mini|Die Lage des Kastells am oberpannonischen Donaulimes mini|Ausschnitt aus der Tabula Peutingeriana mit den Grenzgarnisonen und den Entfernungen in römischen Meilen. Bedeutende Orte sind mit einem Doppelhäuschen gekennzeichnet: Carnunto – 14 – Gerulatis – 16 – Ad Flexum – 13 – Stailuco – 12 – Arrabo fl. – 30 – Brigantio – 5 – Lepauist – 13. mini|Der ungefähre Standort des Kastells Ad Flexum mini|Ad Flexum (oben) in der Notitia Dignitatum, Abbildung auf der Kastelliste des Dux Pannoniae Primae et Norici Ripensis

Das Kastell Ad Flexum ist ein ehemaliges römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Pannonicus entlang der Kleinen Donau (auch: Wieselburger Donauarm) zuständig war. Der Strom bildete in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die Lage des Kastells innerhalb des Stadtgebiets von Mosonmagyaróvár in Ungarn ist bis heute nicht bekannt. Lediglich anhand der Fundhäufung und der historischen Stadtentwicklung kann der Versuch gemacht werden, das ungefähre militärische Zentrum des Garnisonsorts im heutigen Stadtteil Lucsony zu bestimmen. Das dort ebenfalls gelegene zivile Lagerdorf, der Vicus, ist dem entgegen besser bekannt und durch Ausgrabungen belegt.

Lage Die Topographie und Hydrologie hat sich insbesondere südlich von Mosonmagyaróvár seit der Antike stetig verändert. Doch auch der Bereich am Garnisonsort Ad Flexum war landschaftlichen Veränderungen unterworfen. Die Ursache hierfür bildet die Donau, die sich immer wieder neue Wege durch das Land gesucht hat und mit ihrem Geschiebe und den Hochwässern die Flora und Fauna durch die Ausprägung immer neuer Flussschleifen beeinflusste.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 42. Die Schwierigkeiten, das donaunahe sumpfige Land aufzusiedeln und Straßen anzulegen, wurden durch das Klimaoptimum in den ersten beiden Jahrhunderten n. Chr. gemildert.In Bezug auf den Neusiedlersee siehe: Elmar Csaplovics: Zur Topochronologie der Landschaft um den Neusiedler See bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. (= Burgenländische Forschungen 91) Land Burgenland, Eisenstadt 2005, ISBN 3-901517-50-2, S. 71. Später hat der Mensch die natürliche Topographie stark überprägt. Antike Fundspuren finden sich insbesondere westlich der von Nordwesten kommenden Leitha und in der Nähe des Winkels, in dem sie der Kleinen Donau zufließt. Nahe dieser Mündung befinden sich auch Fundamente eines monumentalen spätantiken Bauwerks, das als möglicher Ländeburgus gedeutet werden kann.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 18.Burgus Ad Flexum 4 bei ; Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2, National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 395. Die Kleine Donau ist ein weitgehend natürlich verlaufender Nebenarm des nordöstlich liegenden Hauptstroms der Donau. Sie bildet weit ausladende Mäander und umgrenzt mit dem Hauptstrom eine große, von zahlreichen Altarmen durchzogene Flussinsel.

Forschungsgeschichte Die Identifizierung von Ad Flexum mit den von Alters her bekannten römischen Hinterlassenschaften, die südlich von Ungarisch Altenburg (Moson) zu Tage kamen, gelang dem Geographen Philipp Clüver (1580–1623).Philipp Clüver: Germaniae antiquae libri tres. Louis Elzevir, Leiden 1616, S. 20. Erst 1939 wurde Altenburg mit dem nahen Wieselburg (Magyaróvár) als Mosonmagyaróvár vereinigt. Anlässlich ihrer Reise entlang der Donau besuchten die Engländer Richard Pococke (1704–1765) und dessen Cousin Jeremiah Milles (1714–1784) Altenburg. Sie berichteten unter anderem: „Altenburg is thought to be Ad Flexum“ (Altenburg, so wird vermutet, ist Ad Flexum). Doch konnten sie vor Ort bereits keine antiken Überreste mehr finden.

Insbesondere die Forschungen der Archäologen Agost Sõtér (1837–1905) und Rezsõ Pusztai (1926–2004) haben im 19. und 20. Jahrhundert wertvolle Ergebnisse gebracht. 2003 konnte Ágnes Aszt die Untersuchungen im Vicus fortsetzen.Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2. National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 430.

