alternativtext=Cistophor aus Pergamon, ca. 135–128 v. Chr. mit dem Abbild einer halb geöffneten cista mystica mit Schlange und Efeukranz|mini|228x228px|Cistophor aus Pergamon, ca. 135–128 v. Chr. mit dem Abbild einer halb geöffneten cista mystica mit Schlange und Efeukranz. Münzkabinett Berlin Der Cistophor (von griechisch κιστοφόρος, kistophoros- latinisiert Cistophori; Singular Cistophorus, auch in der eingedeutschten Schreibweise Kistophor) war eine antike Silbermünze im hellenistisch-römischen Kleinasien. Der Cistophor weist gegenüber der bis dahin gebräuchlichen attischen Tetradrachme ein um ca. 25 % reduziertes Gewicht bei gleichem Nominalwert auf und bildete die Hauptwährung des geschlossenen cistophorischen WährungssystemsAndrew Meadows: The Closed Currency System of the Attalid Kingdom. In: Peter Thonemann (Hrsg.): Attalid Asia Minor. Money, International Relations, and the State. Oxford University Press, Oxford 2013, ISBN 978-0-19-965611-0, S. 149–205, hier S. 205.. In Gebrauch waren Cistophoren zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 2. Jahrhundert n. Chr.
Hauptzentren der Prägung waren unter anderem Pergamon, Ephesos und Tralles.
Begriff Die Bezeichnung Cistophor (wörtl. „der Kistenträger“) leitet sich von dem zentralen Motiv der cista mystica auf der Vorderseite (Avers) der Münze ab. Der Begriff war als Nominalbezeichnung bereits in der Antike gebräuchlich. So berichtet Titus Livius von römischer Kriegsbeute in Form von CistophorenTitus Livius, Ab urbe condita 37,46 (online). und Marcus Tullius Cicero schreibt in einem der Briefe an Atticus von seinem in der Provinz Asia gelagerten Vermögen in Cistophoren, das aus seiner Zeit als Prokonsul stammt:
Gestaltung alternativtext=Cistophor aus Pergamon, ca. 135–128 v. Chr. mit dem Abbild zweier sich aufrichtender Schlangen, zwischen ihnen eine Bogentasche mit Bogen.|mini|226x226px|Cistophor aus Pergamon, ca. 135–128 v. Chr. mit dem Abbild zweier sich aufrichtender Schlangen, zwischen ihnen eine Bogentasche mit Bogen. Münzkabinett Berlin Die Cistophoren tragen in ihrer ursprünglichen hellenistischen Ausprägung auf der Vorderseite (Avers) das namensgebende Abbild einer cista mystica in einem Efeukranz mit Fruchtdolden. Dabei handelt es sich um einen kistenförmigen Korb (altgriech. cista), der als Kultgegenstand besonders im Dionysos-, Demeter- und Persephone-Kult gebräuchlich war. Aus der halbgeöffneten Cista windet sich nach links eine bärtige Schlange und gleitet nach unten.
Im Zentrum der Rückseite (Revers) befindet sich eine geschmückte skythische Bogentasche (Gorytos) mit Bogen, umrahmt von zwei sich aufrichtenden bärtigen Schlangen. Üblicherweise wird die linke Schlange größer und mit einer zusätzlichen Halswindung dargestellt. Die Schwänze der Schlangen sind verknotet. Im linken Feld befindet sich typischerweise in Form eines Monogramms die abgekürzte Ausgabe- oder Prägestätte. Im rechten Feld und über dem Schlangenpaar finden sich zuständige Behörden, Magistrate, Wappenzeichen und Regierungsjahre in Form von Monogrammen und Beizeichen.Moritz Pinder: Über die Cistophoren und über die kaiserlichen Silbermedaillons der römischen Provinz Asia. In: Philologische und historische Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Jahrgang 1855, 1856, S. 533–635 (Digitalisat).
Das Währungssystem der Cistophoren mini|377x377px|Grenzen des Königreichs Pergamon nach dem Frieden von Apameia 188 v. Chr. mini|179x179px|Cistophorische Drachme, Ephesos, ca. 140–137 v. Chr., Revers, Münzkabinett Berlin Die Cistophorenprägung stand für ein eigenes lokales Währungssystem – zunächst im Bereich des pergamenischen Königreichs, später nach der Annexion durch Rom in der römischen Provinz Asia. Eine Konzentration der Fundorte weist darauf hin, dass die Cistophoren das kleinasiatische Kernland kaum verließen, was für einen geschlossenen Währungsraum spricht.Andrew Meadows: The Closed Currency System of the Attalid Kingdom. In: Peter Thonemann (Hrsg.): Attalid Asia Minor. Money, International Relations, and the State. Oxford University Press, Oxford 2013, ISBN 978-0-19-965611-0, S. 149–205, hier S. 149.
Innerhalb ihres Geltungsbereichs wurden die Cistophoren zum vorherrschenden Zahlungsmittel, was für Silbermünzen aus Fremdregionen zu einem Tauschzwang führte. Dennoch weisen gemischte Hortfunde auf eine parallele Akzeptanz von Cistophoren und attischer Währung hin, die offensichtlich für einen gewissen Zeitraum auch weiterhin in geringer Stückzahl (vermutlich für den Einsatz im Außenhandel) im kleinasiatischen Verbreitungsgebiet geprägt wurde.Andrew Meadows: The Closed Currency System of the Attalid Kingdom. In: Peter Thonemann (Hrsg.): Attalid Asia Minor. Money, International Relations, and the State. Oxford University Press, Oxford 2013, ISBN 978-0-19-965611-0, S. 149–205, hier S. 184.
Ausgabe- und Prägestätten Auch wenn die hellenistischen Cistophoren Münzzeichen (Ethnika) von bis zu 15 Städten innerhalb des pergamenischen Königreichs aufweisen, handelte es sich bei den meisten von ihnen wohl um reine Ausgabestätten, welche zur Gegenzeichnung auf den geprägten Münzen berechtigt waren.Richard Ashton: The Hellenistic World: The Cities of Mainland Greece and Asia Minor. In: William E. Metcalf (Hrsg.): The Oxford Handbook of Greek and Roman Coinage. Oxford University Press, Oxford/New York 2012, ISBN 978-0-19-530574-6, S. 191–210, hier S. 196.
Was die eigentliche physische Produktion angeht, so deutet die Einheitlichkeit in Aussehen und Gewicht darauf hin, dass die Prägung in hellenistischer Zeit zentral an einigen wenigen Orten, in erster Linie Pergamon und Ephesos, organisiert wurde. Eine Ausnahme bildet dabei die Prägung der kleineren Nominale wie Didrachme und Drachme, die allem Anschein nach zusätzlich auch in Tralles stattfand.
Der cistophorische Gewichtsstandard Zentrales und konstantes Merkmal der Cistophoren war während der gesamten Nutzungsdauer ein gegenüber dem attischen Standard reduziertes Gewicht bei gleichem Nominalwert. So betrug das Standardgewicht des Cistophors zu Beginn etwa 12,75 g, was gegenüber der gleichwertigen attischen Tetradrachme mit ihren ca. 16,8 g einer Gewichtsreduktion von etwa 25 % entspricht. Der Gewichtsstandard ähnelt damit dem ptolemäischen und rhodischen Standard. Trotz der mangelnden Akzeptanz außerhalb des kleinasiatischen Nutzungsgebiets hielt sich der Standard als Kolonialwährung bis weit in die römische Zeit.
Im Laufe der Zeit verloren die Cistophoren an Wert. Dies betraf zunächst nur das Gewicht: Hatten die Cistophoren in der Prägephase 28–18 v. Chr. unter Augustus noch ein Gewicht von durchschnittlich 11,63 Gramm, verringerte es sich während der Regierungszeiten von Claudius, Vespasian und Hadrian, der die Produktion noch einmal forcierte, auf 10,74 und schließlich auf 10,27 Gramm. Die Prägungen unter Septimius Severus und Caracalla haben schließlich nur noch ein Gewicht von im Schnitt 8,53 Gramm.Werner Langenegger: Gewichtsentwicklung der Cistophoren vom Attalidenreich bis Septimius Severus. In: Jahrbuch für Numismatik und Geldgeschichte. Band 73, 2023, S. 73–100 mit Überblickstabelle auf S. 89. Nun wurde jedoch auch der Nominalwert der Cistophoren reduziert, er sank auf ein Äquivalent von drei Denaren.
Verwandte Nominale Neben dem Cistophor als Wert-Äquivalent zur Tetradrachme bzw. von vier Denaren finden sich auch kleinere Stückelungen in Form von „cistophorischen“ Didrachmen und Drachmen. Diese Nominale tragen auf der Vorderseite die Darstellung einer Keule mit Löwenfell umgeben von einem Efeukranz und auf der Rückseite eine dreiteilige Weintraube auf einem Weinblatt. Auch hier finden sich auf dem Revers Ausgabe- bzw. Prägestätten als Monogramm sowie Magistratskürzel und Beizeichen.Fred S. Kleiner, Sydney P. Noe: The early Cistophoric Coinage (= Numismatic studies. Band 14). The American Numismatic Society, New York 1977, S. 17.
