mini|Unterschrift Reiles (1930er Jahre). mini|Unterschrift Reiles (1970). Oscar Max Arthur Reile (Rufname auch in der Schreibweise Oskar)So durchgängig in Reiles Reichswehr- und Wehrmacht-Personalakten; Reile benutzte die Schreibweise zumindest in den 1930er Jahren selbst, s. unterschriebener Lebenslauf 1934, ebd. (* 3. Dezember 1896 in Strutzfon, Westpreußen; † 27. April 1983 in MöllnSterbeurkunde; Stadtarchiv Mölln. Reile wurde beigesetzt in Mölln am 6. Mai 1983: sein Grab existiert nicht mehr; Mitteilung der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Mölln.) war ein deutscher Geheimdienstmitarbeiter der Abwehrabteilung der Reichswehr, des Amtes Ausland/Abwehr der Wehrmacht, der Organisation Gehlen und des Bundesnachrichtendienstes.

Leben Bis 1920 Oskar Reile war der Sohn des Landwirts und späteren Bürgermeisters Bernhard Reile und seiner Ehefrau Mathilde, geborene Künzele, und wuchs als Ältester von drei Geschwistern auf dem elterlichen Bauernhof im westpreußischen Kreis Kulm auf. Die Familie stammt von schwäbischen Siedlern ab, die im 18. Jahrhundert nach Westpreußen auswanderten. Ab 1907 besuchte er das Gymnasium in Graudenz. Am 5. August 1914 meldete Reile sich, noch während seiner Gymnasialzeit, als Kriegsfreiwilliger beim 3. Westpreußischen Infanterie-Regiment Nr. 129 zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg und erhielt ein Not-„Reifezeugnis der Unterprima“ (12. Klasse). 1919 bekam er nachträglich sein Abitur.Personalamt der Heeresleitung im Reichswehrministerium: Personalakten für Reile, Oskar. (unvollständig), freigegebenes Dokument aus dem Bestand der CIA (Digitalisat 5,5 MB, abgerufen am 13. September 2013).Wer ist wer? XVI (1969/70), S. 1026.

Als Reserveoffiziersanwärter beförderte man Reile im November 1915 zum Unteroffizier und einige Wochen später zum außeretatsmäßigen Vize-Feldwebel, was dem Fähnrichsrang der Berufsoffizierslaufbahn entsprach. Am 14. Juni 1917 wurde er Leutnant der Landwehr. Bei Einsätzen an der Ost- und der Westfront wurde er zweimal verwundet. Im April 1917 erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse. Zuletzt beim 8. Westpreußischen Infanterie-Regiment Nr. 175, geriet er am 21. November 1917 bei Cambrai in britische Gefangenschaft, in der er bis November 1919 blieb. Ende Dezember wurde Reile aus dem Militärdienst entlassen. Das Jahr 1920 verbrachte Reile auf dem elterlichen Hof in Strutzfon.

Kriminalbeamter 1921–1934 Nachdem das Kulmer Gebiet nach Kriegsende Polen zugesprochen worden war, siedelte Reiles Familie zuerst nach Ostpreußen über, später nach Berlin. Oscar Reile dagegen trat am 1. Januar 1921 als Wachtmeister in die Kriminalpolizei der Freien Stadt Danzig ein. Am 1. Oktober 1921 wurde er zum Kriminalkommissar und Leiter der Fremdenpolizei ernannt. Im April 1931 wurde er Kriminalrat und am 15. Dezember 1933 Leiter der Danziger Kriminalpolizei.Oskar Reile: Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg. Band 1: Ostfront. Augsburg 1990, S. 25, 27.

1922 bekam Reile durch den damaligen Abwehrmann Walter Weiß Kontakt zum Spionagedienst der Wehrmacht (Abwehrstelle Ostpreußen), für die er von da an als inoffizieller Mitarbeiter arbeitete, ohne zunächst seine Vorgesetzten zu informieren. Bis 1934 führte Reile für die Abwehr zahlreiche polnische V-Leute und bezahlte Agenten. Bereits Ende der 1920er Jahre wurde er in polnischen Zeitungen als Geheimdienstmitarbeiter enttarnt.Oskar Reile: Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg. Band 1: Ostfront. Augsburg 1990, S. 148.

