werden. In dem Vortrag prägte Tolkien zudem den Begriff der „Eukatastrophe“. Diese bezeichnet die Wendung einer Handlung zum Guten, also zum „Happy End“ einer Geschichte.John Ronald Reuel Tolkien – Sein Werk und sein Wirken. auf tolkiengesellschaft.de.

In der Vorlesung fasste Tolkien seine eigenen Erkenntnisse über die fantastische Literatur und die Aspekte der Mythologie zusammen. Eine seiner Thesen besagte, dass „fairy-stories“ nicht generell als Märchenerzählungen für Kinder angelegt seien. Der Erzähler schafft quasi als „Nebenschöpfer“ für das Publikum eine Parallelwelt. Diese fantastische Umgebung kann der Zuhörer oder Leser in der eigenen Gedankenwelt betreten. Alles dort erscheint real und greifbar, solange er sich in diesem Raum bewegt, alles erscheint natürlich und wird vom Publikum nicht hinterfragt.

Tolkien selbst sagte dazu laut Aussage in Humphrey Carpenters Biografie:

Die Nebenschöpfung („sub-creation“) zeigt eine Abhängigkeit der Fantasie von der realen Welt, da der Autor immer auf ihm Bekanntes zurückgreifen muss, selbst wenn er etwas völlig Unbekanntes beschreiben möchte. Daher benutzte Tolkien hier die Begriffe einer primären und sekundären Welt. Nach Tolkiens Ansicht muss eine Schöpfung oder Kreation, unabhängig davon, ob es sich dabei um ein Musikstück, ein Bild, ein plastisches Kunstwerk oder eine „fairy-story“ handelt, für sich einen Anspruch auf Wahrhaftigkeit oder Wahrheit erheben, da sie sonst unglaubwürdig ist. Er stellte also bei seiner Definition, was eine „fairy-story“ ausmacht, den Anspruch auf Glaubwürdigkeit.

Tolkiens Definition der fairy-story Tolkien befasste sich in dem Vortrag zunächst mit der Frage des Begriffs „fairy-stories“. Laut dem Oxford English Dictionary handelt es sich um „a children’s tale about magical and imaginary beings and lands“, also eine Erzählung für Kinder über magische und imaginäre Wesen und Länder. auf oxforddictionaries.com. Ebenso wie dieser Eintrag Tolkien ungeeignet erschien, verhielt es sich mit dem Begriff „fairy“, als ein kleines unwirkliches Wesen in menschenähnlicher Form, das magische Kräfte besitzt, und überwiegend als weibliche Art in Erscheinung tritt. Märchen (fairy-story) wurden seit einem Eintrag aus dem Jahr 1750 wie folgt definiert: Entweder eine Erzählung oder Legende über Feen (fairies) oder eine unwirkliche, unglaubliche Geschichte bis hin zur Unwahrheit also quasi einem Lügenmärchen.On fairy-stories auf brainstorm-services.com (PDF, S. 2–5.)

Tolkien nahm hier insbesondere auf den ersten Aspekt Bezug, den er jedoch etwas weiter gefasst sehen wollte, da ihm die Definition des lexikografischen Eintrags zu eng mit dem Begriff der Feen als „übernatürliche Wesen von geringer Größe, die im Volksglauben magische Kräfte besitzen und großen Einfluss zum Guten oder zum Bösen über die Angelegenheiten des Menschen haben sollen“ verbunden schien. Mit einem Auszug aus der Ballade über Thomas the Rhymer367. Thomas the Rhymer auf bartleby.com. versuchte er auszudrücken, dass der Weg ins Feenland weder eine Straße sei, die in den Himmel führe noch in die Hölle.

Thomas the Rhymer deutsche ÜbersetzungO see ye not yon narrow road So thick beset wi’ thorns and briers? That is the path of Righteousness, Though after it but few inquires. And see ye not yon braid, braid road That lies across the lily leven? That is the path of Wickedness, Though some call it the Road to Heaven. And see ye not yon bonny road That winds about yon fernie brae? That is the road to fair Elfland Where thou and I this night maun gaeOh siehst du nicht diesen schmalen Weg So dick besetzt mit Dornen und Disteln? Das ist der Pfad der Rechtschaffenheit, Und doch wird er nur von wenigen erwählt. Und siehst du nicht den weiten, breiten Weg Der quer über das Lilienfeld führt? Das ist der Pfad der Schlechtigkeit. Auch wenn manche ihn die Straße zum Himmel nennen. Und siehst du nicht diesen lieblichen Weg Der sich über den Abhang windet im Farn? Das ist der Weg ins schöne Elfenland Wo du und ich heute Nacht traumwandeln.

Auch beschäftigte ihn die Frage, warum Feen oftmals als kleinwüchsige Wesen beschrieben wurden. In den Erzählungen über das Land „Fairie“ gab es seit alters her auch kleinwüchsige Bewohner, die aber kaum unter den Begriff diminutiv fallen und die Kleinwüchsigkeit war kein charakteristisches Merkmal dieser Menschenrasse. Daher vermutete Tolkien, dass sich das Bild dieser Wesen, welches sich in England verbreitet hatte, ein Produkt der literarischen Fantasie der Erzähler darstellte. Im normalen englischen Sprachgebrauch sind „fairy-stories“ keine Geschichten über Feen oder Elfen, sondern über „Fairy“ oder „Faerie“, ein Reich oder einen Staat, in dem Feen heimisch sind. In dem Land „Faerie“ existieren neben Elfen und Feen, beispielsweise Drachen, Hexen, Riesen, Trolle, Zauberer und Zwerge. Es gibt dort ebensolche Meere, eine Sonne, den Mond oder Himmel und Erde und auch die Menschen, wenn sie sich von diesem Land verzaubern lassen oder selbst verzaubert sind.