Name Der Name Ad Flexum (bei der Biegung) bezieht sich wohl auf eine der ausladenden Flussschleifen der Kleinen Donau. Er wird in einigen der wichtigsten kartographischen beziehungsweise geographischen Werken der römischen Welt überliefert, die erhalten blieben. So im Itinerarium Antonini, einem Verzeichnis der wichtigsten römischen Reichsstraßen aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.Itinerarium Antonini: 247, 2; 267, 11 Nach der spätantiken Tabula Peutingeriana lag das Kastell 16 römische Meilen (23,66 Kilometer) von Gerulata entfernt.Elmar Csaplovics: Zur Topochronologie der Landschaft um den Neusiedler See bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. (= Burgenländische Forschungen 91) Land Burgenland, Eisenstadt 2005, ISBN 3-901517-50-2, S. 71; Kastell Gerulata bei . Südöstlich von Ad Flexum kennt die Tabula Peutingeriana als nächste Station Stailuco. Dieser Ort lag 13 Meilen (19,23 Kilometer) von Ad Flexum entfernt und wird zumeist mit dem im Itinerarium Antonini an dieser Stelle genannten Garnisonsort Quadrata gleichgesetzt.Elmar Csaplovics: Zur Topochronologie der Landschaft um den Neusiedler See bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. (= Burgenländische Forschungen 91) Land Burgenland, Eisenstadt 2005, ISBN 3-901517-50-2, S. 72. Ad Flexum findet auch im spätrömischen Staatshandbuch Notitia Dignitatum (vermutlich 395/425–433 n. Chr.) mit den damals dort in Garnison liegenden Truppenteilen Erwähnung.Notitia Dignitatum Occ. 34, 22 Zwar hat auch der im 1. Jahrhundert nach Chr. lebende Geograph Claudius Ptolemäus Ad Flexum erwähnt und die Legio Germanica XIIII Gemina hier verortet,Ptolemaios II. 14, 3 doch gibt es über die Richtigkeit dieser Angaben heute Zweifel. Der Althistoriker Géza Alföldy (1935–2011) hatte anfangs noch an die Richtigkeit dieser Angabe geglaubt, zumal der Archäologe István Paulovics (1892–1952) im Tor der Burg von Mosonmagyaróvár zwei vermauerte Werksteine mit Inschriften entdeckte,Rezsõ Pusztai: Ad Flexum (Mosonmagyaróvár). In: Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. István Király Múzeum, Székesfehérvár 1976, S. 15. die sich auf Bautätigkeiten dieser Legion beziehen.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in dem Raum von Mosonmagyaróvár. In: Acta classica Universitatis Scientiarum Debreceniensis, 30, 1994 (1995). S. 19–30: hier: S. 29.trajanische Inschrift der Zenturie des Zenturios Publius Fannius Maxsimius (!) . Doch ist die Herkunft der Inschriften ungewiss. Daher wies der Archäologe András Mócsy (1929–1987) darauf hin, dass Ptolemaios zwei der bedeutendsten pannonischen Garnisonsorte nicht erwähnte – Carnuntum und Aquincum. Möglicherweise unterlag der antike Geograph hier einer Verwechslung, zumal die Legio XIIII Gemina mit ihrer Hauptmacht über Jahrhunderte in Carnuntum lag.

Kastell, Vicus, Gräberfeld Die ergiebigsten Siedlungsspuren im 19. Jahrhundert wurden bei Sõtérs Grabungen im Jahr 1886 entdeckt. Sie fanden sich in den Ziegelfeldern am Leithakanal.Vicus Ad Flexum (Sõtér 1886) bei . Ein Verdienst von Pusztai ist es, seine Forschungsergebnisse und die seiner Kollegen zusammengefasst zu haben. Anhand seines Materials stellte er Überlegungen zum Verlauf verschiedener römischer Straßen im Bereich von Ad Flexum an und mutmaßte das Kastell selbst in Teilen der historischen Altstadt von Altenburg und des Károly-Parks. Diesen Schluss zog er, als in der Linhardt-Straße eine monumentale, 1,5 Meter breite Mauer freigelegt wurde.Linhardt-György-Straße bei . Ältere Überlegungen der Archäologen Paulovics und Aladár Radnóti (1913–1972), das Kastell im Bereich der Burganlage zu suchen, sind hinfällig.Burg bei . Problematisch bleibt eine Grabung von Paulovics im Burggraben von Mosonmagyaróvár, in dem er eine breite Mauer entdeckt haben will, da diese Untersuchung nicht dokumentiert wurde. Bei Grabungen durch Péter Tomka und Pusztai, die 1974 stattfanden, wurde im Umfeld der Burg ein breiter Graben freigelegt, in dem sich römische Keramikfragmente aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. befanden. Heute wird das Kastell eher im Stadtteil Lucsony gesucht. 2003 ergrub Aszt im unbebauten Bereich des Wasserturms von Lucsony die Überreste eines der römischen Steinhäuser von Ad Flexum.Ausgrabung 2003 bei ; Ágnes Aszt: Castrumok Mosonmagyaróvár területén. In: Castrum 3 (2006/1), S. 121–127; hier: S. 122; Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2, National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 395. Dieser Fund war eine weitere Bekräftigung zur Lage der Garnison.Zsolt Máté (Hrsg.): Frontiers of the Roman Empire – Ripa Pannonica in Hungary (RPH), Nomination Statement, Vol. 2. National Office of Cultural Heritage, Budapest 2011, S. 430. Die älteste vor Ort entdeckte Keramik weist darauf hin, dass Ad Flexum gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. gegründet wurde. Zu den wichtigsten bisher freigelegten Grablegen gehören vereinzelte Bestattungen des 4. Jahrhunderts n. Chr.

Truppe Zu den wichtigen militärisch relevanten Funden aus Ad Flexum, die archäologisch zweifelsfrei von diesem Garnisonsort stammen, gehören Ziegelstempel der LEG(io) X GE(mina) P(ia) F(idelis) und der FIG(lina) SAB(iniana). Die Figlina Sabiniana war eine zunächst privat betriebene Ziegelei, die im 4. Jahrhundert n. Chr. von der in Lauriacum stationierten Legio II Italica übernommen wurde und bei St. Pantaleon-Erla, im niederösterreichischen Bezirk Amstetten lag.Karlheinz Dietz: Ein ,Carnuntiner‘ Bronzestempel aus Dalmatien. In: Ekkehard Weber, Gerhard Dobesch (Hrsg.): Römische Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik (= Archäologisch-Epigraphische Studien, 1), Österreichischen Gesellschaft für Archäologie, Wien 1985, S. 129.

Folgende Besatzungseinheiten sind für Ad Flexum bekannt oder werden dort vermutet: