Slowakische Literatur ist die Literatur in slowakischer Sprache im engeren Sinn und auf dem Gebiet der heutigen Slowakei entstandene Literatur im weiteren Sinn.

Erste schriftliche Denkmäler Die ältesten bekannten schriftlichen Zeugnisse auf dem Gebiet der heutigen Slowakei – wenn auch keine literarischen – stellen Aufschriften auf keltischen Münzen dar, welche mehr als 2000 Jahre alt sind. Der erste Autor eines literarischen Werkes, welches auf dem Gebiet der Slowakei geschrieben wurde, war der römische Kaiser Marcus Aurelius. Während seiner Feldzüge gegen die Quaden im Jahr 174 verfasste er am Ufer des Flusses Grannus (Hron) sein philosophisches Werk Ta eis heauton („Selbstbetrachtungen“).Kollektiv: Slovensko A–Ž [Die Slowakei von A–Ž]. Ikar, Bratislava 2009, S. 226.

Altslawische Literatur

Die ersten heimischen Literaturzeugnisse entstanden zur Zeit des Mährerreiches. Als Verdienst der beiden Slawenmissionare Kyrill und Method entstand im 9. Jahrhundert eine neue slawische Schrift, die Glagoliza (slowakisch: hlaholika), welche die Entwicklung von Schrifttum und Literaturwerken in altslawischer Sprache ermöglichte.Kollektiv: Slovensko A–Ž [Die Slowakei von A–Ž]. Ikar, Bratislava 2009, S. 226. (Slowakisch) Diese kulturelle Tradition des Großmährischen Reichs war jedoch jahrhundertelang durch die Verwendung der lateinischen Sprache als Amtssprache im Königreich Ungarn sowie – nach der Reformation – durch das Vordringen der tschechischen Sprache (sog. „Bibeltschechisch“) verschüttet, die von den katholischen Slowaken nicht als Fremdsprache, sondern als hochsprachliche Form ihres eigenen Dialekts betrachtet und als Schriftsprache genutzt wurde. Erst im 19. Jahrhundert wurden diese frühen Traditionen wiederentdeckt.Schmaus 1996, S. 444 f.

Literatur der frühen Neuzeit Wichtig für die Entwicklung des Nationalbewusstseins wurden die Volksdichtungen und Sagen aus der frühen Neuzeit, die auf dem Gebiet des damaligen Königreichs Ungarn entstanden, etwa über den König Matthias Corvinus, die Türkenkriege und vor allem den Räuberhauptmann und Volkshelden Juraj Jánošík, der 1713 hingerichtet wurde. Diese Dichtungen spielten eine bedeutende identitätsbildende Rolle, als sich der Magyarisierungsdruck im 19. Jahrhundert ständig erhöhte.Schmaus 1996, S. 444. Hingegen verfassten slowakische Humanisten ihre Texte meist in lateinischer oder tschechischer Sprache.

Nationale Erneuerung miniatur|hochkant|Ján Hollý (1785–1849) Die Gegenreformation führte zu einer Belebung der volkstümlichen Erbauungsliteratur in slowakischer Sprache (sog. „Jesuitenslawisch“), während gleichzeitig viele Protestanten aus dem Land vertrieben wurden. Zu diesen gehörte auch der Pfarrer Stefan Pilarick (Pilárik), der um 1680 nach mehreren Etappen seines Exils einen Bericht über seine Versklavung durch die Türken in slowakischer Sprache schriebSchmaus 1996, S. 446. (in deutscher Sprache 1684 in Bautzen erschienen).

Während vor allem Protestanten an der tschechischen Sprache festhielten, entwickelten sich infolge der Schulreformen der 1770er Jahre erste Bemühungen um die schriftsprachliche Fixierung des Slowakischen. Die Josephinischen Reformen und die Säkularisierung beschleunigten diese Tendenzen. So erschien 1790 die erste Grammatik auf der Grundlage des westslowakischen Dialekts.Schmaus 1996, S. 446.