Tolkien benutzte in seinem Vortrag bewusst die Begriffe „fairy-story“ (Feengeschichte) und nicht „fairy-tale“ (Feenmärchen). Er beschrieb, was nach seiner Ansicht nicht als „fairy-story“ angesehen werden kann. Wie gut eine „fairy-story“ also ist, hängt davon ab, ob beim Publikum Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Ereignisse aufkommen. Sobald sich der Unglaube ausbreitet, ist der Leser geneigt in die Primärwelt zurückzukehren und das Ganze als Humbug abzutun, anderenfalls wird er in der Sekundärwelt verharren und den Verlauf der Geschichte weiter verfolgen.

Abgrenzung der fairy-story von anderen fantastischen Erzählungen Tolkien unterscheidet hier zwischen „fairy-stories“, die von „Faerie“ erzählen und Geschichten wie beispielsweise der Reise nach Liliput (A Voyage to Liliput) von der im Blue fairy bookAndrew Lang: The blue fairy book. Hesperus Minor, London 2013, ISBN 978-1-84391-477-8. von Andrew Lang erzählt wird, da deren Protagonisten in der Primärwelt leben. Es wurde nach Tolkiens Ansicht in den „Twelve books of twelve colours“ aufgenommen, weil die Bewohner Liliputs sich durch ihre Kleinwüchsigkeit auszeichnen. Aber diese Kleinheit ist in „Faerie“, ebenso wie in der realen Welt nur eine genetische Variante. Pygmäen sind nach seiner Auffassung den Feenwesen nicht näher als beispielsweise die Bewohner Patagoniens. Derartige Erzählungen schloss Tolkien von dem Begriff der „fairy-story“ aus und ordnete sie einer anderen literarischen Art wie der Satire (Die Abenteuer des Barons von Münchhausen) oder fantastischen Reiseberichten zu. Auch wenn sie von vielen wundersamen Dingen berichten so doch immer von Ereignissen, die sich in der sterblichen Welt abspielen könnten; zu irgendeiner Zeit oder an einem Ort in der realen Welt.

Kindermärchen wie beispielsweise Aschenputtel oder Rotkäppchen zählte Tolkien nicht zu den „fairy-stories“, sondern charakterisierte sie als Märchenerzählungen, da in ihnen oftmals keine Feen enthalten sind und der fantastische Aspekt zumeist fehlt. Geschichten, die als wesentliches Merkmal die Satire nutzen oder die dem realen Verhalten einen Spiegel vorhalten gehören ebenso nicht dazu wie Traumgeschichten (beispielsweise Lewis Carrolls Alice im Wunderland).

Ursprünge der fairy-story Ein weiterer Punkt mit dem sich Tolkien in dem Essay im Abschnitt „Origins“ beschäftigte waren die Quellen der Erzählungen. Er befasste sich insbesondere mit der Herkunft der Märchenelemente und der Frage nach den Ursprüngen ihrer Sprache und der beabsichtigten Wirkung. Woher kommen die Märchenelemente wie beispielsweise entnehmbare Herzen (Das kalte Herz), Roben aus Schwanenfedern (Schwanenjungfrau), magische Ringe, willkürlich erscheinende Verbote oder Aufgaben, böse Stiefmütter (Schneewittchen, Aschenputtel) oder die Feen (Dornröschen) selbst. Die rein wissenschaftliche Betrachtung, wie sie durch Volkskundler oder Anthropologen getätigt werden, führte dabei, nach Tolkiens Meinung, zu Fehlinterpretationen, da die Geschichten nicht in ihrer ursprünglichen Verwendung betrachtet, sondern in die Richtung des eigenen Interessengebiets ausgelegt würden. Dabei würde oftmals davon ausgegangen, dass beispielsweise Erzählungen, in denen gleiche Elemente vorkommen, die ein sehr ähnliches volkstümliches Motiv aufweisen oder sich aus Kombinationen von diesen zusammensetzen, auf einer identischen Geschichte basieren. So wurde in Abhandlungen beschrieben, dass Beowulf lediglich eine Variante von Dat Erdmänneken darstelle oder die Erzählung Black Bull of Norroway sei identisch mit Die Schöne und das Biest. Der Frage nach den Ursprüngen maß er jedoch keine tragende Rolle in seinem Vortrag bei. Zudem kamen nach seiner Meinung hier drei Punkte zusammen, die zur Entstehung der „fairy-story“ führten. Die eigenständige Erfindung des Urhebers, die Weitergabe und die Veränderung oder Vermischung bei der Verbreitung haben einen Einfluss auf die endgültige Geschichte, die sich im Nachhinein nur schwerlich ergründen lasse. Von diesen Ursprüngen sah er die Erfindung also die Urheberschaft als die wichtigste aber auch die geheimnisvollste an.