Der Cistophor im Hellenismus und während der späten römischen Republik
Entwicklung mini|227x227px|Tetradrachme aus Side mit „cistophorischem“ Gegenstempel, ca. 205–188 v. Chr., Avers
„Cistophorische“ Gegenstempel Bei den frühesten Münzen, die in der Literatur als „cistophorisch“ geführt werden, handelt es sich um Münzen fremder Prägung mit pergamenischen Gegenstempeln aus dem Zeitraum 188/187 v. Chr. Diese Stempelungen finden sich gehäuft auf Tetradrachmen mit attischem Gewicht aus Phaselis, Perge, Aspendos und Side.Robert Bauslaugh: Cistophoric Countermarks and the Monetary System of Eumenes II. In: The Numismatic Chronicle. Band 150, 1990, S. 39–65. Anders als die Bezeichnung vermuten lässt, tragen diese Gegenstempel als Motiv keine cista mystica, sondern stattdessen die für die hellenistischen Cistophoren typische Bogentasche (Gorytos) mit Bogen als pergamenisches „Wappen“, kombiniert mit einem Monogramm der jeweiligen Prägestätte.
Die genauen Umstände dieser Stempelung sind unklar. Meadows vertritt die These, dass es sich bei den gestempelten Tetradrachmen um die im Friedensvertrag von Apameia (188 v. Chr.) vereinbarten seleukidischen Entschädigungszahlungen handeln könnte. Demnach würden diese mithilfe der Stempel zum akzeptierten Zahlungsmittel im pergamenischen Reich oder stellten im Außenhandel eine Ursprungskennzeichnung dar.Andrew Meadows: The Closed Currency System of the Attalid Kingdom. In: Peter Thonemann (Hrsg.): Attalid Asia Minor. Money, International Relations, and the State. Oxford University Press, Oxford 2013, ISBN 978-0-19-965611-0, S. 149–205, hier S. 180.Robert Bauslaugh: Cistophoric Countermarks and the Monetary System of Eumenes II. In: The Numismatic Chronicle. Band 150, 1990, S. 39–65, hier S. 58.
Beginn der Cistophorenprägung Gegen Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. kommt es unter der Herrschaft des Attalidenkönigs Eumenes II. (Regierungszeit 197–158 v. Chr.) zu einem umfassenden Umbau des Währungssystems im Königreich Pergamon. Die bisherige attalidische Tetradrachme des Philetairos mit Herrscherporträt wird dabei durch den neuen Münztypus des Cistophors abgelöst. Überlappende Monogramm/Beizeichen-Kombinationen weisen auf eine zeitweise überschneidende Prägung beider Münztypen hin.Andrew Meadows: The Closed Currency System of the Attalid Kingdom. In: Peter Thonemann (Hrsg.): Attalid Asia Minor. Money, International Relations, and the State. Oxford University Press, Oxford 2013, ISBN 978-0-19-965611-0, S. 149–205, hier S. 176.
Der exakte Zeitpunkt des Beginns der Cistophorenprägung wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Für einen frühen Zeitpunkt etwa zu Beginn des 2. Jhdt. v. Chr. schienen zunächst Cistophoren mit dem Monogramm ΒΑ ΕΥ als Abkürzung für Βασιλεύς Εὐμένης, „König Eumenes“ zu sprechen, denen Zahlen zwischen 1 und 4 als Angabe von Regierungsjahren beigeschrieben waren. Dies hätte auf einen Beginn der Prägung zwischen 197 und 193 v. Chr. gedeutet. E. S. G. Robinson zeigte jedoch 1954, dass diese speziellen Cistophoren erst deutlich später unter Aristonikos († 129 v. Chr.) geprägt wurden, der sich anscheinend selbst den Herrschernamen Eumenes gegeben hatte.E. S. G. Robinson: Cistophori in the Name of King Eumenes. In: Numismatic Chronicle. Band 14, Nummer 44, 1954, S. 1–8.
alternativtext=Cistophor aus der Zeit des Prokonsulats des Marcus Tullius Cicero.|mini|181x181px|Cistophor aus der Zeit des Prokonsulats des Marcus Tullius Cicero. Apameia 51–50 v. Chr. Münzkabinett Berlin