mini|Sexualität und Tod, zwei Hauptmotive der Schwarzen Romantik (Gemälde von Antoine Wiertz, 1847) Die Schwarze Romantik (auch Schauerromantik, Negative Romantik oder Dunkle Romantik) war eine Unterströmung, die innerhalb der Romantik am Ende des 18. Jahrhunderts aufkam. Die Schwarze Romantik umfasst Werke aus Literatur und Kunst. Typische Motive der Schwarzen Romantik sind unter anderem das Unheimliche, Dämonische, Abgründige in der menschlichen Psyche bis hin zum Wahnsinn, Erotik und Gewalt sowie der Tod. Die Schwarze Romantik entzieht sich einer klaren Definition: Sie wird in manchen Zusammenhängen auch als eine Strömung in Literatur und Kunst gesehen, die über die Epoche der Romantik hinausgeht und auch Einfluss auf die Kunst des Symbolismus oder den Horrorfilm ausgeübt hat.

Definition Der Begriff Schwarze Romantik stammt ursprünglich aus der Literaturwissenschaft. Es ist nicht klar, wer den Begriff prägte. Populär gemacht wurde er durch den italienischen Literaturwissenschaftler Mario Praz (1896–1982). Praz legte in seiner motivgeschichtlichen Studie zur Romantik seinen Schwerpunkt auf die Nachtseite der Romantik und analysierte Motive wie Tod, Laster, Grausamkeit und Dekadenz.Mario Praz: Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. dtv, München 1963, ISBN 3-423-04375-X. Der Begriff Schwarze Romantik wird in Praz' Studie selbst nicht erwähnt, taucht aber als Untertitel der deutschen Übersetzung prominent auf. Der Begriff hat sich aufgrund von Praz' Publikation in der Literaturwissenschaft etabliertFelix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst. Katalog zur Ausstellung im Städel Museum Frankfurt, 26. September 2012 bis 20. Januar 2013. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3372-4, S. 15. und wurde von weiteren Literaturwissenschaftlern aufgegriffen.So z. B.: André Vieregge: Nachtseiten. Die Literatur der Schwarzen Romantik. Lang, Frankfurt a. M. 2008, ISBN 978-3-631-57700-4; Jürgen Klein: Schwarze Romantik: Studien zur englischen Literatur im europäischen Kontext. Frankfurt am Main 2005. Die Schwarze Romantik fand in der Literatur, in der Bildenden Kunst und in der Musik ihren Niederschlag. In der Kunstgeschichte und Musik wird der Ausdruck Schwarze Romantik eher selten verwendet.

Der Begriff Schwarze Romantik ist nicht klar definiert. Im Sachwörterbuch der Literatur (2001) wurde die Schwarze Romantik definiert als „irrationale Tendenz der Romantik zum Unheimlich-Gespenstischen, Phantastisch-Abseitigen und Dämonisch-Grotesken“ und vor allem die Schwarze Romantik in der Form von Schauerliteratur und Gespenstergeschichten erwähnt.Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Kröner, Stuttgart 2001, S. 743. Die Schwarze Romantik lässt sich häufig nicht klar von der Hauptströmung der Romantik abgrenzen.

Die Ausstellung „Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst“ von September 2012 bis Januar 2013 im Städel-Museum (Frankfurt) ging noch weiter: die Konzeption der Ausstellung beschränkte sich nicht auf die eigentliche Epoche der Romantik im 19. Jahrhundert. Die Ausstellung zählte neben den im Titel Genannten u. a. Johann Heinrich Füssli in England, Caspar David Friedrich und Carl Blechen in Deutschland, den Schweizer Arnold Böcklin, den Norweger Edvard Munch zu den Malern der Schwarzen Romantik – aber auch filmische Werke wie Der müde Tod (Fritz Lang), Nosferatu (F. W. Murnau), Dracula (Tod Browning) oder Vampyr von Carl Theodor Dreyer, Fotografien (z. B. von Brassaï), Skulpturen (z. B. Werke von Paul Dardé, Jean-Joseph Carriès, Christian Behrens) und Opern wie der Freischütz von Carl Maria von Weber fanden hier Berücksichtigung und Anerkennung.Felix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst. Katalog zur Ausstellung im Städel Museum Frankfurt, 26. September 2012 bis 20. Januar 2013. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3372-4, S. 22–26.

