miniatur|Einleitung des 1. Kapitels im 1. Buch der von Hans van Ghetelen 1498 gedruckten Ausgabe des Reynke de vos (Blatt 6b); Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel
Reynke de vos ist das bedeutendste niederdeutsche Tierepos in Versen. Die 1498 von Hans van Ghetelen in Lübeck gedruckte Inkunabel, die in einem einzigen vollständigen Exemplar in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel erhalten ist, verhalf der Geschichte vom schlauen Fuchs Reineke, entstanden im 13. Jahrhundert, bis heute im deutschsprachigen Raum zur Jahrhunderte überdauernden Tradition.
Das Epos erzählt vom genialen Übeltäter Reynke, dem Fuchs, der sich als boshafter und niederträchtiger Lügner sein Futter sichert, aus prekären Lagen rettet und am Ende gegen alle Widersacher als Sieger durchsetzt. Die Verserzählung wird durch Glossen in Prosa begleitet.
Aufbau Das Tierepos besteht aus einem Erzähltext von 7791 knittelnden Versen, die in vier Bücher unterschiedlichen Umfangs eingeteilt sind; die Bücher sind wiederum gegliedert in 39 (1), 9 (2), 14 (3) und 13 (4) Kapitel, die ihrerseits jeweils durch Überschriften nebst kurzen Inhaltsangaben eingeleitet werden. Abgeschlossen werden die Kapitel durch mehr oder weniger ausführliche Prosakommentare, den sogenannten Glossen. Vorreden in Prosa leiten den gesamten Text sowie das 3. und das 4. Buch ein. Über das ganze Werk verteilt finden sich 89 Holzschnittillustrationen, wobei 23 Motive wiederholt werden, einige davon sogar mehrfach.Goossens VL Bd. 8 (1992) Sp. 13
Inhalt miniatur|Titel der Lübecker Inkunabel Reynke de vos von 1498 (Blatt 1a); Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel miniatur|3. Buch: Reynkes und Gymbarts zweite Ankunft bei Hofe. Seite aus dem Reynke de vos von 1498 (Blatt 158a); Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel miniatur|Kolophon der Lübecker Mohnkopf–Inkunabel vom Reynke de vos mit den Druckermarken van Ghetelens, 1498 (Blatt 242a): dem Reichsadler, dem Lübecker Stadtwappen, den drei für die Druckerei namensgebenden Mohnkapseln und der bislang nicht zweifelsfrei gedeuteten T-Marke. Der Totenkopf ist ein auch am Schluss anderer Mohnkopf-Drucke zu findendes Memento mori. Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel
Zu Beginn meldet sich in einer Vorrede ein Hinrek van Alckmer als Verfasser zu Wort, der sich als Scholemeester un Tuchtlerer (Schulmeister und Zuchtlehrer) bezeichnet.
1. Buch Hinrek erzählt im 1. Buch vom Hoftag König Nobels, des Löwen, bei dem die Tiere Klage führen gegen den nicht anwesenden Fuchs Reynke, allen voran Ysegrim, der Wolf, dessen Familie der Fuchs großen Schaden zugefügt haben soll. Ein Hündchen namens Wackerloß behauptet, der Fuchs habe ihm ein Würstchen gestohlen, korrigiert von Hyntze, dem Kater, das Würstchen sei seins gewesen. Ein Panther berichtet, wie er Lampen, den Hasen, in letzter Minute vor Reynke habe retten können, als letzterer den Hasen den Katechismus habe lehren wollen durch Abbeißen des Kopfes. Grymbart, der Dachs, ein Neffe Reynkes, verteidigt den Fuchs, indem er insbesondere Ysegrims Klagen geschickt zu widerlegen weiß. Seine Taktik wird durchkreuzt vom Auftritt des Hahns Hennynck, der seine kopflose Tochter Krassevoet auf der Bahre vorführt und berichtet, wie Reynke unter dem Vorwand der Frömmigkeit in Kutte und mit Gebetbuch das Federvieh aus dem sicheren Hühnerhof lockte und verspeiste.
Nobel sendet Brun, den Bären, mit einer Vorladung zu Reynkes Burg Malepartus. Reynke überlistet den Bären, indem er ihn dazu verleitet, in einem zum Trocknen gespaltenen und gekeilten Baumstamm auf dem Hof des Bauern Rustevyl nach Honig zu suchen, und die Keile zieht, so dass Brun, hoffnungslos eingeklemmt, von den herbeieilenden Dorfbewohnern beinahe zu Tode geprügelt wird. Als nächster Bote wird Hyntze ausgeschickt. Reynke lockt ihn mit dem Versprechen von Leckereien nachts in den Keller des Pfarrers, wo der Kater in einer als Falle ausgelegten Schlinge landet und sich, von den Bewohnern des Pfarrhauses fürchterlich verdroschen, unterm Nachthemd des Pfarrers nur durch einen verzweifelten Biss in dessen Gemächte retten kann. Erst Grymbart gelingt es, Reynke zum Hof zu bewegen; auf dem Weg dorthin beichtet der Fuchs ihm seine Missetaten, bei denen vor allem Ysegrim der Dumme gewesen ist.
