Hindewhu, auch hindehu, ndewhoo, ist eine Eintonflöte, die von den Ba-Benzele gespielt wird, einem den Pygmäen zugerechneten, traditionell nomadischen Volk, das überwiegend im Südwesten der Zentralafrikanischen Republik lebt. Ein Solist singt oder jodelt einzelne bedeutungslose Silben und bläst in schnellem Wechsel die Flöte, wodurch sich eine komplex verzahnte Melodie in der Form eines Hoquetus ergibt. Ebenso produziert eine Gruppe von Flötenbläsern und Sängern eine schnelle Tonfolge aus größeren Intervallen, deren oberster Ton immer der Flötenton bildet. Der außergewöhnliche Musik- und Gesangsstil der Ba-Benzele wurde 1966 erstmals auf einem Tonträger international veröffentlicht. Er ist eine Form des polyphonen Gruppengesangs, den die Ba-Benzele, Baka und Bambuti pflegen und der 2008 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde.Polyphonic singing of the Aka Pygmies of Central Africa. UNESCO
Eintonflöten sind in Afrika zwischen Äthiopien und Südafrika sowie in Westafrika verbreitet. Mehrstimmige, ineinandergreifende Tonfolgen werden auch mit anderen Blasinstrumenten und in vielen Gebieten mit Xylophonen oder gestimmten Trommeln gespielt. Mutmaßungen über einen gemeinsamen Ursprung von Pygmäen und San (Buschmännern) stützen sich unter anderem auf ähnliche musikalische Formen der beiden geographisch weit getrennt voneinander lebenden Volksgruppen. Zu diesen Vergleichen gehören Eintonflötenensembles, die es bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts auch bei den San gab. Ab den 1960er Jahren gelangte die Musik der Ba-Benzele in den Jazz, die westliche Popmusik und die Neue Musik, entweder als Klangsamples oder als Grundlage für Kompositionen.
Verbreitung von Eintonflöten Der Lebensraum der einzelnen Pygmäenvölker erstreckt sich über mehrere tropische Regenwaldgebiete Zentralafrikas. Sie zeigen von den ruandischen Batwa im Südosten bis über die benachbarten Bangombo und Ba-Benzele zu kleineren Gruppen in Kamerun und Gabun im Westen eine große Ähnlichkeit in ihrem mehrstimmigen Gesang, obwohl sich in jüngerer Zeit nicht in einem kulturellen Austausch standen. Die Ba-Benzele (Bambenzele, Bambenjele) sind eine Untergruppe der Ba-Mbenga, die in der zentralafrikanischen Präfektur Mambéré-Kadéï und im angrenzenden Norden der Republik Kongo am Fluss Sangha beheimatet ist. Zu ihrer alten Wirtschaftsform als Jäger und Sammler gehören halbkugelförmige Hütten aus Zweigen und Gräsern sowie eine der nomadischen Lebensweise geschuldete Einschränkung des materiellen Besitzes. Die Auswahl an eigenen Musikinstrumenten ist entsprechend bei den Ba-Benzele auf die Eintonflöte und Idiophone beschränkt; es gibt andere Pygmäengruppen, die darüber hinaus mehrere Saiteninstrumente herstellen. Bei den verwandten Baka kommen beispielsweise der Mundbogen limbindi sowie die Bogenharfen ngombi und ieta vor. Indem sie mit den Händen wie mit Wassertrommeln auf eine Wasseroberfläche klatschen (liquindi), können Baka-Frauen polyrhythmische Muster erzeugen. Große und schwere, mit Antilopenfell bespannte Röhrentrommeln aus Holz schlagen die Ba-Benzele zur Begleitung von Tänzen. Die schlecht transportablen Trommeln passen nicht zum Gepäck nomadisierender Gruppen und dürften daher eine Übernahme der benachbarten sesshaften Bantu-Bevölkerung sein. Die Ba-Benzele pflegen abends am Lagerfeuer eine ausdrucksstark gesprochene und gesungene Erzähltradition, die aus einem Repertoire mythischer Überlieferungen schöpft. Die Zuhörer antworten dem Vortragenden im Wechselgesang.Jos Gansemans, Barbara Schmidt-Wrenger, 1986, S. 180
Paul Schebesta beschrieb in den 1930er Jahren bei den Bambuti-Pygmäen (Mbuti) im Distrikt Ituri im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo eine baruma genannte Panflöte, die aus bis zu zwölf Pfeifen bestand.Paul Schebesta: 78. Pygmy Music and Ceremonial. In: Man, Vol. 57, April 1957, S. 62 f. Dies ist ungewöhnlich, weil Bambuti keine eigenen MusikinstrumenteCharlotte J. Frisbie, 1971, S. 279 und Pygmäen allgemein ansonsten keine Panflöten besitzen.Victor A. Grauer, 2006, S. 21 Manche Pygmäen haben Trommeln von ihren bantusprachigen Nachbarn übernommen. Eine ähnliche kulturelle Übernahme ist das Stampfen von Maniok in einem Holzmörser, bei dem drei Frauen im rhythmischen Wechsel ihren Holzstößel bewegen während eine weitere Frau mit einem Stock den Takt auf den Mörserrand schlägt.Jos Gansemans, Barbara Schmidt-Wrenger, 1986, S. 174