Entwicklung und Merkmale Ende des 18. Jahrhunderts bildete sich in England die Schauerliteratur (Gothic Novel) als eigene Stilrichtung heraus. Stark von dieser englischen Dichtungsart beeinflusst war der romantische Roman Nachtwachen, den Ernst August Friedrich Klingemann 1804 unter dem Pseudonym „Bonaventura“ veröffentlichte. Aus der Schwarzen Romantik und der Schauerliteratur entwickelte sich im 19. Jahrhundert die moderne Horrorliteratur.

Die Schwarze Romantik zeichnet sich dadurch aus, dass sie irrationale, melancholische Züge besonders betont und sich auch von der Gestaltung menschlichen Wahnsinns und vom „Bösen“ fasziniert zeigt – in Abkehr von der vernunftgeleiteten Aufklärung und als Reaktion auf die Schrecknisse der Französischen Revolution. Künstler und Autoren der Strömung thematisierten Schattenseiten und Abgründe des Verhaltens von Menschen. Viele ihrer Werke waren düster resignativ, makaber, schaurig-dämonisch oder sogar satanisch. Oft diente zur Schilderung abseitig-exzessiver Verhaltensweisen und phantastischer, grotesker Phänomene ein verfeinert-dekadenter Ästhetizismus in das Erotisch-Sensitive und Übersteigert-Morbide hinein.

Motive In Kunst und Literatur der Schwarzen Romantik werden eine Vielzahl von Motiven verwendet, die zur „Nachtseite“ der Romantik gezählt werden.

Schauer, Spuk und Unheimliches mini|Caspar David Friedrich, Abtei im Eichwald Spukschlösser, Klöster, Verliese, Kellergewölbe, Gruften, Spukhäuser, Ruinen und Friedhöfe bieten die Kulisse für die Schauerliteratur, etwa in Schauerromanen wie Das Schloss von Otranto von Horace Walpole.Heinz-Georg Held: Schnellkurs Romantik. DuMont, Köln 2003, ISBN 3-8321-7601-2, S. 124. Ruinen, auch künstliche Ruinen, sind in der romantischen Ruinenarchitektur en vogue. Romantische Gemälde stellen unheimliche Naturerscheinungen wie Gewitter dar sowie nächtliche, in Mondschein oder in Nebel getauchte Landschaften, auch einsame Lichtungen und dunkle Wälder. Ein Maler, in dessen Werk sich diese Motive besonders umfassend finden, ist Caspar David Friedrich. Bekannte Beispiele, in denen Friedrich solche düster-verstörenden Motive umgesetzt hat, sind die Gemälde Abtei im Eichwald und Der Mönch am Meer.Felix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst. Katalog zur Ausstellung im Städel Museum Frankfurt, 26. September 2012 bis 20. Januar 2013. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3372-4, S. 18.

Dem Licht der Aufklärung stellt die Schwarze Romantik die Nacht und das Dunkel gegenüber und wertet sie positiv um. Beispielhaft für eine solche Umwertung der Nacht als Ort der besseren Erkenntnis und der höheren Wahrheit sind Novalis’ Hymnen an die Nacht.Felix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst. Katalog zur Ausstellung im Städel Museum Frankfurt, 26. September 2012 bis 20. Januar 2013. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3372-4, S. 271.

Leid, Gewalt und Tod mini|Paul Delaroche: Die Frau des Künstlers, Louise Vernet, auf dem Totenbett, Musée des Beaux-Arts, Nantes Leid, Tod und Verfall sind ebenfalls wiederkehrende Motive der Schwarzen Romantik.

Insbesondere die französische und spanische Romantik setzt sich als Folge der Französischen Revolution und der darauf folgenden napoleonischen Kriege mit Leid und Gewalt auseinander. Auch Francisco de Goya, eigentlich ursprünglich spanischer Hofmaler, der mit seinem Werk teilweise der Romantik zugerechnet wird, setzte sich mit der Gewalt und dem Schrecken des Krieges durch Napoleonische Truppen 1808 und im anschließenden spanischen Unabhängigkeitskrieg auseinander. Seine Desastres de la Guerra stellen dies verstörend und eindrucksvoll dar. Goyas verstörender Bilderzyklus Pinturas Negras, ein wesentliches Werk der Schwarzen Romantik, stellt unter anderem eine geheimnisvolle Prozession, Hexen und Saturn dar, wie dieser seine Kinder frisst, und gewährt einen Einblick in die Dunkelheit der Seele.Felix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst. Katalog zur Ausstellung im Städel Museum Frankfurt, 26. September 2012 bis 20. Januar 2013. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3372-4, S. 16.

