mini|August Reinsdorf (Zeichnung von unbekannter Hand) Friedrich August Reinsdorf (geboren am 31. Januar 1849 in Pegau; gestorben am 7. Februar 1885Nord und Süd, 1885, S. 82; Max Schütte (1902), S. 3 ff.; Helga Berndt, S. 216; Johann Langhard, S. 263. in Halle an der Saale) war ein deutscher Schriftsetzer und Anarchist. Bekannt wurde er durch das fehlgeschlagene Attentat am Niederwalddenkmal auf den Kaiser und die Fürsten des deutschen Kaiserreichs. Reinsdorf war an der Planung beteiligt, krankheitsbedingt jedoch nicht an der Ausführung. Das Komplott war der fünfte Anschlag auf Wilhelm I. Ein erstes bekannt gewordenes Attentat hatte 1849 ein anonym gebliebener Heckenschütze auf den damaligen Prinzen von Preußen unternommen. 1861 folgte die Aktion Oskar Beckers. 1878 kam es im Abstand von drei Wochen zu den Anschlägen von Max Hödel und Karl Eduard Nobiling. Letzterem gelang das einzige Attentat, bei dem Wilhelm I. ernstlich verletzt wurde.
Leben
Jugend und Wanderjahre August Reinsdorf war der älteste Sohn des Schuhmachers Friedrich August Reinsdorf und dessen Ehefrau Christinae Emilie. Er hatte elf Geschwister,Helga Berndt, S. 217. darunter seinen Bruder August Bruno Reinsdorf.Geboren am 10. Dezember 1857 in Pegau, gestorben am 22. März 1910 in New York. (Helga Berndt, S. 219–220.)
Reinsdorf besuchte die Volksschule in Pegau und erlernte den Beruf eines Schriftsetzers. Nach Beendigung der Lehre Ostern 1865S[alo] Werner, S. 13; Johnann Most, S. 8. Hugo Friedländer nennt abweichend „1867“ (S. 173.) begab er sich auf Wanderschaft, die ihn nach Frankfurt am Main, Naumburg, Stettin, Berlin, Hannover, und London führte. Hier lernte er 1869 Johann Most kennen.Johann Most, S. 9. Nach S[alo] Werner aber „1877“ (S. 14.) Dann ging er nach Freiburg im Breisgau, Mannheim, Stuttgart, Tübingen, Meßkirch und Radolfzell. Von dort nach Winterthur, St. Gallen, Zürich, Basel, Solothurn und Freiburg, Lausanne und Genf. In der Schweiz war er aktiv in der Berufsgewerkschaft „Typographia“F. Bäschlin: 100 Jahre Typographia Bern, 1848–1948. Holzschnitte Paul Boesch. In: Typographische Monatsblätter. Bern 1948, Nr. 5. Reinsdorf besuchte nach eigenen Angaben in Zürich Versammlungen der schweizerischen Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation.S[alo] Werner, S. 14. In Genf lernte er Johann Philipp Becker, Bakunin, Kropotkin, Paul Brousse und andere Anfang 1874 kennen.Johann Most, S. 9. 1874 kehrte August Reinsdorf nach Deutschland zurück und war längere Zeit in Leipzig in seinem Beruf tätig, bis er wegen seiner Anschauungen gekündigt wurde.S[alo] Werner, S. 14. Dann wandte er sich nach München und Budapest. Budapest musste er verlassen, weil er dort nicht genügend Arbeit fand.„Dort in Ungarn aber war absolut nichts zu verdienen, denn dort arbeiteten zu viel Israeliten als Schriftsetzer“. S[alo] Werner, S. 14. Im Juni 1876 traf Reinsdorf mit Most in Berlin zusammen.August Reinsdorf logierte hier unter dem Namen „Steinberg“ (Johann Most, S. 16). Er nahm am Berner Kongress26. bis 29. Oktober 1876. der sogenannten Antiautoritären Internationale als Delegierter teil und schrieb darüber Korrespondenzen an die von Most redigierte „Berliner Freie Presse“.Berliner freie Presse. Berliner Nachrichten. Baumann, Berlin 1875–1878.Johann Most, S. 16. Bereits 1877 wurde Reinsdorf aus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ausgeschlossen.Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Zweiter Teil. Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 589.
Nach Meinung von Most war Max Hödel ein „Schüler“ von Reinsdorf, der „die kaiserliche Bestie am helligsten Tage in Berlin […] erschießen“ sollte.Johann Most, S. 21. Reinsdorf wurde in Zusammenhang mit dem Attentat von Max Hödel im Mai 1878 von dem Berliner Polizisten Krüger verhört, allerdings ohne Ergebnis. 1881 wurde er in Berlin vorübergehend verhaftet und am 2. Juni 1881 ausgewiesen. Wieder in Leipzig wurde er am 28. Juni 1881 wegen des Kleinen Belagerungszustandes ausgewiesen.Helga Berndt, S. 216. Reinsdorf ging nach Pegau und anschließend nach Nancy. 1883 lebte er in Elberfeld unter dem Namen „Pelsenbach“.S[alo] Werner, S. 16 und S. 20.
