Die Autoritarismus-Studie (bis 2016 Mitte-Studie genannt) von Forschern der Universität Leipzig ist eine repräsentative Erhebung zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. Sie wird seit 2002 alle zwei Jahre von einer Arbeitsgruppe der Universität Leipzig unter Leitung der Sozialpsychologen Elmar Brähler und Oliver Decker und Mitarbeit von Johannes Kiess durchgeführt. Von 2006 bis 2012 wurde sie in Zusammenarbeit mit der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung als Teil deren Projekts „Gegen Rechtsextremismus“ (Forum Berlin) erstellt. Seit 2014 führen die Universität Leipzig und die Friedrich-Ebert-Stiftung jeweils eigene Mitte-Studien durch. Bei der Leipziger „Mitte“-Studie wurde eine Verschiebung des Fokus auf autoritäre Dynamiken durch die Aufnahme auch autoritärer Einstellungen anfänglich im Untertitel gekennzeichnet.Universität Leipzig: Neue Mitte-Studie der Universität Leipzig: Gesellschaft ist zunehmend polarisiert, Bereitschaft zu Gewalt steigt. Nachrichten, 16. Juni 2016 Seit 2018 heißen sie nicht mehr Mitte-Studie, sondern Autoritarismus-Studie.https://www.boell.de/de/2022/11/02/leipziger-autoritarismus-studie-2022-einladung-zur-pressekonferenzhttps://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie
2016 wurde die Studie von der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, der Linken-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung und der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung finanziert; die Studie Vom KZ zum Eigenheim – Bilder einer Mustersiedlung wurde von der Amadeu Antonio Stiftung und der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt unterstützt.Tagesschau.de, Die Leipziger „Mitte“-Studien 2016
Methoden und Ergebnisse der Autoritarismus-Studie der Universität Leipzig werden in der Extremismusforschung rezipiert.
Theoretische Grundlagen Die empirische Sozialforschung befasste sich seit der deutschen Wiedervereinigung 1990 verstärkt mit den Ursachen des Rechtsextremismus. Dabei konzentrierte sie sich auf manifestes rechtsextremes Verhalten, etwa Gewalttaten, weniger auf rechtsextreme Einstellungen und deren gesamtgesellschaftliche Entstehungsfaktoren. Die Mitte-Studien der Universität Leipzig wurden entwickelt, um diese Forschungslücke zu schließen und verschiedene theoretische Erklärungsmodelle empirisch zu prüfen. Dabei sehen die Initiatoren den Begriff „Extremismus“ kritisch, weil er rechte und linke „Extreme“ zu wenig unterscheide und zu stark von einer unbestimmten gesellschaftlichen „Mitte“ abgrenze. Sie behielten den Begriff „Rechtsextremismus“ aber für die darunter gefassten Einstellungsmuster bei, weil Begriffe wie „Fremdenfeindlichkeit“ nur Einzelaspekte erfassen oder wie „Autoritarismus“ nur eine einzelne Entstehungstheorie favorisieren.Decker/Brähler: Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland, 2006, PDF S. 9–12 Sie nutzten das sprachliche Paradox eines „Extremismus der Mitte“, um den ideologischen Gehalt beider Begriffe sichtbar zu machen: Die von vielen Parteien und Politikern für sich beanspruchte „Mitte“ bezeichne keine soziale Lage, sondern der Ausdruck plädiere für Maß und Mäßigung und solle aufzeigen, „dass in dieser Gesellschaft jeder sein Los selbst in der Hand hat.“Oliver Decker, Christoph Türcke: Die Mitte – ein mythischer Ort. Zeitschrift für kritische Theorie 22, Zu Klampen, Springe, S. 214–228. Dass die „Mitte“ trotz dieser Funktion nicht dem Rechtsextremismus gegenübersteht, soll der gewählte Titel betonen. Die Autoren schließen ausdrücklich an die Kritische Theorie und deren „Studien über Autorität und Familie“ und über die „autoritäre Persönlichkeit“ an.Oliver Decker, Johannes Kiess, Elmar Brähler: Rechtsextremismus der Mitte und sekundärer Autoritarismus. Psychosozial, Gießen, S. 21–34
Fragenkatalog Bei den Representativerhebung im Rahmen der Leipziger Mitte-Studien kommt seit 2002 ein „Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung“ zum Einsatz, der in mehreren Schritten entwickelt wurde. Im März 2001 trafen sich elf deutsche Experten der empirischen Sozialforschung, um unterschiedliche Messkonventionen zum Rechtsextremismus zu einer sogenannten Konsensdefinition zusammenzuführen: Elmar Brähler, Michael Edinger, Jürgen W. Falter, Andreas Hallermann, Joachim Kreis, Oskar Niedermayer, Karl Schmitt, Richard Stöss, Siegfried Schumann, Helmut Tausendteufel und Jürgen R. Winkler.Joachim Kreis: Zur Messung von rechtsextremer Einstellung, Berlin 2007, PDF S. 103 Sie diskutierten zunächst die Komponenten, aus denen Rechtsextremismus besteht. Im Ergebnis formulierten sie eine Arbeitsdefinition:Joachim Kreis: Zur Messung von rechtsextremer Einstellung. Berlin 2007, PDF, S. 5.
