Die Zwangsarbeit während des Ersten Weltkrieges zu Gunsten der deutschen Industrie und Landwirtschaft betraf vor allem Arbeitskräfte aus den eroberten Ostgebieten (Generalgouvernement Warschau und Ober Ost) sowie aus dem ebenfalls besetzten Generalgouvernement Belgien. Dabei war die Intensität und Dauer der Zwangsarbeit unterschiedlich ausgeprägt. Im Generalgouvernement Warschau und in Belgien waren offene Zwangsmaßnahmen auf die Zeit Ende 1916 und Anfang 1917 beschränkt. Davor und danach setzte man auf Anwerbemaßnahmen. In Ober Ost war Zwangsarbeit dagegen ein dauerhafter Aspekt der Besatzungspolitik.
Hintergründe mini|Propagandakarte von Ober Ost Bereits zu Beginn des Krieges eroberten die Deutschen Belgien und errichteten mit dem Generalgouvernement Belgien ein Besatzungsregime. Im Sommer 1915 gelang es den Deutschen und dem verbündeten Österreich-Ungarn im Osten das russische Polen, Litauen, Kurland und Teile von Belarus zu erobern. In Russisch-Polen errichteten die Deutschen das zivil verwaltete Generalgouvernement Warschau unter Generalgouverneur Hans von Beseler. Im Süden richtete Österreich-Ungarn das Generalgouvernement Lublin ein.
Im Baltikum und östlich des Generalgouvernements wurde ein militärisch verwaltetes Besatzungsgebiet eingerichtet. Eine Begründung für die andauernde militärische Kontrolle war die Nähe zur Ostfront. Dieses Gebiet unterstand dem Befehlshaber Ost und wurde daher als Ober Ost bezeichnet.Christian Westerhoff: Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg? In: Dieter Bingen, Peter Oliver Loew, Nikolaus Wolf (Hrsg.): Interesse und Konflikt. Zur politischen Ökonomie der deutsch-polnischen Beziehungen 1900–2007. Wiesbaden 2008, S. 144 f.
Alle Kriegsgesellschaften litten infolge der Einberufungen unter massivem Arbeitskräftemangel. Dies sollte durch eine Verstärkung der Frauenarbeit oder der Heranziehung von Jugendlichen ausgeglichen werden. Frankreich und England konnten zusätzlich auf das Arbeitskräftereservoir ihrer Kolonien zurückgreifen oder Arbeiter etwa in China anwerben.Volker Weiss: Die Arbeitskraft als Kriegsbeute. In: Jungle World. 22/2014 (Onlineversion) Zum Teil wie an der Palästinafront, wo die Briten hinter der Front massenhaft ägyptische Arbeiter einsetzen, kam es zu regelrechter Zwangsarbeit.Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. München 2014, S. 720. Beim Krieg in Afrika setzten alle Kriegsparteien, auch die Deutschen, bei der Rekrutierung der für die Kriegsführung unabdingbaren Träger zumindest im Verlauf des Krieges auf Zwangsmaßnahmen (Träger in Ostafrika im Ersten Weltkrieg).Michael Pesek: Das Ende eines Kolonialreiches: Ostafrika im Ersten Weltkrieg. Frankfurt am Main, 2010, S. 159.
Diese Möglichkeiten standen den Mittelmächten durch die Isolation der deutschen Kolonien und die alliierte Seeblockade nicht mehr zur Verfügung. Ein Arbeitskräftepotential boten die Kriegsgefangenen. Vor allem seit 1915 wurden diese vermehrt in der deutschen Wirtschaft eingesetzt. Ausgehend von großen Zwangsarbeiterlagern (z. B. Lager in Meschede) wurden die Gefangenen in Arbeitstrupps in verschiedenen Wirtschaftsbereichen eingesetzt. Der Einsatz von Kriegsgefangenen stand dabei im Einklang mit der Haager Landkriegsordnung und wurde von den meisten kriegsführenden Staaten betrieben. Im Sommer 1916 arbeiteten sowohl in Frankreich wie in Deutschland etwa drei Viertel der Kriegsgefangenen in der Wirtschaft.Oliver Janz: 14 – der große Krieg. Frankfurt am Main 2013, S. 129. Im Jahr 1916 arbeiteten von etwa 1,6 Millionen Kriegsgefangenen über 700.000 in der Landwirtschaft (45 %) und über 300.000 in der Industrie und im produzierenden Gewerbe (20 %). Hinzu kamen weitere kleinere Beschäftigungsbereiche. Nur etwa 180.000 Gefangene wurden nicht zur Arbeit herangezogen.Ulrich Herbert: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des Ausländereinsatzes in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Neuauflage. Bonn 1999, S. 31.
