mini|280px|Erste Seite einer Handschrift von Īḍāḥ al-maqṣūd min maʿnā waḥdat al-wuǧūd, einem arabischen Traktat von ʿAbd al-Ghanī an-Nābulusī (gest. 1731) über die Wahdat al-wudschūd. Die Handschrift stammt aus dem 18. Jahrhundert und befindet sich in der Staatsbibliothek zu Berlin. Wahdat al-wudschūd () ist eine Lehre im Bereich der islamischen Philosophie und Mystik, nach der der monotheistische Gott mit der Existenz (wuǧūd) identisch ist und diese eine Existenz dasjenige ist, durch das alle existierenden Dinge (mauǧūdāt) existieren. Die in der neueren Forschung als ontologischer Monismus gekennzeichnete Lehre wird auf den andalusischen Sufi Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī (gest. 1240) zurückgeführt, wurde aber im Wesentlichen von den philosophisch orientierten Interpreten seiner Werke entwickelt.El-Rouayheb: Islamic Intellectual History in the Seventeenth Century. 2015, S. 237. In der Frühen Neuzeit erlangte sie große Popularität unter den Sufis. Einige muslimische Gelehrte wie Ibn Taimīya (gest. 1329), ʿAbd al-Qādir Badā'ūnī (gest. 1597/98) und Ahmad Sirhindī (gest. 1624) betrachteten die Wahdat al-wudschūd jedoch als eine pantheistische Irrlehre, die im Widerspruch zum Islam steht, und kritisierten, dass sie ihre Anhänger zu antinomistischem Verhalten verleite. In der Realität betonten aber viele Verfechter der Wahdat al-wudschūd, dass diese Lehre keine Rechtfertigung dafür liefere, die Scharia zu übertreten. Der ägyptische Gelehrte Murtadā az-Zabīdī (gest. 1790) beschrieb die Wahdat al-wudschūd als ein „berühmtes Problem“ (masʾala mašhūra), das zwischen den „Leuten der mystischen Wahrheit“ (ahl al-ḥaqīqa) und den „Gelehrten des Wortsinns“ (ʿulamāʾ aẓ-ẓāhir) heftig umstritten sei.Murtaḍā az-Zabīdī: Itḥāf as-sāda al-muttaqīn bi-šarḥ Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 1989. Bd. XII, S. 333. Digitalisat

Eine andere Bezeichnung für diese Lehre ist Tauhīd wudschūdī („existentieller Monismus, Bekenntnis zur existentiellen Einheit“).Ansari: “Ibn ʿArabī: The doctrine of Waḥdat al-Wujūd”. 1999, S. 149. Die Anhänger der Wahdat al-wudschūd wurden auch als Wudschūditen (Wuǧūdīya)Al-Qummī: Ḥikmat al-ʿārifin. 2018, S. 295. oder „Leute der Einheit“ (ahl al-waḥda) bezeichnet.

War Ibn ʿArabī der Begründer der Lehre von der Wahdat al-wudschūd? Viele muslimische Gelehrte betrachteten Ibn ʿArabī als den Begründer des wahdat-al-wudschūd-Konzepts. So beschrieben adh-Dhahabī (gest. 1348) und Dschāmī (gest. 1492) Ibn ʿArabī als „Vorbild derjenigen, die über die Wahdat al-wudschūd unterrichtet sind“ (qudwat al-ʿālimīn bi-waḥdat al-wuǧūd)aḏ-Ḏahabī: al-ʿIbar fī ḫabar man ġabar. Ed. Ṣalāḥ ad-Dīn al-Munaǧǧid. Dāʾirat al-maṭbūʿāt wa-n-našr, Kuwait 1960. Bd. V, S. 158f. Digitalisat bzw. als „Vorbild der Verfechter der Wahdat al-wudschūd“ (qudwat al-qāʾilīn bi-waḥdat al-wuǧūd).ʿAbd-ar-Raḥmān Ibn-Aḥmad Ǧāmī: Naqd an-nuṣūṣ fī šarḥ naqš al-fuṣūṣ. Ed. William C. Chittick. Teheran 1977. S. 18. Digitalisat Und der indische Naqschbandīya-Sufi Ahmad Sirhindī (1564–1624) erklärte in einem seiner Maktūbāt: „Der erste, der die Lehre von der existentiellen Einheit (at-tauḥīd al-wuǧūdī) klar ausgesprochen hat, war der Scheich Muhyī d-Dīn Ibn ʿArabī.“ Auch Schāh Walīyullāh betrachtete Ibn ʿArabī als den „Anführer derjenigen, die an die Wahdat al-wudschūd glauben“.Ansari: “Shah Waliy Allah attempts to revise waḥdat al-wujūd.” 1988, S. 205.