Planung und Durchführung des Niederwalddenkmalsattentats mini|Das Niederwalddenkmal Im April 1883 hatte Kaiser Wilhelm I. den 28. September 1883 als Tag der Einweihung des Niederwalddenkmals bestimmt, weil im Deutsch-Französischen Krieg an diesem Tag 1870 das belagerte Straßburg vor preußischen Truppen kapituliert hatte.Reinhard Alings: Monument und Nation. Das Bild vom Nationalstaat im Medium Denkmal. Zum Verhältnis von Nation und Staat im deutschen Kaiserreich 1871–1918. Walter de Gruyter, Berlin 1996, ISBN 3-11-014985-0, S. 168. Reinsdorf, der sich 1883 in Elberfeld aufhielt, plante einen Anschlag bei der Eröffnungsfeier, der aber fehlschlug.
Schon am 17. Juli 1883 meldete der Sozialdemokrat Wilhelm Fuhrmann (Deckname „Eintracht Nachfolger“) aus Ronsdorf dem roten Feldpostmeister Julius Motteler, dass Reinsdorf und der Spitzel Robert PalmDer Staatsanwalt von Elberfeld schrieb über ihn am 8. Januar 1884 an den Berliner Polizei-Präsidenten Guido von Madai: „Nach vertraulicher Mitteilung – der Vertrauensmann kann einstweilen nicht bloßgestellt werden“. (Zitiert nach Dieter Fricke, S. 160 Anm. 307.) im Besitz von Dynamit seien.IISG, Amsterdam. Julius Motteler Papers. Sechs Briefe aus dem Jahr 1883.Dieter Fricke, S. 160, Anm. 305.
Reinsdorf lag wegen einer Beinverletzung seit Anfang September 1883 im Krankenhaus. Da er das Attentat nicht selbst ausführen konnte, beauftragte er Franz Reinhold Rupsch und Emil Küchler mit dem Anschlag.
Das Dynamitminen-Attentat auf Kaiser Wilhelm I., den Thronfolger (der spätere Kaiser Friedrich III.), den König von Sachsen und viele deutsche Fürsten, die aus Anlass der Einweihung des Nationaldenkmals auf dem Niederwald bei Rüdesheim angereist waren, scheiterte. Rupsch und Küchler hatten Dynamit und Zündeinrichtung am Vortag in einer Drainage deponiert und konnten die Zündschnur im entscheidenden Moment nicht anzünden, weil sie über Nacht feucht geworden war.
Am 26. Dezember 1883 feierten Arbeiter in Elberfeld und Barmen. Die Festlichkeit erbrachte einen erheblichen Überschuss. Am folgenden Tag baten zwei der Attentäter, Emil Küchler und Rupsch, ihnen ihre Auslagen zu erstatten, die sie für die Fahrt zum Niederwalddenkmal gehabt hatten. Vermutlich war einer der auf sie angesetzten Spitzel anwesend, denn am 27. Dezember wurden beide verhaftet.Hugo Friedländer: Das Dynamit-Attentat bei der Enthüllungsfeier des Niederwald-Denkmals, S. 51.
Reinsdorf, der an Tuberkulose litt, wurde am 11. Januar 1884 in Hamburg verhaftet.Hugo Friedländer, S. 162. Obwohl alle nun der Tat Verdächtigten in Polizeigewahrsam steckten, wurde in der Presse nicht darüber berichtet.
Am 23. April 1884 schrieb der Kaiser an den Minister Robert von Puttkamer: „Da ich nun seit Monaten nie eine Silbe über den entdeckten Frevel gehört habe […], so scheint die Angelegenheit kurz vor der Debatte über das Sozialistengesetz wichtig zu verwerten für die Abstimmung. Da ein Geständnis vorliegt, so ist das Geheimnis nun nicht mehr zu bewahren, um Mitwisser zu erforschen. Sprechen Sie doch gleich mit Frst. Bismarck von dieser Mitteilung, um die Presse in Bewegung zu setzen“.Albert von Puttkamer: Staatsminister Robert von Puttkamer. Ein Stück preußischer Vergangenheit 1828–1900. K. F. Koehler, Leipzig 1928, S. 139. (Zitiert nach Dieter Fricke, S. 160–161.) Am nächsten Tag machte Eugen Richter, Mitglied der Reichstagskommission für das Sozialistengesetz, Mitteilung, dass die Behörden Beweise über das Niederwaldattentat hätten. Damit wurde erreicht, dass sich doch noch mehr Abgeordnete für eine bisher nicht sichere Verlängerung des Sozialistengesetzes bereit erklären würden.Dieter Fricke, S. 162 ff.