Das erste „slowakische“ Literaturwerk stellte der vom katholischen Priester Jozef Ignác Bajza 1783 bis 1785 veröffentlichte Roman „René mláďenca príhodi a skusenosti“ (Abenteuer und Erfahrungen des Jünglings René) dar, der in einem stark slowakisierten Tschechisch verfasst war, das sich jedoch nicht als Literatursprache durchsetzte. Erfolgreicher war wiederum ein Priester namens Anton Bernolák, der 1787 eine erste, auf dem Westslowakischen basierende slowakische Schriftsprache schuf (das sogenannte Bernolákisch). Diese slowakische Schriftsprache nutzten Juraj Fándly (1750–1811) und Ján Hollý (1785–1849). Fándly brachte 1789 das erste größere literarische Werk in Bernolakischem Slowakisch heraus, das sich satirisch mit den Zuständen in den Klöstern auseinandersetzte. Der Dichter Hollý nutzte das Bernolákische Slowakisch zur Übersetzung klassischer Autoren wie Homer, Vergil und Horaz, sowie für seine nach deren Vorbild geschaffenen Epen über Helden aus der Frühzeit des slowakischen Volkes, so über den Fürsten „Svätopluk“ (1833), und „Cirillo-Metodiada“ (1835). Hollý idealisierte in seinen Oden und Elegien auch das slowakische Hirtenleben.Roland Schönfeld: Slowakei: Vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2000, ISBN 3-7917-1723-5, S. 245. Diese Werke dienten aber auch zur Markierung einer slowakischen bzw. panslawistischen Identität in Abgrenzung zum ungarischen Teil des Habsburgerreichs.

miniatur|hochkant|links|Ján Kollár (1793–1852) Das Bernolákische konnte sich nicht als allgemeine slowakische Literatursprache durchsetzen, da die nationalbewussten protestantischen Intellektuellen die wiederbelebte tschechische Sprache verwendeten. Deren wichtigste Vertreter waren Ján Kollár (1793–1852) und Pavel Jozef Šafárik (1795–1861). Kollár hob die gemeinsamen Wurzeln der tschechischen und slowakischen Sprache hervor und versuchte, eine „tschechoslowakische“ Schriftsprache unter den gebildeten Slowaken zu popularisieren. In dieser Sprache verfasste er auch sein 1826 erschienenes Meisterwerk „Slávy dcera“ (Tochter der Slava). Kollár vertrat ein idealisiertes Slawenbild, das die slowakische Literatur bis ins 20. Jahrhundert immer wieder tief prägte. Auch legten Kollár wie auch Šafárik eine Sammlung slawischer Volkslieder an.Schönfeld: Slowakei. 2000, S. 245–246. Als allgemein akzeptierte slowakische Hochsprache setzte sich erst die zwischen 1843 und 1846 durch den protestantischen Gelehrten Ľudovít Štúr und dessen Mitstreiter kodifizierte Schriftsprache durch, die auf mittelslowakischen Mundarten basierte. Diese wurde von einer Vielzahl jüngerer Dichter und Schriftsteller angenommen, die die klassischen Werke der slowakischen Romantik schufen, so Samo Chalupka, Janko Kráľ, Ján Botto und Andrej Braxatoris-Sládkovič.Schönfeld: Slowakei. 2000, S. 246–247.Schmaus 1996, S. 446.

Realismus und Naturalismus miniatur|hochkant|links|Pavol Országh Hviezdoslav (1849–1921) Mit Svetozár Hurban Vajanský und Pavol Országh Hviezdoslav kam es zur Epoche des slowakischen poetischen Realismus. Hviezdoslav, der anfangs in ungarischer Sprache schrieb und noch von der Romantik beeinflusst war, verfasste die Gedichtsammlungen „Jesenné zvuky“ (Herbstlicher Klang, 1878), „Oblaky“ (Wolken; 1879) und „Krvavé Sonety“ (Blutige Sonette; 1882–1886). Höhepunkt seines umfangreichen Schaffens bedeutender Natur- und Gedankenlyrik war die in drei Bänden veröffentlichte Lyrikanthologie „Leterosti“ (Wachstumsringe; 1885–1886). Darüber hinaus trug Hviezdoslav mit der Übersetzung der Werke von Shakespeare, Goethe, Schiller, Słowacki, Mickiewicz und Petőfi zur Verbreitung der Weltliteratur in seinem Lande bei.Schönfeld: Slowakei. 2000, S. 247–248. In seinen Versepen beschrieb er den Niedergang des Landadels.

Einige der populärsten Werke des slowakischen Realismus wurden von Schriftstellerinnen verfasst, insbesondere Božena Slančíková (1867–1951). In ihren naturalistischen Erzählungen wie „Veľké šťastie“ (Großes Glück; 1906) und „Ťapákovci“ (Die Familie Ťapák; 1914) beschrieb sie das einem raschen Wandel untergeworfene Leben der slowakischen bäuerlichen und städtischen Gesellschaft.Schönfeld: Slowakei. 2000, S. 249.

Moderne miniatur|hochkant|Ladislav Novomeský (1904–1976) Um die Wende zum 20. Jahrhundert bahnte sich unter Janko Jesenský (1874–1945) und Ivan Krasko (1876–1958) ein Umbruch in der Lyrik an. Krasko, der unter anderem mit den Gedichtsammlungen „Nox et solitudo“ (Nacht und Einsamkeit; 1909) und „Verše“ (Verse; 1912) bekannt wurde, wird als eigentlicher literarischer Begründer der slowakischen Moderne bezeichnet. Die Befreiung von den Vorgaben der ungarischen Kulturpolitik und die Gründung der Tschechoslowakischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg schufen günstige Bedingungen für den literarischen Aufschwung in der Tschechoslowakei der 1920er und 1930er Jahre.