Zum 1. März 1933 trat Reile der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.508.011).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/34151294 Im Auftrag des Danziger SA-Führers Max Linsmayer missbrauchte er seine Funktion als Polizeibeamter, um die Danziger SA-Mitglieder politisch zu überprüfen. 1934 geriet Reile in innerparteiliche Auseinandersetzungen zwischen Linsmayer, dem Senatspräsidenten der Freien Stadt Danzig Hermann Rauschning und dem Innensenator SS-Oberführer Arthur Greiser, die Greiser für sich entschied.Oskar Reile: Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg. Band 1: Ostfront. Augsburg 1990, S. 140–144. Reile, der aufs falsche Pferd gesetzt hatte, schied im September 1934 aus dem Polizeidienst aus. Seine nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellte Behauptung, er sei im Juli 1934 wegen NSDAP-feindlichem Verhalten durch Greiser entlassen wordenInterrogation Report, The National Archives, Kew, ., ist unrichtig.

Im November 1924 hatte Reile die aus Danzig stammende Helene Lockenwitz geheiratet. 1926 wurde die Tochter Friderun geboren.Friderun Reile (* 30. März 1926 in Danzig), verheiratete Schultz. Die später in München lebende Obermedizinalrätin promovierte 1952 im Fach Medizin und arbeitete als Ärztin für Psychiatrie und Neurologie. Auch Reiles Enkel Ulrich Schultz (* 1952) wurde Arzt. Er ist Professor und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Evangelischen Krankenhauses Bergisch Gladbach. s. Wer ist wer? XVI (1969/70), S. 1026; Friderun Reile: Über die Tuberkulinreaktionen und Reizschwellen bei Impfungen mit A.T. und G.T. Med. Diss. Würzburg 1952; Ulrich Schultz: Berufsvorschläge für Rehabilitanden mit Epilepsie nach Arbeitserprobung, medizinische, soziale und psychologische Bestimmungsfaktoren. Med. Diss. FU Berlin 1983, S. 189; (abgerufen am 12. Mai 2014). Reile war literarisch interessiert. Von 1929 bis 1931 war er Gasthörer im Fach Philologie an der Technischen Hochschule Danzig. Ohne Namensnennung gab er mit einem Polizeikollegen den Bildband „Abgetrenntes deutsches Land. Lichtbilder aus Danzig und Umgebung“ (Königsberg 1931) heraus. Ferner schrieb Reile „zum Ausgleich für die anstrengende, Härte erfordernde geheime Tätigkeit lyrische Gedichte“, die er 1933 veröffentlichte.Zitat aus Oskar Reile: Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg. Band 1: Ostfront. Augsburg 1990, S. 15; Ders. Sehnsucht träumt. Gedichte. Danziger Verlags-Gesellschaft 1933, Neuauflage München 1970; Reiles Formulierung lyrische Gedichte ist das Beispiel eines Pleonasmus.

