mini|300px|Grafische Darstellung der Figurenbeziehungen in „Untergetaucht: Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945“ Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945 ist der autobiografische Bericht der deutschen Altphilologin und Philosophiehistorikerin Marie Simon, die dadurch nach ihrem Tod einer breiteren Öffentlichkeit durch ihr Zeugnis als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung bekannt wurde. Der Text erschien erstmals 2014, während sie selbst schon am 16. September 1998 in Berlin starb.
Entstehungsgeschichte Marie Simons Sohn Hermann stellte im Dezember 1997 ein Aufnahmegerät auf den Tisch der elterlichen Wohnung mit der Aufforderung: „Du wolltest doch immer deine Geschichte erzählen.“ Grundlage für die mündlichen Schilderungen war Maries „inneres Tagebuch“.Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. Bearbeitet von Irene Stratenwerth und Hermann Simon, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-10-036721-1, S. 273. Bereits 1940 hatte eine jüdische Freundin, die fest auf Maries Überleben vertraute, Marie in ihrem Plan bestätigt, ihre Erinnerungen eines Tages an die Öffentlichkeit zu bringen.Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 49. Auf der so entstandenen Grundlage von 75 Stunden erstellten die Autorin Irene Stratenwerth und Hermann Simon das Buchmanuskript.Am Lebensende die ganze Wahrheit sagen. Interview mit Hermann Simon und Detlev Lücke im Freitag
Aufbau Die Darstellung von Maries Leben in den Jahren 1922 bis 1945 ist im Buch in einen Prolog und sechs Kapitel gegliedert. Die Kapitel sind bis auf wenige Voraus- und Rückblicke chronologisch aufgebaut. Im Prolog wird ein zentrales Ereignis aus dem Jahr 1942 herausgegriffen, in dessen Folge Marie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen bei einem fanatischen Nationalsozialisten unterschlüpfen kann.
Im Buch finden sich einzelne Fotos von Marie und wichtigen Personen in ihrem Umfeld. Das Vorsatzpapier zeigt einen Stadtplan von Berlin, in dem die 19 Adressen markiert sind, an denen Marie Jalowicz in der beschriebenen Zeit wohnte. In einem Nachwort schildert Hermann Simon die Entstehungsgeschichte des Buches und schreibt über das Leben seiner Mutter nach 1945. Im angefügten Personenregister sind die Lebensdaten von etwa 60 der zahlreichen Personen des Buches aufgeführt. Teilweise ist dort auch zu lesen, in welcher Beziehung sie zu Marie oder zu anderen Personen standen. Zwei Seiten Danksagungen zeigen, wie viele Institutionen und Privatpersonen Hermann Simon bei seinen Recherchen unterstützt haben. In die wenigen Fußnoten zum Text fließen Ergebnisse daraus ein.
Handlung Kindheit und Jugend (1922–1940) Marie war das einzige Kind von Betti und Hermann Jalowicz. Ihr Vater war Anwalt, die Mutter hatte kein Abitur machen dürfen und fand ihre Berufung nun in der beruflichen Unterstützung ihres Mannes. In Maries bildungsbürgerlichem Elternhaus wurden die jüdischen Traditionen beachtet. 1938 erlag die Mutter mit nur 53 Jahren ihrer Krebskrankheit, 1941 starb auch der Vater, ein einschneidendes Erlebnis für Marie: „Ich musste mich nach außen hin zusammenreißen und sofort erwachsen werden.“Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 69. Ein Traum lässt sie den Tod ihres Vaters als Überlebensauftrag verstehen: „Dass ich leben durfte, leben sollte und leben würde, weil er es so gewollt hatte.“
Zwangsarbeit bei Siemens (1940–1942) Während der Zwangsarbeit in der Waffenproduktion bei Siemens, zu der Marie im Juli 1940 verpflichtet wurde, fasste sie den Entschluss unterzutauchen. Sie erreichte, dass ihr die kleine Pension ihres Vaters trotz fehlender juristischer Grundlage weiterhin ausbezahlt wurde.Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 70–71. Da Zwangsarbeiterinnen nicht kündigen durften, musste sie erst erreichen, dass ihr gekündigt wurde. Dann täuschte sie einen Postboten und gab damit den Anlass dafür, dass sie beim Arbeitsamt als deportiert galt und für die deutschen Behörden nicht mehr existierte.
