Die Litauische Kirche (auch Landkirche) war ein evangelisches Gotteshaus in der ostpreußischen Stadt Tilsit (heute russisch: Sowetsk). Sie wurde 1757 in ovalem Grundriss erbaut und mit einem Turm gekrönt. Bis 1945 diente sie den Litauern in Tilsit und mehr als 30 Kirchspielorten beiderseits der Memel für Gottesdienste.
Lage Das alte kulturelle Zentrum Preußisch Litauens liegt heute im Norden der Oblast Kaliningrad. Die Memel (russisch Neman) bildet die Grenze nach Litauen. Die russischen Fernstraßen A 198 und A 216 treffen hier zusammen. In Sowetsk endet die Bahn von Kaliningrad. Die Kirche stand in der südöstlichen Altstadt nördlich des Schlossmühlenteiches.
Gebäude Innenraum|mini Bevor in Tilsit eine Kirche für die litauische Bevölkerung gebaut wurde, sollen die Gottesdienste von einem „Predigtstuhl“ aus gehalten worden sein.Die Litauische Kirche bei GenWiki (mit einem historischen Foto der Kirche) Die dann erbaute Litthauische Kirche war ein Fachwerkbau ohne Turm und Glocken. (ebenfalls mit Foto) Sie wurde während des Neubaus der Deutschen Kirche (1598 bis 1612) auch von der deutschen Bevölkerung genutzt. Nach mehreren Reparaturen im 17. und im beginnenden 18. Jahrhundert musste das Kirchengebäude wegen Baufälligkeit abgerissen werden.
Durch einen Neubau nach den Plänen des Landbaumeisters Karl Ludwig Bergius wurde das alte Gotteshaus 1757 ersetzt.Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen. Göttingen 1968, S. 114, Abb. 512, 513. Die neue Kirche war von ovalem Grundriss und mit einem turmartigen Dachreiter versehen. Im Innern trugen auf Postamenten stehende toskanische Säulen das hölzerne Tonnengewölbe. Die Seitenschiffe waren flach gedeckt.
An der Ostwand der Kirche stand ein schlichter Kanzelaltar. Er war in die Säulenarchitektur einbezogen. In den Jahren 1853 und 1927 fanden umfangreiche Wiederherstellungsarbeiten in und an der Kirche statt.
Die Orgel aus der Werkstatt Sauer in Frankfurt (Oder) wurde am 9. September 1860 eingeweiht.
Im Jahre 1818 erhielt die Kirche zwei Glocken aus der Königsberger Gießerei Corpinus. 1892 sprang die eine Glocke und wurde 1893 von Reschke in Rastenburg (heute polnisch: Kętrzyn) umgegossen. Die andere Glocke wurde später durch einen Guss von der Schillingschen Glockengießerei in Apolda ersetzt.
Das Kirchengebäude überstand die Eroberung Tilsits 1945 ohne Beschädigung. Sie brannte durch ein (wohl von Kindern ausgelöstes) Feuer aus und wurde 1951/52 abgerissen.Kirchen in Tilsit bei ostpreussen.net
Kirchengemeinde Eine Kirchengemeinde der Litauer entstand in Tilsit schon in der Zeit Herzog Albrechts, der sich sehr für die litauische Volksgruppe einsetzte.Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente. Göttingen 1968, S. 489. Sie wurde am 29. Juli 1686 von der Deutschen Kirche „separiert“.Friedwald Moeller: Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945. Hamburg 1968, S. 142. Beide Kirchen bestanden nebeneinander und gehörten vor 1945 zur Diözese Tilsit im Kirchenkreis Tilsit-Ragnit innerhalb der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. Zählte die Deutsche Kirche im Jahr 1925 insgesamt 45.000 Gemeindeglieder (Stadtgebiet und Stadtrand), so waren es bei der Litauischen Kirche im selben Jahr 8.800 Gemeindeglieder (Stadtgebiet und Umland beiderseits der Memel). An der Litauischen Kirche taten zwei Pfarrer ihren Dienst.
Durch die Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa 1945–1950 und die restriktive Kirchenpolitik der Sowjetunion brach das kirchliche Leben in Sowetsk ein. Heute liegt die Stadt im Einzugsgebiet einer in den 1990er Jahren neu entstandenen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Slawsk (Heinrichswalde), die der Propstei Kaliningrad (Königsberg) der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland zugehört.