Abwehr-Offizier 1934–1945 Oscar Reile hatte schon im Frühsommer 1934 seine Einstellung in den militärischen Geheimdienst der Wehrmacht beantragt und wurde ab Oktober 1934 – mit einer dreimonatigen Probezeit – offiziell Abwehr-Mitarbeiter, wo er erst als Landwehr-Hauptmann und ab März 1935 als Ergänzungsoffizier geführt wurde. Zunächst war er Referent der Abteilung IIIF (Gegenspionage) der Heeresdienststelle Kassel (später umbenannt in Generalkommando IX. Armeekorps), dann in der Abwehrstelle Wiesbaden (XII. Armeekorps). Von August 1939 bis Mai 1940 war Reile dort Sachbearbeiter der Abwehr-Nebenstelle Trier, wo er für die Aufdeckung französischer Spionage sowie für den Kontakt mit V-Leuten in Frankreich und Belgien zuständig war.Oscar Reile: Geheime Westfront. München/Wels 1962, S. 16–17; dort S. 25–57 ausführliche Darstellung Reiles über seine Tätigkeit in Trier. Zum 1. November 1939 wurde er zum Major befördert. 1935 lernte Reile auch den Leiter der Abwehrabteilung, Admiral Wilhelm Canaris, kennen, mit dem er später mehrfach offiziell zusammentraf. Mit wenigen Unterbrechungen war Reile offiziell bis Ende 1954 als in Trier wohnhaft gemeldet.Vor dem Krieg gemeinsam mit seiner Tochter Friderun in der Ostallee 35a (1936 als Kaufmann, 1938 als Offizier). Die ihn betreffende Karte des Einwohnermeldeamtes Trier existierte nach dem Krieg nicht mehr, was auf der Karte seiner Tochter Friderun vermerkt wurde: „Oskar Reile, geb. 3.12.1896 Strutzfon, gem[eldet] v[om] 22.4.1936 – 10.5.1940 (Frankreichfeldzug). Karte von O. R. nicht mehr vorhanden, R. war Offizier, vermutlich durch Geheimdienst vernichtet.“ Nach Rückkehr aus der bis zum 19. Juni 1948 andauernden Kriegsgefangenschaft wohnte er in Trier, Speestr. 22, gemeinsam mit der Krankenschwester H. Reile, 1949 in der Olewigerstr. 50, 1950 vorübergehend in Karlsruhe, Turmbergstr.13. Am 26. Januar 1955 erfolgte der Wegzug nach Straßlach/Oberbayern. Mitteilungen des Stadtarchivs Trier. mini|Hotel Lutetia in Paris, Sitz der deutschen Gegenspionage 1940–1944. Nach dem Überfall auf Polen erhielt Reile im Rahmen der Planung für einen Angriff auf Belgien und Frankreich die Aufgabe, ein „Abwehrkommando“ aufzustellen, das beim Westfeldzug wichtiges Aktenmaterial erbeuten und sichten sollte. Dieses Abwehr-Einsatzkommando „Fadango“ („Kommando OKW IV“), dem 137 Soldaten und 28 Beamte der Geheimen Feldpolizei angehörten, war unter Reiles Führung vom 10. Mai bis 20. Juni 1940 mit wechselndem Erfolg im Einsatz. In Luxemburg befreite das Kommando dabei 7 eigene inhaftierte Agenten, darunter Roger Hentges.Ausführlich dazu Oscar Reile: Geheime Westfront. München/Wels 1962, S. 71–80; Ders.: Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg. Band 2: Westfront. Augsburg 1990, S. 15–45. Im Juni 1940 wurde Reile Sachbearbeiter (III F – Gegenspionage) bei der Abwehrleitstelle Frankreich, die im Pariser Hôtel Lutetia untergebracht war. Schwerpunkt seiner Arbeit war zunächst Spionage gegen das Vichy-Regime, später die Bekämpfung der Résistance, wobei die Abwehr die ihr unterstellte Geheime Feldpolizei einsetzte und eng mit dem SS-Sicherheitsdienst zusammenarbeitete.Oskar Reile: Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg. Band 2: Westfront. Augsburg 1990, passim. Ab 1. November 1941 wurde der bisherige Ergänzungsoffizier zu den „aktiven Truppenoffizieren“ überführt. Anfang März 1942 wurde Reile zum Oberstleutnant befördert und im März 1943 zum Leiter der Abteilung III der Abwehrleitstelle Frankreich ernannt.

Im Februar 1944 wurde Reile zum Kommandeur der Leitstelle III West für Frontaufklärung ernannt, einer etwa 550 Mann starken Gruppe von vier Frontaufklärungskommandos, die als Sabotageabwehreinheiten dienen sollten. Nach der alliierten Landung in der Normandie versuchte Reile vergeblich, eine „R-Netz“ genannte Organisation von Saboteuren aufzubauen, die sich von den Feindtruppen überrollen lassen sollten.Oskar Reile: Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg. Band 2: Westfront. Augsburg 1990, insb. S. 332, 363–369. Am 18. August 1944 verließ Reile Paris. Bis Kriegsende zog er sich mit seiner Dienststelle aus Frankreich über Belgien und den Niederlanden nach Riedelbach im Taunus zurück.Klaus Eichner/Gotthold Schramm (Hg.): Angriff und Abwehr. Die deutschen Geheimdienste nach 1945. Berlin 2007, S. 96.Oskar Reile: Der deutsche Geheimdienst im II. Weltkrieg. Band 2: Westfront. Augsburg 1990, S. 383f. Im Mai 1945 konnte er zunächst der Gefangenschaft entgehen. Am 31. Mai meldete er sich bei der Polizei in Trier und gab an, dass sein Haus zerstört sei und er über den Verbleib seiner Frau und seiner Tochter nichts wisse; außerdem bat er darum, ersatzweise ein Meldepapier zu erhalten und seine Anwesenheit bei der alliierten Besatzung zu melden. Anschließend stellte sich Reile dem amerikanischen Counter Intelligence Corps.

Nach eigenen Angaben blieb Reile bis Mitte 1948 in britischer und anschließend „noch einige Monate“ in französischer Gefangenschaft. Die britischen Vernehmer notierten, dass Reile es zu Beginn seiner Internierung abgelehnt habe, belastende Informationen über seine Offiziere oder Agenten zu geben. Es sei aber möglich gewesen, ihn davon zu überzeugen, seine Meinung zu ändern, und er habe frei (freely) über diese Dinge gesprochen. Seine Aussagen seien zuverlässig (reliable). Als Reile ab 1949 wieder deutscher Geheimdienstmitarbeiter wurde, verschwieg er diese Vernehmungen und seine Aussagebereitschaft.

Organisation Gehlen und BND 1949–1961