Demgegenüber hat der ägyptische Azhar-Gelehrte Muhammad Ghallāb (gest. 2023) Ibn ʿArabī 1969 in einem Gedächtnisband für ihn von der „häretischen“ Lehre der Wahdat al-wudschūd freigesprochen und behauptet, dass er nichts mit ihr zu tun habe. Dass Ibn ʿArabī diese Vorstellung aufgebracht habe, sei lediglich eine Erfindung der Orientalisten. Muḥammad Ġallāb: „al-Maʿrifa ʿinda Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī“ in Ibrāhīm Baiyūmī Madkūr (Hrsg.): al-Kitāb at-taḏkārī. Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī fī ḏ-ḏikrā al-miʾawīya aṯ-ṯāmina li-mīlādihi 1165 - 1240 m. Dār al-Kitāb al-ʿArabī, Kairo 1969. S. 181–206. Hier S. 202–204.

Explizite Aussagen Ibn ʿArabīs zur Einheit der Existenz Tatsächlich findet man in dem umfangreichen Korpus von Schriften Ibn ʿArabīs keine einzige Stelle, an der er den Ausdruck Wahdat al-wudschūd in dieser Form verwendet,Chittick: “Waḥdat al-wujūd in Islamic Thought”. 1991, S. 8. doch hat der syrische Wissenschaftler Bakri Aladdin auf mehrere Stellen hingewiesen, an denen Ibn ʿArabī sinngemäß von einer Einheit der Existenz spricht.Aladdin: “Oneness of Being (waḥdat al-wujud): The term and the doctrine” 2012, S. 21f. Es handelt sich um die folgenden Stellen: Im 113. Kapitel seines Werkes al-Futūḥāt al-Makkīya schreibt er: „Bejahe die Vielfalt in der Unveränderlichkeit (ṯubūt), halte sie jedoch von der Existenz (wuǧūd) fern. Bejahe die Einheit in der Existenz (al-waḥda fī al-wuǧūd), halte sie aber von der Unveränderlichkeit fern.“Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī: al-Futūḥāt al-Makkīya. Dār al-kutub al-ʿArabīya al-kubrā, Kairo 1911. Bd. II, S. 502, Zeile 5. Digitalisat Ähnlich äußert er sich in seinem Kitāb al-Alif: „Zahl und Vielfältigkeit erscheinen nur durch Sein Walten auf intelligiblen, nicht existenten Ebenen. So ist alles, was in der Existenz ist, eins (fa-kull mā fī l-wuǧūd wāḥid), denn wenn es nicht eins wäre, könnte man nicht in gültiger Weise bei Gott – gepriesen sei Er – die Einheit bestätigen.“Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī: Rasāʾil. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 2001. S. 37. Digitalisat In noch prägnanterer Form bringt Ibn ʿArabī diesen Gedanken in seinem Kitāb al-Ǧalāla zum Ausdruck: „So ist die gesamte Existenz in Wirklichkeit eins, und es gibt nichts neben ihr“ (wa-hākaḏā kull al-wuǧūd huwa wāḥid fī l-ḥaqīqa, lā šaiʾ maʿa-hū).Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī: Rasāʾil. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 2001. S. 51. Digitalisat Und in einem seiner sufischen Gebete (aurād) bittet Ibn ʿArabī Gott: „Ich bitte Dich, bei dem Geheimnis, mit dem Du die sich ergänzenden Gegensätze zusammenbringst, dass Du für mich alles, was in meinem Wesen uneins ist, in einer solchen Weise zusammenbringst, dass sie mich die Einheit Deiner Existenz erfahren lässt (an yušhidanī waḥdat wuǧūdika).“Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī: Aurād al-layāli as-sabʿa wa-l-aiyām as-sabʿa ʿalā t-tartīb. Muhyiddin Ibn 'Arabi Society, London 1988. S. 43. Online-Version – Siehe die englische Übersetzung von Pablo Beneito und Stephen Hirtenstein unter dem Titel The seven days of the heart: prayers for the nights and days of the week = Awrād al-usbūʿ (Wird). Anqa Publishing, Oxford 2000. S. 115. Beneito und Hirtenstein weisen darauf hin, dass in einigen Handschriften an der betreffenden Stelle nicht waḥdat wuǧūdika, sondern waḥdat wuǧūdī („die Einheit meiner Existenz“) steht.P. Beneito und St. Hirtenstein: The seven days of the heart: prayers for the nights and days of the week = Awrād al-usbūʿ (Wird). Anqa Publishing, Oxford 2000. S. 121. Dies gilt auch für die Berliner Arabische Sammelhandschrift Hs. or. 4551 von 1705, siehe dort die betreffende Stelle (fol. 79r–79v).