Diese Definition enthält sechs miteinander zusammenhängende Komponenten („Dimensionen“): Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus. Ob diese Komponenten durch eine gemeinsame Hintergrundvariable oder gemeinsame Schnittmengen verbunden sind, wurde nicht restlos geklärt. Konsens war, dass sich Rechtsextremismus wie Linksextremismus gegen den demokratischen Verfassungsstaat richtet, aber darüber hinaus eine spezielle Dimension hat, nämlich die Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur. Autoritarismus als solchen sahen die Wissenschaftler eher als unabhängige Variable. Sie diskutierten auch den Stellenwert des Antisemitismus im Rechtsextremismus und wählten den Begriff des Chauvinismus, um spezifisch rechtsextremen von demokratischem Nationalismus und Patriotismus zu unterscheiden. Sie verwarfen weitere Komponenten wie Law and Order, Freund-Feind-Denken, Antipluralismus, völkischen Kollektivismus und Gewaltbereitschaft als zu unspezifisch.Joachim Kreis: Zur Messung von rechtsextremer Einstellung. Berlin 2007, PDF, S. 10 f.
Als zweiten Schritt einigten sich die Experten auf einen Katalog von 30 Testfragen („Items“), je fünf pro Dimension. Diese sollten mit einer ersten Umfrage erprobt und dann auf zwei bis drei trennscharfe Items reduziert werden. Unklar war, ob man Demokratiefeindschaft mit denselben Items für Rechts- und Linksextremismus messen und die Ergebnisse dann in die Rechtsextremismusskala einbeziehen könne. Man einigte sich pragmatisch, nur eine spezifisch rechtsextreme Diktaturunterstützung zu messen und diese Komponente in die Gesamtmessung einzubeziehen.Joachim Kreis: Zur Messung von rechtsextremer Einstellung, Berlin 2007, PDF S. 11–14
Folgende 18 Fragen erwiesen sich in der ersten Studie 2002 als besonders trennscharf und wurden deshalb beibehalten: Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform. Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert. Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.
Chauvinismus Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben. Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland. Das oberste Ziel der deutschen Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.
Ausländerfeindlichkeit Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen. Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken. Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.
Antisemitismus Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß. Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen. Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.
Sozialdarwinismus Wie in der Natur sollte sich in der Gesellschaft immer der Stärkere durchsetzen. Eigentlich sind die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen. Es gibt wertvolles und unwertes Leben.
Verharmlosung des Nationalsozialismus Ohne Judenvernichtung würde man Hitler heute als großen Staatsmann ansehen. Die Verbrechen des Nationalsozialismus sind in der Geschichtsschreibung weit übertrieben worden. Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten.
Weiterentwicklung Im Sommer 2001 befragte das Institut USUMA im Auftrag der Universität Leipzig 4005 Westdeutsche und 1020 Ostdeutsche aller Altersgruppen zu rechtsextremen Einstellungen.Marc Coester: Hate Crimes: Das Konzept der Hate Crimes aus den USA unter besonderer Berücksichtigung des Rechtsextremismus in Deutschland. Peter Lang, Frankfurt am Main 2008, S. 416, Fn. 1295 Mit zwei weiteren Umfragen der Universitäten Leipzig (2002; erste „Mitte“-Studie) und Berlin (2003; erweitert und veröffentlicht 2004)Bodo Zeuner, Jochen Gester, Michael Fichter, Joachim Kreis, Richard Stöss: Gewerkschaften und Rechtsextremismus. Anregungen für die Bildungsarbeit und die politische Selbstverständigung der deutschen Gewerkschaften. Westfälisches Dampfboot, Münster 2007, ISBN 3-89691-590-8 wurde die vereinbarte Messkonvention auf Zuverlässigkeit getestet.
Dabei zeigten die Ergebnisse erhebliche Unterschiede. Bei einer Folgekonferenz 2004 diskutierten die beteiligten zehn Experten mögliche Ursachen dafür, darunter die verschiedene Zahl der Fragen und möglichen Antworten, Position bzw. Verteilung der Fragen und die Wahl des Schwellenwertes einer Rechtsextremismusskala. Sie beschlossen, die Methoden hinsichtlich dieser Punkte zu vereinheitlichen, die sechs Dimensionen beizubehalten und die 30 Items auf ein bis drei trennscharfe Items pro Dimension zu verringern.
Bei den „Mitte“-Studien von 2004 und 2006 wurden drei kombinierte Items pro Dimension erprobt. Konträr zur Berliner Studie von 2003, die anderthalbmal so viele rechtsextrem eingestellte Ostdeutsche wie Westdeutsche ergeben hatte,Michael Fichter, Richard Stöss, Bodo Zeuner: ergab die Leipziger Studie von 2006 knapp sieben Prozent weniger rechtsextreme Ostdeutsche als Westdeutsche. Darum ließen die Initiatoren die Datensätze beider Studien vergleichen. Der damit beauftragte Sozial- und Politikwissenschaftler Joachim Kreis führte die Unterschiede teils auf die verschiedene Interviewsituation, teils darauf zurück, dass viele der 2006 befragten Ostdeutschen eher die von ihnen vermuteten sozial erwünschten Antworten der Testfragen angekreuzt hätten. Er bestätigte damit einige Kritikpunkte Klaus Schroeders an der Messmethode von 2006, betonte zugleich aber die generelle Zuverlässigkeit der 2001 bis 2004 vereinbarten Komponenten und Items.Oskar Niedermayer, Richard Stöss: Vorbemerkung. In: Joachim Kreis: Zur Messung von rechtsextremer Einstellung, PDF S. 1–8 und S. 61–62
2007/2008 ist vom Team um Oliver Decker und Elmar Brähler eine Gruppendiskussionsstudie als Bestandteil der „Mitte“-Studien durchgeführt worden, 2016 wurde zeitgleich zur Veröffentlichung der Leipziger „Mitte“-Studie eine fotodokumentarische Studie veröffentlicht.