Fluchtversuche und Untertauchen (1942) Während ihre Verwandten sich mit der drohenden Deportation abfanden, ordnete Marie alle Entscheidungen ihrem Überlebenswillen unter. Marie dachte zunächst daran, sich durch eine Scheinehe zu retten. Sie wandte sich an einen Chinesen in der Nachbarschaft, Schu Ka Ling, doch die Behörden erteilten keine Heiratsgenehmigung. Durch ihre „punktgenaue und wendige Reaktionsfähigkeit“Ulrike Krenzlin: Untergetaucht. In: Das Blättchen. Zweiwochenschrift für Kunst, Politik, Wirtschaft, 17. Jahrgang, Sonderausgabe, 15. Dezember 2014 , abgerufen am 5. Februar 2015. konnte sie sich im Juni 1942 mit einem Trick der Verhaftung durch zwei Gestapoangehörige entziehen. Bald darauf brach sie den Kontakt zu ihren jüdischen Verwandten ab. Ihr ungeborenes Kind mit ihrem Geliebten Ernst Wolff ließ sie, nicht ohne Trauer, abtreiben.Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 123. Sie verliebte sich in den Bulgaren Dimitr, genannt Mitko, und reiste mit ihm im Herbst 1942 nach Sofia. Dafür benutzte sie die von einem Fälscher umgearbeitete Kennkarte von Johanna Koch. Doch Marie musste im November 1942 zurück nach Berlin reisen. Sie lernte, den gelben Stern abzulegen und ihn mit ein paar Stichen blitzschnell wieder anzunähen, und konnte so ein Haus durch die Vordertür als Jüdin betreten und durch die Hintertür als „Arierin“ verlassen.Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 86. Auf weiten Streifzügen durch Berlin sammelte sie Informationen über die verschiedenen Stadtviertel und setzte, wenn es brenzlig wurde, ihre Weiblichkeit zu ihrem Vorteil ein. Ihr Selbstbewusstsein rettete ihr mehrfach das Leben.
Der erste Winter im Versteck (1942/1943) Anfangs konnte Marie sich für jeweils einige Wochen in Berliner Wohnungen verstecken, in denen frühere Patientinnen des jüdischen Gynäkologen Bruno Heller lebten, zum Beispiel die ehemalige Artistin Carola Schenk. Carola vermittelte ihr später ein Quartier bei ihrer Schwägerin, der Artistin und Nazigegnerin Camilla Fiochi. Camillas Lehrmädchen Inge Hubbe war die Tochter der Kommunistin Trude Neuke, die dafür sorgte, dass Marie nach Hellers Verhaftung Unterschlupf bei verschiedenen Mitgliedern ihrer Familie fand.
Ein beinahe normales Leben (April 1943 bis März 1945) Durch Vermittlung von Trude Neuke gingen Marie und der holländische Fremdarbeiter Gerrit Burgers eine Zweckbeziehung ein: „Burgers hatte große Vorteile von mir, aber ich auch von ihm. Wenn wir die Befreiung erleben würden, wären wir quitt miteinander, und ich würde diese Beziehung sofort beenden.“Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 276. Die Wohnung der Zimmerwirtin von Burgers, Luise Blase, wurde nun Maries Versteck, in dem sie sich zeitweise sehr wohlfühlte. Die Nachbarn hielten sie für eine Halbjüdin, denunzierten sie aber nicht, und der Hausmeister sorgte sogar dafür, dass sie bei den immer zahlreicher werdenden Bombenangriffen ohne Angst vor Kontrollen in den Luftschutzkeller gehen konnte. Die Verhaftung Trude Neukes und zwei Bombeneinschläge, die zur Zerstörung ihrer jeweiligen Bleibe führten, fielen in diese Zeit. Da es für Burgers und sie aussichtslos war, nochmals eine gemeinsame Wohnmöglichkeit zu finden, zog er in eine Sammelunterkunft für Fremdarbeiter.