Bei Hof macht man kurzen Prozess: Reynke wird zum Tod am Galgen verurteilt. Die Gewähr einer letzten Beichte nutzt der Delinquent zur Erwähnung eines verborgenen und gestohlenen Schatzes, der den König Nobel neugierig macht und dem Fuchs für einen ausführlichen Bericht darüber Aufschub verschafft. Reynke fabuliert eine Geschichte zusammen, in der er seinen eigenen Vater zum Dieb des Schatzes macht, den Dachs Grymbart anschwärzt, Wolf und Bär als Hochverräter erscheinen lässt und dem König – vor allem auch der Königin – erklärt, wo der Schatz zu finden ist. Die beiden potenziellen Königsmörder Ysegrim und Brun landen im Kerker, und Reynke verspricht, wohl wissend, dass man seiner Lüge über kurz oder lang auf die Schliche kommen wird, nach Rom zu pilgern. Ausgestattet mit einem Ränzel, geschneidert aus Fell und Pfoten von Ysegrim und Brun, macht er sich zunächst auf den Weg zu seiner Burg, begleitet von Lampe, dem Hasen, und Bellyn, dem Widder. In Malepartus verspeist er den Hasen, steckt dessen Kopf in das Ränzel und schickt Bellyn damit zum Hof zurück, nachdem er den Widder davon überzeugt hat, dass er ein wichtiges Schreiben an den König transportiere, dessen Urheberschaft er für sich selbst beanspruchen solle, um bei Hofe Eindruck zu machen. Nobel ist von dem Inhalt nicht erfreut, entlässt auf Vermittlung des Leoparden die großen Tiere Ysegrim und Brun aus dem Kerker, erklärt den Widder für vogelfrei und verlängert seinen Hoftag.
2. Buch Das 2. Buch beginnt mit Kleingetierklagen; das Kaninchen und der Krähenmann, dem der Fuchs die Gattin weggefressen hat, beschweren sich über Reynke. Nobel beschließt in äußerster Erregung, einen Feldzug gegen Reynke zu führen. Wieder ist es Grymbart, der sich nach Malepartus begibt, diesmal, um Reynke zu warnen. Reynke beschließt, sich abermals zum Hof zu begeben. Den gemeinsamen Weg mit Grymbart dorthin nutzt er gegenüber dem Beichtvater Dachs zu ausführlichen Geständnissen seiner Taten, insbesondere seiner Bosheiten an Ysegrim, Brun, Bellyn und Lampe. Die beiden Reisenden begegnen dem Affen Marten, der, unterwegs nach Rom, verspricht, dort als Fürsprecher Reynkes zu wirken.
3. Buch Nach seiner erneuten Ankunft bei Hofe, mit der das 3. Buch einsetzt, entschuldigt sich Reynke bei Krähe und Kaninchen, und Wolf und Bär sehen ihre Sache bereits vereitelt. Nachdem die Äffin Rukenauwe, die Gattin des Romreisenden Marten, bei Nobel mit dem Gleichnis von einem Lindwurm, dem das Recht nach Brot geht, als Fürsprecherin Reynkes vorstellig geworden ist, bittet der Löwe den Fuchs zum Gespräch, bei dem Reynke seine Taten nicht leugnet, aber umgehend eine Fortsetzung seiner zuvor unter dem Galgen ersonnenen Lügengeschichte auftischt. Er beschreibt den Schatz, darunter einen Ring, dessen Stein unsichtbar und damit unbesiegbar mache, einen Kamm, der, mit antiken Göttinnen geschmückt, die Frau zur Schönsten aller werden lasse, und einen Spiegel, der Geschichten erzähle, unter anderem die von den Tugenden von Reynkes Vater, die auch beiläufig seine Widersacher, insbesondere wiederum Ysegrim, diskreditieren.