Kirchspielorte (Tilsit-Land) Zur Litauischen Kirche, auch Landkirche genannt, gehörten neben Gemeindegliedern der Stadt Tilsit auch die Kirchenglieder in den umliegenden Orten, Ortschaften und WohnplätzenDer * kennzeichnet einen Schulort:
Ortsname Änderungsname1938 bis 1946 Heutiger Name Heutiger Staat Ortsname Änderungsname1938 bis 1946 Heutiger Name Heutiger Staat Bartukaiten Bartenhöh Barsukowka Russland *Pamletten Barsukowka Russland *Bendiglauken Bendigsfelde (Russland) Pellehnen Peleniai Litauen Berneiten Riedenhof (Russland) Pogegen Pagėgiai Litauen Budeningken Budingen Budjonowskoje Russland *Prussellen Prūseliai Litauen Campen Kampinė Litauen Raukothienen Rauken (Russland) *Dwischaken Teichort (Russland) Schakeningken Šakininkai Litauen *Eromeiten Ehrenfelde Slatoustje Russland Schilleningken Hegehof Salessje Russland *Groß Plauschwarren Plaušvariai Litauen *Schillgallen-Heydebruch (Russland) Jaegenberg Jėgininkai Litauen *Splitter (Russland) Kackscheiten Kaschen Kosyrjewo Russland *Stolbeck (Russland) *Kallwen (Russland) Suitkaten Sutkaičiai Litauen *Kaltecken Jelnja Russland Trakeningken Hochau (Ostpr.) (Russland) *Karteningken Kartingen Kulikowo Russland Uszpelken Užpelkiai Litauen Klein Plauschwarren Plaušvarėliai Litauen *Uszpirden Ušpirdžiai Litauen *Lasdehnen Lazdėnai Litauen *(Alt) Weynoten Weinoten Oktjabrskoje Russland Milchbude Jovarynė Litauen Winge Vingis Litauen *Nausseden Nausėdai Litauen Wittschen Vyčiai Litauen
Pfarrer An der Litauischen Kirche in Tilsit amtierten von der Reformation bis zum Jahre 1945 insgesamt 35 evangelische Geistliche und waren damit die Pfarrer des Kirchspiels Tilsit-Land: Johann Carbo, 1553–1576 Zacharias Blothno d. Ä., 1576–1602 Ambrosius Hartwich, 1602–1614 Zacharias Blothno d. J., 1614–1629 Georg Prätorius, 1629–1637 Daniel Klein, 1637–1666 Michael Engel d. Ä., 1666–1687 Michael Engel d. J., 1677–1707 G. Erhard Rosochatius, 1706–1709 Johann Schultz, 1710 Reinhard Rosenberg, 1710–1726 Hiob Naunien, 1726–1730 Johann Christian Schwartz, 1730–1758 Reinhold Ortlieb, 1758–1766 Wilhelm Regge, 1767–1790 Johann Jakob Preuß, 1784–1800 Christoph Frölich, 1800–1807 Gottfried Samuel Morgen, 1807–1820 Friedrich Gottl. Hassenstein, 1820–1830 Johann Erhard Atzpodien, 1831–1846 Carl Wilhelm Otto Glogau, 1846–1875 Adolf Küsel, 1865–1891 Waldemar Hoffheinz, 1876–1890Hoffheinz († 1897) war Angehöriger des Corps Littuania. Otto Stein, 1891–1924 Siegfried Dembowski, 1891–1895 Hugo August Waldemar Reidys, 1895 Johannes Kurt (Hans) Kalanke, 1896–1897Kalanke († 1924) war Angehöriger des Corps Baltia Königsberg. Hans Otto Max Brunau, 1897 Paul Barth, 1897–1905 Hans Bartschat, 1905–1915 Johannes Todtenhaupt, 1915–1937 Franz Adomat, 1925–1945 Heinz Zimmer, 1936 Ernst Knopf, 1936–1937 Kurt Melzer, 1937–1945
Kirchenbücher Von den Kirchenbüchern der Litauischen Kirche haben sich erhalten und werden im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg aufbewahrt:Christa Stache: Verzeichnis der Kirchenbücher im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin, Teil I: Die östlichen Kirchenprovinzen der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union. 3. Auflage. Berlin 1992, S. 111–113. Taufen: 1723–1818 und 1828–1866 Trauungen: 1791–1883 Begräbnisse: 1766–1876 Kommunikanten: 1673–1683 und 1732–1740.
Einzelnachweise
Kategorie:Erbaut in den 1750er Jahren Kategorie:Kirchengebäude (lutherisch) Kategorie:Kirchengebäude der Kirchenprovinz Ostpreußen Kategorie:Kirchengebäude in der Oblast Kaliningrad Litauische Kirche Kategorie:Zerstört in den 1950er Jahren Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Russland Kategorie:Ovalkirche Kategorie:Barocke Kirche Tilsit