Allerdings vollzog sich der Modernisierungsprozess in der Slowakei ungleich langsamer als in Böhmen und erwies sich eher als Problem. Hinzu kam, dass die slowakische Bevölkerung ihre Lage nicht als gleichberechtigt empfand und viele soziale Fragen ungelöst blieben. Unter dem Einfluss der Revolution in Russland gründete sich 1924 die linke Autorengruppe DAV (die „Davisten“). Als Lyriker, Erzähler, Dramatiker und Übersetzer war der Kommunist und Jurist Ján Poničan (1902–1978) ihr radikalster Vertreter, der die literarische Vergangenheit verwarf und sich vor allem von der revolutionären russischen Lyrik beeinflusst zeigte.Schmaus 1996, S. 449. Als bekanntester Dichter der Gruppe kann Ladislav Novomeský (1904–1976) gelten. Er suchte in seinem reichen dichterischen Werk – darunter die Gedichtsammlungen „Nedeľa“ (Sonntag; 1927) und „Romboid“ (Rhomboid; 1932), „Otvorené okná“ (Offene Fenster; 1935) und „Sväty za dedinou“ (Der Heilige hinter dem Dorf; 1939) – eine experimentelle, artistische Poesie mit dem sozialistischen Engagement zu verbinden.Schönfeld: Slowakei. 2000, S. 249–250.

Die Kriegsschicksale und die Erfahrungen der Menschen in den veränderten Nachkriegsverhältnissen verarbeiteten Milo Urban (1904–1982) in seinem Roman „Živý bič“ (Die lebendige Geißel; 1927) und Jozef Cíger-Hronský (1896–1960) in den expressionistischen, das Landleben in den Mittelpunkt stellenden Prosawerken „U nás“ (Bei uns daheim; 1923), „Chlieb“ (Brot; 1931) und „Jozef Mak“ (1933).

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Sturz der katholisch-ultranationalistischen Vasallenregierung des 1939 gegründeten Slowakischen Staats unter Jozef Tiso emigrierten mehrere katholische Autoren wie Imrich Kružliak oder Rudolf Dilong (1905–1986) in den Westen. Cíger-Hronský wurde Vorsitzender der slowakischen Schriftsteller im Exil. Viele säkulare oder kommunistische Autoren und Kritiker wie Ladislav Novomeský, Jozef Felix oder Michal Chorváth leisteten Widerstand oder beteiligten sich am Slowakischen Nationalaufstand 1944.Zajac 1996, S. 39.

Literatur unter dem Sozialismus miniatur|hochkant|Büste von Milan Rúfus (1928–2009) Mit Ausnahme der Autoren, die dem Tiso-Regime nahegestanden hatten und das Land verlassen mussten, erlebten alle literarischen Bewegungen der Slowakei in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg einen erneuten Aufschwung. Die Machtübernahme der Kommunisten im Februar 1948 empfanden viele slowakische Dichter und Schriftsteller zunächst nicht als bedrückend; viele identifizierten sich mit dem neuen Staat, seinem säkularen Universalismus und Kollektivismus und seiner Industriesymbolik. Der weithin angesehene und mit dem Ruhm des Widerstandskämpfers ausgezeichnete Ladislav Novomeský warb 1949 auf dem ersten gemeinsamen Kongress der tschechischen und slowakischen Schriftsteller in Prag für die Unterstützung der Partei beim Aufbau des Sozialismus.Schönfeld: Slowakei. 2000, S. 251–252. Der kommunistische slowakische Schriftstellerverband, dem alle Autoren beitreten mussten, denen an weiteren Veröffentlichungen gelegen war, übte eine absolute Kontrolle über die literarische Produktion aus. Viele Autoren, darunter der Lyriker Ján Smrek, wandten sich ernüchtert von der sozialistischen Modernisierung ab. Erst 1993 wurde posthum ein 40 Jahre altes Gedicht von ihm aufgefunden, das von seinem demokratischen Engagement zeugt.Zajac 1996, S. 61 f. 1951 wurde auch der traditionelle sozialistische Dichterkreis der „Davisten“ aufgelöst. Sein prominentestes Mitglied, Ladislav Novomeský, der inzwischen hohe Partei- und Regierungsfunktionen innehatte, wurde verhaftet und aus der Partei ausgeschlossen.Schönfeld: Slowakei. 2000, S. 253.