4. Buch Im 4. Buch treten Wolf und Fuchs als direkte Gegner auf. Nobel ist nach Reynkes Ausführungen gnädig gestimmt, was Ysegrim und dessen Frau Ghyremod veranlasst, nunmehr die Vergewaltigung der im Eise festgefrorenen Wölfin durch Reynke, der diese überdies auch in einen Brunnen gelockt und darin sitzengelassen hatte, ins Feld zu führen. Die Einwände Reynkes kontert der Wolf mit der Herausforderung zum Zweikampf, den Nobel gestattet. Die Sorgen des dem Wolf körperlich unterlegenen Fuchses vertreibt die Äffin Rukenauwe; auf ihren Rat hin lässt Reynke sich das Fell scheren und die nackte Haut einölen, bevor er vor dem versammelten Hof zum Kampf antritt. Dem Druck des starken Wolfs entkommt er, indem er ihm ins Auge kratzt, einen Strahl Urin in die Wunde schießt und Sand hinterherschmeißt. Von dem vor Schmerz rasenden Wolf in die tödliche Zange genommen, kneipt er ihm in die Hoden und gewinnt. Das Publikum ist begeistert, Nobel erklärt Reynke zu seinem Thronrat, und Ysegrim lässt sich gesund pflegen.
Glossen Die den Erzähltext durchgehend begleitenden Kommentare, heute als sogenannte katholische Glosse geführt, zeigen eine didaktisch-moralisierende Absicht. So betonen sie, ausgehend von den Missetaten und Bosheiten des Fuchses, immer wieder die Sorge um das Seelenheil und die besonderen ethischen Grundsätze eines gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Der Charakter des Fürstenspiegels, der die Belehrung der Herrschenden intendiert, wird auf ein städtisches Publikum zugeschnitten. Neben der ständischen Kritik, die in den Kommentaren nicht fehlt, sind die allgemeinen menschlichen Lehren in den Vordergrund gestellt; die Mahnungen der auch gelegentlich kritisierten Kirche zu Gehorsam oder Wohlverhalten werden für den Leser als Sündenspiegel herausgearbeitet.Düwel, Enzyklopädie des Märchens Bd. 11 (2004); Sp. 492
Mit dem Beginn des 2. Buches, in dem Reynke ein weiteres Mal bei Hofe erscheint, um sich zu verteidigen, verlagert sich der Schwerpunkt der Erzählung auf die Auseinandersetzung der großen Tiere untereinander; hier nehmen die Glossen im Umfang erkennbar ab und fehlen bei einigen Kapiteln sogar ganz. Die Wiederholungsstruktur des doppelten Hoftags – Reynke wird erneut angeklagt, erscheint wieder bei Hofe, fabuliert die Lügengeschichte vom ersten Mal weiter und muss wiederum um sein Leben fürchten – lässt im zweiten Teil die Handlungen des nunmehr durchweg höfisch erscheinenden Personals, das den städtischen Leser einer Hansestadt wie Lübeck eher ausschließt, als weniger anstößig erscheinen. In einem Epilog empfiehlt der Bearbeiter, ganz auf die Lektüre der Kommentare zu verzichten.Schilling: Potenziertes Erzählen. (2002); S. 215
Illustrationen miniatur|links|Reynke spielt bei den Hühnern den Mönch; im Hintergrund ist zu sehen, wohin das führt. Holzschnitt zum 4. Kapitel im 1. Buch, nach niederländischen Vorlagen Die Inkunabel von 1498 enthielt 89 Holzschnitte, die für einige Ausgaben auch koloriert wurden. Die Aufmachung weist darauf hin, dass der Druck bei den wohlhabenden Lübecker Ständen vertrieben werden sollte.W. Günter Rohr: Zur Rezeption des „Reynke de Vos“. In: Berteloot u. a. (1998), S. 103–125; S. 104 Die Bildserie war nicht eigens für den Lübecker Druck entworfen worden, sondern stellte Nachschnitte anderer Druckwerke dar.
miniatur|Lindwurm. Holzschnitt zum 4. Kapitel im 3. Buch, nach dem Magdeburger Äsop. miniatur|Dialogus creaturarum: Illustration eines Gesprächs der Vögel im 1. Kapitel des 2. Buches der Lübecker Ausgabe von 1498, nach einem Stockholmer Druck der Fabelsammlung So ist eine Reihe von 30 Illustrationen der Abbildungsserie der niederländischen Vorlage nachgeschnitten; einige stammen aus Drucken des Magdeburger Äsop (101 Fabeln eines unbekannten Autors zu Beginn des 15. Jahrhunderts)‚Magdeburger Äsop‘. In: Verfasserlexikon. Band V, Sp. 1125 ff. und 13 Holzschnitte aus dem Dialogus creaturarum, einer von Johann Snell in Stockholm 1483 gedruckten Fabelsammlung in Dialogform. Die Mohnkopf-Offizin Hans von Ghetelens konnte dadurch die Druckkosten reduzieren.Jan Goossens: Der Verfasser des „Reynke de Vos“. Ein Dichterprofil. In: Berteloot u. a. (1998), S. 45–79; S. 53