Flöten aus Knochen oder Pflanzenstängeln gehören zu den ältesten Musikinstrumenten und ihre Erfindung wird in den Mythen vieler Kulturen den Göttern zugeschrieben. Die meisten afrikanischen Flöten werden längs geblasen und häufig von Hirten oder zur Tanzbegleitung gespielt. Querflöten kommen oder kamen in Zentralafrika nur selten vor, etwa die dilele (auch umpindo) der Baluba-Männer in der Demokratischen Republik Kongo mit fünf Grifflöchern und die odin der Eton-Frauen in Kamerun ohne Griffloch. Sowohl die Musiker der dilele als auch der odin können mit dem Flötenspiel gesprochene Sprache übertragen. Eine Eton-Frau, deren Musik 1967 aufgezeichnet wurde, ergänzte die Melodie, indem sie zur odin, die nur vier Töne hervorbringt, die fehlenden Töne sang. Hierdurch entstand wie bei den Ba-Benzele mit ihrer hindewhu eine einheitliche Melodie, die sich aus gesungenen und auf der Flöte geblasenen Tönen zusammensetzte.Jos Gansemans, Barbara Schmidt-Wrenger, 1986, S. 152, 154 Eine andere Querflöte ohne Griffloch, deren Grundton entsprechend der odin durch Öffnen und Schließen des fernen Endes mit dem Zeigefinger verändert werden kann, ist die ludaya der Bagisu im Osten Ugandas. Ebenfalls selten kommen Gefäßflöten in Zentralafrika vor, die aus einer Fruchtkapsel, einer Kalebasse oder aus Ton bestehen und außer dem Anblasloch noch ein bis fünf Grifflöcher besitzen.
Bei manchen Khoisan-Gruppen im südlichen Afrika gab es Rohrflöten-Ensembles aus mehreren Eintonflöten. Sie wurden zuerst 1497 von Vasco da Gama erwähnt und bis Anfang des 20. Jahrhunderts immer wieder beschrieben. Jeder Musiker des Ensembles, der Unterhaltungstänze begleitete, blies in eine gestimmte Eintonflöte und trug mit seinem Ton zur Entstehung einer Melodie bei. Percival Kirby verglich die mehrstimmigen Flötenlieder der Khoisan in den 1930er Jahren mit dem Klang einer Orgel. Obwohl auch in Afrika Panflöten vorkommen (in Uganda die enkwanzi oder obulere), hat ein einzelner Musiker der Khoisan nie mehrere gebündelte Rohrflöten gespielt. Die Rohrflöten der Khoisan und andere Eintonflöten-Ensembles stellen eine musikhistorisch bedeutsame Entwicklungsstufe der Panflöte dar.Percival R. Kirby: The Reed-Flute Ensembles of South Africa: A Study in South African Native Music. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland, Vol. 63, Juli – Dezember 1933, S. 313–388, hier S. 317, 384
Die Chopi sind eine kleine Ethnie an der südlichen Küste von Mosambik mit einer außergewöhnlichen, eigenständigen Musiktradition, in deren Zentrum das Zusammenspiel mehrerer, timbila genannter Rahmenxylophone (der weiter nördlich vorkommenden valimba ähnlich) steht. Hugh Tracey nahm 1955 drei junge Chopi-Mädchen auf, die mit drei Töne erzeugenden Gefäßflöten aus Fruchtschalen ineinander verzahnte Tonfolgen hervorbrachten, zu denen sie gelegentlich jodelartig gesungene Töne addierten. Eine Aufnahme Traceys von 1963 gibt einen Tanz von acht Jungen mit Eintonflöten und Rasseln wieder, den sie üblicherweise am Ende der Erntezeit nachts fern von den Erwachsenen aufführten.Southern Mozambique. Portuguese East Africa, 1943 ’49 ’54 ’55 ’57 ’63. Chopi, Gitonga, Ronga, Tswa, Tsonga, Sena Nyungwe, Ndau. Aufnahmen von Hugh Tracey. SWP Records / International Library of African Music, 2003 (SWP 021), Titel 1, 2, 25
Auf ähnliche Art erreichen Ensembles mit Einton-Instrumenten Tonfolgen über mehrere Oktaven im sudanesisch-äthiopischen Grenzgebiet. Die dortigen Berta spielen an Festtagen ein Orchester aus zwölf, waza genannten Eintontrompeten, die aus mehreren Kalebassen zusammengesetzt sind. In einem anderen Orchester spielen die Berta 16 Bambuslängsflöten (bulhu). An dessen Stelle tritt bei den benachbarten Gumuz ein Ensemble aus zehn hölzernen Längsflöten (kome), die von einer großen zweifelligen Fasstrommel begleitet werden. Bei den Ingessana verwendet die Musikgruppe fünf bis sieben unterschiedlich lange Bambusflöten (bal).Sudan I – Music of the Blue Nile Province; The Gumuz Tribe. Produziert von Robert Gottlieb. CD der UNESCO Collection, Bärenreiter/Musicaphon BM 30 SL 2312, 1986 Die Maji im Südwesten Äthiopiens verwenden Einton-Bambusflöten – gelegentlich zusammen mit Panflöten – und ahmen Blasinstrumente nach, indem sie ihre Hände vor dem Mund entsprechend formen. In Verbindung mit einem jodelähnlichen Gesang entsteht eine mehrstimmige Musik mit einem starken Bezug zur Polyphonie der zentralafrikanischen Pygmäen.