Dies alles reichte aber nicht, um den Arbeitskräftemangel in Deutschland zu kompensieren. Es lag nahe, daneben auch auf ausländische Beschäftigte zurückzugreifen. Dabei konnte man auf Vorkriegstraditionen der Ausländerbeschäftigung aufbauen. Die eroberten östlichen Gebiete waren seit den 1890er Jahren Herkunftsgebiete landwirtschaftlicher Saisonarbeiter in Deutschland. Damit diese nicht in die besser bezahlte Industriearbeit abwandern konnten, durften Arbeiter aus Osteuropa vor 1914 nicht jenseits der preußischen Ostprovinzen außerhalb der Landwirtschaft arbeiten. Im Westen kamen ausländische Arbeitskräfte insbesondere aus Italien und Österreich-Ungarn. Die Zahl ausländischer Arbeitskräfte, die um 1913 immerhin 700.000 betragen hatte, ging nach Beginn des Krieges um etwa 400.000 zurück. Schon kurz danach wurde es polnischen Arbeitskräften erlaubt, auch industrielle Arbeit anzunehmen.Ulrich Herbert: Zwangsarbeit als Lernprozess. Zur Beschäftigung ausländischer Arbeiter in der westdeutschen Industrie im ersten Weltkrieg. In: AfS 14/1984, S. 288 f.
Seit dem Spätherbst 1915 machte sich der Arbeitskräftemangel nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Industrie bemerkbar. Von Seiten der Industrie wurde daher auf die Heranziehung ausländischer Arbeitskräfte gedrängt. Traditionelle Anwerbeländer wie Österreich-Ungarn und Italien fielen kriegsbedingt aus. Neben Polen bot das besetzte Belgien – nicht zuletzt wegen der dort herrschenden hohen Arbeitslosigkeit – ein beachtliches Arbeitskräftepotential. Auch konnten die Militärbehörden durch das Ausüben von Druck auf die Arbeitslosen das Anwerben erleichtern. Zunächst begann man von deutscher Seite dort ab 1915 Arbeitskräfte anzuwerben.
Rückkehrverweigerung für polnische Arbeiter Insbesondere in Osteuropa war der Übergang von freiwilliger Anwerbung und Zwangsarbeit fließend. Nach Kriegsbeginn wurde etwa 200.000 bis 300.000 landwirtschaftlichen Saisonarbeitern vorwiegend aus dem russischen Teil Polens die Rückkehr in ihre Heimat verwehrt. Diese Bestimmungen wurden kurze Zeit später auf alle im Reich lebenden polnische Arbeiter ausgedehnt. Insgesamt waren davon etwa eine halbe Million polnische Arbeitskräfte betroffen. Der Zwangscharakter der Arbeit hatte soziale Verschlechterungen für die Arbeiter zur Folge. Die Real- und teilweise die Nominallöhne sanken, wenn nicht die Arbeitgeber nur mit Lebensmitteln oder nach dem Krieg einzulösenden Gutscheinen bezahlten. Wenn eine Bezahlung erfolgte, behielten militärische Stellen die Hälfte des Lohnes für die Zeit des Krieges ein. Zwar reagierten viele Arbeiter mit Kontraktbruch auf die Verschlechterung ihrer Lage, aber die Zwangsmittel der Militärbehörden zur Kontrolle und Repression war deutlich größer als die der Arbeitgeber in der Vorkriegszeit.Ulrich Herbert: Fremdarbeiter. Politik und Praxis des Ausländereinsatzes in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Neuauflage. Bonn 1999, S. 33.
Während man in Belgien die Phase der Anwerbung und der Phase der Zwangsrekrutierung klar unterscheiden kann, war dies in Polen nicht der Fall. Die Arbeitslosigkeit in Polen wuchs noch an, weil die deutschen Behörden weitere Betriebe stilllegten oder durch die Beschlagnahme von Rohstoffen oder Maschinen schwächten. Andere Betriebe mussten schließen, weil ihnen die Absatzmärkte wegbrachen oder wegen Rohstoffmangel nicht mehr produzieren konnten. Dadurch entstand erheblicher Druck auf die Arbeitslosen, sich anwerben zu lassen. In Polen wurden innerhalb eines Jahres etwa 50.000 Arbeiter für die Industrie und weitere 70.000 Arbeiter für die Landwirtschaft angeworben.Christian Westerhoff: Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg? In: Dieter Bingen, Peter Oliver Loew, Nikolaus Wolf (Hrsg.): Interesse und Konflikt. Zur politischen Ökonomie der deutsch-polnischen Beziehungen 1900–2007. Wiesbaden 2008, S. 145 f.