Mohsen Jahangiri, ehemaliger Professor für Philosophie an der Universität Teheran, hat außerdem auf einige Stellen in Ibn ʿArabīs Œuvre hingewiesen, an denen er wie die späteren Vertreter der wahdat-al-wudschūd-Lehre das Prinzip der Existenz auf Gott beschränkt bzw. Gott mit der Existenz gleichsetzt.Muḥsin Ǧahāngīrī: Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī: čihra-i bar-ǧasta-i ʿirfān-i islāmī. Universität Teheran, Teheran 1996. S. 268–272. Es handelt sich um die folgenden Stellen: Im achten Kapitel seiner Fuṣūṣ al-ḥikam erklärt Ibn ʿArabī: „Die kontingenten Dinge gehören eigentlich zur Nichtexistenz (ʿadam), denn es gibt keine Existenz außer der Existenz des Wahrhaftigen (wuǧūd al-ḥaqq) mit den Formen der Zustände, die die kontingenten Dinge in sich und in den Wesenheiten haben.“Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī: Fuṣūṣ al-ḥikam. Ed. Abū l-ʿAlāʾ ʿAfīfī. Dār al-Kitāb al-ʿArabī, Beirut ohne Datum. S. 96. Zeile 13–15 Digitalisat – Siehe die englische Übersetzung von R.W.J. Austin unter dem Titel The Bezels of Wisdom. Paulist Press, New York 1980. S. 115. Digitalisat Im 54. Kapitel von al-Futūḥāt al-Makkīya schreibt er: „Bei den Wahrheitssuchern (muḥaqqiqūn) steht fest, dass nichts in der Existenz ist außer Gott und, wenn auch wir existent sind, unsere Existenz nur dadurch ist. Derjenige, dessen Existenz durch etwas anderes ist, ist in Wirklichkeit nichtexistent.“Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī: al-Futūḥāt al-Makkīya. Dār al-kutub al-ʿArabīya al-kubrā, Kairo 1911. Bd. I, S. 279, Zeile 6f. Digitalisat Im 69. Kapitel desselben Werks, das von den Geheimnissen des Gebets handelt, erklärt Ibn ʿArabī, dass der wahrhafte Gläubige nur mit seinem Herrn rede, und keinen von den Knechten Gottes ins Vertrauen ziehe, ohne darin eine Zwiesprache mit seinem Herrn zu sehen. Dazu erklärt er: „Denn Gott ist die Existenz und das Existierende, und Er ist es, der in jedem Verehrten und in allem verehrt wird, und Er ist die Existenz von allem.“Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī: al-Futūḥāt al-Makkīya. Dār al-kutub al-ʿArabīya al-kubrā, Kairo 1911. Bd. I, S. 475, Zeile 18–21. Digitalisat Im 455. Kapitel von al-Futūḥāt al-Makkīya erklärt er, dass die koranische Aussage in Sure 57:3 „Er ist der Erste und der Letzte, der Sichtbare und der Verborgene“ darauf hinweise, dass Gott die ganze Existenz (al-wuǧūd kulluhū) ist.Muḥyī d-Dīn Ibn ʿArabī: al-Futūḥāt al-Makkīya. Dār al-kutub al-ʿArabīya al-kubrā, Kairo 1911. Bd. IV, S. 70, Zeile 5. Digitalisat

Die Idee der Einheit der Existenz vor Ibn ʿArabī Aussagen ähnlichen Inhalts findet man allerdings zum Teil auch schon bei muslimischen Autoren vor Ibn ʿArabī. So schreibt al-Ghazālī (gest. 1111) im Kapitel über die Gottesliebe in seinem Werk Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn, dass nichts in der Existenz selbst Bestand habe außer dem lebendigen Beständigen (= Gott), der in sich selbst bestehe (laisa fī l-wuǧūd šaiʾ la-hū bi-nafsihī qiwām illā l-qaiyūm al-ḥaiy allaḏī huwa qāʾim bi-ḏātihī), alles andere bestehe nur durch Ihn. Die Existenz des Universums gehöre zur Existenz Gottes so wie die Existenz des Lichts zur Sonne gehöre oder die Existenz des Schattens zum schattenwerfenden Baum.al-Ġazālī: Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn. Dār Ibn Ḥazm, Beirut, 2005. S. 1664. Digitalisat Murtadā az-Zabīdī (gest. 1790), der einen Kommentar zum Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn verfasste, meinte, dass man bei dieser Aussage, wenn man sie betrachte, eine Tendenz zur Wahdat al-wudschūd erkennen könne, die „die Leute der Wahrheit“ (ahl al-ḥaqīqa) lehrten. Al-Ghazālī habe noch an zahlreichen anderen Stellen seines Buchs auf sie hingewiesen, so im Kapitel über Geduld und Dank, wo er sage: „Die Betrachtung mit dem Auge des reinen Tauhīd lässt dich erkennen, dass außer Gott, dem Erhabenen, nichts im Dasein ist (an-naẓar bi-ʿain at-tauḥīd al-maḥḍ yuʿarrifuka annahū laisa fī l-wuǧūd ġairahū taʿālā)“, und darüber hinaus auch in seinem Buch Miškāt al-anwār.