Auch die Motive von Verfall und Tod sind in der Schwarzen Romantik präsent. So wird Verfall und Tod zum einen durch Landschaftsbilder, die Friedhöfe oder Ruinen darstellen, thematisiert, etwa von Caspar David Friedrich in seinen Gemälden. Zum anderen ist der Tod auch Motiv von Porträts. Der Maler Paul Delaroche etwa porträtierte seine verstorbene Ehefrau auf dem Sterbebett und sublimierte die Konfrontation mit dem Tod zu einer ästhetischen Erfahrung für den Betrachter.Felix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst. Katalog zur Ausstellung im Städel Museum Frankfurt, 26. September 2012 bis 20. Januar 2013. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3372-4, S. 17–18.

Die dunkle Seite der Psyche mini|Johann Heinrich Füssli: Der Nachtmahr (1802) Die Hoffnung der Aufklärung auf reine Rationalität und Vernunft des Menschen zeigte sich Anfang des 19. Jahrhunderts auch bereits gescheitert. Mit dem Ende der Französischen Revolution wurde das optimistische Menschenbild ernüchtert zur Seite geschoben und das Triebhafte und Gewalttätige im Menschen wieder erkannt.Heinz-Georg Held: Schnellkurs Romantik. DuMont, Köln 2003, ISBN 3-8321-7601-2, S. 120.

Die Romantiker widmeten sich auch der Erkundung des Unbewussten und der dunklen Seite der Psyche, und es ist kein Zufall, dass sich die Anfänge der Psychologie als Wissenschaft auf die Romantik zurückführen lassen. Deshalb ist auch der Albtraum, ein ansonsten eher ungewöhnliches Motiv in Kunst und Literatur, ein Motiv in der Schwarzen Romantik, beispielsweise in Johann Heinrich Füsslis Gemälde Der Nachtmahr. Obwohl Füssli selbst eine Ausbildung im Stile des Klassizismus genossen hat, steht er mit vielen Motiven seiner Bilder der Romantik näher als dem Klassizismus;Heinz-Georg Held: Schnellkurs Romantik. DuMont, Köln 2003, ISBN 3-8321-7601-2, S. 116. Füssli wird deshalb zu einem der Hauptakteure der Schwarzen Romantik gezählt.Felix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst. Katalog zur Ausstellung im Städel Museum Frankfurt, 26. September 2012 bis 20. Januar 2013. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3372-4, S. 16.

Ungeklärte Phänomene wie Träume, Telepathie, Vorahnungen und Somnambulismus fanden auch das Interesse der romantischen Wissenschaft, ferner interessierte die Öffentlichkeit das Phänomen des Magnetismus, ein Vorgängerverfahren der späteren Hypnose.Heinz-Georg Held: Schnellkurs Romantik. DuMont, Köln 2003, ISBN 3-8321-7601-2, S. 131–132. Auch standen psychologische Extremzustände wie Wahnsinn im Fokus des Interesses. Dieses Interesse an Psychologie und psychologischen Phänomenen spiegelt sich auch in der Literatur und Kunst der Schwarzen Romantik wider. So ist ein Wahnsinniger, Serapion, eine Figur in E. T. A. Hoffmanns Erzählzyklus Die Serapionsbrüder.Felix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst. Katalog zur Ausstellung im Städel Museum Frankfurt, 26. September 2012 bis 20. Januar 2013. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3372-4, S. 274. Hoffmanns Werk wurde zum Teil auch in der Malerei künstlerisch verarbeitet, so gestaltete der romantische Maler Carl Blechen das Gemälde Pater Medardus als Porträt der wahnsinnigen Hauptfigur in Hoffmanns Die Elixiere des Teufels.Felix Krämer (Hrsg.): Schwarze Romantik von Goya bis Max Ernst. Katalog zur Ausstellung im Städel Museum Frankfurt, 26. September 2012 bis 20. Januar 2013. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2012, ISBN 978-3-7757-3372-4, S. 18.