Der rechtliche Status der angeworbenen polnischen Arbeiter wurde bereits 1915 denen der 1914 an der Rückkehr in die Heimat gehinderten Beschäftigten angeglichen. Nach ihrer Ankunft in Deutschland konnten auch die neu Angeworbenen nicht wieder zurückkehren und auch die Freizügigkeit innerhalb Deutschlands war eingeschränkt. Nach Ablauf ihres Arbeitsvertrages konnten die Arbeiter auch durch Androhung von Haft zum Abschluss eines neuen Vertrages gezwungen werden. Organisiert wurde die Anwerbung polnischer Arbeitskräfte im Generalgouvernement Warschau von der Deutschen Arbeiterzentrale. Diese eröffnete insgesamt etwa 29 Büros zur Anwerbung.Ulrich Herbert: Zwangsarbeit als Lernprozess. Zur Beschäftigung ausländischer Arbeiter in der westdeutschen Industrie im ersten Weltkrieg. In: AfS. 14/1984, S. 290.
Die mehr oder weniger zwangsweise verpflichteten oder an der Rückkehr gehinderten Arbeitskräfte versuchten sich dem Dienst immer öfter durch Flucht zu entziehen. Zwischen Oktober 1915 und November 1916 verließen über 11.200 Polen ihre Arbeitsplätze. Ein Jahr später lag diese Zahl bereits bei fast 24.400.Ulrich Herbert: Zwangsarbeit als Lernprozess. Zur Beschäftigung ausländischer Arbeiter in der westdeutschen Industrie im ersten Weltkrieg. In: AfS. 14/1984, S. 291.
Zwangsarbeit in Ober Ost mini|Hindenburg und Ludendorff im Großen Hauptquartier in Bad Kreuznach 1917 Oberbefehlshaber in Ober Ost war bis 1916 Paul von Hindenburg und danach Prinz Leopold von Bayern. Zur Zeit Hindenburgs war Erich Ludendorff die eigentlich maßgebliche Persönlichkeit in diesem Gebiet, während Hindenburg eher eine repräsentative Funktion hatte. Erich Ludendorff und seine Untergebenen hatten das Gebiet zu einer Ausbeutungskolonie gemacht. Auch nach der Bildung der dritten OHL behielt Ludendorff großen Einfluss auf Ober Ost. Infolge der militärischen Verwaltung bestand für dieses Gebiet kaum eine öffentliche oder parlamentarische Kontrolle. Eine nennenswerte Tradition zur Saisonarbeit in Deutschland gab es im Baltikum kaum. Zudem waren Teile des Gebietes fast entvölkert, weil die Menschen vor der 2. Russischen Armee geflohen waren oder wegen angeblicher Kollaboration von den Russen nach Kriegsbeginn deportiert worden waren. Dies machte es schwierig, etwa für militärischen Infrastrukturprojekte genügend Arbeitskräfte zu bekommen. Diese wurde durch die schlechte Bezahlung und insgesamt schlechte Arbeitsbedingungen noch erschwert. Die Bereitschaft, freiwillig für die Deutschen zu arbeiten, war daher gering. Zwangsarbeit schien diese Problematik zumindest zu verringern.
Grundsätzlich gab es in Ober Ost zwei Formen der Zwangsarbeit. So wurden zunächst für Arbeiten in der näheren Umgebung der jeweiligen Wohnorte Arbeiter herangezogen. Die lokale Bevölkerung wurde etwa bei der Bewirtschaftung verlassener und beschlagnahmter Güter eingesetzt. Auch für Straßenbauarbeiten, bei der Waldarbeit oder zur Trockenlegung von Mooren wurden sie herangezogen. Teilweise mussten zwei bis drei Tage in der Woche Zwangsarbeit in dieser Form geleistet werden. Im Laufe der Zeit wurden immer größere Teile der Bevölkerung für solche Arbeiten herangezogen.Christian Westerhoff: Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg? In: Dieter Bingen, Peter Oliver Loew, Nikolaus Wolf (Hrsg.): Interesse und Konflikt. Zur politischen Ökonomie der deutsch-polnischen Beziehungen 1900–2007. Wiesbaden 2008, S. 181.