Den sudanesisch-äthiopischen Einton-Blasinstrumentenensembles entspricht das aus 13 Holztrompeten (mbaya) bestehende Orchester der Dakpa, einer Untergruppe der Banda in der zentralafrikanischen Präfektur Ouaka. Die zwischen 26 und 170 Zentimeter langen Eintontrompeten werden längs und teilweise quer angeblasen. Die Trompeten werden nach rituellen Vorgaben hergestellt und stehen kulturell mit Ahnenverehrung und Initiationsriten in Verbindung. Die Mbre, eine andere Untergruppe der Banda, kennen ein Ensemble aus sechs Eintonflöten (Kerbflöten ngala) und einem eisernen Schellenpaar. Früher verkündete dieses Flötenensemble den Verlauf von Kriegszügen.Jos Gansemans, Barbara Schmidt-Wrenger, 1986, S. 172
Zu den allgemeinen Charakteristika mehrstimmiger afrikanischer Ensembles mit Blasinstrumenten und Gesangsstimmen gehören: Sie sind entweder nur mit Flöten oder nur mit Trompeten besetzt, selten werden unterschiedliche Blasinstrumentengattungen zusammen gespielt und in manchen Fällen ergänzen Trommeln oder Idiophone den Rhythmus. Die meisten Blasinstrumente bringen nur einen einzelnen Ton hervor. Der Tonumfang des gesamten Orchesters beträgt mindestens eine Oktave und kann bis über drei Oktaven umfassen, bei einer üblicherweise pentatonischen oder heptatonischen Tonfolge. Die Blasinstrumente der oberen Oktaven folgen der vorgegebenen Melodielinie und bilden keine eigenständige Melodie. Diese Ensembles unterscheiden sich nicht nur musikalisch, sondern auch in ihrer sozialen Stellung von den zeremoniellen Hoforchestern mit Trompeten und Querhörnern, weil sie nicht wie jene an den Herrscherhäusern auftreten. Die Hoforchester mit Langtrompeten (etwa der kakaki) übernehmen repräsentative Aufgaben für den Herrscher und haben sich im islamischen Kulturkreis südlich der Sahara verbreitet. Daneben existierten zwischen West- und Ostafrika ähnliche afrikanische Repräsentationsorchester mit Elfenbeintrompeten. Im Palast des christlichen Kabaka von Buganda im heutigen Uganda trat unter anderem das Flöten-Ensemble (abalere ba Kabaka) mit sechs Flöten (endere) unterschiedlicher Größe und vier Trommeln auf, dessen Zusammensetzung vermutlich eine Übernahme der muslimischen Hoforchester darstelltePeter Cooke: East Africa: An Introduction. In: Ruth M. Stone: (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Volume 1: Africa. Routledge, New York 1997, S. 601.
Die Flöten-Gesangsgruppen sind dagegen eher in hierarchisch wenig gegliederten Gesellschaften anzutreffen; ihre Mitglieder gehören nicht zwangsläufig zu einer Klasse von Berufsmusikern und sie dienen meist der Unterhaltung. In Gebieten mit christlicher oder islamischer Missionierung wurden sie an den Rand gedrängt oder sind verschwunden, falls sie nicht wie bei den Pygmäen eine neuerliche Wertschätzung als zu erhaltendes Kulturerbe erfahren.Roger Blench: Reconstructing African music history: methods and results. 2004, S. 6–11
Bauform und Spielweise