Kriegsende (Ende März bis Sommer 1945) mini|Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde, Oranienburger Straße 28, Berlin-Mitte Nach der Trennung von Burgers zog Marie wieder nach Kaulsdorf zum Ehepaar Koch, bei dem inzwischen auch der Vater von Frau Koch wohnte. Dort besuchte Burgers Marie noch einmal, bevor er nach Holland zurückkehrte. Seine Bitte, ihn zu begleiten, lehnte sie mit dem Hinweis ab, sie wolle in Berlin bleiben, wo sie geboren sei.Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 366. Sie ließ sich bei der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde registrieren. Bei der Suche nach Überlebenden aus ihrem früheren Umfeld fand sie ihren Onkel Karl und Trude Neuke.
Der Rückblick endet mit Maries Einzug in ihre erste eigene Wohnung in Berlin-Pankow im Sommer 1945.
Erzählstruktur und Stil Der autobiografische Text ist aus der Ich-Perspektive von Marie geschrieben, ein Rückblick auf die erzählte Zeit. An manchen Stellen wird diese Situation der Retrospektive deutlich spürbar, oft gekennzeichnet durch das Adverb „später“. So verweist der Satz „Erst viel später sollte ich erfahren, was wirklich mit Ernst Wolff los war.“Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 100. auf eine Stelle weiter hinten im Buch, in der Marie von homosexuellen Beziehungen ihres damaligen Liebhabers erfährt. Diese Passagen weisen teilweise auch über die im Buch erzählte Zeit hinaus: An einer Stelle wird berichtet, dass Trude Neuke, bei der Marie Unterschlupf findet, ihr verspricht, bis zum Sieg der Roten Armee die Verantwortung für sie zu übernehmen. Es schließt sich der Satz an: „Diesen Moment sollte ich später als einen der großen Höhepunkte meines Lebens empfinden.“Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 208.
Nur sehr wenige politische Ereignisse werden im Text erwähnt. Details werden nicht berichtet, es geht nur darum, was sie bei Marie auslösten: Die Bekanntgabe der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad am 3. Februar 1943 bewirkte bei Marie eine Erregung, „die alles überstieg, was ich bis dahin durchlebt hatte. Für mich war völlig klar: Der Krieg ist entschieden, die Alliierten werden siegen, die Weltgeschichte behält ihren Sinn. Die Menschheit und auch Deutschland werden vor dem endgültigen Verderben gerettet.“Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 209. Auch das Attentat vom 20. Juli 1944 findet sich im Buch. Da Marie der Meinung war, dass Deutschland durch den Einmarsch der Alliierten vollständig besiegt werden müsse, deprimierte es sie nicht, dass der Anschlag fehlschlug.Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 322.
Das Buch „verweigert sich nicht nur jeder Rührseligkeit, sondern sogar jedem Spannungsbogen“.Nadia Pantel: Eine Frage der Würde. Was die Jüdin Marie Jalowicz Simon während der NS-Zeit auf sich nahm, um zu überleben, ist ungeheuerlich. Hart gegen sich und gegen andere, war sie taktisch klug – auch im Umgang mit bekennenden Nazis. In: Nadia Pantel: Eine Frage der Würde, abgerufen am 5. Februar 2015. Mit „Witz und Trauer, kühlem Verstand und verrückter Liebe“Pieke Biermann: Allein in der deutschen Eiswüste. Marie Jalowicz Simon: „Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945“. In: Deutschlandradio Kultur, 6. März 2014, abgerufen am 4. Februar 2015. wird erzählt und die eigene Entscheidung trotz aller Gefahren und Schwierigkeiten positiv bewertet: „Es hat auch gelohnt, all die Ängste und Widrigkeiten auf mich zu nehmen. Denn das Leben ist schön.“
Personen (Auswahl) Die Personen werden sehr differenziert dargestellt. „Simon ist gejagt, aber sie ist kein Opfer. Und die, die ihr helfen, sind mutig, aber keine Helden.“ Etliche Helfer lassen sich ihr Risiko bezahlen: Männer mit Sex, Frauen mit Unterordnung.
Marie Jalowicz Marie reflektiert in dem Buch auch ihre eigene Entwicklung. So wurde ihr erst bei Kriegsende bewusst, wie sehr sie jahrelang in einem Freund-Feind-Schema gedacht hatte und „wie viel unverschuldetes Leid der Krieg auch unter den Nichtjuden angerichtet hatte.“Marie Jalowicz Simon: Untergetaucht. Eine junge Frau überlebt in Berlin 1940–1945. S. 377.
Ernst Wolff