Der Prozess vom 15. bis 22. Dezember 1884 mini|Die Attentäter (zeitgenössische Zeichnung). August Reinsdorf (Erste Reihe, zweiter von links) Unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Edwin Drenkmann wurde vor dem II. Strafsenat am Reichsgericht in Leipzig verhandelt. Die Anklage vertraten Oberreichsanwalt August Heinrich von Seckendorff und Staatsanwalt Ludwig Treplin. Die Angeklagten waren Reinsdorf,Ohne festen Wohnsitz. Karl Rheinbach,Geboren am 3. Dezember 1841 in Ronsdorf. Beruf: Bandwirker, wohnhaft in Barmen. (S[alo] Werner, S. 8. Karl Bachmann,Geboren am 4. Dezember 1859 in Triptis, Herzogtum Sachsen-Weimar. Beruf: Weber, Aufenthalt zuletzt in Luxemburg. (S[alo] Werner, S. 6.) Emil Küchler,Geboren am 9. Februar 1844 in Krefeld. Beruf Schriftsetzer, wohnhaft in Elberfeld. (S[alo] Werner, S. 8.) August Töllner,Geboren am 11. Dezember 1849 in Barmen. Beruf: Weber, wohnhaft in Barmen. (S[alo] Werner, S. 8.) Karl Holzhauer,Geboren am 16. Mai 1835 in Weiderode. Beruf: Schuhmacher, wohnhaft in Barmen. (S[alo] Werner, S. 8.) Er erhängte sich in seiner Zelle am 19. September 1885 (Max Schütte 1983). Fritz SöhngenGeboren am 3. Oktober 1851 in Haßlinghausen. Beruf: Färber, wohnhaft in Barmen. (S[alo] Werner S. 8.) und Franz Reinhold Rupsch.Geboren am 19. März 1863 in Rathewitz, Kreis Naumburg an der Saale. Beruf Sattler, wohnhaft Roßbach an der Saale. (S[alo] Werner, S. 7.) Es waren 48 Zeugen und sechs Sachverständige geladen. Der Verteidiger Reinsdorfs war Justizrat Gottfried Fenner.S[alo] Werner, S. 4.
Die Anklage bezog sich auf den Brandanschlag auf den Gasthof „Willems“ in Elberfeld am 4. September 1883, auf das fehlgeschlagene Attentat vom 27./28. September 1883 und auf den Anschlag auf die Festhalle in Rüdesheim am Abend des 28. September 1883. Reinsdorf sollte der Anstifter aller drei Taten sein. Küchler und Rupsch wurden der beiden letzten Taten wegen angeklagt. Holzhauer, Söhngen, Töllner und Rheinbach waren der Teilnahme an den beiden letzten Verbrechen angeklagt.S[alo] Werner, S. 7–9.
Die Anklage für Bachmann lautete auf § 112 RStGB, § 43 RStGB, § 306 Ziffer 2 RStGB, § 311 RStGB und § 73 RStGB.S[alo] Werner, S. 6.
Der Zeuge Roland Palm,S[alo Werner, S. 61 ff.] der die Beschaffung von Sprengstoff finanziert haben soll, wurde nicht vereidigt.Franz Mehring: „Nach Reinsdorfs eigener Behauptung flossen die Kosten der Expedition zum größten Teil aus polizeilichen Fonds, und diese Behauptung wurde nur deshalb nicht urkundlich festgelegt, weil der Weber Palm, der die fraglichen 40 Mark beigesteuert hatte, gleichwohl aber nicht mitangeklagt worden war, sondern als Zeuge vernommen wurde, jede Angabe über Herkunft des Geldes verweigerte. Das Reichsgericht sah von der Vereidigung dieses ‚Zeugen‘ ab“. (Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie.)
Urteil und Tod Er wurde wegen Anstiftung zum Hochverrat§ 80 RStGB am 22. Dezember 1884 durch das ReichsgerichtVereinigter II. und III. Strafsenat, Rep. C. 2/84; Vorsitzender: Edwin Drenkmann; Urteilsauszug (betreffend die Mitangeklagten Bachmann und Holzhauer) in RGSt 12, 64–67 zum Tode verurteilt und am 7. Februar 1885 im Roten Ochsen in Halle zusammen mit Küchler mit dem RichtbeilJohann Most, S. 62. hingerichtet.Johann Langhard, S. 263; Johann Most, S. 61 f. Die Todesstrafe von Rupsch wurde aufgrund seines Jugendalters in lebenslange Haft umgewandeltHugo Friedländer, S. 262- und Karl Bachmann erhielt zehn Jahre Zuchthaus.Johann Langhard, S. 262. Karl Holzhauer wurde wegen Beihilfe zum Hochverrat mit zehn Jahren Zuchthaus verurteilt.S[alo] Werner, S. 91. Die anderen drei Angeklagten Karl Rheinbach, Fritz Söhngen und August Töllner wurden freigesprochen.